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Textgeschichte der Regula S. Benedicti
Ludwig Traube
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Textgesehiehte
der
Regula S. Benedict i.
Von
Ludwig Traube.
Aus den Abhandlungen der k. bayer. Akademie der Wiss. III. Cl. XXI. Bd. III. Abth.
München 1898.
Verlag der k. Akademie
in Commission des G. Franz'schen Y r erlags (J. Roth).
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U nter Textgeschichte oder Ueberlieferungsgeschichte verstehen wir die zusammen-
fassende Betrachtung der Schicksale, die ein Schriftstück von dem Augenblick der
ersten Niederschrift bis auf unsere Tage durchlebt. Von diesen Erlebnissen sehen wir
entweder den unmittelbaren Niederschlag in der allmählichen Umformung des Wort-
lautes, der viele Stadien der Verderbnis und wieder versuchten Besserung durchläuft,
oder wir hören von ihnen durch einzelne, einem gütigen Geschick verdankte, äussere
geschichtliche Zeugnisse, in denen Namen und Thatsachen vorgebracht werden dafür,
dass spätere Zeiten das Schriftstück lasen und au der Feststellung seines Wortlautes
einen bestimmten und bestimmenden Anteil nahmen, dass sie einzelne Fassungen unter-
schieden, ja die vielleicht so weit ins besondere gehen, dass wir erfahren von einzelnen
bevorzugten Handschriften. Citate des Textes bei Späteren und Kommentare nehmen
in der Ueberlieferungsgeschichte ihre Stelle zwischen diesen inneren und äusseren
Zeugnissen ein: sie vermitteln einen Wortlaut, der unserer direkten Beurteilung fähig
ist, und gewähren zugleich den Einblick in die Stellung eines Späteren zu dem Werk
und Wort des von ihm gelesenen und erklärten Autors.
Ich will durch Aufzählung und Systematisier ung einzelner etwa hinzukommender
Zeugnisse nicht ermüden; auch bergen sich wohl alle in den bereits genannten. So
ist ohne weiteres klar, dass viele Handschriften, dadurch dass sie über ihre eigene
Provenienz, über ihren Schreiber, über ihre Leser Zeugnis ablegen, zu dem inneren
Zeugnis ein äusseres hinzuthun über die Aufnahme, die ihr Schriftwerk in ferner Zeit
und fremdem Land gefunden. Ebenso ist klar, dass die in dem Katalog einer viel-
leicht längst versprengten Kloster bibliothek gemachte kurze und unbestimmte Erwäh-
nung eines Schriftstückes zum historischen Zeugnis wird, sobald die Notiz in Ver-
bindung gebracht werden kann mit einer uns überlieferten Handschrift.
Wer zuerst solche Fragen an die Ueberlieferung unserer Texte richtete und von
ihrer Beantwortung den Schritt zur Textgeschichte machte, das wird dereinst in
einer Geschichte der Philologie festzustellen sein. Ich finde Namen und Sache zuerst
in Richard Simons berühmten bibelkritischen Werken: in der Histoire critique du
Vieux Testament (1678) und in der Histoire critique du texte du Nouveau Testament
(1689). Von da führt eine lange Strasse, deren Richtung bezeichnet wird durch die
Funde der damals eben entdeckten Paläographie, bis zu Lachmanns klassischem Werk,
das mit den Worten anhebt: „ante hos mille annos in quadam regni Francici parte
i
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4 (602)
unum supererat Lucretiani carminis exemplar antiquum. B Lachmann hat nicht nur
das Verhältnis der überlieferten Handschriften zu einander bestimmt und den Wortlaut
seines Textes auf dieser Bestimmung aufgebaut; er hat auch erkannt, dass diese direkt
aus der Ueberlieferung gewonnenen Thatsachen greifbare Gestalt erst gewinnen, sobald
er sie einordnet in die Ereignisse des geistigen Lebens der mittleren Zeit.
Seit Lachmann werden textgeschichtliche Studien fortwährend und allgemein
betrieben, wobei, wie es geht, allmählich aus überlegungsvoller Kunst ein Handwerk
mit Griffen und Kniffen geworden ist. Auf welche Abwege die Forschung allein
dadurch gekommen, dass die spärlichen und oft so stummen und daher vieldeutigen
äusseren Zeugnisse mit den inneren vertrauensselig und voreilig verknüpft wurden,
indem für die verwickeltste Untersuchung als Ausgangs- und Zielpunkt z. B. die Notiz
eines alten Bücherkataloges dienen musste, die nur zufallig ihre bedeutende Stellung
deshalb erhielt, weil neben ihr zahlreiche ähnliche verloren gegangen sind und in
den Kreis der Betrachtung nicht mehr gezogen werden können — dies und ähnliches
soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. Und erwähnt habe ich auch
das bisherige hauptsächlich deswegen, weil die Ueberlieferungsgeschichte neben ihrer
mehr philologischen Seite, von der aus betrachtet sie als dienstbar sich erweist für
die Zwecke einer kunstgemässen Herausgabe, eine mehr historische Seite hat, woher
die für sie gesammelten und zu einheitlicher Betrachtung gebrachten Zeugnisse nun
wieder sich einstellen lassen als ebensoviele Urkunden in die Geschichte des Geistes-
lebens der dem Autor gefolgten Zeiten.
Schon die Abschreibung irgend eines Schriftstellertextes ist eine kleine historische
Thatsache, all das, was dieser und jeder folgende Schreiber von eigenem absichtlich
oder unbewusst hinzuthut, seine Fehler und Verbesserungen, seine Randbemerkungen
bis herab zum einfachsten Avis au lecteur, dem Zeichen für nota und require oder
der weisenden Hand — all diese kurzen, fast stummen Winke und Zeichen können
als geschichtliche Zeugnisse gedeutet werden. Bei dieser Betrachtung tritt die Rück-
sicht auf den Schriftsteller immer mehr in den Hintergrund, und die Forschung beginnt
sich ausschliesslich in den Dienst der mittleren Zeit zu stellen.
Der Historiker kann gar manche Handschrift aufnehmen und sich nutzbar machen,
die der Herausgeber des betreffenden Schriftstückes als interpoliert und das Urteil ver-
wirrend aus der Hand gelegt hat. Ja vielleicht wird der Historiker gerade solche
Handschriften suchen. Die Handschrift, die einen guten und reinen Text liefert, kann
ebensowohl ein Beweis für anhaltenden grammatischen Sinn und Sorgfalt und Treue
im kleinen sein als ein Beweis für Trägheit und Teilnahmslosigkeit im ganzen. Der
Interpolator aber ist zwar im philologischen Sinn ein Uebelthäter, aber er ist nichts
weniger als das was frühere Zeit ihm zuschob: ein monachus dormitans oder oscitans;
er ist vielmehr fassbar, persönlich und, historisch betrachtet, mehr klug als böse,
nicht ein Schreiber, sondern ein Philolog, ein Herausgeber.
Als Winckelmann von den alten Handschriften sagte, sie seien jetzt, nachdem
so viele Gelehrte sie ausgebeutet, wie ausgequetschte, saftlose Citronen, war die Zeit
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der exakten Handschriften- Vergleichung, der kritischen Konstituierung der Texte noch
lange nicht gekommen. Aber jetzt, wo diese Zeit schon wieder hinter uns liegt und
wir in eine neue treten mit den aufzurollenden Papyros-Haufen des unerschöpflichen
ägyptischen Bodens — auch jetzt noch ruht eine Menge ungehobenen historischen
Materials in jenen manuscritti tante volte rovistati dagli uomini dotti.
Selbst solche Handschriften, die jeden Wert einzubüssen scheinen, da ihre un-
mittelbaren Vorlagen noch erhalten sind und aufgefunden wurden, können bei histo-
rischer Betrachtung ihren Wert zurückgewinnen. Etwa so. Für die erste Hälfte der
dritten Dekade des Livius ist die einzige kritische Grundlage der codex Puteaneus, eine
römische Unciale des fünften oder sechsten Jahrhunderts, die im Mittelalter in Corbie
lag und jetzt in Paris liegt. Die anderen vorhandenen Handschriften, darunter eine
im neunten Jahrhundert in Tours geschriebene, gehen direkt oder indirekt auf den
Puteaneus zurück; herangezogen werden sie nur da, wo äussere Defekte uns um das
direkte Zeugnis ihres Stammvaters gebracht haben. Nun aber steht es mit der Ueber-
lieferung fast aller römischen Schriftsteller so, dass der Stammvater aus der Uebergangs-
zeit vom Altertum in das Mittelalter, von dessen Erhaltung einst die Erhaltung jener
Schriftsteller abhing, nicht auf uns gekommen ist, sondern nur Abschriften aus ihm
und zwar besonders im neunten Jahrhundert genommene. Wer lernen will, von diesen
karolingischen Abschriften richtig auf ihre frühmittelalterlichen Originale zurückzu-
schliessen, der wird also in dem greifbaren Fall des Livius den Turonensis mit dem
Puteaneus durch vergleichen müssen und seine Abweichungen vom Original zu einem
geordneten Bild der bei der neuen Textgestaltung mitwirkenden Kräfte zusammen-
zufassen haben. Auch würde sich deutlich zeigen, in welcher Weise an einer Stätte
wie Tours, die unter der unmittelbaren Anregung der vom grossen Kaiser aus-
gehenden, auch nach dieser Seite gewandten Reformen stand, diese Anregung ver-
standen und befolgt wurde. Hier wäre also sowohl eine philologische als eine histo-
rische Folgerung zu ziehen.
Doch kehren wir zurück von den Problemen der einzelnen Handschriften zu
denen einer zusammenhängenden Ueberlieferung. Jede Textgeschichte ist abhängig
von Rückschlüssen mancher Art, und je mehr des Forschers Kunst zur Routine wird,
um so weniger wird er der Gefahr entgehen, ebensoviele Trugschlüsse zuzulassen. Die
verwickeltsten Stammbäume und Filiationshypothesen sinken oft in ein Nichts vor
einem einzigen unbefangenen Blick. Richardson zog noch eben über hundert Hand-
schriften zur Herausgabe der Litteraturgeschichte des Hieronymus heran und operierte
mit den künstlichsten philologischen Methoden, um aus diesem verlegenheitsvollen
Ueberfluss sich einen Weg zu seinem Text zu bahnen, Oskar von Gebhardt aber zeigte
auf einer Seite seines Nachtrags, dass in den benutzten Handschriften ein Zweig der
Ueberlieferung, der direkt auf die nachbessernde Hand des Hieronymus zurückgeht,
gar nicht vertreten war, dass wir Vertreter dieses Zweiges auch nur in relativ sehr
jungen Handschriften besitzen, deren man sich eben zu Gunsten der älteren und zum
Teil sehr alten kurzer Hand entledigt hatte.
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So ist es denn als eine besondere Gnade des Schicksals aufzufassen, wenn man
irgendwo an einen Punkt kommt, wo innere und äussere Zeugnisse, Handschriften auf
der einen Seite und Zeugnisse über das Abschreiben, die Benutzung, Wertschätzung
und Verbreitung der Handschriften auf der anderen Seite, dazu Citate und Kommen-
tare — kurz der ganze Apparat, der für die Ueberlieferung unserer Texte meist nur
vorausgesetzt wird und oft wahrscheinlich auch nur in der Voraussetzung existiert,
wirklich vorhanden ist. Unter den auf uns gekommenen Schriftstücken der älteren
lateinischen Litteratur giebt es nicht wenige, die in äusserst zahlreichen mittelalter-
lichen Handschriften überliefert sind, z. B. Solinus, Martianus Capella, Hieronymus de
viris illustribus, Isidori Origines, Bedae martyrologium. Aber eine Textgeschichte in
dem angedeuteten Sinn haben aus einleuchtenden Gründen nur die Bibelübersetzung
des Hieronymus, die Sammlungen des kanonischen Rechts und die Mönchsregel des
heiligen Benedikt. Die Namen Berger, Corssen und Maassen besagen, dass die Vul-
gata und die Sammlungen des Kirchenrechts ihre Geschichtsschreiber bereits gefunden.
Die Regula Benedicti ist von diesem Gesichtspunkt noch nicht betrachtet worden.
Und doch würde erst ein vollständiger Ueberblick über die vorhandenen Handschriften,
über ihre Beziehungen und Eigenarten und über ihren Inhalt (d. h. über das was sie
z. B. an Auszügen aus Kapitularien, Sonderbestimmungen für einzelne Klöster, litur-
gischen und martyrologischen Texten der Regula angliedern) den verwickelten Gang
der Einführung und Ausbreitung der Benediktinerregel ordentlich verstehen lehren.
So weit und hoch habe ich mir mein Ziel nicht gesteckt, und es würde dazu eine
ausgedehntere Kenntnis des handschriftlichen Materials gehören, als ein Einzelner
selbst bei jahrelangem Suchen sich erwerben könnte. Ich verfolge hier die Schicksale
nicht des Gesetzes, sondern des Gesetzbuches. Ich frage nicht: wohin überall und in
welcher Verfassung sind die Abschriften gekommen, sondern: wo blieb das Original
und was geschah mit ihm. Die Antwort, die ich geben kann, dient demnach der
Herausgabe der Regel und erst mittelbar der Geschichte des Ordens.
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(605)
Kapitel I.
Die Interpolation.
Wir heben mit den inneren Zeugnissen an und prüfen an erster Stelle eine
Reihe von Lesarten. Sie sind folgenden Handschriften entnommen, die ich unten im
vierten Kapitel ausführlich beschreiben werde:
A = St. Gallen 914 saec. IX in.
a die gleichzeitigen Randbemerkungen dieser Handschrift.
B = Wien 2232 saec. IX in.
B 1 ein Korrektor saec. IX/X.
= Oxford, Bodl. Hatten 42 saec. VIII.
O 1 ein fast gleichzeitiger Korrektor.
o eine Hand saec. XIV (vgl. Kapitel IV).
S = St. Gallen 916 saec. IX in.
S* die Hand der Interlinearversion.
T = Tegernsee, jetzt München lat. 19408 saec. IX in.
V = Verona LH (50) saec. VUI/1X.
V 1 ein etwas späterer Korrektor.
W = Würzburg Mp. th. q. 22 saec. Vni/IX; für cap. 6—8 benutzt.
Dazu kommen die Zeugnisse folgender unten im dritten Kapitel besprochener
Kommentare und Citate:
Ben. = Concordia regularum des Benedikt von Aniane.
Chrod. = Statuta canonicorum des Chrodegang.
Don. = Nonnenregel des Donat.
Mag. = sog. Regula Magistri.
a = Paris lat. 12634.
b = Paris lat. 12205.
c = Mag. in Ben.
Paul. = Kommentar des Paulus Diaconus.
Smar. = Kommentar des Smaragd nach der Handschrift Paris lat. 4210 saec. IX.
Auf Grund dieser Handschriften und sonstigen Zeugnisse führe ich dem Leser
etwa zwanzig kürzere oder längere Abschnitte aus der Regula S. Benedicti vor. Der
jedesmal beigegebene kritische Apparat zerfällt mit einigen von selbst gebotenen Aus-
nahmen in zwei Teile. Im ersten stehen die für den betreffenden Fall wichtigen und
entscheidenden Varianten, im zweiten die zufälligen oder für den Augenblick neben-
sächlichen, die dennoch für die Charakterisierung der hier vernommenen und für die
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KlassifizieruDg aller zukünftigen Zeugen von Wert sind. Spätere, den ursprüng-
lichen Sachverhalt verdunkelnde Korrektorenhände werden meist nicht berücksichtigt.
Obgleich aus dem vorher angeführten Grund viele an und für sich unwesentliche
Orthographica im Apparat ihre Stelle gefunden haben, konnte auf dieser vorläufigen
Stufe der Untersuchung die Orthographie der Texte noch nicht eigentlich konstituiert
werden.
Die Nummern der Kapitel (= cap.) sind nach den Handschriften gegeben, die
hierin mit den Ausgaben stimmen; ausserdem werden in dem Prolog (= prol.) und
in den Kapiteln die Zeilen gezählt nach der einzigen Ausgabe, in der eine Zählung
durchgeführt ist: Benedi cti regula monachorum recensuit Eduardus WoelflFlin, Lipsiae
in aedibus B. 6. Teubneri, 1895.
prol. 2.
A B Mag. Paul. Ben. Smar. OSVTa
obsculta, o fili, praecepta magistri. ausculta, o fili, praecepta magistri.
Cantherius in limine ! die Herausgeber stolpern über das erste Wort der Regula,
das die alten Erklärer zwar nicht zu deuten wussten, aber doch zu halten suchten.
Paulus sagt: hoc sciendam, quia quidam libri häbent ausculta, quidam vero obsculta.
sed sive dicas ausculta per . au . sive obsculta per .ob . , nil obstat, eo quod ausctdtare
dicitur quasi auribus scultare, hoc est auribus audire 9 obscultare vero est communiter
audire, quia ob in hoc loco pro simul ponitur. Smaragd: sunt quidam, qui eum
ausu temer ario reprehendere conantur, dicentes „ausculta debuit dicere, non obsculta*
nescientes quia, sicut recte dicitur obaudi et obtempera et obsecunda et alia multa
talia, ita rectissime dici potest obsculta. Bekannt ist ascultare 1 ) als vulgäre Neben-
form von auscultare; wurde aber ascultare als Compositum und irrtümliche Schreibung
aufgefasst, die etwa einem für subscribere gesetzten suscribere zu entsprechen schien,
so musste die, in der That ziemlich häufig gewordene, ,umgekehrte Schreibung 1 ab-
scultare für ascultare aufkommen. Am frühesten finde ich sie in dem Papyrus des
Isidor zu St. Gallen 226 aus dem siebenten Jahrhundert: plus abscultare quam loqui 2 )
und, um bei der Ueberlieferung der Regula stehen zu bleiben, absculta haben eine
spanische Handschrift des zehnten Jahrhunderts 8 ) und eine französische jetzt in Berlin
liegende des Benedikt von Aniane aus dem elften 4 ); ähnliche Handschriften müssen
Abt Bernhard von Montecassino vorgelegen haben, der im dreizehnten Jahrhundert
einen Kommentar zur Regel verfasst hat und darin die ganz treffende Bemerkung
machte: obsculta: dliqua litter a habet absculta, quod quidam dicunt esse recentius;
1) Vgl. Gröber, Archiv f. lat. Lexikographie I, 244.
2) Vgl. Wotke, Wiener Sitzungsberichte 127 (1892) S. 8.
3) Vgl. unten Kap. IV. 4) Vgl. unten Kap. III.
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(607) 9
tenetur tarnen aptius dictum obscidta. 1 ) Wie aber neben osculari auch ausctdari
gesprochen wurde, so trat neben auscultare ausser ascultare auch oscultare. Und über
oscultare musste obscultare entwickelt werden, wie abscultare über ascultare. In der
That steht opscidtare schon auf einem Graffito in Pompeji*); es fehlt dagegen voll-
ständig unter den gewöhnlichen Eigenheiten der lateinischen Handschriften 3 ), und nie-
mandem wäre es im Mittelalter eingefallen, statt ausculta oder asculta oder absculta
in einen Text obsculta einzusetzen. Benedikt selbst hat so geschrieben, und das halb
volkstümlich halb gelehrt gesetzte erste Wort der Regel darf uns ein symbolischer
Ausdruck sein für den Stil des Mannes, den sein päpstlicher Herold bezeichnet hat
als scienter nescius et sapienter indoctus, aber auch ein Gradmesser für die Treue,
mit der die einzelnen Zeugen diesen Stil wiedergeben.
cap. 4, 44 — 45.
ABT Mag. 4 ) Paul. Ben. 5 ) OSV Don. 6 ) Smar. 7 )
ca8titatem amare, nulluni odire; zelum castitatem amare, nulluni odire; zelum
non habere, invidiam non exercere; con- et invidiam non habere; contentionem
tentionem non amare, elationem fugere. non amare, elationem fugere.
1.2 zelum non habere invidiam non exercere 1.2 zelum et invidiam non habere omnes et T
{omnia in loco raso T, excere corr. A) omnes nondwn correctus
3 elationem vel iactantiam (vel iactantiam
erasit S) fugere (fugire vel refugire S) 8 V
3 elationem fugere om. Mag. 1 castitatem amare om. S
Jedes Objekt in der langen, gleichförmigen Aufzählung dieses Kapitels hat sein
eigenes entsprechendes Verbum. Deswegen scheint zelum non habere invidiam non
exercere von vornherein die glaubwürdige Lesart. Hätte ein Späterer zelum et in-
vidiam non habere vorgefunden und erkannt, dass dem sonstigen Gebrauch zu Folge
noch ein Verbum zuzusetzen wäre, würde er schwerlich auf das entlegene exercere
gekommen sein. Umgekehrt aber konnte jemand an invidiam exercere sich stossen,
dem die Analogien von odium oder inimicitias exercere nicht einfielen, und daher
das anstössige Wort wegstreichen.
1) Bernardi expositio ed. Caplet, Montecassino 1894, pag. 8.
2) Carmina epigraphica ed. Bücheier 45, 2.
3) Vgl. die Anmerkungen zu diesem Kapitel am Schluss der Abhandlung.
4) Die Handschriften sind nicht verglichen; Holstenius aber stimmt mit Menard.
5) Nach Me'nards Zeugnis über den Vindocinensis der Concordia.
6) Cap. 3 ed. Hülsten. III, 84.
7) Es muss ex silentio geurteilt werden.
Abh. d. III. CL d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (78) 2
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10
(608)
cap. 7, 2—10.
ABT Mag. b Paul. Ben. Smar.
clamat nobis scriptura divina, fratres,
dicens: „omnis qui se exaltat humilia-
bitur et qui se humiliat exaltabitur. u
cum haec ergo dicit, ostendit nobis
5 omnem exaltationem genus esse super-
biae, quod se cavere propheta indicat
dicens: „domine, non est exaltat um cor
meum neque elati sunt oculi mei. neque
ambulavi in magnis neque in mirabilibus
10 super me. sed quid, si non humiliter
sentiebam, si exaltavi animam meam.
sicut ablactatuin super matrem suam, ita
retribues in animam meam. a
10 sed quid omnes praeter Smar.
11 si exaltavi omnes praeter Ben.
12 ablactatum omnes praeter Paul.
1 scribtura T
3 et omnis qui Mag.b (et c)
4 haec om. Mag. b
5 6 superviae Mag.b
9 ambulabi (-vi a) A
13 retribuis (-es o) AB T
(animam meam corr. T) AB T et S
m amma mea
OSVW Mag. ac (Paul. Ben. Smar.)
clamat nobis scriptura divina, fratres,
dicens: „omnis qui se exaltat humilia-
bitur et qui se humiliat exaltabitur."
cum haec ergo dicit, ostendit nobis
5 omnem exaltationem genus esse super-
biae, quod se cavere propheta indicat
dicens: „domine, non est exaltatum cor
meum neque elati sunt oculi mei. neque
ambulavi in magnis neque in mirabilibus
10 super me. sed quid, si non humiliter
sentiebam, sed exaltavi animam meam.
sicut ablactatus super matrem 6uam, ita
retribues in animam meam."
10 sed quid om. S V et Smar.
11 sed exaltavi omnes et Ben.
12 ablactum (Mag. a, ablactum est S, ablacta-
tum est W) S W Mag. a, ablactatus (a. est
Mag. c) V Mag. c et Paul.
1
scribtura Mag. a divina om. S
3
humiliaverit Mag. a
4
ergo haec W
5
exaltacionera S 5.6 superbie S
7
est om. S
8
mei om. Mag. a
12
matre sua V Mag. c Paul. 13 retributio V
Mag. c, retribuito (an retributio ?) S
Citiert wird Psalm 130, 1 — 2. S. Benedikt hat nur v. 10 sed quid, das von allen
Seiten bestätigt wird, eingelegt, um sich die schwierigen Bibelworte mundgerecht zu
machen. Die Abweichungen der rechten Seite, seien es die allgemein durchgeführten,
seien es die nur in einem Theil der Handschriften vorgefundenen, bedeuten ebenso viele
Uebereinstimmungen mit der Vulgata. Dagegen sind die charakteristischen Lesarten
der linken Seite Zeugnisse für die Benützung älterer Bibelübersetzungen und in Ueber-
einstimmung mit den LXX. Dies gilt auch von v. 11 si (statt sed), an welcher Stelle
die griechische Ueberlieferung zwischen &XXa und xal schwankt. Auf alle Fälle ist
der Text links älter. Eine unwahrscheinliche Möglichkeit bliebe, dass S. Benedikt
selber ihn nachträglich umgestaltet und in die rechts stehende Form gebracht habe.
Ausgeschlossen aber ist, dass er erst so schrieb, wie rechts steht, und dies dann zu
dem, was links steht, zurückbildete.
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(609)
11
cap. 7, 24—29.
ABT Mag. 1 ) (Paul.) Ben. Smar.
primus itaque humilitatis gradus est, si
timorem dei sibi ante oculos semper
ponens oblivionem omnino fugiat et sem-
per sit memor omnia, quae praecepit deus,
ut qualiter et contemnentes deum ge-
hen na de peccatis incendat et vita aeterna
quae timentibus deum praeparata est,
animo suo semper evolvat.
OSVWa (Mag. Paul. Smar.)
primus itaque humilitatis gradus est, si
timorem dei sibi ante oculos semper
ponens oblivionem omnino fugiat et sem-
per sit memor omnia, quae praecepit deus,
ut qualiter contemnentes deum in ge-
hennam de peccatis incedunt et vitam
aeternam, quae timentibus deum prae-
parata est, animo suo semper revolvat.
5 ut qualiter (quomodo Mag.) et (expunxit T)
omne8 praeter Paul.
5. 6 gehenna de peccatis incendat ( A B Mag.
Ben. Smar., incidat T) omnes praeter Paul.
6 vita aeterna omnes (praeter Mag. c) et Paul.
8 evolbat A B, evolvat T Ben.
5 ut (om. a Paul.) qualiter (omisso et) omnes
et Paul.
5. 6 in {om. W) gehennam de (pro a Patü.)
peccatis incedunt (incidant Paul.) omnes
et Paul.
6. 7 vitam aeternam omnes (praeter Paul.) et
Mag. c
8 revolvat omnes et Mag. a Smar., revocet
(-at b) Mag. b c, volvat a
2 morem Mag. a
3 oblibionem Mag. a Paul, omni hora Mag.
4 omnium a Mag. a c Paul. Ben. Smar.
5 contempnentes T Smar. dominum. Mag. a. b
7 quid (qui a) timentibus deum praeparet
Mag. a b
8 animos suos Mag. a
1 esto corr. S
4 omnium W praecipit
5 contempnentes S V W
6 incedunt ipsi (ipsa 5?) quoque in vitam S V
7 que S
7. 8 parata a
Ich gebe zu, dass der Ausdruck incidere (incedere) gehennam (oder in gehennam)
nicht nur ein möglicher, sondern auch ein guter ist. Aber das Fehlen von et v. 5
und der Accusativ vitam aeternam v. 6 bedeutet entschieden eine Erleichterung der
Konstruktion. Zeugmatisch nämlich kann man verbinden und verstehen: ut animo suo
revolvat, qualiter cotitemnentes deum gehennam incedunt, et ut animo suo revolvat
vitam aeternam. In der Fassung links liegt dagegen völlige Konstruktionslosigkeit
vor. Wir werden sagen dürfen, dass S. Benedikt hat schreiben wollen: „ damit er
sich immer im Geiste vergegenwärtige*), wie auf der einen Seite die Hölle ihr Feuer
für die Gottesverächter hat 3 ), auf der anderen Seite das ewige Leben seihen Kranz
für die Gottesfürchtigen", dass er aber aus der Konstruktion gefallen ist und man
später mit schlechten Mitteln versucht hat, ein den Regeln gerechteres Satzgefüge
herzustellen.
1) Mag. variiert einige Worte, die für unsere Zwecke gleichgiltig sind.
2) S. Benedikt kann sehr wohl revolvat geschrieben haben.
3) Vgl. Regula Magißtri cap. XIII (ed. Holsten. pag. 848) cum tua te primo impugnaverint
mala et gehenna expectaverit ut incendat.
12
(610)
cap. 7, 30—33
A B T (Y) Mag. Ben. Smar.
et custodiens se omni hora a peccatis
et vitiis id est cogitationum linguae ma-
nuum pedum Tel voluntatis propriae sed
et desideria carnis. aestimet se homo . . .
OSVW Paul,
et custodiens se omni hora a peccatis
et Titiis id est cogitationum linguae ocu-
lorum manuum pedum vel voluntatis pro-
priae sed et desideria carnis amputare
festinet, aestimet se homo . . .
2. 8 linguae (lingue B) manuum omnes
4 carnis aestimet (extiraet Mag. a b) omnes et V
2. 3 linguae (lingue S) oculorum manuum omnes
et a et T nondum correctus
3 voluntatis 0* S V\ voluntates V W
3. 4 propriae O 1 S V W, proprias
4. 6 carnis amputare festinet omnes (praeter V)
et J5i
1 et om. T a
6 peduum Mag, b
proprio B
volumtatis Mag. b
1 post hora add. et facta eua in omni loco
ab aspectu divinitatis (e versu 34) W
3 peduum W vel om. Paul.
Die Fassung auf der rechten Seite weist ein regierendes Verbum auf, das links
fehlt. Dennoch ist auch der Satz rechts völlig unverständlich, denn die desideria
carnis können weder im Gegensatz zum Vorhergehenden stehen noch es erweitern.
In geht zwar ein Objekt voraus (voluntates proprias), an das sed et desideria carnis
sich anzuschliessen scheint, aber das Wortgefüge ist noch unverständlicher: vel volun-
tates proprias sed et desideria carnis amputare. Was soll vel? Auch der Ausdruck
amputare desideria carnis scheint nicht stilgerecht: nur der Wildling wird „weg-
geputzt 41 , und demgemäss hat Benedikt wohl gesagt amputare superfluum, vitia,
peccata (cap. 2, 58. 33, 3. 55, 18. 29. 64, 28), aber desideria carnis non efficere
(cap. 4, 38), desideria sua non delectari implere (cap. 7, 70). Links fehlt das regierende
Verbum nur scheinbar: für sed et muss man sedet (von sedare) lesen: sedet desideria
carnis. So ist der Gedanke einfach und klar. Amputare festinet aber ergiebt sich
als arge Interpolation, amputare festinet voluntates proprias (die Lesart von 0) als
eine aus der Interpolation entwickelte Interpolation.
cap. 7, 49—50.
AB TV Mag. a Paul. 1 ) Ben. Smar.
„sunt viae. quae videntur ab hominibus
rectae, quarum finis usque ad profundum
inferni demergit. a
1 videntur ab (ab om. Mag. a Smar.) homi-
nibus omnes
S W Mag. b c
„sunt viae, quae putantur ab hominibus
rectae, quarum finis usque ad profundum
inferni demergit."
1 putantur (in videntur corr. S) ab hominibus
fa. h. p. Mag. c) omnes
1 que B 2 recte BT 3 dimergit TaSmar. 2 usque om. W 3 demergitur W
1) Paul, variiert, tritt aber für das entscheidende videntur in seiner Erklärung ein.
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(611) 13
Es liegt, wie Menard erkannte, ein aus Prov. 14, 12 und 16, 25 zusammen-
geflossenes Bibelcitat vor. Die Vulgata giebt an beiden Stellen est via, quae videtur
homini iusta (recta 16, 25), LXX aber unterscheiden loxiv 666g fj doxei naqä &v&qü)-
Ttoig ÖQ-frri elvai (14, 12) und elolv odoi doxovoai ehat ög&al ävdgl, dementsprechend
trennen ältere lateinische Citate est via quae videtur recta esse apud homines (14, 12)
und sunt viae quae videntur viro rectae esse (16, 25). Was Benedikt, beide Stellen
vermengend, sagte: sunt viae, quae videntur rectae (16, 25) ab hominibus (= nagä
&v$Q(bnoig, apud homines 14, 12), fiel störend auf und man half sich dadurch, dass
man entweder die Praeposition strich {videntur hominibus) oder das Verbum änderte
(putantur ab hominibus).
cap. 7, 61—63.
ABT Mag. 1 ) Smar. OSYWa Paul. Ben.*)
ab angelis nobis deputatis cotidie die ab angelis nobis deputatis cotidie die
noctuque domino factorum nostrorum noctuque domino factori nostro opera
opera nuntiantur. nostra nuntiantur.
2. 3 factorum nostrorum (nrdm versu exeunte A) 2. 3 factori nostro opera nostra omnes
opera (opere Mag.b) omnes
1 a deputatis angelis nostris Mag. nobis 1 cottidie. S, om. W
om. T cottidie B Mag. b
Das anscheinend tadellose domino factori nostro ist durchaus nicht am Platze.
Das Gefüge des Satzes ist dieses: ergo si ocüli domini speculantur bonos et malos et
dominus de caelo semper respicit . . et si ab angelis . . cotidie domino . . opera
nuntiantur, cavendum est ergo; man sieht, dass ein Beiwort zu dominus an der dritten
Stelle nicht nur unnütz ist, sondern den Gedanken des Lesers oder Hörers geradezu
ablenkt. Dagegen ist die Abundanz factorum nostrorum opera für den sinnigen Leser
ebenso nachdrucksvoll wie sie störend und zur Aenderung herausfordernd für den
Pedanten sein konnte. S. Benedikt hat nicht nur cap. 25, 1 cidpae noxa gesagt,
sondern 21,8 und 64, 6 auch sapientiae doctrina; vgl. Menard zu cap. 46, 10, einer
Stelle, die er aber missverstanden hat.
cap. 7, 97.
ABT Mag. a c Ben. Smar. 3 ) OSVW Mag. b
angariati (angarianti Ben.) omnes angarizati (angarizanti S W) omnes
An dieser Stelle kann eine Entscheidung nicht gefallt werden, sie ist nur an-
geführt worden, um das Handschriften Verhältnis der Regula Magistri zu erläutern.
1) Das Zeugnis von Mag. a fehlt.
2) Es fehlt ein ausdrückliches Zeugnis für Ben. Die Lesart Me*nards ohne ein solches be-
sagt nicht viel, ebensowenig der gleichfalls für die rechte Seite zeugende Phillippicus.
3) Paul, fehlt.
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14
(612)
Bei Matth. 5, 41, auf welchen Vers S. Benedikt sich bezieht, schwanken die älteren
Handschriften zwischen angariare und angarizare\ vgl. z. B. Rönsch, Collectanea
philologa S. 92.
cap. 7, 142-145.
ABT Mag. 1 ) Ben. Smar.*)
in opere dei in oratorio, in monasterio
in horto, in via in agro, vel ubicumque
sedens ambulans vel stans, iuclinato sit
semper capite.
OSVWa Don.
in opere, in oratorio, in monasterio, in
horto, in via, in agro, vel ubicumque
sedens ambulans vel stans, inclinato sit
semper capite.
1 opere dei omnes
1 opere (pmisso dei) omnes
3 vel om. B, add. B l 2 orto S 4 capite semper W
Es gehören je zwei Bestimmungen zusammen. Deswegen ist die auf der rechten
Seite weggelassene Determinierung dei unumgänglich notwendig. Man hat sie streichen
können in der ganz falschen Annahme, dass in opere dei und in oratorio einen Pleo-
nasmus ausmache. Offenbar beginnt S. Benedikt mit dem Gottesdienst, nicht mit der
Erwähnung der Arbeit.
cap. 9, 16-17.
ABT Ben. Smar. 3 ) OSV
Codices autem legantur in vigiliis divinae Codices autem legantur in vigiliis tarn
auctoritatis tarn veteris testamenti quam veteris testamenti quam novi divinae
novi. auctoritatis.
1.2. divinae (divine B, dominicae Ben.) aucto-
ritatis (auctoritate T) post vigiliis omnes
2.8. divinae (divine S) auctoritatis post novi
omnes
3 nobi (-vi a) A
Es steht divinae auctoritatis rechts an einer bequemeren Stelle; aber die Wort-
folge links ist die ursprüngliche, vgl. cap. 73, 8 quae pagina aut quis sermo divinae
auctoritatis veteris ac novi testamenti.
cap. 19, 2—3.
ABT Ben. Smar. 4 )
ubique credimus divinam esse praesen-
tiam et oculos domini in omni loco spe-
culari bonos et malos.
2 domini in omni loco speculari omnes
OSV Don. Chrod.
ubique credimus divinam esse praesen-
tiam et oculos domini speculari bonos
et malos.
2 domini (dei 0) speculari (specularis corr. S,
speculare V Chrod.,, contemplantes Don.)
omnes omisso in omni loco
1) Die Handschriften sind nicht benutzt.
2) Paulus führt im Kommentar die betreffenden Worte nicht an.
3) Mag. und Paul, fehlen.
4) Paul, fehlt hier und öfters für die folgenden kritischen Stellen, desgleichen Mag.
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(613) 15
An der hier citierten Stelle, Prov. 15, 3, ist sowohl in der Vulgata als in älteren
Uebersetzungen in omni loco gesetzt. Dass S. Benedikt dieselben Worte in cap. 7, 59
weglässt, wäre für das vorliegende Kapitel kein Beweis, in welchem das Citat gerade
dieses Begriffes wegen gemacht wird. Es kann aber an und für sich zweifelhaft
bleiben, ob in omni loco nachträglich ausgelassen wurde, um das am Anfang stehende
ubique in seiner Wucht zu steigern, oder ob es von einem Bibelkundigen später ergänzt
wurde. Hier kommt es nur auf die Stellung Donats und Chrodegangs in der Ueber-
lieferung an.
cap. 23, 2—6.
ABT Ben. Smar. S V Chrod. *)
si quis frater contumax aut inoboediens si quis frater contumax aut inoboediens
aut superbus aut murmurans vel in aliquo aut superbus aut murmurans aut in aliquo
contrarius existens sanctae regulae et contrario consistens sanctae regulae et
praeceptis seniorum suorum contemptor praeceptis seniorum suorum contemptor
5 repertus fuerit, hie seeundum domini 5 repertus fuerit, hie seeundum domini
nostri praeeeptum ammoneatur semel et nostri praeeeptum ammoneatur semel et
seeundo secrete a senioribus suis. seeundo secreto a senioribus suis.
2. 3 vel in aliquo (alico Smar.) contrarius exi- 2. 3 aut in aliquo (alium Chrod.) contrario (-um
stens omnes Chrod.) consistens omnes
7 secrete omnes 7 secreto omnes
2 murmorans T 3 sanete regule B 1 inobeendiens S 2 murmorans S V Chrod.
4 contemtor A, contemptor ceteri et a 3. 4 aut praeeepta S 6 admoneatur
7 seeundum V, iterum S
S. Benedikt kann nur so geschrieben haben, wie auf der Linken steht. Die
Ausdrucksweise ist ganz technisch; aus den Erlassen gleicher Zeit greife ich als ähn-
lichstes Beispiel die Worte Cassiodors heraus, Var. V 18 ed. Mommsen pag. 309, 12:
sed ne in aliquo vobis gravis existeret vel ipsa defensio. Man denke diesen Satz
Cassiodors in seinem Stil etwa so erweitert: sed ne defensio in aliquo vobis gravis
existens caiisa malorum reperiatur, und man hat eine vollständige Parallele zu dem
Satz Benedikts und einen Schlüssel zu seinem Verständnis: „Wenn einer als con-
temptor befunden werden sollte deswegen, weil er ist entweder contumax oder inoboediens
oder superbus oder murmurans oder sanctae regulae et praeceptis seniorum suorum
in aliquo contrarius existens . . .* Auf der rechten Seite ist contrarius an aliquo
angeschlossen; wer dies veranlasst hat, kann die Bedeutung des letzteren nicht mehr
verstanden haben, war aber so flüchtig, den Dativ praeceptis, der von contrarium
nicht abhängen kann, als rudimentäre Erinnerung an das ursprüngliche contrarius
stehen zu lassen.
1) Chrodegang adaptiert das seinen Zwecken nicht passende für die Kleriker.
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16
(614)
cap. 25, 8-
ABT Paul. Ben. Smar.
cibi autem refectionem solus percipiat
mensura vel hora, qua praeviderit abbas
ei conpetere.
-10.
S V Don.
cibi autein perceptionem solus percipiat
mensura vel hora, qua praeviderit abbas
ei conpetere.
1 refectionem omnes
1 perceptionem (-e 0) omnes
percipi / /
1 cybi 8
2 praedizerit Don.
8 conpetire S
1 civi (-bi ceteri et a) AB Paul.
at B
2 vel hora om. Smar.
2.3 ei abbas Ben.
3 competere A, conpetere B T
cibi refectionem, wie cap. 24, 9 die Lesart aller Handschriften ist, muss natürlich
auch hier bevorzugt werden und wird es von allen Seiten. Es ist aber wichtig fest-
zustellen, dass ein vielleicht von physiologischer Grundlage ausgegangener Schaden iu
die ganze rechts stehende Ueberlieferung sich hineingefressen hat.
cap. 28, 8—13.
ABT Paul. 1 ) Ben. Smar.
tunc abbas faciat quod sapiens medicus:
si exhibuit fomenta, si unguenta adhor-
tationum, si medicamina scripturarum
divinarum, si ad ultimum ustionem ex-
communicationis vel plagarum virgae,
etiamsi viderit nihil suam praevalere in-
dustriam, adhibeat etiam, quod maius est,
. . . orationem.
OSVa Don. 2 )
tunc abbas faciat quod sapiens medicus :
si exhibuit fomenta, si unguenta adhor-
tationum, si medicamina scripturarum
divinarum, si ad ultimum ultionem ex-
communicationis vel plagarum virgae,
etiamsi viderit nihil suam praevalere in-
dustriam. adhibeat etiam, quod maius est,
. . . orationem.
4 ustionem omnes
4 ultionem (////onem 5, ultionum V) omnes
2 exhibeat S adortationum S, aborationum V
3 medicamenta Don.
3. 4 divinarum scripturarum S
4 se V ultimam 0, ultimum O 1 , ult (se-
quitur lacuna) V
4. 5 excommunicationum V
5 plaga9 Don., plagie a virge S, virgarum
a Don. 7 magis V
Das medizinische Gleichnis ist noch weiter durchgeführt, als ich die Stelle aus-
geschrieben habe. Dennoch hat sich in die Gruppe der Zeugen rechts für das bild-
liche ustionem das triviale ultionem eingeschlichen.
2 nngenta T
2. 3 adhortationem Smar., adortationum T
3. 4 scripturarum divinarum in loco raso A
6 virge B
6 praevalerae B
7 magis Smar.
1) Er zeugt wenigstens für ustionem. 2) Er adaptiert für Nonnen.
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(615) 17
cap. 29, 3—7.
ABT Mag. 1 ) Ben.*) OSV Paul. Smar. 3 )
frater, qui proprio vitio egreditur de frater, qui proprio vitio egreditur aut
monasterio, si reverti voluerit, spondeat proicitur de monasterio, si reverti vo-
prius omnem emendationem pro quo luerit, spondeat prius omnera emendatio-
egressus est. et sie in ultimo gradu nem vitii, pro quo egressus est. sie in
5 reeipiatur, ut ex hoc eius humilitas con- 5 ultimo gradu reeipiatur, ut ex hoc eius
probetur. quod si denuo exierit, usque humilitas conprobetur. quod si denuo
tertio ita reeipiatur . . . exierit, usque tertio ita reeipiatur . . .
1.2 egreditur (^gredietur in egreditur corr.A) 1.2 egreditur aut (eras. S) proicitur (0 Paul.
de monasterio omnes Smar., eras. S, proieiatur 0\ proiecetur V
3 emendationem pro quo omnes praeter Ben. in proiieitur corr. V 1 ) de monasterio omnes
4 est et sie omnes et Smar. 3. 4 emendationem vitii pro quo omnes et Ben.
4 est sie omnes praeter Smar. {Paul, deest)
5.6 comprobetur B 1 fratres V
7 tercio S ita om. 0, add. O 1
Es ist im ganzen Kapitel die Rede von monachi fugitivi, keineswegs von Aus-
gestossenen. Qui proprio vitio egreditur de monasterio . . pro quo egressus est . .
si denuo exierit: in dieser Reihe ist kein Raum für aut proicitur. Auch verlangte
frater qui proicitur de monasterio eine andere Bestimmung als si reverti voluerit.
Gegensatz zu proprio vitio, das stärker und genauer ist als sua sponte, aber ungefähr
dasselbe besagt, ist abbatis iussu. Obgleich egredi de monasterio technisch 4 ) ist (vgl.
cap. 58, 27. 53. 67, 13), war der erläuternde Zusatz hier, wo der Ausdruck zum
ersten Mal verwendet wird, notwendig. Kehrt der Flüchtling zurück, so soll er
zunächst Satisfaktion geben und Besserung geloben wegen seiner Flucht: spondere
emendationem pro quo egressus est (= pro eo quod egressus est, pro fuga, propter
fugam). Zu emendationem hat vitii zugesetzt, wer vorher aut proicitur zuzusetzen
für gut befunden: er dachte hier an das Vitium, das der Ausstossung voranging, und
verstand wahrscheinlich vorher qui proprio vitio egreditur als „wer wegen eigner Ver-
schuldung das Kloster verlässt", „wer sich den Folgen seiner Schuld durch Flucht zu
entziehen sucht". Absichtlich kann auch et ausgelassen sein, nachdem sie in Kor-
1) Er zeugt wenigstens durch sein cap. 64 dafür, dass er das cap. 29 der Regula Benedicti,
wie wir, nur auf flüchtige Mönche bezog.
2) Ben. hat angeblich vitii pro quo, es fehlt aber ein ausdrücklicher Vermerk Mcnards.
3) Aber ich schliesse ex silentio der mir gefertigten Kollation.
4) Für die Ausweisung wird gebraucht proieiatur (pellatur, expellatur) de monasterio cap. 62, 17.
66, 40. 71, 16; etwas anders steht proiei 68, 64 und 61, 17.
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (79) 3
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18
(616)
relation zu ut gebracht war, während es im Gegensatz zu prius und wie öfters für
tum steht. Die Zusätze in diesem Kapitel sind also wider die Absicht des Gesetz-
gebers und nicht zufällige, sondern absichtliche. Man hatte neben den genauen Be-
stimmungen S. Benedikts über die wiederkehrenden Flüchtlinge solche über die Wieder-
aufnahme der Ausgestossenen vermisst. Um diese hat sich aber Benedikt nicht weiter
gekümmert, weil er nur im äussersten Notfalle zur Ausstossung schritt 1 ) und dann
wohl eine Remedur für schädlich und ausgeschlossen hielt.
cap. 35, 23—29.
AT Ben. Smar.
egrediens autem de septimana dicat hunc
ver8um: „benedictus es, domine a .. quo
dicto tertio accepta benedictione egre-
diens, subsequatur ingrediens et dicat:
„deus, in adiutorium meum intende tt . .
et hoc idem tertio repetatur ab Omnibus
et accepta benedictione ingrediatur.
3 accepta benedictione omnes
4 ingrediens et dicat omnes et B
1 egredientes a dicant a
OSVB
egrediens autem de septimana dicat hunc
versum: „benedictus es, domine" .. quo
dicto tertio accipiat benedictionem egre-
diens, subsequatur ingrediens, dicat:
„deus, in adiutorium meum intende" . .
et hoc idem tertio repetatur ab omnibus
et accepta benedictione ingrediatur.
3 accipiat benedictionem omnes
4 ingrediens dicat omnes praeter B
3. 6 tercio S
4 subsequantar (arraso n) autem B, subsequens
(sub in rasura 5 litt.) S
Das absolute Participium im Nominativ, eine der geläufigsten Konstruktionen
der verfallenden römischen Sprache, ist in einen Hauptsatz verwandelt worden: links
accepta benedictione egrediens (= eo egrediente), subsequatur entspricht rechts accipiat
benedictionem egrediens, subsequatur. Diese scheinbar nur die Grammatik betreffende
Umsetzung ist doch auch gegen den Sinn: nicht auf dem Empfang des Segens liegt
der Nachdruck, sondern er ist nur der begleitende Umstand der Ablösung, die Ab-
lösung selbst aber {quo dicto egrediens, subsequatur ingrediens) soll bezeichnet werden ;
so heisst es am Schluss: accepta benedictione ingrediatur. S hat mit richtigem Gefühl
die Folgen der Umgestaltung zu mildern gesucht. Das seltsame Fehlen von et vor
dicat auf der rechten Seite könnte gar auf den Gedanken bringen, dass der Inter-
polator verbunden wissen wollte: egrediens subsequatur, ingrediens dicat, worin freilich
subsequatur ganz sinnlos wäre.
1) Vgl. cap. 28; 62, 17; 65, 40. Die Bestimmung cap. 71, 16 ist eingular, wie anderes in
diesem Nachtrag.
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(617)
19
cap. 39, 18-
AT Smar.
carnium vero quadripedum omnimodo
ab omnibus abstineatur comestio praeter
omnino debiles aegrotos.
-19.
S V B Paul. (Ben. 1 )
carnium quadrupedium omnino ab Omni-
bus abstineatur comestio praeter omnino
debiles et aegrotos.
1 vero quadripedum (quadrupedum Ben. Smar.)
omnes et Ben.
1.2 omnimodo (omnino omnimodo Smar.) ab
omnibus omnes et B et Paul.
8 debiles (deviles A corr. a) egrotos omnes
1 quadrupedium (O l SB 1 quadrupedum V
Paul. Ben.) omnes omisso vero
1. 2 omnino ab omnibus omnes praeter B et Paul.
3 debilea (debilis VB) et aegrotos (egrotos SB)
omnes
2 commestio preter Smar.
2 absteneatur V comestio O 1 om. 0, com-
miztio V, com///io S
Die Abweichung der Lesarten am Schluss findet ihre Beurtheilung in den Aus-
sprüchen der alten Kommentare. Paulus sagt: alii enim sunt debiles, alii autem
sunt aegroti. aegroti sunt, qui in lecto iacent, debiles sunt, qui ab infirmitate sur-
gunt, et debiles sunt, qui febribus laborant etc. Gegen diese Meinung polemisiert
Smaragd, der sagt: quod autem dicit ^debiles aegrotos* non duas, ut plerique arbi-
trantur, sed unam tantum Signifikat esse personam. ergo debilis aegrotus dicitur, qui
longa vel dura aegritudine pressus est, ad debilitatem perductus, cui reparationis
causa victus est carneus. Für Smaragds Auffassung spricht cap. 40, 4 infirmorum
contuentes inbecillitatem credimus eminam vini sufficere und besonders cap. 36, 14
sed et carnium esus infirmis omnino debilibus pro reparatione concedatur. Auch an
jener Stelle haben alte Leser geglaubt bessern zu müssen und debilibusque steht dort
in vielen Handschriften, aber in keiner der von uns herangezogenen, wenigstens nicht
in ihrem ursprünglichen Text.
cap. 41, 9 — 11.
ABT Paul. Ben. Smar.
et sie omnia temperet atque disponat
(sc. abbas), qualiter et animae salventur
et quod faciunt fratres absque iustam
murmurationem faciant.
S V Don. Paul,
et sie omnia temperet atque disponat,
qualiter et animae salventur et quod
faciunt fratres absque murmuratione
faciant.
3. 4 absque (abque B) iustam ( A T, iusta ceteri)
murmurationem (A, murmorationem T, mur-
muratione ceteri) omnes
3 absque murmuratione (murmor. S) OS Paul.,,
absque ulla murmuratione V et T nondum
correctus 2 ) et Don.
1 omnis Smar.
2 anime B T
adque A corr. a
salbentur A corr. a
1 disponet corr. O l
2 anime S
1) Menard spricht über den Inhalt ohne Rücksicht auf die Handschriften.
2) Ich meine nicht die späte Korrektur über der Zeile, sondern iustam und manches in der
Nähe steht auf Rasur und unter iustam erkennt man 11.
3*
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20
(618)
Paulus bemerkt: sunt enim aliae regulae, quae habent „absque murmuratione*
et Herum sunt aliae regulae, quae habent „absque iusta murmuratione 11 . Dann werden
beide Meinungen untersucht und schliesslich entscheidet er: ecce quia inventa sunt
loca, ubi „iusta murmuratio* reperitur (gemeint sind Belege aus Cassiodor und Gregor
für iuste murmurare), bene inhocloco „iusta murmuratio* habetur; maxime in regula
S. Benedicts quam ipse scripsit, „iusta* repertum est. Es kann nichts ausmachen,
dass cap. 40, 18 absque murmurationibus und 53, 32 absque murmuratione ohne Bei-
wort steht: die drei Stellen sind so verschieden, dass man, wie 40, 18 und 43, 32
„ohne Murren (oder Klagen)", so 41, 11 „ohne Grund zum Klagen* erwartet. Gewiss
Hess man iusta aus dem von Paulus angeführten Grunde weg: fuerunt enim alii,
qui dixerunt: non est bonum, ut habeat „iustam murmurationem* , quia murmuratio
iusta esse non potest.
cap. 46, 3—12.
ABT Ben. Smar.
si quis dum in labore quovis in coquina
in cellario in ministerio in pistrino in
horto, in artem aliquam dum laborat,
vel in quocumque loco aliquid deliquerit
5 aut fregerit quippiam aut perdiderit vel
aliud quid excesserit ubiubi, et non
venienß continuo ante abbatem vel con-
gregationem ipse ultro satisfecerit et pro-
diderit delictum suuin. dum per alium
10 cognitum fuerit, maiori subiaceat emen-
dationi. si animae vero peccati causa
fuerit latens, tantum abbati aut spirita-
libus senioribus patefaciat, qui sciat cu-
rare et sua et aliena vulnera, non de-
15 tegere et publicare.
OSV
si quis dum in labore quovis in coquina
in cellario in monasterio in pistrino in
horto in arte aliqua dum laborat vel in
quocumque loco aliquid deliquerit aut
5 fregerit quippiam aut perdiderit vel ali-
quid excesserit, ubi et non venienß con-
tinuo ante abbatem vel congregationem
ipse ultro satisfecerit et prodiderit de-
lictum suum, dum per alium cognitum
10 fuerit, maiori subiaceat emendationi ani-
mae venia, peccati causa si fuerit latens,
tantum abbati aut spiritalibus senioribus
patefaciat, qui sciat curare et sua et
aliena vulnera, non detegere et publi-
15 care.
2 in ministerio (minasterio B?) omnes praeter T 2 in monasterio omnes et T, om. V
6.6 vel aliud quid (vel aliquid corr. Smar.)
excesserit ubiubi (B T Ben., ubi vel ubi
Smar., ubi A) omnes
10 — 12 subiaceat emendationi (-em T). si animae
(-e B Smar.) vero peccati causa fuerit latens
omnes
5. 6 vel aliquid (O, vel aut quid S V) excesserit
ubi (S V et A, ibi O)
10.11 subiaceat emendationi (-e S V) animae
(-e S ) venia (-am S V). peccati causa si fuerit
latens omnes
1 labore // quovis B quoquina T, quina in
coquina corr. Smar.
3 orto T, corr. A artem aliquam ABT
et V, arte aliqua ceteri et a
6 perdederit T 9 dilectum Smar.
13 patefaciat ceteri, pate / / faciat A, pate-
faciant B sciat A et O V, sciant ceteri et a
14 et sua omnes, sua (om. et) T
14. 15 detere corr. A 15 puplicare A et O
1 quoquina V 2 pristino O
3 orto O corr. O l , ortum V artem aliquam V
6 venies S 7 abbate V congregatione V
8 ultor S satisfaceret corr. V
12 tantum om. O
13 patefaciant S V sciat O V, sciant O l S
14 vulnera om. O t add. O l
14. 15 puplicare O
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(619) 21
Die Texte weichen mehrfach von einander ab; das Falsche steht immer auf der
rechten Seite: aliquid ', was nichts Neues sagt, statt aliud quid; ibi oder ubi statt des
nicht verstandenen ubi ubi 1 ); monasterium statt Ministerium, denn man versteht wohl
die Reihe (cap. 7, 143) in opere dei in oratorio in monasterio in horto in via in
agro vel ubicumque; aber was soll in monasterio zwischen in cellario und in pistrino?
Am schlimmsten ist der Schluss zugerichtet: monachus ille subiaceat correptioni (dis-
ciplinae, emendationi, vindictae etc.) ist durchaus formelhaft (vgl. 3, 19. 23, 9.
32, 10. 33, 14. 42, 19. 45, 6. 48, 37. 54, 11. 55, 28. 67, 12. 70, 12. 71, 15)
und es kann nicht willkürlich dafür eintreten venia illius peccati subiaceat correptioni,
„die Verzeihung hänge von der vorausgehenden Bestrafung ab", wie der Interpolator
gedacht haben muss; und auch dann bliebe animae noch unerklärt. Er kann den
letzten Satz ganz und gar nicht verstanden haben, der von animae peccatum im
Gegensatz zu den vorhergeschilderten Delikten spricht und zu vergleichen ist mit
cap. 7, 101 quintus humilitatis gradus est, si omnes cogitationes malas cordi suo
advenientes (= cap. 4, 30) vel mala a se absconse commissa per humilem confessionem
abbati non celaverit. Der Interpolator hat gemeint: „wenn die Schuld eine heimliche
war, soll er sie nur dem Abt kund thun*, worin causa als Substantiv gefasst ist.
S. Benedikt aber hat gesagt: „Wenn der Mönch sich einer Seelensünde wegen im
Verborgenen gehalten hat und also nicht freiwillig zum Geständnis gekommen ist,
so soll er in diesem Fall nicht strenger bestraft werden, wie es doch sonst die mit
dem Geständnis Zögernden werden; ja auch das wird ihm erlassen, vor den ver-
sammelten Brüdern (ante abbatem vel congregationem) seine Schuld zu bekennen, was
die übrigen Schuldigen müssen; sondern er soll der Verschwiegenheit seines Abtes
gewiss sein und diesem allein beichten. * Causa also ist Präposition und latens fuerit
steht periphrastisch für latuerit.
cap. 57, 3—7.
ABT Paul. Smar. S V 2 )
quod si aliquis ex eis (sc. artificibus) quod si aliquis ex eis extollitur pro
extollitur pro scientia artis suae, eo scientia artis suae, eo quod videatur
quod videatur aliquid conferre mona- aliquid conferre monasterio, hie talis
sterio, hie talis erigatur ab ipsa arte et egrediatur ab ipsa arte et denuo per
5 denuo per eam non transeät, nisi forte 5 eam non transeat, nisi forte humiliato
humiliato ei iterum abbas iubeat. ei iterum abbas iubeat.
4 erigatur omnes 4 egrediatur 0, segregatur O 1 , elegatur V,
evellatur S
2 sue B 6 abba iuveat Paul. 2 scientiam V sue S 3 tales V
5.6 humilietur et ei V
1) Vgl. darüber in den Anmerkungen am Schluss dieser Abhandlung.
2) Ben. hätte nach Mänards Stillschweigen evellatur.
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22 (620)
Gegenüber der gleichmäßigen Ueberlieferung auf der linken Seite, die sich
übereinstimmend für erigatur ausspricht, herrscht rechts eine durchgehende Unsicher-
heit. Doch sieht man, dass die Konjekturen und Umschreibungen dieser Seite von
demselben erigatur ausgehen können. Wenn dieses sich also erklären Hesse, wäre
sowohl für die Interpretation des Regeltextes als für die Bestimmung der Ueber-
lieferungsverhältnisse etwas gewonnen. Paulus sagt: erigatur i. evellatur, Smaragd:
erigere atque suspendere unutn intelligitur esse. Wir kommen weiter durch den Liber
pontificalis. Man liest 1 ) im Leben des Liberius (Duchesne S. 207) eregit (P, dam-
navit FK) eos in concilio, ebenda (D. 207) eregit (P, eiecit FK) Felicem de epi~
scopatu, im Leben des Damasus (D. 212) Ursinum erigerunt ab urbe (P, om. F K),
im Leben des Bonifatius I (D. 227) eregerunt Eulalium (P, deponitur Eulalius F K),
im Leben des Xystus III (D. 232) eiecit (F, egerunt K 1 , egecenmt K 2 ), Bassum a
communione (condemnatur Bassus P), im Leben des Felix III (D. 252) eregit (P,
eiecit F, om. K) Mesenum a communione, im Leben des Anastasius II (D. 258) multi
clerici se a communione ipsius erigerunt (P K, om. F), im Leben des Agapitus (D. 288)
eregit Anthemum a communione (P). Wo in den folgenden Biographien Gelegenheit
war, das Wort zu verwenden, steht vielmehr eicere, iactare, privare, subducere, sus-
pendere, tollere. Wir ziehen aus diesen Thatsachen den sicheren Schluss, dass erigere
in dem besonderen, doch aus seiner Grundbedeutung leicht zu entwickelnden Sinn
von „aufheben*, „beseitigen* im sechsten Jahrhundert in Italien gebräuchlich war,
im Ausgang des Jahrhunderts aber ausser Gebrauch gesetzt wurde.*)
cap. 59, 7—11.
ABT Paul. 3 ) Ben. Smar. S V
de rebus autem suis . . in praesenti de rebus autem suis . . in praesenti
petitionem promittant sub iureiurando, per petitionem promittat sub iureiurando.
quia numquam per se, numquam per quia numquam per se, numquam per
suffectam personam nee quolibet modo subieetam personam nee quolibet modo
5 ei aliquando aliquid dant aut tribuunt 5 ei aliquando aliquid dant aut tribuunt
occasionem habendi. occasionem habendi.
1.2 in praesenti (pre- Smar.) petitionem (BT 1.2 in praesenti (OS, presentem V) per pe-
Patd.y petitione A Ben. Smar.) promittant titionem (-e V) promittat omnes
(promittat. Ben. Smar.) omnes
4 suffectam omnes 4 subieetam omnes, suspeetam a
4 ne B 5 aliquid om. Ben. Smar. dent 4 nee om. S (ne 0?) 5 ante dant add. ei O l
aut tribuant (-unt Smar.) Ben. Smar. 5 dent aut tribuant O l V 6 occansionem (cf. e.
g. Act. apostol. apoer. ed. Lipsius I p. XLI) S
1) Ich führe hier und im Folgenden die Varianten der einzelnen Handschriften-Klassen
von P (damnare, eicere, obigere etc.) nicht an.
2) Vgl. die Anmerkungen am Schluss der Abhandlung.
3) Er tritt ausdrücklich nur für das ein, was mit seinem Namen bezeichnet wird.
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(621) 23
Das ursprüngliche ist links in praesenti petitionem (für petitione). Statt die
vulgäre Schreibung zu beseitigen und petitione herzustellen, haben die Zeugen rechts
die Interpolation per petitionem aufgenommen, wodurch in praesenti, was sie ver-
mutlich als Zeitbestimmung nahmen, abgesprengt und bedeutungslos wurde. Praesens
petitio ist „die vorliegende", „die von der ich spreche"; es folgen mit absichtlicher
Variierung petitionem cap. 58, 35, quam petitionem 58, 37, petitionem quam supra
diximus 59, 5, ipsam petitionem 59, 6 und schliesslich in praesenti petitione. Viel
schlimmer ist im folgenden subiectam personam für den juristischen Terminus suffectam.
Der Interpolator unterschied nobiles, die die Oblation machen, und personae subiectae
(sc. nobilibus), die später im Auftrag der nobiles handeln könnten.
cap. 63, 23—24.
ABT Paul. Ben. 1 ) Smar. S V
abbas autem, quia vices Christi creditur abbas autem, quia vices Christi agit,
agere, dominus et abbas vocetur. dominus et abbas vocetur.
1.2 quia (qui B) vices Christi creditur agere 1 quia (qui V) vices Christi agit (agit Christi
(agare corr. A) AB T Smar., quia vices V) omnes
(vicem Paul.) Christi agere creditur (videtur
Ben.) Paul. Ben.
1 abbas vero Ben.
Der Ausdruck ist durch Weglassen von creditur rechts viel bestimmter geworden,
aber schwerlich im Sinne des Gesetzgebers. In cap. 2, 4 lesen wir in allen Hand-
schriften: Christi enim agere vices in monasterio creditur (sc. abbas).
Wir halten inne. Die Zahl der Stellen, an denen ein gleiches Verhältnis nach-
zuweisen ist, lässt sich ohne Mühe verfünffachen. Sehen wir von kleinen Störungen
ab, so haben wir auf der einen Seite mit einem reinen Text immer die Handschriften
ABT, verstärkt durch Regula Magistri, Benedikt von Aniane und Smaragd, auf der
anderen Seite mit einem nachweisbar interpolierten Text die Handschriften S V W,
Donatus und Chrodegang; Paulus schlägt sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite.
Dazu kommen die ädidq>OQa, d. h. eine ebenso grosse Anzahl solcher Stellen, an denen
die Ueberlieferung in gleicher Weise auseinandergeht, ohne dass der Grund und die
Falschheit der Aenderung sofort ersichtlich wäre. Es geht wie eiu Riss durch die
Ueberlieferung der Regula: es giebt gute und schlechte Handschriften, treue und
trügerische Zeugen, einen reinen und einen interpolierten Text. Der Grad und die
Art der vorgenommenen Verfälschung wäre deutlicher geworden, wenn ich die Dis-
krepanzen sachlich geordnet hätte, aufsteigend von orthographischen Unterscheidungen
über grammatische Aenderungen zu völligen Umgestaltungen des Sinnes. Doch sollten
1) Aber Menard fahrt seine Handschriften nicht an.
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24 (622)
hier nur allgemeine Anhaltspunkte und vorläufige Winke gegeben werden, und ich
konnte so die Bequemlichkeit walten lassen und das Beweismaterial nach der Kapitel-
folge vorführen.
Gälte es nicht einer älteren Meinung zu begegnen und eine aus den Hand-
schriften gefolgerte Phase der Textgeschichte von vornherein abzuthun, so hätte ich
bei den noch folgenden Stellen das gleiche Verfahren einschlagen können. Nicht
also, weil sie sachlich von den vorausgehenden verschieden sind, sondern lediglich,
weil sie dafür erachtet wurden, finden sie jetzt eine gesonderte Behandlung.
prol. 39 — 43.
ABT Mag. 1 ) Ben. Smar. S V
succinctis ergo fidem vel observantia bo- succinctis ergo fidei vel observantia bo-
norum actuum lumbis nostris per duca- norum actuum lumbis nostris et calciatis
tum euangelii pergamus itinera eius. in praeparatione euangelii pacis pedibus
pergamus itinera eius.
1 fidem {er aso m) Mag. 6, per fidem Mag. c, 1 fidei (fide / 5 V) otnnes
fide ceteri 2—4 nostris et calciatis in praeparatione (-em
2. 3 nostris per ducatum euangelii pergamus V) euangelii pacis pedibus pergamus otnnes
omnes
1 subcinctis B, succintis Mag. 6, succincti 1 succingentes V observantiam (eraso m) V
Smar. observantiam Mag.c 4 itenera
Man muss damit die Verse Eph. 6, 14. 15 vergleichen, die nach der Vulgata
so lauten: state ergo succincti (praecincti haben ältere Uebersetzungen) lumbos vestros
in veritate et induti loricam iustitiae et calciati pedes in praeparatione euangelii
pacis. Gewiss schwebten sie S. Benedikt vor, und er hat, wie viele vor und nach
ihm, das Gleichnis benützt. Aber wie man aus der ersten Hälfte seines Satzes, die
links und rechts die gleiche ist, deutlich sieht, hatte er nicht nur die Form, sondern
auch den Inhalt verändert. Die zweite Hälfte rechts, die wörtlich mit der Vulgata
stimmt, giebt also gewiss nicht die Hand S. Benedikts wieder, sondern ist die Inter-
polation eines Späteren, der sich des biblischen Originals erinnerte und es meinte
wiederherstellen zu sollen. Umgekehrt, wie hätte sich je aus der Fassung rechts die
links entwickeln können? Man hat zwar, um dies zu verteidigen, gesagt: die Me-
tapher pacis pedibus habe Anstoss gegeben, aber ich will hoffen, dass selbst der Inter-
polator pacis vielmehr mit euangelii verband.
Sehr eigentümlich ist rechts die Lesart fidei, die sich z. B. noch in der St. Galler
Handschrift 917 findet 2 ). Ich denke, sie hat sich aus der links vorausgesetzten fidem
entwickelt. Man vergleiche das eben über cap. 59, 8 Bemerkte. Statt fidem in fide
1) Mag. a fehlt. 2) Vgl. unten Kapitel III.
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(623)
25
zu emendieren oder allenfalls per fidem zu schreiben, wie Mag. c thut, hat der Inter-
polator vorgehabt, fidei cingulo oder cinctorio (nach Isai. 11, 5) herzustellen, hat aber
entweder dies Vorhaben nicht durchgeführt oder bei den Abschreibern kein volles
Verständnis dafür gefunden.
cap. 6, 13 — 17.
ABT Ben. Smar. 1 ) OSVa
et ideo si qua requirenda sunt a priore, et ideo si qua requirenda sunt a priore,
cum omni humilitate et subiectione re- cum summa reverentia, ne videatur plus
verentiae requirantur.
loqui quam expedit.
2. 3 cum omni humilitate et subiectione re-
verentiae (-e B, -a T) requirantur omnes
2. S cum (con £, cum modo in a) summa
reverentia ne videatur plus loqui quam ex-
pedit omnes
Das Kapitel handelt von der Schweigsamkeit. In diesem Zusammenhang ist
die Anweisung S. Benedikts ohne den Schlusssatz auf der rechten Seite verständlich;
humilitas und subiectio reverentiae involviert die Beschränkung der Rede auf das
Nöthigste. Dass aber dieser Schlusssatz links nicht fehlt, sondern rechts später zu-
gethan ist, zeigt das Fehlen des Verbums an, das beim Interpolieren verloren ging,
wie das Substantivum in dem vorher behandelten Beispiel von prol. 39. Zum Aus-
druck vgl. cap. 3, 8 cum omni humilitatis subiectione, cap. 20, 2 cum humilitate et
reverentia, cap. 47, 8 (vgl. 11, 19) cum humilitate et gravitate et tremore.
prol. 47—105.
ABTS 2 ) Mag. 3 ) Smar. 4 )
sed interrogemus cum propheta dominum,
dicentes ei: „domine, quis habitabit in
tabernaculo tuo? a . . post hanc inter-
rogationem. fratres, audiamus dominum
respondentem et ostendentem nobis viam
OSV
sed interrogemus cum propheta dominum,
dicentes ei: „domine, quis habitabit in
tabernaculo tuo?" . . post hanc inter-
rogationem, fratres, audiamus dominum
respondentem et ostendentem nobis viam
1 propheta A
2 ei om. a Smar. habitabit ceteri et a, habi-
tavit ABT Mag. b c
3 tabernaculo ceteri et a, tavernaculo A
4. 5 contra nos dominum iterum respondentem
Mag. 6 c
1 interrogamus profeta
4 fratres carissimi
1) Paul, hat einen gemischten Wortlaut: ..cum omni humilitate et subiectione reverentiae
requirantur (wie links) ne videatur plus loqui quam expedit (wie rechts). Dieselbe Mischung scheint
in der Pariser Handschrift des Smaragd vorzuliegen, aber der Kommentar nimmt auf den zweiten
Satz keine Rücksicht und in der Kölner Ausgabe fehlt er.
2) Die Einträge auf dieser Seite aus S beziehen sich auf das Stück prol. 79 (ergo prae-
paranda, bei mir S. 624, 8) — 106 (consortes, S. 626, 14), vgl. die Beschreibung der Hs. im Kapitel IV.
3) Mag. a kommt nur für das in der vorigen Anmerkung bezeichnete Stück in Betracht.
4) Ben. musste ausfallen, da Menard an den charakteristischen Stellen keine ausdrücklichen
Angaben macht; Paul, fehlt wegen eines Defektes im Archetypus seiner Handschriften.
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (80) 4
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26
(624)
ip8iu8 tabernaculi dicens .... haec com-
plens dominus expectat nos cotidie his
suis sanctis monitisfactis nos respondere
debere .... cum ergo interrogassemus
5 dominum, fratres, de habitatore taberna-
cnli eius, audivimus habitandi praecep-
tum, sed si compleamus habitatoris offi-
cium, ergo praeparanda sunt corda nostra
et corpora sanctae praeceptorum oboe-
10 dientiae militanda. et quod minus habet
in nos natura possibile, rogemus domi-
num, ut gratiae suae iubeat nobis ad-
iutorium ministrare. et si fugientes ge-
hennae poenas ad vitam yolumus per-
16 venire perpetuam, dum adhuc yacat et
in hoc corpore sumus et haec omnia per
hanc lucis yitam vacat implere, curren-
dum et agendum est modo, quod in per-
petuo nobis expediat. constituenda est
20 ergo a nobis dominici scola servitii. in
qua institutione nihil asperum, nihil grave
nos constituturos speramus. sed et si
1 dicens omnes, ac dicentem a Smar., dicendo
Mag.c hec B
2 exspectat A, tacet spectans nos Mag.bc
cottidie his Mag. o, cottidie, his (is A, corr. a)
A Smar., quotidianis Mag. c
3 sanctis suis Mag.bc post nos ras. T
5.6 tabernaculi ceteri et a, tavernaculi A
6 eius om. Smar. 7 complemus corr. A
8 preparanda S Smar. 8. 9 corda nostra et
corpora (et c. om. Mag. a) S Mag., corda et
corpora nostra ABT Smar.
10 militanda omnes, militatura a quo Smar.
11 nos omnes , nobis a 12 sue B iubeat
ceteri et a, iuveat A, adibeat S
13 ministrare omnes, om Ire (eocouuelihera
erda S*) S sie S
13. 14 gehenne TS 14 poenam Mag.
14.16 perpetuam pervenire (-^ B) Mag.
16 hoc om. Mag.bc 17 hanc superscr. A, del. a
18 est modo est (altero est expuneto) S
18. 19 perpetuo A Mag., perpetuum ceteri et a
19 expediant B 20 a nobis ceteri et o, nobis
A Mag. serviti Mag. a
20. 21 in qua institutione — pag. 625 v. 9 manda-
torum dei om. Mag. 21 nihil asperum bis S
22 constituros T
ipsius tabernaculi dicens .... haec com-
plens dominus expectat nos cotidie his
suis sanctis monitis factis nos respondere
debere .... cum ergo interrogassemus
dominum, fratres, de habitatore taberna-
culi eius, audivimus habitandi praeeep-
tum. sed si conpleamus habitatoris offi-
cium, erimus heredes regni caelorum.
1. 2 conplens O 2 cottidie £
3 sanctis suis corr. S
4 depere S
5.6 habitore tabernacula S
6. 7 habitantis praeeeptum O
8 erimus (ex in corr. £?j heredes regni caelo-
rum (celorum S) omnes
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(625) 27
quid paululum restrictius dictante aequi-
tatis ratione propter emendationem vitio-
rum vel conservationem caritatis pro-
cesserit, non ilico pavore perterritus
5 refugias viam ealutis, quae non est nisi
angusto initio inoipienda. processu vero
conversationis et fidei dilatato corde in-
enarrabili dilectionis dalcedine carritur
via mandatorum dei, ut ab ipsius num-
10 quam magisterio discedentes, in eins
doctrinam usque ad mortem in mona-
sterio perseverantes, passionibus Christi
per patientiam participemur, ut et regno
eins mereamur esse consortes.
1 paulolum 8 1.2 equitatis B, aequitates S
2 gmendationem A 8 conservacionem S t
conservatione B Smar. 4 pavore, B
5 fugias a S que B 6 initio omnes, itenere S
7 et si dei dilatato S 7.8 inenarrabili A t
inenarrabile Smar. 8 dnlcidine S
9 via om. S 9. 10 numquam omnes, notitiam S
10 magisterio omnes, in monaaterio T
discedentes ceteri et a, discidentes A B, de-
Bcendentes Mag. b, discentes S et in huins
Mag.
11 doctrinam A Mag. a, doctrina ceteri et a
12 passioni Mag. ab 13 participemus S, me-
reamur esse participes Mag. ut et regno
A T Mag. 1 ), ut et regni Smar., ut regni BSa
14 mereamu8 Smar.
Es war nöthig, das lange Stück auszuheben; ja ich rauss bitten, den ganzen
Prolog S. Benedikts nachzulesen. Man wird ein Schriftstück finden voll eindringlicher
und erbaulicher Worte; eine straffe logische Entwickelung wird man vermissen. Es
ist der Gedanke „ Wer ins Himmelreich eingehen will, muss mannigfache Tugend und
Entsagung üben", der in öfterem Auf- und Abwogen zu uns dringt. Doch offenbar
muss etwas hinzukommen, was diese Worte ihrer Allgeraeinheit enthebt und ihnen
diejenige persönliche Wendung giebt, die wir an dieser Stelle zu erwarten haben,
nämlich „Tugend und Entsagung aber lernt man im Kloster, also geht der Weg zum
Himmel durch die Pforte des Klosters 11 . Dieser Schlussgedanke wird in der Fassung
links ausgesprochen, rechts dagegen scheint er wie verschluckt.
Die Fassung rechts, die sonst wörtlich mit der linken stimmt, ist aber nicht
nur um diesen Schlussgedanken oder vielmehr um diese Reihe von Gedanken, die in
1) Er variiert, zeugt aber für diese Lesart: ut et {et bc, in a) regno eins dominus nos faciat
coheredes Mag.
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28 (626)
ihm gipfelt, ärmer und verkürzt; sie hat dafür einen Zusatz aufzuweisen: die Worte
erimus heredes regni caelorum, mit denen sie den Prolog beschliesst, fehlen auf der
linken Seite. Dies aber ist ein schlimmer Gewinn. Fehlten uns nur die Sätze mit
dem Hinweis auf das Kloster als scola dominici servitii, so könnte man, da diese Sätze
nothwendig sind, an eine mechanische Verletzung des gemeinsamen Archetypus denken,
der für die Zeugen rechter Hand vorauszusetzen ist. Aber das Zusätzchen giebt sich
und giebt damit die ganze kürzere Schlussgestaltung als äusserst ungeschickte Inter-
polation. Was heissen denn die Worte, mit denen jetzt in dieser Gestalt der Prolog
der Regula schliesst? Was heisst denn: cum ergo interrogassemus dominum de
habitatore tabernaculi eius, audivimus habitandi praeceptum. sed si conpleamus
habitatoris officium, erimus heredes regni caelorum ? da der habitator (sc. tabernaculi)
nichts anderes ist als der heres regni caelorum, fragen wir uns vergeblich, was diese
identische Gleichung am Schlüsse soll, wo man statt ihrer eine Lösung erwartet.
In der längeren Fassung aber gehören die dem hier fehlenden Zusatz vorausgehenden
Worte so zusammen: cum interrogassemus dominum de habitatore tabernaculi eius,
audivimus habitandi praeceptum, sed si compleamus habitatoris officium. Das ist die
Umsetzung folgender direkter Rede: praecipio, ut in tabernaculo habitetis, sed hac
tantum condicione, ut compleatis habitatoris officium. Mit diesem nicht leicht ver-
ständlichen, aber doch guten und richtigen Zwischensatz hatte sich S. Benedikt den
Uebergang zu den Schlussätzen gemacht. Mit kurzer Hand, die nur von Eilfertigkeit
geleitet scheint, hat der Interpolator dem hypothetischen Satz (si compleamus habi-
tatoris officium), den er fälschlich für einen Vordersatz hielt, einen trivialen Haupt-
satz (erimus heredes regni caelorum) nachgesetzt und dafür die übrige Schlussrede
(ergo praeparanda sunt e. q. s.) weggestrichen, da sie in demselben Gedanken aus-
klingt (ut et regno eius mereamur esse consortes), der ihm vorher zur Ergänzung
nöthig schien.
Die drei zuletzt behandelten Stellen sind als sicherste Beweise dafür ins Feld
geführt worden, dass der Zwiespalt in der Ueberlieferung der Regula, der auch meinen
Vorgängern nicht verborgen bleiben konnte, zurückginge auf die Unterschiede der
Original-Ausgabe S. Benedikts und einer von ihm selbst veranstalteten editio altera
et correctior. In der ersten Ausgabe „habe sich Benedikt offenbar gar keine Mühe
gegeben ein korrektes Latein zu schreiben", in der zweiten Ausgabe und in den ihr
folgenden (denn bis an vier Ausgaben, sagt man, könne er veranstaltet haben) habe
er oder die Abschreiber das Versäumte nachgeholt. 1 ) Wir haben vielmehr gefunden,
dass an den drei letzten Stellen die Abweichungen ebenso zu beurteilen sind wie
überall sonst in der Regula: als die Folgen einer recht ungeschickten Interpolation.
Es entspräche aber nicht einmal die angebliche erste Ausgabe dem unverfälschten, die
angebliche zweite dem verfälschten Text; sondern, was man als erste Ausgabe be-
ll Vgl. Ed. Wölfflin, Archiv für lat. Lexikographie IX 521.
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(627) 29
zeichnet, wäre das, was wir als Interpolation erkennen; was man als zweite ausgiebt,
unser reiner Text. Eine bare Unmöglichkeit, die einer weiteren Bekämpfung nicht
bedarf.
Wenn „die zweite Ausgabe S. Benedikts* hiermit eingestampft ist und aus der
Textgeschichte verschwindet, so wird die jetzt leicht mögliche Unterscheidung aller
heranzuziehenden Handschriften und Zeugen nach dem Gesichtspunkt der Interpolation
die folgenden Untersuchungen erleichtern; die Interpolation selbst aber wird aus der
Textgeschichte begriffen werden müssen und zu einem Teile ihr Inhalt werden.
Kapitel II.
Die geschichtlichen Zeugnisse von den ältesten Handschriften.
Im folgenden werden die Zeugnisse über die Urhandschrift der Regula und ihre
ältesten Abschriften zusammengestellt. Die Fülle dieser Zeugnisse und ihre Art wird
überraschen.
1. Benedikt hat bis um die Mitte des sechsten Jahrhunderts gelebt. Vier Aebte,
Constantinus Simplicius Vitalis Bonitus, hatten nach ihm das Mutterkloster geleitet
und drei Jahrzehnte, wie wir glauben müssen, ruhiger Entwickelung waren verflossen,
als im Jahre 581 die Langobarden einfielen und das Kloster plünderten. Die Mönche
hatten Zeit gehabt, ihr Leben und ihre kostbarsten Schätze vorher in Sicherheit zu
bringen. Zu diesen gehörte, wie Paulus Diaconus erzählt 1 ), codex sanctae regvlae,
quam praefatus pater (Benedictus) composuerat, et quaedam alia scripta nee non
pondus panis*) et mensura vini 3 ) et quidquid ex supellectili subripere poterant. Diese
Dinge nahmen sie mit sich nach Rom, wo sie sich im Kloster Johanns des Evangelisten
am Lateran ansiedelten. 4 ) Im Jahre 717 stellte Petronax aus Brescia, mit dem die
zweite Folge der Aebte beginnt, das Mutterkloster wieder her. Es wurde ihm dabei,
wie abermals Paulus erzählt 5 ), viel Hülfe von Zacharias, dem nachmaligen Papst
(741 — 752): Petronaci Zacharias plura adiutoria contulit, libros scilicet sanctae scrip-
turae et alia quaeque, quae ad utilitatem monasterii pertinent; insuper et regülam y
quam beatus pater Benedictus suis sanetis manibus conscripsit, paterna pietate concessiL
Im Jahre 883 wurde Montecassino von den Saracenen erobert und geplündert. 6 )
Die Mönche retteten sich mit ihrem Schatz, diesmal nach Teano, zwischen Cassino und
1) Hist. Langob. IV 17.
2) Reg. S. Ben. cap. 39, 7 panü libra una propensa sufficiat in die.
3) Ibid. cap. 40, 5 credimus eminam vini per singidos suffieere per dietn.
4) Gregor. Dialog. II praef.; Leo Ost. I 2 (SS. VII 581). 5) Hist. Langob. VI 40.
6) Leo Ost. I 44 (SS. VII 610).
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30 (628)
Capua. Dreizehn Jahre später verbrannte das in Teano begründete Kloster incompre-
hensibili dei iudicio, wie Leo von Ostia sagt 1 ), der weiter berichtet: ubi etiatn et
regula, quam beatus Benedictus manu sua scripserat, nee non et sacci, in quibus
eidem patri sanetissimo caelitus escae delatae sunt, insuper et plurima coenobii mu-
nimina . . pariter incensa sunt.
Es lag also, um es in Zahlen zu wiederholen, die Handschrift der Regula, welche
die nach Rom flüchtenden Mönche für das Original ihres Stifters hielten, bis 581 in
Montecassino, von 581 bis ungefähr 717 in Rom, von da an bis 883 in Montecassino,
von 883 bis 896 in Teano.
Die hiermit wiedergegebene Ueberlieferung von der Original-Handschrift S. Bene-
dicts hängt in sich fest zusammen. Sie an irgend einem Punkt für gefälscht oder
untreu zu halten, liegt kein Grund vor. Paulus Diaconus schöpft allem Anschein nach
aus einem alten Cassinesischen Bericht. Der einzige auffällige Umstand, nämlich dass
Zacharias eine Handschrift verschenkt, welche die Benediktiner des Johannes-Klosters
nicht so ohne weiteres werden weggegeben haben, bestätigt nicht nur die Glaub-
würdigkeit des Paulus, sondern auch die der von ihm wiedergegebenen Tradition.
Wir wissen nämlich aus dem Pontifikalbuch, dass das Johannes-Kloster von Gregor ÜI.
(731 — 741) erneuert wurde.*) Man hatte also vor dieser Zeit in der That Gelegen-
heit gehabt, das Buch aus der eingehenden oder verlassenen Klosterbibliothek an sich
zu bringen.
2. Erfunden dagegen und kaum mehr eines Wortes wert ist die Nachricht von
einer eigenhändigen Abschrift und, wie man geglaubt hat, Bearbeitung der Regula,
die Benedikt seinem nach Frankreich ziehenden Schüler Maurus mitgiebt. Die in
der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts gefälschte Vita S. Mauri berichtet darüber 8 ):
dedit (Benedictus) sanetissimo diseipulo suo Mauro librum Regulae, quam ipse sanetus
manu sua scripserat, proferrique iussit pondus librae panis et vasculutn aereum vini
heminam capientem. Odo, oder wer sonst Verfasser der Vita ist, hat die Nachrichten
über Handschrift, Normal-Mass und -Gewicht aus den vorher erwähnten Angaben
des Paulus 4 ) in betrügerischer Absicht für seine Zwecke zurecht gemacht.
3. Nächst den Zeugnissen über das Originalexemplar der Regula giebt es einige
über aus ihm genommene Abschriften, die nicht nur an und für sich wichtig sind,
sondern auch helleres Licht auf das Originalexemplar zurückwerfen.
In vielen Handschriften der Regula stehen vor dem Prolog elf schlecht erhaltene
Verse. Sie empfehlen mit ziemlich allgemeinen Wendungen die Regel; dann sagen
sie wörtlich 5 ): hoc Benedictus pater constituit sacrum volumen, haec mandavitque suis
servare alumnis. Simplidus Christi quod famulusque minister magistri latens opus
propagavit in omnes. una tarnen mercis utroque manet in aeternum. Obgleich die
1) Leo Ost. I 48 (SS. VII 614). 2) Vit. Gregorii tertii c. 10 (ed. Ducheane vol. I pag. 419).
3) Oap. 29 (ed. Mabillon A. SS. saec. I pag. 282).
4) S. oben S. 627 Anm. 1. 5) Vgl. unten Urkunde I.
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(629) 31
Verse von den Benediktinern immer etwas bei Seite geschoben wurden, weil sie in
ihnen ein den Ruhm ihres Stifters schmälerndes Zeugnis erblickten, so ist dennoch
nie bestritten worden, dass der Schüler Benedikts, der hier spricht und behauptet, das
bis dahin verborgene Werk seines Lehrers erst der Oeffentlichkeit übergeben zu haben,
derselbe Simplicius ist, den wir als dritten Abt von Montecassino kennen. 1 ) Als solchen
bezeichnet ihn Gregor der Grosse und erklärt zugleich, einen Teil seiner Kenntnis
von S. Benedikts Leben den Erzählungen des Simplicius zu verdanken. 1 ) Gregor
schreibt das am Ende des Jahres 593. Damals war Simplicius längst gestorben, denn
nach ihm haben bis zur Zerstörung Montecassinos (581) noch zwei Aebte regiert.
Bevor also das Originalexemplar nach Rom kam und zwar vielleicht ziemlich lange
vorher, hatte Abt Simplicius eine Abschrift von Montecassino aus versendet, mit der
er meinte, dem Werke seines Lehrers die weiteste Verbreitung zu sichern. Von der
Persönlichkeit des Simplicius wissen wir sonst nichts; die unbeholfenen rhythmischen
Verse, die man mit den gleichzeitigen eleganten Distichen des Marcus von Monte-
cassino vergleichen muss, verraten eine recht geringe Bildung. Simplicius war viel-
leicht ein guter Hirt, aber gewiss ein schlechter Grammatiker.
4. Im Winter 787 hatte Karl der Grosse auf seiner italienischen Heerfahrt dem
Kloster Montecassino einen Besuch abgestattet. Kurze Zeit nach seiner Rückkehr im
Sommer 787, richtete er an Abt Theodemar von Montecassino (+ 797) verschiedene
Bitten und Fragen, die die vorbildliche Zucht des Benediktinischen Mutterklosters
betrafen; unter anderem erbat er eine Abschrift aus dem Originalexemplar der Regula,
das er vielleicht mit eignen Augen während seines Besuches erschaut hatte. Zur
Antwort bediente sich Theodemar der Feder des damals wieder in Montecassino
weilenden Paulus Diaconus. Der Brief ist erhalten 3 ), er kündigt die Uebersendung
der gewünschten Abschrift mit folgenden Worten an: iuxta praeceptionem vestram
en vobis regvlam beati patris de ipso codice, quem ille suis sanctis manibus exaravit,
transscriptam direximus ; in fine autem sacrae eiusdem regxdae htjmnos, qui secundum
institvtia beati patris nostri per singula officio, vel festivitates cantari debent, od-
nexuimus. Da die Benediktinerregel in Karls Reich längst verbreitet war, so könuen
wir ohne weiteres den Zweck der Bitte und der Sendung verstehen. Karl wollte kein
beliebiges Exemplar der Regel, sondern ein möglichst genaues, authentisches. Wer
nun auch die Abschrift überwacht haben wird — wir können an Paulus denken — ,
seine Absicht muss gewesen sein dem Original möglichst buchstabengetreu zu folgen.
Karl selbst aber wird dafür gesorgt haben, dass bei seinen Bemühungen um Ein-
schärfung der Benediktinerregel diese Abschrift als Grundlage bei ihm verblieb und
durch aus ihr genommene treue Kopien sich vervielfältigte. Auch werden wir zu
denken haben, dass auf den Synoden von 802 zu Aachen und 813 zu Mainz, wo die
Regula in der Turma der Aebte und Mönche verlesen und besprochen wurde, die
Debatten sich an Karls Normalexemplar anschlössen.
1) Vgl. oben S. 627. 2) Dialog. II praef. 3) Ed. Dümmler, Monum. Germ. Epp. IV 510.
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5. Ein besonderes Zeugnis, das derartige Vermutungen zu bestätigen scheint,
findet sich im Benediktbeurer sog. Rotulus historicus aus dem Ende des elften Jahr-
hunderts. 1 ) Darnach hätte Karl dem Kloster Benediktbeuern nebst anderen litterarischen
Schätzen auch eine Kopie des Normalexemplars geschenkt: Puronensem locum augebat
libris illuc traditis novi ac veteris testamenti, quos per capeüanum suum corrigit et
caro suo misit Elilando abbati, regulamque sancti Benedicti patris de ipso codice,
quem ipse suis sanctis manibus exaravit, transcriptam direxit cum sanctis reliquiis
eins, brachio sc. ipsius. Man wird nicht fehl gehen, wenn man aus der wörtlichen
Uebereinstimmung des Rotels mit dem Brief Theodemars*) schliesst, dass es eine Bene-
diktbeurer Handschrift gab, in der dieser Brief mit der Regel vereinigt war; wie wir
denn Brief und Regel auch in anderen Handschriften zusammen finden und als wahr-
scheinlich voraussetzen dürfen, dass die Vereinigung schon im Normalexempiar Karls
vollzogen war, um dessen officiellen Charakter immer von neuem beweisen zu können.
Ich bezweifle aber, dass diese Benediktbeurer Handschrift ein eigentliches Geschenk Karls
und mehr war als die beliebigen Exemplare anderer Bibliotheken mit gleichem Inhalt.
6. Mit besserem Grund kann man auf Karls philologisch gerichtete Bestrebungen
unmittelbar zurückführen den Satz, der in der Wiener Handschrift lat. 2232 der Bene-
diktinerregel unter andern Einträgen am Schluss (fol. 60 v ) sich findet: regulam sancti
Benedicti ad conservandam et ad conplendam sponte non inviti promisimus. quam
hie bene conscriptam et exemplatam habetis per ipsam y quam ipse conscripsit beatissi-
mus Benedictus manibus suis. Die Wiener Handschrift gehört in den Beginn des
neunten Jahrhunderts und nach Deutschland. Ihr unmittelbarer Zusammenhang mit
Karls Normalexemplar ist durch den mitgeteilten Satz bezeugt, falls dieser nicht aus
einer älteren Vorlage übernommen ist.
7. Die Bemühungen Karls um die Benediktinerklöster wurden von Ludwig dem
Frommen, man weiss in wie einseitiger Weise, fortgeführt. Sein Berater dabei war
Benedikt, Abt von Aniane. in Aquitanien, der schon unter Karl eine umfangreiche
reformatorische Thätigkeit geübt hatte, unter Ludwig aber als Abt von Inda in der
nächsten Nähe der kaiserlichen Pfalz von Aachen waltete. Er hat auf dem grossen
Reformtag 817 zu Aachen, in der Turma der Klosterangehörigen, mehrere Tage lang
die Regel erklärt. Er hat im Codex regularum hinter der Regula S. Benedicti die
älteren ihm zugänglichen Mönchsregeln zu einem Corpus vereinigt. Er hat in der
Concordia regularum jedes Kapitel der Benediktinerregel mit den betreffenden Ab-
schnitten der älteren Regeln zusammengehalten. Aber, wenn wahr ist, was Hauck
sagt*), dass er dabei nichts im Auge hatte, was nur entfernt an wissenschaftliche
Zwecke erinnere, so wäre von vornherein fraglich, ob er in seinen Arbeiten auf das
Normalexemplar irgendwelche Rücksicht nahm und von der gesicherten Grundlage
des Textes ausgehen wollte.
1) Mon. Germ. 88. IX 216. 2) Oben 8. 629. Anm. 8.
3) Kirchengeschichte Deutschlands II 542.
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8. Andere Kreise blieben von dem Geiste Karls auch nach seinem Tode be-
herrscht. Die Textgeschichte der Regula giebt uns dafür ein merkwürdiges Beispiel.
Als Ludwig befohlen hatte, das klösterliche Leben überall nach dem Vorbild Indas zu
gestalten, als es galt, die auf den Reformtagen zu Aachen 816 und 817 beschlossenen
Statuten in den Klöstern einzuführen, und die Ankunft der kaiserlichen Inspektoren
bevorstand, sandte Haito, Bischof von Basel und Abt von Reichenau, zwei junge
Reichenauer Brüder an die Musterschule Benedikts von Aniane nach Inda 1 ), den Mönch
Tatto, der später in Reichenau als Lehrer berühmt wurde, und Grimalt, den späteren
Abt von St. Gallen und Erzkapellan Ludwigs des Deutschen. ReginberC aber, der
Lehrer und Bibliothekar damals in Reichenau, trug den beiden auf, bei dieser Gelegen-
heit eine Abschrift aus dem Normalexemplar der Regula zu nehmen. Denn sein
Wunsch war es seit langem, beides nebeneinander zu haben: den authentischen Wort-
laut S. Benedikts und die traditio moderna. Unter den Briefen und Aufzeichnungen,
die Grimalt und Tatto von ihrer „ Gesandtschaftsreise" heimschickten, befand sich ein
uns erhaltener Brief an Reginbert.*) Sie erklären dem Lehrer: sein Wunsch sei
erfüllt: sie schickten anbei regulam beati Benedicti, quae de Mo transscripta est
exemplare, quod ex ipso exemplatum est codice, quem beatus pater sacris manibus
suis exarare curavit. Ihre Abschrift, sagen sie, sei silben- und buchstabentreu. Sie
hätten aber auch den anderen Wunsch Reginberts erfüllt: wo S. Benedikt ungram-
matisch (non secundum artem) geschrieben zu haben scheine, da hätten sie am Rand
ihrer Abschrift gegenüber den betreffenden Lesarten mit zwei Punkten die Varianten
notiert, die sie aus den Exemplaren der magistri moderni zusammengelesen hätten;
wo S. Benedikt etwas geschrieben habe, das sich bei den Modernen gar nicht finde,
da hätten sie es mit zwei Punkten und dem Obelus angezeigt. Andere auf ihrer
Reise kopierte Schriften müssen sie nachgesandt haben. Reginbert vereinigte alles
zu einem Sammelband und machte in dem sorgfältig von ihm geführten Accessions-
katalog der Reichenauer Bibliothek, den Legipont 8 ) und Neugart 4 ) uns gerettet haben,
folgenden Eintrag: in vigesimo libello est regula sancti Benedicti abbatis et hymni
Ambrosiani et epistola ad regem Karolum de monasterio S. Benedicti directa et capi-
tulares de statu regulae et martyrologium per anni circulum, quem Tatto
et Crimolt mihi condonaverunt. Wie man sieht, hängen diese Schriftstücke eng zu-
sammen: der Regula folgen hymni, wie solche die Cassinesen ihrer Abschrift beigefügt
hatten; es folgt der Brief Theodemars, den wir in diesem Zusammenhang anzutreffen
erwarten durften; es folgen capitulares (nach Legipont, capitulares . . . nach
Neugart) de statu regulae, welche lückenhaft überlieferten Worte wir vielleicht zu
capitula (et) res(ponsa) de statu regulae ergänzen dürfen: capitata nämlich die Kapitel
aus Aachen vom 10. Juli 817, responsa de statu regulae nämlich allerhand Auskunft
1) Vgl. Seebass, Zeitschrift für Kirchengesch. XII 331 Anm. 1.
2) Siehe Urkunde Uli.
3) Ziegelbauer, Historia rei litterariae ordinis S. Benedicti (1754) I 571.
4) Episcopatus Constantiensis (1803) I 1 pag. 550.
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (81)
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über die Beobachtung der Regel in Inda; es folgt schliesslich das Martyrologium, weil
in den Statuten von 817 eine regelmässige Vorlesung aus ihm beim Kapitel eingeschärft
worden war. 1 )
9. Bald nach 817 hat auch Smaragd in seinem Kommentar zur Regula S. Bene-
dict sich auf die Urhandschrift des Verfassers berufen: unde et beatus Benedictes,
sagt er*), cum dixisset „neque praesumat quisquam cum abbate suo proterve*, non
dixit »intus auf foris*, sicut aliqui Codices habent, sed sicut in iüo, quem manibus
suis scripsit, m proterve aut foris monasterium* reperitur positum. Man würde un-
bedenklich "auch diese Worte auf das Normalexeraplar Karls beziehen, wenn nicht in
dem viel älteren Regel-Kommentar des Paulus Diaconus folgender Grund für die
Richtigkeit einer Lesart an anderer Stelle beigebracht würde 3 ): maxime in regula sancti
Benedict^ quam ipse scripsit, repertum est. Man wird also nach gemeinsamen Be-
ziehungen Pauls und Smaragds zu älteren Gelehrten suchen müssen, und es mögen
italienische Vorgänger des Paulus Diaconus gewesen sein, welche die Handschrift
S. Benedikts an ihrem Standort in Montecassino konsultiert haben.
Vorausgesetzt dass die vorhandenen und bisher vorgeführten äusseren Zeugnisse
ein einigermassen vollständiges Bild von der hier behandelten Textgeschichte geben,
so waren die folgenreichsten Ereignisse in dieser: die Veranstaltung der Editio princeps
durch Simplicius in Montecassino um das Jahr 560, die bald nach 787 für Karl den
Grossen besorgte Abschrift des immer noch sorgfältig gehüteten Originals, die Ver-
breitung dieser Abschrift durch neue Abschriften im Karolingischen Reich, der Unter-
gang des Originals im Jahr 896.
Kapitel III.
Die ältesten Citate und Kommentare.
Es sind die geschichtlichen Zeugnisse durch die Prüfung der ältesten Citate und
Kommentare zu ergänzen. Dabei muss zugleich auf die handschriftliche Ueberlieferung
dieser Zeugen eingegangen werden; auf die Drucke, wie auch auf die jüngeren Hand-
schriften ist fast kein Verlass, da die meisten nach den landläufigen Texten der Regula
durchgesehen und verändert worden sind.
1. So wie die Regula S. Benedicti an ältere morgen- und abendländische Kloster-
regeln sich anlehnt, wird sie ihrerseits, bevor sie die Alleinherrschaft im Westen
1) Capit. monastic. a. 817 cap. 69 (ed. Boretius, Monum. Germ. Capitular. I pag. 847).
2) Ed. Migne, Patrol. lat. 102, 747. 8) Bibliotheca Casinensis vol. IV Florileg. pag. 180.
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erlangt und in ihrer Gesamtheit Annahme findet, stückweise in die Gesetzgebung
italienischer und französischer Klöster hineingezogen. Caesarius, Bischof von Arles
(f 542), macht, wie selbstverständlich, von ihr noch keinen Gebrauch, weder in der
Mönchs- noch in der Nonnenregel. 1 ) Ebensowenig sein Nachfolger Aureiian. Auch
Coluraba, der Stifter von Luxeuil und Bobbio (f 615), schreibt sein Gesetzbuch noch
unberührt vom milden Geiste Benedikts. Aber seit etwa 629 wird in Luxeuil und
in den von dort gegründeten französischen Klöstern neben der Golumbanischen die
Benediktiner-Regel eingehalten 4 ) und in Bobbio leben die Mönche wenigstens schon
unter Abt Bobulenus, wie wir aus einer unverdächtigen Urkunde Papst Theodors I.
vom Jahr 643 sehen 8 ), sub regula sanctae memoriae Benedicti vel (= et) reveren-
dissimi Columbani.
Wir müssten uns begnügen diese Thatsachen festzustellen und das schrittweise
Vordringen der Benediktinerregel im siebenten Jahrhundert nach den Urkunden der
Klöster und andern geschichtlichen Zeugnissen 4 ) zu verfolgen, wenn wir nicht in der
Lage wären, aus einigen erhaltenen Denkmälern dieser Uebergangszeit unseren Zwecken
bestimmter Dienendes zu ergründen. An Fülle und Wichtigkeit stehen dabei die fran-
zösischen Denkmäler voran.
2. Ein erster fester Stützpunkt ist die Regula a Donato collecta ad virgines.
Donat verfasste sie als Bischof von Besanfon und wahrscheinlich erst gegen Ende
seines Lebens, in der Mitte des siebenten Jahrhunderts, für ein nahe gelegenes Nonnen-
kloster. Wenig eigenes hinzufügend, arbeitete er, wie er selbst bezeugt, im wesent-
lichen nur die Gesetzbücher des Benedikt, Columba (beatissimorum Benedicti et
Columbani abbatum) und Caesarius zusammen. Die Mehrzahl der Kapitel ist wörtlich
aus der Benediktinerregel abgeschrieben und zwar nach einem Exemplar der inter-
polierten Version derselben. Denn wenn auch die Regula Donati nur als Bestandteil
der unten genauer zu besprechenden Sammelwerke des Benedikt von Aniane auf uns
gekommen ist, so dass wir den Text der Regula S. Benedicti in ihr wie durch zwei
verschiedenfarbige Gläser erblicken, so kann über das obwaltende Verhältnis eine
Täuschung nicht aufkommen, und ich darf auf die ausgewählten Stellen 5 ) in den
Tabellen meines ersten Kapitels verweisen.
3. Ganz ausser Acht gelassen hat man bisher, vermutlich weil die Jugend der
überliefernden Handschrift geringes Vertrauen einflösste, einen merowingischen Brief
aus etwa der gleichen Zeit mit wertvollen, auch der Textgeschichte förderlichen
Angaben über Einführung und Einhaltung der Benediktinerregel in einem südfranzö-
sischen Kloster. Er steht in der von P. Gallus Kemly (f c. 1477) geschriebenen Hand-
1) Vgl. C. F. Arnold, Caesarius v. Arelate, Leipzig 1894, S. 500—509.
2} Vgl. A. Malnory, Quid Luxovienses monachi ad regulam monasteriorum contulerint,
Paris 1894, S. 20—42. 3) Jaffa 2053 (1590).
4) Vgl. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands I 274 und 284.
5) Siehe oben S. 607, 612 (cap. 7, 142 und 19, 2), 614 (cap. 25, 8 und 28, 8), 617.
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schrift St. Gallen 917 pag. 3 1 ), ist einer gleichfalls von Kemly geschriebenen Regula
S. Benedict! (pag. 6 — 48) vorangestellt und, wie er schon ursprünglich durch den
Inhalt mit ihr zusammenhängt, auch äusserlich in der vorliegenden Abschrift durch
seinen Titel prefacio opusculi auf sie bezogen. Zwischen Brief und Regel steht ein
mit Ethimoloya überschriebenes Kapitel aus Isidors Origines (VIII 13), in welchem
einige Termini des Mönchswesens erklärt werden (pag. 4); es folgt als Argumentum
das Gedicht des Simplicius*); dann das Kapitelverzeichnis der Regel, Capitulacio genannt,
und nun diese selbst mit dem Titel Incipit prologus in regulain ezimii patris nostri
sancti Benedicti und der Schlusschrift (pag. 48) Facientibus hec regna patebunt
eterna Amen Explicit regula sancti benedicti legislatoris nostri. Der Brief ist von
einem nicht näher bezeichneten Venerandus, offenbar einem weltlichen Grossen, an
Constantius, den Bischof von Albi, gerichtet. Wir erfahren aus ihm, dass Venerandus
vor einigen Jahren das Kloster Altaripa gegründet und unter Aufsicht des damaligen
Bischofs Fibicius, eines Onkels des Constantius, gestellt hat. Diese Stiftung wiederholt
Venerandus jetzt ausdrücklich und ebenso eine jetzt oder gleichfalls schon früher dem
bischöflichen Spital Letarium gemachte Schenkung. Nur Constantius war bisher
bekannt: er begegnet in den zwanziger und dreissiger Jahren des siebenten Jahr-
hunderts als Bischof von Albi in den Unterschriften verschiedener Konzile und in
dem Briefwechsel des Bischofs Desiderius von Cahors, den eine andere St. Galler Hand-
schrift aus dem neunten Jahrhundert allein erhalten hat; die Tradition erklärt ihn
als Begründer der ersten Benediktinerklöster seines Sprengeis. Der Brief war, wie
wir ihm selbst weiter entnehmen, an Constantius nicht allein abgesandt worden,
sondern als Vorwort eines Buches (praesens liber, praesens volumen). Am Schluss
dieses Buches stand eine „Institutio" für das Spital: sie ist verloren. Den eigentlichen
Inhalt des Buches machte das Statut für Altaripa aus, nämlich die Regel, wie sie
hier heisst, des heiligen römischen Abtes Benedikt. Begulam sancti Benedicti abbatis
Bomensis, quam praesens continet liber, in arce sanctae ecclesiae Älbiensis recondendatn
direximus. Sie war in Albi damals noch unbekannt, und vielleicht hier zuerst in
Frankreich erscheint sie ausser Zusammenhang mit der Regel des Columba. Nach
der vorliegenden Ueberlieferungsart muss man annehmen, dass wie der Brief, so die
in der St. Galler Handschrift folgende Regula zurückgeht auf das Albigenser Original
oder eine Kopie davon. Der Brief strotzt in Kemlys Abschrift von Lesefehlern, die
jedoch eine Vorlage in merowingischer Schrift nicht nothwendig voraussetzen, da
Kemly bei anderer Gelegenheit auch aus karolingischer Schrift die wunderlichsten
Dinge herausgelesen hat. Der Text der Regula ist von ähnlichen Fehlern frei: er
musste dem St. Galler Konventualen geläufiger sein als jedes andere Schriftstück. Um
so auffälliger sind einzelne Lesarten bei ihm, z. B. prol. 39 fidei, cap. 7, 9 ablactum,
die sich in den ältesten Vertretern der interpolierten Klasse wiederfinden, aus den
1) Scherrer, Verzeichnis der Hss. der Stiftabibliothek von St. Gallen, S. 348.
2) S. Urkunde I.
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landläufigen Handschriften der Regula aber längst mussten verschwunden sein. Man
wird also den im allgemeinen kontaminierten Text der Handschrift St. Gallen 917
hie und da mit der Aibigenser Handschrift in Verbindung bringen dürfen, ohne ihm
allzu grosses Vertrauen entgegen zu bringen. Die besondere Bedeutung des Briefes
mit der eigentümlichen Bezeichnung Benedikts als eines Abtes von Rom, wobei das
seltene Adjektiv Botnensis für Bomanus auffällig ist, kann erst später erhellen. Kemly
kann übrigens seine Vorlage sogut wie in St. Gallen auf einer seiner vielen und
ziemlich weiten Wanderfahrten aufgefunden haben. Ich bringe unten den Brief in
vollständigem Abdruck als Urkunde II.
4. Zeitlich und örtlich nicht genau bestimmbar, aber wahrscheinlich hier einzu-
reihen ist die sog. Regula Magistri, eine Mönchsregel noch aus dem siebenten Jahr-
hundert für ein französisches Kloster. Sie ist im allgemeinen eine Umschreibung der
Regula S. Benedicti, enthält aber, besonders am Anfang, ganze Abschnitte des Vor-
bildes auch wörtlich. Die Ueberlieferung ist vortrefflich. Eine vollständige Abschrift
besitzen wir in der mit der Abfassung der Regel fast gleichzeitigen Handschrift zu
Paris lat. 12205 (6) und Auszüge in der Handschrift zu Paris lat. 12634 (a), die des-
gleichen etwa am Beginn des achten Jahrhunderts und, wie die vollständige, in Uncialen
geschrieben ist. H. Lebegue hat beide von Fall zu Fall für mich verglichen. Neben
ihnen kommen Benedikts von Aniane 1 ) Gitate (c) kaum anders in Betracht als das
Gewicht des einen Zeugen gegen den andern verstärkend (ac gegen 6, bc gegen a).
Der von der Regula Magistri bezeugte Text der Regula S. Benedicti ist in
unserem ersten Kapitel als unverfälscht und frei von den gewaltsamen Veränderungen
der einen Handschriftenklasse befunden worden. Wenn man aber ins einzelne geht,
so findet man hie und da, bald in a und bald in b Lesarten, die denen der inter-
polierten Handschriften entsprechen; man vergleiche die Gegenüberstellungen zu cap. 4, 44
7, 8 7, 9 7, 24 7, 49 7, 97. Es lag also in dem Kloster der Regula Magistri auch
eine vollständige Handschrift der interpolierten Benediktiner regel. Und wenn aus dem
allgemeinen Charakter des in der Regula Magistri citierten Wortlautes folgt, dass der
reine Text der Regula S. Benedicti schon ein Jahrhundert vor Karl dem Grossen
nach Frankreich gedrungen war, so folgt aus den gelegentlichen Interpolationen der
Regula Magistri, dass dieser reine Text zu kämpfen hatte mit dem bereits ansässigen
interpolierten.
5. Längst erfreute sich die Benediktinerregel in Frankreich allgemeiner An-
erkennung, als Chrodegang, Bischof von Metz (744 — 766), sie in seinen Statuten für
die Kanoniker adaptierte. Dass er dabei von der interpolierten Form ausging, darf
man mit Sicherheit aussprechen, seitdem W. Schmitz in der Leidener Handschrift
Voss. lat. 94 F. die ursprüngliche Fassung Chrodegangs aufgefunden und durch Um-
1) Edition des Codex regularum von Holstenius s. unten S. 647 Anm. 3 (Nachdruck der
Regula Magistri des Codex bei Migne Patrol. lat. 88, 943—1052, nach der dritten Ausgabe des
Holstenius); Edition der Concordia von Menard s. unten S. 647 Anm. 6.
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schrifb der Tironischen Noten zugänglich gemacht hat. 1 ) Man sehe in unserem ersten
Kapitel zu cap. 19, 3 und cap. 23 der Regula S. Benedicti.
6. Wir verlassen zunächst Frankreich und wenden uns nach Italien. Die beiden
berühmten Handschriften Vaticanus lat. 3835*) und 3836 3 ), vom Priester Agimundus,
nach der Art der Abkürzungen und den Zügen der in ihnen durchweg verwandten
Unciale zu urteilen, eher im achten als im siebenten Jahrhundert und wahrscheinlich
in Rom selbst geschrieben, wo sie laut der Subskription 4 ) im Besitz der Basilica
apostolorum Philippi et Iacobi sich befanden, enthalten mehrere in ihren Zusammen-
hängen noch nicht untersuchte Predigtsammlungen. So steht in 3836, fol. 198 v — 216,
eine in der Schlusschrift als Sermones sancti Augustini ad aediftcationem anitnae
zusammengefasste Reihe von sechs Predigten. Während fünf davon auch in den
Einzelüberschriften mit mehr oder weniger Recht dem Augustinus beigelegt werden,
ist die sechste, mit welcher die Reihe beginnt (fol. 198 v — 199 v ), ohne Verfassersnamen
und an der Spitze nur als instrumentum magnum bonorum operum bezeichnet.
Reifferscheid 5 ) hat sie nicht bestimmen können; aber Arevalo 6 ) und Mai 7 ) hatten sie
längst richtig aufgeführt als viertes Kapitel der Regula S. Benedicti, das ja in den
Handschriften mit quae sunt instrumenta bonorum operum überschrieben wird. In
welche Zeit die Sammlung dieser „ Erbauungspredigten " zurückreicht und ob etwa die
erste erst von Agimundus aus einem Exemplar der Regula eingelegt und für die be-
sonderen Zwecke einer nicht-klösterlichen Predigt zurecht gemacht wurde, lässt sich
mit meinem mangelhaften Material nicht feststellen. Trotzdem dürfen wir aus der hier
befolgten interpolierten Fassung der Regula, die wir gestützt auf die Ermittelungen
unseres ersten Kapitels sofort erkennen können 8 ), ohne zu grosse Kühnheit auf den
Gebrauch der interpolierten Fassung zu Rom im siebenten oder achten Jahrhundert
zurückschliessen. Ich habe daher das wichtige Zeugnis als Urkunde III mit allen
Sonderheiten und im ganzen Umfang abdrucken lassen aus der sorgfältigen Abschrift,
die ich der Güte von H. Plenkers verdanke, während ich G. Pfeilschifter verpflichtet
bin für den ersten Hinweis auf den wahren Inhalt des Instrumentum.
7. Dass der älteste Kommentar zur Regel in Italien verfasst wurde, kann nicht
bezweifelt werden. Aber über die Person des Verfassers herrscht Streit: die franzö-
sischen und ihnen folgend die deutschen Benediktiner halten einen Franzosen Hildemar,
die Mönche von Montecassino ihren Paulus Diaconus dafür. Dieser Gegensatz wird
1) S. Chrodegangi regula canonicorum, Hannover 1889.
2) Abbildung: Mai, Nova patr. bibliotheca I tab. V11I; Silvestre pl. 116.
8) Abbildung: Silvestre pl. 114.
4) Vatic. lat. 3835 fol. 329: qui legis, obsecro, ut oris (so) pro scriptore, ut per apostolorum
principum (so) solvatur (so) vincula Agimundi pib. peccatori (so) sicut inutili scriptori. deo caeli
grates. basüica apostolorum Philippi et Iacobi; s. Reifferscheid, Bibl. patr. I 566.
5) A. a. 0. 553-577.
6) Isidoriana, pars IV cap. 97, 8 (= Migne, Patrol. lat. 81, 802).
7) A. a. 0. pag. 124 adn. 4. 8) Vgl. S. 607 zu cap. 4, 44.
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(637) 39
verständlich, wenn vorweg bemerkt wird, dass Eine Schrift in verschiedenen Fas-
sungen vorliegt. Da es möglich ist, den für die Literaturgeschichte wichtigen Streit,
der aber auch die Textgeschichte der Regula nahe genug berührt, endgiltig, wie ich
hoffe, zu schlichten, so darf ich weiter ausholen.
8. Die kurze Fassung, mit der der Name des Paulus Diaconus verknüpft ist,
steht in zwei Handschriften des zehnten Jahrhunderts, der Turiner G. V. 4 aus
Bobbio (= T) und der berühmten CLXXV in Montecassino (= C). Von ihnen hängen
andere mehr oder weniger unmittelbar ab; sie selbst aber stehen zu einander in keinerlei
Abhängigkeitsverhältnis, sondern sind beide aus derselben älteren abgeleitet. Diese
trug die Inschrift Incipit expositio Pauli diaconi super regulam sancti Benedicti
abbatis und einen entsprechenden Schlussvermerk. Aus eben solcher Inschrift entnahm
sich der um das Jahr 980 schreibende Mönch von Salerno die Nachricht, dass Paulus
Diaconus, nach dem Tode des Arichis (787) in das Kloster von Montecassino einge-
treten, auf die Bitten seines Abtes und der Brüder einen Kommentar mit dem Titel
super regulam verfasst habe. 1 )
Seitdem die Mönche von Montecassino einen Abdruck des Textes von C ver-
anstaltet haben*), ist es möglich den Wert der eben mitgeteilten Ueberlieferung zu
prüfen. Denn wohlverstanden: eine auf alte Handschriften sich stützende Ueber-
lieferung ist es, keine blosse Mutmassung, die hier von einem Diakonen Paulus als
Verfasser spricht und jedem mit den literarischen Verhältnissen Vertrauten die An-
nahme nahe legt, dass wir in der Erklärung der Regula ein Werk des langobardischen
Geschichtschreibers zu erkennen haben.
Die Sprache des Erklärers ist, wie C. Neff gezeigt hat 8 ), in genauer Ueberein-
stimmung mit der Sprache des Geschichtschreibers; nur dass hie und da vulgärere
Formen unterlaufen. Das aber würde sich einfach erklären, wenn der Kommentar
eine Jugendarbeit ist. Man weiss, dass Paulus zu einer gewissen grammatischen
Korrektheit nur durch Selbstzucht gelangt ist und daher die letzten Bücher der Lango-
bardengeschichte, die zu mundieren er nicht mehr Zeit fand, nicht nur stilistisch,
sondern auch sprachlich hinter den früheren zurückbleiben.
Betrachtet man Inhalt und Aufbau, so enthüllt sich uns ein höchst eigenartiges
Denkmal exegetischer und kritischer Kunst. Nach einem aus den ersten Worten
der Regula {pbsculta, o fili, praecepta magistri) abgeleiteten Prinzip wird Benedikts
Buch als belehrende Ansprache des Meisters gefasst, deren oft von der geraden Strasse
abweichender Gang bestimmt werde durch die Gegenrede des aufmerksam folgenden
aber nicht überall sofort gewonnenen Schülers. Des Interpreten Kunst und, man kann
1) Mon. Germ. SS. III 488.
2) Bibliotheca Casinensis vol. IV 1880 (Florilegium Casinense pag. 1 — 178) und Ad XIV saecu-
larem sanctissimi patris Benedicti nativitatis annum Pauli Warnefrid in sanctam regulam com-
mentarium archi-coenobii Casinensis monachi nunc primum ediderunt, Montecassino 1880.
8) De Paulo diacono Festi epitomatore, Erlangen 1891.
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40 (638)
sagen, Grazie zeigt sich bei der Aufdeckung und Ergänzung dieser Zwischenfragen.
Innerhalb der Kapitel und zwischen ihnen lässt er einen festen, oft vom Verfasser
nicht gewollten Zusammenhang entstehen. Dass er aber ins Tüfteln verfällt, vergessen
wir, da uns überall seine wahre und liebenswürdige Sorge entgegentritt, dem Schüler
möge ja kein Wort des Lehrers verloren gehen.
Zu der Auseinandersetzung zwischen Lehrer und Schüler tritt, um die Lebhaftig-
keit zu erhöhen, die zwischen dem Erklärer und seinen Vorgängern. Vielfach werden
die Meinungen früherer Gelehrten erörtert 1 ) und die Lesarten anderer Handschriften
geprüft. 2 ) An einer Stelle wird das Zeugnis der in Montecassino liegenden Original-
handschrift angerufen 3 ); anderswo wird auf die Notwendigkeit einer Konjektur hin-
gewiesen. 4 ) Wir sehen vor uns ein belebtes Bild mittelalterlichen Unterrichtes und
blicken zurück auf die reiche Entwickelung wissenschaftlicher Studien, die voraus-
gegangen ist. In welchem Land, in welchem Kloster befinden wir uns?
Da der Erklärer ebensowohl sich auf die Verhältnisse seiner Umgebung fort-
während beruft als das allzu naheliegende beim Namen zu nennen unterlässt, so ge-
lingt die Antwort nur soweit, dass wir ein Kloster in der Diöcese Mailand bezeichnen
können. Ein grosses Haus ist es mit reichem Besitz 5 ); viele Oblati werden in ihm
erzogen 6 ), zahlreiche und hochgestellte Fremde verkehren als Gäste. 7 ) In der Nähe
wohnt eine Kongregation von Kanonikern (clerici canonici), die zu dem Kloster in
nahen Beziehungen steht. 8 ) Der Weg vom Kloster nach Mailand oder nach den vor
1) iste locus varie (varie a variis) intellegitur und istutn locum varie intellegunt sapientes
Florileg. pag. 44 col. 1, pag. 77 col. 1, pag. 181 col. 1, pag. 141 col. 1; alii sunt qui intellegunt . .
et iterum sunt alii qui intellegunt {dicunt) pag. 122 col. 1, pag. 126 col. 1, pag. 181 col. 1, pag. 141
col. 1, pag. 156 col. 1 ; sunt enim mxdti qui dicunt . . et iterum sunt alii qui dicunt (und ähnliches)
pag. 55 col. 1, pag. 60 col. 1, pag. 77 col. 1, pag. 122 col. 1, pag. 141 col. 1 ; in hoc loco oritur
quaestio pag. 55 col. 1; sed ille primus sensus nöbüior secundo pag. 44 col. 2, vgl. pag. 126 col. 1.
2) quidam libri habent Florileg. pag. 12 col. 2; mvüti ponunt pag. 18 col. 1; sunt enim alii
(multi) libri qui habent pag. 35 col. 2, pag. 41 col. 1, pag. 70 col. 1; sunt enim multae (aliae) regulae
quae habent pag. 92 col. 2, pag. 111 col. 2, pag. 127 col. 1, pag. 130 col. 1; vgl. pagg. 68 col. 2
und 136 col. 1.
8) Florileg. pag. 180 sunt aliae regulae, quae habent „absque murmuratione* . et iterum sunt
aliae regulae, quae habent „absque iusta murmuratione* . fuerunt enim alii, qui dixerunt 9 non est
bonum, ut habeat iustam murmurationem, quia murmuratio iusta esse non potest*. deinde fuerunt
alii, qui studiose intellegentes invenerunt loca f ubi 9 iusta murmuratio* reperitur .... ecce quia
inventa sunt loca, ubi „iusta murmuratio* reperitur, bene in hoc loco iusta murmuratio habetur,
maxime in regula sancti Benedicti, quam ipse scripsit, „iusta* repertum est. Vgl. oben S. 632.
4) Florileg. pag. 187 (zu Reg. Ben. cap. 48): quod dicit 9 usque decimam plenam laborare* ,
istud „plena* non potest stare, quia si usque plenam laboraverint horam decimam, tunc non possunt
implere omnia cum luce. et propterea 9 decima* debet esse, sed non 9 plena*.
5) Florileg. pag. 166 col. 2. 6) Ib. pag. 157 col. 2.
7) Ib. pag. 113 col. 1; pag. 165 col. 1.
8) Ib. pag. 113 col. 1; pag. 119 col. 1; pag. 120 col. 1; pag. 122 col. 1; pag. 143 col. 2 seq.
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(639) 41
Mailands Thoren gelegenen Klöstern ist weit 1 ); eine kleine Reise ist es bis zur Residenz
des Königs*) d. h. bis Ticinum (Pavia).
Wer aber ist dieser König? ein Langobarde oder schon ein Karolinger? Für
frühe Zeit spricht die in die Erklärung des 14. Kapitels eingelegte recht altertümliche
Mailänder Heiligenreihe 8 ); die Erwähnung von Klöstern, die noch der Regel Columbas
folgen 4 ); die Erwähnung eines sonst gänzlich unbekannten Provinzial-Konzils. 5 ) Da-
gegen weisen die derlei canonici und die als vornehmer Besuch neben episcopi und
abbates erwähnten comites 6 ) doch schon auf die Zustände unter Pippin. Nun liegt
aber an einer gleichfalls für spätere Zeit sprechenden Stelle, wo Allerheiligen als allge-
mein begangenes Fest erwähnt wird 7 ), wie der Wortlaut zeigt, eine Interpolation vor.
Man wird also auch sonst die Möglichkeit einer karolingischen Retouche zugeben
müssen, wie denn ohne fortwährende Neubearbeitung ein solches Hand- und Lehrbuch
gar nicht im Gebrauch zu halten war.
Ist der Kommentar noch in Langobardischer Zeit entstanden, so vereint sich
trefflich, was wir aus ihm über seinen Verfasser entnehmen können, mit dem, was
wir sonst von Paulus Diaconus wissen. Dieser nämlich, wie bekannt, ist am Hof
erzogen worden und auf den Rat des Königs Ratchis (744—749) in den geistlichen
Stand getreten ; im vorgeschrittenen Alter finden wir ihn als Mönch auf Montecassino,
von wo er 782 für einige Jahre an den Hof Karls des Grossen übersiedelt. Für die
Jugendzeit und das Mannesalter stehen ausser diesen ganz allgemeinen Daten keine
weiteren zur Verfügung. Doch spricht er in der Langobardengeschichte mit einer
gewissen Vorliebe und aus eigener Anschauung, die er nach seiner Aussage vor 774
gewonnen hat, über Monza 8 ), und aus seinem Gedicht auf den maximus Larius 9 ), der
für die Klöster an den See-Ufern und die Tafel des Königs reiche Gaben beherberge
und des höchsten Preises wert sei, wenn er allen Schiffbruch vermeide, hat man
längst auf einen längeren Aufenthalt in der Nähe des Corner Sees geschlossen. 10 ) Jetzt
dürfen wir diese Ueberlieferungen und Annahmen dahin ergänzen, dass Paulus Diaconus
schon vor 774 in einem Kloster gelebt und gelehrt hat, dass dieses Kloster in der
Nähe des Corner Sees und von Monza, in einiger Entfernung von Mailand und Pavia
gelegen war, dass er dort für seine Schüler die Expositio aufgezeichnet und vorgetragen
hat, die wir in einer ihr erst nach der Zeit seines persönlichen Wirkens gegebenen
Fassung besitzen; dass er nach dem Zusammenbruch des Reiches sein Kloster verliess,
um als exul inops 11 ) in das von Montecassino überzutreten.
1) Florileg. pag. 146 col. 1. 2) Ib. pag. 166 col. 2. 8) Ib. pag. 91.
4) Ib. pag. 76 col. 2: sunt monasteria aliqua, in quibus cUiorum regula observatur; verbi
gratia Columbani et reliquorwn.
5) Ib. pag. 92 col. 1. 6) Ib. pag. 113 col. 1; pag. 148 col. 1. 7) Ib. pag. 91 col. 2.
8) Hist. Langob. IV 21. 22. 47; V 6; vgl. Dümmler, Neues Archiv XVII 399.
9) Ed. E. Dümmler, Poet. lat. aevi Carol. I 42 c. IV.
10) F. Dahn, Paulus Diaconus I. Abt. S. 66.
11) Carm. II 128 (ed. Dümmler, Poet, aevi Carol. I 40).
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (82) 6
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42 (640)
9. Die Geschichte des Paulinischen Kommentars ist mit der Erwähnung der
karolingischen Retouche, die ihn hie und da betroffen hat, nicht abgeschlossen. In
französischen und deutschen Handschriften ist eine erweiternde Fassung unter dem
Namen eines gewissen Hildemarus erhalten; R. Mittermüller hat sie herausgegeben 1 ) T
C. Cipolla wertvolle kritische Nachträge gebracht. 2 ) Es bleibt aber manches zu sagen.
Die Ueberschrift lautet in der besten Handschrift des elften Jahrhunderts, die
aus Dijon nach Paris kam und dort als lat. 12637 geführt wird: Incipit traditio
super regulam sancti Benedicti, quam magister Hildemarus monachus tradidit et docuit
discipulis suis, quocirca obsecro, cum aliquid incompositum sive inhonestum ibi in-
ventum fuerit, non magistro sed discipulis imputetur. 8 ) Dieser Titel entspricht durch-
aus dem Inhalt: kein eigentlich publiziertes literarisches Werk ist die Traditio, sondern
die Niederschrift eines Diktates in der Schulstube. Und zwar ist den Schülern wort-
wörtlich die Expositio des Paulus diktiert worden. Nur gelegentlich hielt der Lehrer
inne, um persönliche Bemerkungen einzuschalten; diese haben die Hörer in ihrem
Scriptum entweder in der ersten Person festgehalten 4 ) oder mit Hinzufügung des Namens
Hildemarus in die dritte umgesetzt. 5 ) Solche Zuthaten des Hildemar, die den Kern
der Sache fast nirgends berühren, enthalten allerhand philologisches Detail, Lehren
des schönen Stils, Anweisungen für den richtigen Vortrag. Es ist ein buntes Gemenge,
das zusammen mit der Expositio des Paulus und ähnlichen Niederschriften und Kom-
mentaren für die Geschichte des Unterrichts bis jetzt völlig un verwerteten Stoff liefert.
Hier geht es uns nur an, weil zugleich die persönlichen Verhältnisse des Lehrers
durch seine Beigaben und Beilagen aufgeklärt werden.
Hildemar ist aus dem Frankenreich gekommen und stellt was zu Hause der
Brauch ist — inFrancia in meo monasterio% in monasteriis Francorum 1 ) — in Gegen-
satz zu dem in Italien Vorgefundenen. Wie Paulus lehrt er in der Diöcese Mailand;
er hat dessen Bemerkungen über Mailändische Dinge noch vermehrt. 8 ) Ja auch das
Kloster kann von dem des Paulus kaum verschieden gewesen sein: so sehr fehlt ihm
der Anlass, ganz spezielle Bemerkungen seines Vorgängers zu berichtigen. Nur einmal,
wo Paulus sagt monachus si non potest ita venire (sc. ut ad completorium paratus
possit esse), vadit ad mansionem in alterum locum nostrum, quem habemus 9 ), muss
Hildemar einschränkend setzen si habemus. 10 )
1) Expositio regulae ab Hildemaro tradita et nunc primum typis mandata. Regensburg 1880.
2) Memoria d. Reale Accademia d. Scienze di Torino, serie II tom. XLV pag. 150 — 166.
3) Cipolla pag. 152.
4) Ed. Mittermüller p. 565: haec vestra, nisi fallor y fuit interrogatio.
5) Ib. pag. 430: epistolam, quam Hildemarus magister scripsit; ib. incipit traditio eiusdem;
ib. pag. 483 ex tractatu Hüdemari in Luca euangelista ; ib. pag. 569 insuper et ipse magister
Hildemarus scripsit de eo, quod etc.
6) Ib. p. 462. 7) Ib. pag. 572; vgl. pag. 869 und Tosti im Florileg. 1. c. pag. 10.
8) Ib. pag. 476 sicut in ecclesia Mediolanensi diaconus solet antiphonas imponere.
9) Florileg. pag. 166 col. 2. 10) Ed. Mittermüller pag. 611.
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(641) 43
Von den drei eingelegten Briefen hat er den von ihm selbst an den Bischof von
Benevent gerichteten seiner Kladde entnehmen können 1 ); die beiden andern von fremder
Seite an Rambert, den Bischof von Brescia, gerichteten zeigen ihn in Beziehungen
zum bischöflichen Archiv von Brescia. a )
Die Briefe vermitteln auch einige Daten: Hildemars eigner Brief ist nach dem
Jahr 833 geschrieben, der eine an Bischof Rambert im Jahre 845. Was in den son-
stigen Beigaben chronologisch sich verwenden lässt, fällt in die Zeit Karls des Grossen
und Ludwigs des Frommen und bleibt hinter der letzten Zahl zurück.
Nun gibt es eine Urkunde Ramberts von Brescia vom 31. Mai 841 8 ) für das
von ihm gegründete Kloster des heiligen Faustin, in der, wie Mabillon sah, offenbar
unser Hildemar erwähnt wird: denique, sagt Rambert, cum nostrorum fidelium et
maxime sacerdotum ad hoc multorum saluti profuturum provocaremur opus, petere
a sanctissimo viro domno Angelberto archiepiscopo fratres curavimus, quibus huius
officii curam nostra committere posset sagacitas. ipse vero, ut vir doctissimus mul-
torum affatim illustrationem desiderans et non sua sed omnia quae sunt Jesu Christi
per omnia quaerens, concessit nobis fratres ex Franciae partibus advenientes quosque
ob illuminationem suae ecclesiae insolubili sibi sociaverat vincido, Leutgarium videlicet
abbatem et Hildemarum monachum, quatinus ita nobis praestarent adiutorium, quemad-
modum Uli nunc praestant et semper praestabunt; quorum vita atque doctrina plurimi
hoc in regno illustrati esse noscuntur. Also Angilbert, der Erzbischof von Mailand
(824 bis 860) — denn ein anderer kann nicht gemeint sein — hat 841 dem aus Frank-
reich zu ihm gekommenen Mönch Hildemar nebst seinem Genossen Leutgar, der Abt
war oder wurde, nach dem Brescianer Kloster S. Faustin überzusiedeln verstattet, damit
beide dort in gleicher Weise „zur Erleuchtung der Kirche" beitrügen wie vorher im
Mailändischen Sprengel. Vielleicht 845, da in diesem Jahr Mainard aus Bergamo als
Abt nach S. Faustin berufen wurde 4 ), werden die dem Angilbert insolubili vinculo
Verbundenen in ihr Mailänder Kloster zurückgekehrt sein, und jetzt muss Hildemar
seine Vorlesungen über die Regula Benedicti gehalten haben, in denen er der Brescianer
Briefe Erwähnung thut.
Wir können, mit unsern heutigen Mitteln weiter kommend als Mabillon, auch
den Namen des Mailänder Klosters feststellen. Im Jahr 845, nach einer Kombination
Pipers, wurde in das Verbrüderungsbuch von Pfäffers unter dem Titel Haec sunt
1) Hildemarus magist er Urso praedcstinato atque electo episcopo sanctae Beneventanae eccle-
siae de ratione bene legendi. Ed. Migne, Patrol. lat. 106, 395 ; vgl. Mittermüller pag. 480, Cipolla
pag. 153.
2) Agano B. von Bergamo an Rambert B. von Brescia a. 845: A. sendet seinen Mönch
Mainardus als Abt von S. Faustin (ed. Cipolla pag. 156, vgl. Mittermüller pag. 563) und Wolfleor B.
von Konstanz an Rambert B. von Brescia a. 831: W. empfiehlt seinen Kleriker Engilmann (ed.
Cipolla pag. 167, vgl. Mittermüller pag. 563; fehlt in Ladewigs Regesten).
3) Historiae patriae monum. XIII 245: ex apogr. Quiriniano.
4) S. oben Anm. 2.
6*
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44 (642)
notnina fratrum de monasterio Clavadense eine Liste eingetragen, an deren Spitze
Leudegarius abbas, an deren zweiter Stelle als erster von 33 Mönchen Hildemarus
presbyter steht. 1 ) Clavades, das jetzige Civate, gehört zur Mailänder Diöcese. Es ist
ganz sicher, dass die in der Liste genannten Leudegar und Hildemar die von Angilbert
aufgenommenen Franzosen sind, die also, von Civate nach Brescia berufen, eben
zurückgekehrt waren. Civate liegt auf einer Höhe der Brianza, am Ufer des kleinen
Lago di Isella, etwa 7 km westlich von Lecco. Vom Lago di Lecco ist es getrennt
durch einen Gebirgszug der sogenannten Corni di Canzo, deren der Ortschaft Civate
zugewandter Abbang Monte Pedale heisst. Auf halber Höhe des Monte Pedale lag
das Kloster des heiligen Petrus (S. Pietro al Monte) neben einer Kirche des heiligen
Benedikt, beide den Ueberresten nach in die Langobardische Zeit zurückreichend,
S. Pietro der Tradition zufolge von Desiderius gegründet. In Civate selbst befand sich
ein von Erzbischof Angilbert begründetes Kloster, in das er den Leichnam des heiligen
Calocerus von Albenga übertragen Hess.*) In diesem Kloster wirkten Leudegar und
Hildemar, da der letztere an einer bisher nicht verstandenen Stelle seiner Traditio von
den Mönchen des benachbarten Klosters auf dem Mons Pedalis spricht. 8 ) Das Kloster
des Calocerus muss in des Erzbischofs Plänen einer Reorganisation des geistlichen und
wissenschaftlichen Lebens seiner Diöcese eine vorzügliche Stelle eingenommen haben.
Ursprünglich war es wohl nur eine Dependance des älteren Klosters auf dem Berge,
dann aber wird es auf dessen Kosten gewachsen sein und es in der Bedeutung ab-
gelöst haben, die wir auch schon dem älteren für die Mailänder Kirche zuschreiben.
Denn in dem Peters-Kloster auf dem Mons Pedalis hat Paulus Diaconus, so wage ich
zu vermuten, gelehrt und die Expositio geschrieben, die Hildemar in seiner Traditio
erweitert hat, ohne ihre speziellen Angaben verändern zu müssen. Hier hat er von
den „berühmten Hörnern" des Lacus Larius gesungen 4 ), von hier ist er mit den
Brüdern nach den Klöstern und Palästen von Monza, Mailand und Pavia herabgewandelt.
10. Von Hildemars Traditio wurde vorher mit den Worten ihrer Ueberschrift
gesagt, sie sei von den Schülern aufgezeichnet worden. In Wahrheit kann hinter der
Schluss-Redaktion nur eine einzelne Persönlichkeit gestanden haben, und wenn mehrere
Handschriften die Vorträge Hildemars im Wortlaut übereinstimmend überliefern, so
stellen sie sich nicht als ebenso viel gleichzeitige Mitschriften derselben Rede dar t
sondern sind die Abschriften einer und derselben von Einem Schüler redigierten Mit-
schrift. In diesem Sinne gehören die oben erwähnte Handschrift aus Dijon 5 ) und die
1) Libri confraternitatum ed. Piper III 112, 3 sq. pag. 384.
2) Vgl. F. Savio, Analecta Bollandiana XV 24 und 390.
3) Ed. Mittermüller pag. 503: hospes qui de monasterio Montis Pedalis venu vicinus vesten
4) Ordiar unde tuas laudes, o maxime Lari?
Munificas dotes ordiar unde tuas?
Cornua panda tibi sunt instar vertice tauri;
Dant quoque sie nomen cornua panda tibi.
Vgl. oben S. 639 Anm. 9. 5) S. 640.
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(643) 45
von Mittermüller benützten aus Tegernsee, Melk und Fürstenzeil 1 ) zusammen; an wei-
teren Vertretern derselben Klasse wird es nicht fehlen. Daneben aber liegt die Mög-
lichkeit vor, dass auch die Mitschrift eines anderen Hörers des gleichen oder eines
anderen Jahrgangs zur Vorlage späterer Abschriften wurde, denen dann je nach der
veränderten Weise des Vortrags oder der ersten Aufzeichnung eine auffallende und
unterscheidende Eigentümlichkeit zukommen muss.
Hierhin rechnen wir den Kommentar, den zwei jetzt in Karlsruhe liegende Hand-
schriften bieten, die zwar nicht äusserlich, aber um so sicherer dem Inhalt nach zu-
sammengehören. Dass ich genauer über sie berichten kann, verdanke ich der
unermüdlichen Güte und der unerreichten Kenntnis Alfred Holders. Die erste,
Augiensis CCIII, ist wohl noch im neunten Jahrhundert geschrieben; sie lag min-
destens schon im dreizehnten Jahrhundert auf der Reichenau, wohl in Mitten zell; von
Mone a ) und Steinmeyer 3 ) wurde sie herangezogen zur Veröffentlichung einiger alt-
hochdeutscher Glossen, welche eine spätere Hand an ihren Rand geschrieben hat; der
Kommentar in ihr reicht von Kapitel 1 bis 13 der Regula S. Benedicts Die andere
Handschrift, Augiensis CLXXIX, im Anfang des zehnten Jahrhunderts von anderer
Hand mit eigener Quaternionenzählung hergestellt, war im vierzehnten Jahrhundert
noch Eigentum von Oberzeil auf der Reichenau; nach Mabillon hat Mittermüller 4 )
auf ihren Kommentar hingewiesen; dieser geht vom 14. bis zum 61. Kapitel der Regula.
Die zweite Handschrift enthält also die Fortsetzung der ersten, und wenn schon hier-
durch, so erweist sich die Zusammengehörigkeit noch deutlicher in der im wesentlichen
gleichen Stellung, die beide zur Traditio des Hildemar einnehmen. Nur muss man
sich etwa vorstellen, dass sie in folgendem Verhältnis zu einander und einer älteren
Vorlage stehen:
i
a (Augiensis CCIII) -f- 6 (verloren)
I
ß (Augiensis CLXXIX).
So begreift man neben der Wesensgleichheit die trennenden Eigenheiten, die haupt-
sächlich in folgendem bestehen : in a hat ein wenig späterer Korrektor oft auf Wider-
sprüche des Textes mit treffenden, bisweilen scharfen Worten aufmerksam gemacht,
an solchen Bemerkungen wie an deutschen Glossen fehlt es in der anderen Handschrift
gänzlich; a ist anonym, in ß hat eine Hand des elften Jahrhunderts auf der Rück-
seite des leeren ersten Blattes oben vor dem Beginn des Textes eingetragen INCIPIT
EXPOSICIO BASl(LIl) ABB ATIS SVPER BEGV{LAM) SANCTI BENE-
DICT!. Es verdient aber die ursprüngliche Namenlosigkeit von a und die falsche
1) Ed. Mittermüller pag. XII seq.
2) Anzeiger f. Kunde d. teutschen Vorzeit IV (1836) 92.
8) Althochdeutsche Glossen II 54 und 777.
4) Studien und Mitteilungen aus dem Benediktiner- und dem Cistercienser-Orden IX 894—898.
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46 (644)
Namensgebung von ß keinerlei ernstliche Beachtung; es liegt vielmehr in der Er-
klärung von Kapitel 1—13 (a) wie in der von Kapitel 14 — 61 (ß) durchaus die Expositio
des Paulus in der von Hildemar erweiterten Fassung vor; nur hat entweder Hildemar
in dem betreffenden Cyklus der Vorlesungen öfter als sonst sein Diktat mit einzelnen
erklärenden, umschreibenden Ausführungen unterbrochen, oder der Hörer, von dessen
Wachstafeln die Karlsruher Handschriften abhängen, hat den Zusätzen Hildemars
besser folgen können oder ihnen mehr Beachtung geschenkt. Hierdurch, vom höheren
Alter abgesehen, gewinnt der Kommentar der Karlsruher Handschriften einen be-
deutenden Werth. Er liest sich etwas wie ein unkorrigierter stenographischer Bericht.
Von den allein durch ihn bewahrten Zusätzen sind am wichtigsten diejenigen, durch
welche Corbie als Mutterkloster Hildemars wahrscheinlich wird. Andere beziehen sich
auf Erlebnisse und Gebräuche in der Mailänder Diöcese. Vielleicht würde eine genaue
Vergleichung der herausgegebenen Redaktion der Hildemarschen Vorlesungen mit
dieser ungedruckten noch auf manche interessante Nachricht führen; gewiss aber ist
die ungedruckte, im ganzen betrachtet, für die Erkenntnis des mittelalterlichen Schul-
wesens noch wichtiger als die gedruckte.
11. Anders zu beurteilen ist der von Cipolla hervorgezogene und gründlich be-
handelte Kommentar 1 ), der in einer aus der Novalesa stammenden Handschrift des
elften Jahrhunderts stand, von der geringe Bruchstücke im Staatsarchiv von Turin
erhalten sind. Ihm liegt eine Handschrift des Hildemar, ähnlich der aus Dijon, zu
Grunde, zu der ein nach Hildemar lebender Mönch eigene Zusätze gemacht hat.
12. Da wir in den vorigen Abschnitten erkannt haben, in welchem Verhältnis
die Expositio des Paulus, die Traditio des Hildemar, die Expositio des sog. Basilius
und das Commentum Novaliciense zu einander stehen, und dass die unter dem Namen
des Paulus Diaconus gehende Erklärung wirklich die älteste und ursprünglichste ist,
so verlieren zwar die verschiedenen Redaktionen des Hildemar weder an und für sich
jeden Werth noch auch im Hinblick auf die Textgestaltung des Paulus; dennoch ist,
um sicher zu gehen, bei der Bestimmung einzelner Lesarten der von Paulus benützten
Handschrift allein von der Expositio Pauli auszugehen, wie dies in unserem ersten
Kapitel bereits geschehen ist. Dort hat sich der Charakter von Paulus 1 Handschrift
der Regula Benedicti als ein gemischter erwiesen, der zwischen dem der reinen und
interpolierten Manuskripte schwankt. Gelegentlich werden aber von Paulus auch Les-
arten anderer Handschriften ausdrücklich erwähnt*), die sich in unsrer direkten Ueber-
lieferung der Regula teils überhaupt nicht wieder finden, teils erst durch junge
Handschriften zu belegen sind. Es müssen das Interpolationen italienischer Gelehrter
aus der Zeit vor Paulus sein; sie zeigen, wie auch sonst der Kommentar des Paulus,
in wie früher Zeit in Italien das Verständnis der Regula Gegenstand eingehender
1) Ricerche eull 1 antica biblioteca del monastero della Novalesa, Turin 1894 (estr. dalle
Memorie d. Reale Accademia di Torino, Serie II, Tom. XLIV) pag. 87—92; über Cipollas Nach-
träge vgl. oben S. 640 Anm. 2. 2) S. oben S. 638 Anm. 2.
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(645) 47
Studien geworden war. Man hatte damals und dortzulande die Möglichkeit, von Bene-
dikts Original-Manuskript Gebrauch zu machen 1 ) und entstehende Streitigkeiten im
Keim zu ersticken, gemeiniglich aber zog man vor zu debattieren und schliesslich mit
Willkür zu entscheiden oder eignen Einfallen Raum zu geben.
13. Für England ist der Gebrauch der ßenediktinerregel erst aus dem Ende des
siebenten Jahrhunderts bezeugt.*) Aus einem versteckten Citat Bedas in seiner Schrift
de orthographia, die in diese Zeit oder den Anfang des nächsten Jahrhunderts gehört,
dürfen wir soviel entnehmen, dass die interpolierte Fassung in den nordhumbrischen
Klöstern wenigstens nicht unbekannt war. Als Beispiele für den Gebrauch von aus-
cultare führt Beda an: ausculto suasori et ausculto praecepta magistri*) Er las also
in der Regula prol. 2 ausculta, nicht obsculta.
14. Unser Weg führt uns nach Frankreich zurück und in die Karolingische
Zeit hinein, die wir in der Betrachtung des Paulinischen Kommentars schon voraus-
eilend berührt haben. Einige Jahrzehnte nach dem Tode Chrodegangs, in dessen
Händen wir den interpolierten Text gefunden hatten, gewiss aber noch vor dem Aus-
gang des achten Jahrhunderts, richtete Theodulf, Bischof von Orleans, an den Diöcesan-
Klerus jenen inhaltreichen Hirtenbrief, der am bekanntesten ist durch die Bestimmung
seines zwanzigsten Abschnittes: presbyteri per villas et vicos scolas habeant. Im
nächsten Abschnitt gibt er ganz allgemeine Lehren für ein gottgefälliges Leben der
Priester: cum ergo omnium sanctarum scripturarum paginae instrumentis bonorum
operum refertae sint et per sanctarum scripturarum campos possint inveniri arma r
quibus vitia comprimantur et virtutes nutriantur, licuit nobis huic nostro capitulari
inserere sententiam cuiusdam patris de instrumentis bonorum operum, in qua magna
brevitate, quid agi quidve vitari debeat, continetur. Der hier, man weiss nicht aus
welchem Grund, so unbestimmt gelassene quidam pater ist S. Benedikt und es folgt
bei Theodulf wörtlich das vierte Kapitel der Benediktinerregel. Von der Einzelüber-
lieferung desselben Kapitels, die wir früher angetroffen haben, zeigt Theodulf durchaus
keine Abhängigkeit, aber wie diese ist sein Text aus einem interpolierten Exemplare
der Regula abgeschrieben. Vorausgesetzt nämlich, dass Baronius, der erste Heraus-
geber des Capitulare Theodulfi 4 ), dessen Text die späteren Herausgeber Theodulf»
mehr oder weniger genau wiedergeben 5 ), einer alten Handschrift folgt, ohne selbst zu
interpolieren; doch dies ist wenig wahrscheinlich, da die Abhängigkeit Theodulfs von
S. Benedikt erst Menard festgestellt hat 6 ) und die von Ademar v. Chabannes (f 1034)
geschriebene Handschrift Berlin Phillipp. lat. 93, wie L. Delisle freilich nur im Vorbei-
gehen bemerkt 7 ), von den Drucken sich nicht unterscheidet. Eine ältere Handschrift
1) S. oben S. 6S8 Anm. 8.
2) Anonymi hiator. abbat. Gyrwens. 16 und 25 (Baedae hist, eccles. ed. Plummer I pag. 893
und 397). 3) Grammatici lat. ed. Keil VII 262, 7.
4) Annales eccleaiastici ad a. 885 n. V. 5) Z. B. Migne, Patrol. lat. 105, 191.
6) Concordia regularum pag. 202. 7) Notices et Extraits XXXV 1 pag. 248.
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48 (646)
des Capitulare kenne ich nicht; Bern 689 saec. IX wird von Cuissard 1 ) mit Unrecht
angeführt.
15. Nach 817 — wahrscheinlich sehr bald nachher — ist Smaragds Regel-
kommentar aufgezeichnet worden, da er auf einzelne Bestimmungen des Aachener
Capitulare monasticum verweist*) und, wie er öfters von der Concordia 8 ) und dem Codex
regularum 4 ) des Benedikt von Aniane ausgeht, überhaupt mit den Reformen Benedikts
und Ludwigs des Frommen zusammenzuhängen scheint. Verfasser ist vielleicht der Abt
von S. Michael in pago Virdunensi (St. Mihiel). Er wendet sich an einen ganz andern
Leserkreis als Paulus: er schreibt „für die Einfältigen a6 ) und hält sich daher von
kritischen Vermerken im allgemeinen fern. Seinen Vorgänger in der Erklärung scheint
er nicht zu kennen; wo er an ihn erinnert, hängen beide von älteren Gelehrten ab.
Die bis jetzt veranstalteten Drucke 6 ) geben den Kommentar und damit auch die Citate
aus der Regula S. Benedicti öfters in völlig überarbeitetem Wortlaut. Greift man zu
den Handschriften, so stimmt wenigstens die Pariser lat. 4210 aus dem neunten Jahr-
hundert mit den reinen Handschriften der Regula, so dass wir das Zeugnis des Smaragd,
das wir nach dieser vortrefflichen für uns von H. Lebegue benutzten Handschrift
geben konnten, in unserem ersten Kapitel fast durchweg auf der Linken fanden. Wo
sich Smaragd nach Vorausschickung eines metrischen und prosaischen PROEMIUM
seiner eigentlichen Aufgabe zuwendet, hat der Parisinus (fol. 2 col. 2) folgende zunächst
auffällige Inschrift: INCIPIT PROLOGÜM REGULE PATRÜM. Wenn man sich
erinnert, dass der Titel des von Benedikt von Aniane herausgegebenen Sammelbandes
JRegulae diversae sanctorum patrum und wohl auch kurz Regula sanctorum patrum
lautete 7 ), und ferner die häufigen Hinweise Smaragds auf die beiden Sammelbände
Benedikts von Aniane berücksichtigt, wird man annehmen wollen, dass Smaragd seinem
Kommentar zu Grunde gelegt hat den Codex regularum des Benedikt von Aniane,
der an erster Stelle die Regula S. Benedicti enthielt, und voraussetzen dürfen, dass
Smaragd auch in Einzelheiten dem von Benedikt von Aniane mitgeteilten Texte ge-
folgt ist. Auf die Stelle im Kommentar des Smaragd, an der er trotz aller sonstigen
1) The'odulfe, Orleans 1892, pag. 329.
2) Smaragd, ed. Migne, Patrol. lat. 102, 835 D = Capitular. ed. Boretius pag. 346 n. 30;
Smaragd. 102, 892 D (sed modo ab episcoporum, abbatum et ceterorum Francorum magno concüio
salubre inventum est consüium) = Capitular. pag. 345 n. 27. Vgl. Mabillon, Analect. II 419, and
Sackur, Die Cluniacenser I 62 Anm. 5.
3) Z. B. Cap. 22 (Smaragd, ed. Migne 102, 843—844), Cap. 27 (102, 853 hinc Gregorius Na-
zianzenus ait), Cap. 28.
4) Z. B. Cap. 23 (102, 846 nam et de hoc capittüo Paulus et Stephanus abbates ita scripseruni).
5) Smaragd, ed. Migne 102,691: quamvis eins expositione nonindigeant docti } tarnen simplex
simplieibus grata est eins expositio monachis.
6) Regula S. Benedicti cum commentariis Iohannis de Turre Cremata et Smaragdi abbatis,
Köln 1575, pag. 291— 426; Rabani Mauri opera, VI 246—330, Köln 1626, Nachdruck bei Migne.
den ich citiere.
7) Vgl. Seebass, Zeitschrift f. Kirchengeschichte XV 249.
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(647) 49
Zurückhaltung in kritischen Dingen das Zeugnis der Originalhandschrift S. Benedikts
anruft, ist oben verwiesen worden. 1 )
16. Wir kommen zu Benedikt von Aniane selbst, dessen reformatorisches und
literarisches Wirken schon des öfteren gestreift wurde. Sein Codex regularum scheidet
aus, denn wenn es auch ganz sicher ist, dass in ihm die Regula S. Benedicti an die
Spitze der übrigen hier vereinigten Mönchsregeln gestellt war, so Hess doch die
Trägerin der Ueberlieferung: die jetzt verschollene alte Handschrift aus S. Maximin
bei Trier, deren Vertreter für uns die von Seebass entdeckte Abschrift vom Jahr 1467
im Kölner Stadt- Archiv cod. theol. 231*) und die auf einer anderen Abschrift ruhende
Ausgabe des Holstenius 8 ) sind, diesen ursprünglichen Beginn des Werkes weg. 4 ) Für
die Concordia regularum 5 ) stützte sich Hugo M£nard in seiner Ausgabe 6 ) auf eine
Handschrift aus Vendöme, die leider verloren scheint, und eine Handschrift aus Fleury,
welche jetzt als 233 (203) in Orleans liegt und dem zehnten Jahrhundert entstammt. 7 )
Die erste übertraf gelegentlich die zweite. Leider hat der treffliche Mauriner wie für
die anderen von Benedikt von Aniane excerpierten Regeln, so auch für die Regula
S. Benedicti noch eigene, selbständige Handschriften aufgesucht und gelegentlich still-
schweigend bevorzugt, sodass trotz seiner vorzüglichen Anmerkungen nicht überall
klar wird, welche Lesarten auf die Handschriften der Sonderüberlieferung, welche auf
die des Sammelwerkes zurückgehen. Obgleich ich den Orleanser Codex nicht zur
Kontrolle herangezogen habe, ebensowenig den von Seebass aufgefundenen Parisinus
lat. 10879 saec. X/XI aus S. Lyra in der Normandie 8 ), und den Berliner Phillippicus
108 saec. XI 9 ) aus S. Arnulf in Metz 10 ) nach den von Paul von Winterfeld mir ge-
gebenen Aufschlüssen als interpoliert bei Seite lassen musste, so darf ich doch das im
ersten Kapitel gewonnene Resultat hier nochmals dahin formulieren, dass Benedikt
von Aniane den reinen Text der Regula S. Benedicti gekannt und benutzt hat.
17. In Frankreich um die Mitte des neunten Jahrhunderts hat der Mann, der
unter der Maske des Isidorus Mercator schreibt und sammelt, auch die Benediktiner-
regel für seine Zwecke ausgebeutet. Am Schluss der von Rufin gemachten Ueber-
setzung des ersten Clemens-Briefes, mit dem Pseudo-Isidor den ersten Theil seiner
Sammlung eröffnet, stehen u. a. auch Stücke aus dem Prolog (79— 85 b) und dem
1) Siehe S. 682.
2) Vgl. 0. Seebass, Ueber das Kegelbuch Benedikts vou Aniane, Zeitschrift für Kirchen-
geschichte XV 244—260.
8) Codex regularum, Rom 1661. 4) Vgl Seebass a. a. O. S. 251.
5) Vgl. Seebass* Ausgabe der Regula Columbani, a. a. 0. S. 869.
6) Concordia regularum auctore S. Benedicto Anianae abbate, Paris 1688; Nachdruck von
Migne, PatroL lat. 108, 702—1880.
7) Catalogue genäral des manuscrits des bibliotheques publ. de France XII 119.
8) Zeitschrift für Kirchengeschichte XV 869.
9) Vgl. Rose, Katalog der lat. Meerman-Hss. S. 227. 10) Vgl. Seebass a. a. 0.
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (88) 7
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50 (648)
vierten Kapitel der Regel. 1 ) Benatzt ist eine Handschrift der reinen Klasse. Nicht
nur Ademar von Chabannes*), sondern noch Menard 8 ) hatte angenommen, dass
S. Benedikt aus der Clementine geschöpft habe; erst Mabillon 4 ) hat den Sachverhalt
aufgeklärt.
Wir fassen kurz zusammen, was die alten Citate und Kommentare der Regel
für unsere Textgeschichte bedeuten; von zu frühzeitigen Verallgemeinerungen suchen
wir uns dabei fern zu halten. Eine kritische und exegetische Beschäftigung mit dem
Text der Regel hat frühe begonnen und kann ihre Wirkung nicht ganz verfehlt
haben, obgleich wir davon mehr hören als noch im Stande sind zu sehen. Auf weite
Kreise wirken aber diese geflissentlichen Bestrebungen nicht, diese Konjekturen und
Interpretamente vereinzelter Grammatiker; sondern, ohne Einträge und Veränderungen
im einzelnen, verbreiten sich die Exemplare in einer im allgemeinen festen und stätigen
Fassung. Zunächst überwiegt die interpolierte. Sie ist in Italien, Frankreich und
England zu Hause, Die reine wird, mit einer vereinzelten Ausnahme, erst während
der Herrschaft Karls des Grossen bekannt. Und nun vollzieht sich ein Umschwung,
der ganz deutlich dadurch für uns bemerkbar wurde, dass Chrodegang und Theodulf
noch die interpolierte, Benedikt von Aniane und Smaragd bereits die reine Fassung
benutzen.
Kapitel IV.
Die Handschriften.
Wir wenden uns den Handschriften der Regula zu und empfinden sofort mit
Bedauern, dass die Mauriner, denen alle Pforten geöffnet waren, zu einer kritischen
Ausgabe und damit zu einer Verzeichnung der vorhandenen Codices nicht gekommen
sind. Doch verdanken wir Menard und Martine manchen gelegentlichen Wink und
einige ausdrückliche Nachrichten. Das grösste Verdienst erwarb sich Edmund Schmidt,
der erste in unserer Zeit, der sich um die Ueberlieferung , und überhaupt der erste,
der sich systematisch um sie kümmerte. In einer 1880 zu Regensburg erschienenen
Ausgabe hat er aus der Ueberzahl der vorhandenen Handschriften fünfzehn kurz
verzeichnet und für seinen Text zu verwerten gesucht. Eine kleinere Ausgabe ver-
anstaltete er 1892 ebendort, ohne Beigabe des kritischen Apparates, aber mit Heran-
1) Vgl. Deere tales Pseudo-Isidorianae rec. Hinschius pag. 44, 45, 46 nach der Handschrift
von Modena.
2) R. Mönchemeier, Amalar v. Metz, Münster 1898, 8. 25.
3) Concordia regularum pag. 201. 4) Veter. Analect. II 142.
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(649) 51
ziehung einer wichtigen sechzehnten Handschrift und in vorgeschrittener Erkenntnis
der Ueberlieferungsverhältnisse. Irgend welche Vollständigkeit kann auch ich nicht
anstreben: es sind die ältesten bekannten und einige neu aufgefundene Handschriften,
dazu mehrere junge von Wert, die ich beschreibe, ausgehend von ihrer Stellung zu
der in unserm ersten Kapitel nachgewiesenen Interpolation und innerhalb dieser Unter-
scheidung wieder womöglich von ihrem Alter.
Zur Klasse der Handschriften mit reinem Text gehören die bereits im ersten
Kapitel bestimmten: St. Gallen 914, Wien 2232, München lat. 19408, alle drei aus
dem frühen neunten Juhrhundert. An andern gleichwertigen wird es nicht fehlen.
St. Gallen 914, vortrefflich beschrieben von G. Scherrer (Verzeichnis der Hand-
schriften der Stiftsbibliothek S. 333 — 335); mir näher bekannt durch freundliche
Angaben des St. Galler Bibliothekars Adolf Fäh, und durch viele Aufnahmen der
photographischen Anstalt von Chr. Meyer in St. Gallen ; erwähnt und gewürdigt schon
von Mabillon und Marquard Herrgott, jüngst von E. Schmidt 1 ) und Heribert Plenkers*).
Misst 23,7: 16,3 cm. Besteht aus fünf Teilen, die, wie Schrift und Gliederung der
Lagen beweisen, ursprünglich getrennt waren:
I S. 1 — 172 Regula S. Benedicti, schliesst unvollständig im letzten 73 tel1 Kapitel
mit commemorabis doctri. „Diese Abteilung*, wie Scherrer sagt, dessen von
mir verwertete und bestätigt gefundene Angaben ich hier und im folgenden
wörtlich wiedergebe, „ist auf starkes Pergament . . mit breiter Feder zu
18 Zeilen auf der Seite geschrieben; Hauptrubriken in schwarzen Hohlbuch-
staben, die übrigen rot; Anfangsbuchstaben schwarz oder rot; IX. Jahrhun-
dert Anfang."
II S. 173 — 180 Brief Theodemars an Karl den Grossen. 8 ) „Dünneres Pergament
mit kleinerer Schrift zu 23 Zeilen; saec. IX inc. B Die Schrift ist verwandt
mit der einen spitzig und klein schreibenden Hand, die Varianten an den Band
von I geschrieben hat (= a, vgl. unten S. 650).
III S. 181 — 196 Capitulare monasticum vom 10. Juli 817, Fragment aus der Regel
des Fructuosus (ed. Holstenius a. 1661 II 243), Oblationsformeln und dergl.
„Von anderer Hand des IX. Jahrhunderts zu 21 Zeilen*, von anderem Schrift-
Typus und wahrscheinlich beträchtlich später geschrieben.
IV S. 197 — 233 (diese moderne Paginierung ist aber falsch, es sind infolge eines
Sprunges von S. 204 auf S. 218 dreizehn Seiten zu viel gezählt) Schriftstücke
in Beziehung zu Benedikts von Aniane Reformen und zwar a) Vorschriften
Benedikts für die von ihm reformierten Klöster, b) ihm gewordene Mitteilungen
über Riten von Montecassino, c) erster Brief Grimalts und Tattos an Reginbert
über ihren Besuch in Benedikts Musterkloster, d) Bericht über besonders einge-
1) In der Einleitung der kleineren Ausgabe.
2) Historisch-politische Blatter 1896, S. 264. 265.
3) Genaue Angaben in den Anmerkungen zum fünften Kapitel.
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52 (650)
schärfte Bestimmungen der unter Benedikts hauptsächlicher Anteilnahme ge-
gefassten letzten Konzil-Beschlüsse, e) Benedikts Poenitentiale, f) zweiter an-
onymer Brief Grimalts und Tattos an ihren Abt. „Saec. IX zu 26 Zeilen
von anderer Hand*, noch später als der vorige Teil.
V S. 234 — 285 Martyrologium Hieronymianum (vgl. Rossi und Duchesne, A. SS.
Nov. II 1 pag. XXXVIII in eckigen Klammern) und Kalendariura, in das später
St. Galler nekrologische Notizen eingetragen sind (ed. Dümmler und Wartmann,
Mitteilungen zur vaterländ. Geschichte her. v. histor. Verein in St. Gallen
Heft XI 25, vgl. Necrolog. Germaniae ed. Baumann I 464). Das Martyrologium
,saec. VIII/IX wieder in der breiten Schrift der Regula Benedicti, 21 Zeilen
auf lederartigem Pergament", im sog. Necrologium ,22 Zeilen auf gleichem
Pergament wie vorher, die ruinierten Kalenderdata von derselben breiten Hand,
die Namen schwarz in kleinerer Schrift von Mehreren s. IX— X*; der Aelteste
gleicht dem einen Schreiber von a.
Von diesen fünf Teilen kommt hier nur der erste in Betracht, welcher die Regula
enthält. Die Lagen sind sehr unregelmässig: es folgen sich ein Ternio, ein um ein
Gegenblatt verkürzter Quinio, drei Quaternionen, ein um zwei Gegenblätter verkürzter
Quinio, ein Quaternio, ein Ternio, ein Quaternio, zwei Ternionen, ein Ternio, dessen
letztes Blatt mit dem Schluss der Regula weggeschnitten ist. Die Hand des Textes in
den so zusammengesetzten 172 Seiten scheint durchgehends dieselbe; am Rand sind
zwei gleichzeitige Hände thätig, zu den Lesarten des Textes (= A in unserm ersten
Kapitel) fortlaufende Varianten (= a ebenda) in kleinerer Schrift zu adnotieren. Dabei
herrscht folgendes System. Alle Adnotate am Rand, seien es Zufügungen oder einfache
Varianten, stehen zwischen Doppelpunkten. Handelt es sich um Zufügungen, so steht
im Text an der Stelle, wo die Zufügung ergänzt werden soll, ein Doppelpunkt.
Handelt es sich um einfache Varianten, so steht im Text vor dem betreffenden Buch-
staben oder vor der betreffenden Silbe, für die am Rand eine andere Lesart mit-
geteilt wird, anfänglich ein Gebilde von drei Punkten, im weiteren Verlauf immer
regelmässiger ein Doppelpunkt; auch hinter der betreffenden Silbe sollte ein Doppel-
punkt stehen, doch wird er dort häufig weggelassen, bisweilen tritt ein einfacher Punkt
an die Stelle. Soll angezeigt werden, dass im Text ein Buchstabe, eine Silbe, ein
Wort, ein Satz steht, der im kollationierten Exemplar fehlt, so unterbleibt am Rand
jede Andeutung; im Text aber steht vor dem betreffenden Buchstaben (oder vor dem
betreffenden ersten Buchstaben) folgendes kritische Zeichen -r- , hinter dem betreffenden
Buchstaben (oder hinter dem betreffenden letzten Buchstaben) wieder der Doppelpunkt.
Ist im Text der Raum zwischen den einzelnen Buchstaben beschränkt, so stehen die
verwendeteten Zeichen wohl auch über der Linie. Es sehen also die in unserm ersten
Kapitel angeführten Lesarten vom Prolog der Regula bis zum siebenten Kapitel in
der Handschrift folgendermassen aus:
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(651)
53
\m:
Text der Handschrift (= Ä)
prol. 2 Obsculta :
47 dicentes -r- ei
48 hdbita : zw'tf in ta : uernacülo
51 : dicens :
72 •: is
85 Ja :• uernaculi
81 :• militanda
82 :• Mt wos
83 iw : ueat
87 — Aano:*) Zuci«
89 perpetu : o
90 er^o : nobis
97 -£- r« : /ttjrött
102 :• discidentes in eins doctrina •:
104. 105 :ut et regno
cap. 4,44
: zelum non habere invidiam non exercere :
cap. 6,15
da sunt a prior -e -r- cum omni humi
litate et subiectione reueren
tiae requirantur:
cap. 7,7 ambula : bi :
cap. 7,10 retribuiis:
cap. 7,26
omni : a quae praecepit deus -r- «tf qualiter
et contemnenteß deum gehenna
de peccatis incendat : et ui : ta : aeter :
na quae timentibus deum -r-prae : pa
rata est animo suo semper -r-e\ud :
: bat : -\~ et : custodiens
cap. 7,31 linguae : manuum
: de • mergit
domino : factorum nostrorum
opera : nuntiantur
in opere -f- dei :
cap. 7,50
cap. 7,63
cap. 7,142
Aeusserer RandderHandschrift(=a)
: auscvUta :
b: b:
: ac dicentem :
: his:
:b:
: militatura 1 ) :
: in nobis :
: um :
: a :
: discedentes :
die Bandschrift ist weggekratzt
: cum modo \ in summa \ reuerentia \
ne uideatur plus (loqui eras.)
loqui quam (quam superscr.) expedit :
: ui:
: es:
: um : qualiter contemnentes deum
in gehennam pro peccatis ince(?)dunt :
: tarn : nam
:uat :
: oculorum :
:di:
: factori nostro :
: nostra :
1) tura von der anderen Hand; es war fälschlich auch am Rand müitanda geschrieben.
2) -f- hanc : ist in kleiner der Handschrift entsprechenden Schrift zugefügt.
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54 (652)
Wegen des Schriftcharakters verweise ich auf meine Tafel IV. Man erblickt den
unverkennbaren Typus der Schreibprovinz Chur— St. Gallen — Reichenau— Murbach.
Ich citiere einige aus Abbildungen bekannte Beispiele: für Chur aus der Zeit des
Remedius (800—820) die Handschriften St. Gallen 722 (Monum. Germ. LL. V tab. 2, 1)
und 348 (Palaeographical Society I 185, Gelasian Sacramentary ed. by Wilson, Fronti-
spiece); für St. Gallen aus den ersten Jahren des neunten Jahrhunderts die dortige
Handschrift 916 *) und die Handschrift 733 vom Jahr 825 (Pal. Soc. I 205), in welch
letzterer die Eigenthümlichkeiten des Typus zu verschwinden im Begriffe stehen; für
Reichenau den Augiensis IC in Karlsruhe (Silvestre pl. 242) und die mit unserer
Handschrift vollständigst übereinstimmende Leiden Voss. Q. 5 (SS. rerum Merovingicar. II
tab. 1); von unbestimmter letzter Herkunft, aber, wie ich glaube, aus derselben Provinz
stammend ist z. B. auch der aus Freising übernommene Orosius in München lat. 6308
(Silvestre 136).
Eigentümlich ist die Orthographie in unserer Handschrift. Am Rand (a) ganz
korrekt, ist sie im Text (Ä) für einen deutschen Schreiber der Karolingischen Zeit
äusserst auffallig. Ich notiere aus A beispielshalber folgende Eigenheiten, die von a
durchweg berichtigt sind:
b und u vertauscht
adiubasti abominaviles
salbentur acceptavilis
serbetur deviles
evolbat, involbant, provolbantur habitavit (satt -bit)
abaritiae invecillitatem
sibe stavilitatem
obis iuvere
nobi, nobiter, nobiciorum morvida
nobembres arvitrio
bapulent tavernaculutn
au
obscultare (s. oben S. 606) clusura
i q
discidentes statt discedentes quirieeleison.
Dabei ist die Sorgfalt der von A gebotenen Abschrift überall ersichtlich; kleine
Schreibfehler wie murio statt murmurio^ declinentes statt declinantes sind recht selten.
Der Gebrauch der Handschrift zu kritischen Zwecken ist dadurch sehr erschwert, dass
ganz junge Hände den Text, aber auch oft bloss die nicht mehr verstandene Form
der Buchstaben abgeändert und überschmiert haben. Oft geben aber die weniger
1) Vgl. unten S. 660.
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(653) 55
beschädigten Varianten am Rand den Schlüssel zum Verständnis, insofern man aus
ihnen immer ersieht, was im Texte nicht gestanden haben kann.
Als Titel giebt pag. 1 : in omine (so) domini nostri Iesu \ Christi incipit prologus
regüle \ patris eximii beati Benedicti, pag. 13 nach dem Kapitelverzeichnis: incipit
textus regule. \ regula appellatur ab h \ oc quod oboedientum diri \ gat mores. Die
unerhörte Zeilenbrechung zwischen Aspiration und übriger Silbe, wie hier in h~oc,
begegnet in A noch öfters.
Wien 2232 (lur. can. 128), beschrieben in den Tabulae codd. II 39, für mich
von Th. Gottlieb benutzt. Nach der Schätzung in den Tabulae und bei E. Schmidt,
der den Text der Regula zuerst herangezogen, aus dem zehnten Jahrhundert, in Wahr-
heit aus dem beginnenden neunten. Umfasst zwei ursprünglich getrennte Codices mit
eigenen Quaternionenzählungen, die aber beide vom gleichen Schreiber sind.
I fol. 1 — 61 (= sieben Quaternionen, drei Einzelblätter und ein Doppelblatt):
Regula S. Benedicti, welche fol. 59 unten mit pervenies richtig schliesst; es
folgen fol. 59 v die Verse des Simplicius (s. meine Urkunde I), fol. 59 v — 60 ein
Stück mit dem Beginn Eaque sanctus pater Benedictes in hac regule bis
nectantur (ed. Hattemer, Denkmahle des Mittelalters I 129 aus der St. Galler
Handschrift 916), dann fol. 60 folgendes Stück: Modicum tempus relictum est
nobis et parvum intervallum positus (so) est nobis ad perficiendum quae in hoc
volumine conscripta sunt. Nobis relicta est hora undecima, id est Jwra un-
decima finis seculi esse intellegitur. Ad laborandum positi sumus in vineam
Christi, id est in aecclesiam certemus et laboremus, ut primi dinarium a pro-
curatore (e aus i) vinee recipere mereamur y id est a domino nostro Iesu Christo
perpetuam mercedem in vitam aeternam. tarn seculum dereliquimus, in mona-
sterium introibimus; dann fol. 60 v die oben (S. 630) mitgeteilte Subscriptio,
fol. 60 v — 61 v ein Promissions-Ritual (gab aus dieser Hs. heraus Herrgott, Vet.
disciplina monast. pag. 590).
II fol. 62 — 102 (die erste Seite ist leer): kanonistische Excerpte, darunter fol. 62 v
bis 63 das Capitulare Baiuvaricum (ed. Boretius, Capitular. I 158) wahrscheinlich
vom Jahr 803 (s. Boehmer Reg. 396) und fol. 92— 102 v Karls des Gr. Ad-
monitio generalis vom 23 März 789 (ed. Boretius pag. 52).
Nach den Ermittelungen Th. Gottliebs war die Hs. sicher schon 1575 in der
Wiener Hof-Bibliothek. Dorthin ist sie aber nicht aus Mondsee gekommen, wie
E. Schmidt auf Grund einer auf dem Deckel stehenden, von ihm falsch gelesenen
Notiz angiebt, sondern vielleicht aus Worms oder von den Fratres Sanctae Crucis aus
Köln, wie Gottlieb aus einer alten Signatur glaubt folgern zu dürfen. Dennoch kann
sie, wie die Aufnahme des Capitulare Baiuvaricum zu beweisen scheint und der Schrift-
charakter nicht ausschliesst, in einem bayerischen Kloster geschrieben sein. Auf das
Kapitelverzeichnis folgt die Inskription: incipit textu (so) regule in schwarzer, dann
regula appellatur ab hoc eo (so) quod oboedientium dirigat mores in roter Schrift.
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56 (654)
München lat. 19 408 (Tegernsee 1408 = Cimel. 306), ein zierlicher Band von
61 Blättern, der Text 7,5:14 cm; an zwei Schreiber des beginnenden neunten Jahr-
hunderts so verteilt gewesen, dass der erste die ersten drei Quaternionen (fol. 2 — 25),
der zweite die beiden folgenden unregelmässigen Lagen (zwei durch Wegschneiden je
zweier verschiedener Gegenblätter zu Quaternionen gemachte Quinionen, fol. 26 — 41),
der erste wieder die beiden folgenden Quaternionen und die letzte ganz unregelmässige
Lage dieser Gestalt angefertigt hat:
u 58 59 v w 60 61 x y z.
Fol. 59 ist erst um ein Jahrhundert später geschrieben, sodass die betreffenden Ab-
schnitte der Regula (cap. 68, 6 non superbiendo bis 71, 6 -vata imperia) aus diesem
Codex für die Kritik nicht in Betracht kommen. Denn wenn auch, wie es in solchen
Fällen zu sein pflegt, die schadhaft gewordenen ursprünglichen Seiten den als Ersatz
angefertigten zur Vorlage dienten, so haben doch überall in diesem Bändchen spätere
Korrektoren ihr Wesen getrieben, und während man fast überall die Lesarten erster
Hand von den korrigierten unterscheiden kann, so fehlt dazu die Möglichkeit auf dem
Ersatzblatt, das die Korrekturen bietet, ohne dass wir den Korrektor sähen.
Ein eigentümliches Aussehen erhält das Büchlein von der, man weiss nicht ob
diskret oder ärmlich, angewandten Dekoration in merowingischem Stil und der Ver-
teilung der Schrift per cola et commata. Die Ueberschrift über dem ersten Kapitel
ist in grüner, die über den folgenden bis zum zweiundzwanzigsten in roter Unciale;
von hier an wechseln, einige Versehen abgerechnet, die roten und grünen Ueber-
schriften wohl in Folge einer Anregung, welche dem Miniator vom zweiten Schreiber
geworden war. Den Ueberschriften folgt überall die erste Zeile des Kapitels in eben
so grosser, aber nicht farbiger Unciale; nur die viel grössere oft bis in die vierte Zeile
und tiefer herunterreichende Initiale, die aus Geriemsel, ganz selten aus Fischleibern
gebildet wird, ist in Rot, Grün nnd Ocker. Nun schliesst sich in ziemlich kleiner
Minuskel der übrige Text an, hergerichtet für bequeme Lektüre dadurch, dass er in
grössere und kleinere Sätze und Satzteile aufgelöst ist, welche im Schriftkörper ebenso-
viele Absätze bilden. Hervorgehoben ist jeder Absatz durch eine eigenartige Behand-
lung der ersten Silbe des ersten Wortes oder, wenn sie selbst oder der verbleibende
Rest des Wortes nur aus einem Buchstaben bestehen würde, des ganzen ersten Wortes:
dieses Gebilde nämlich ist immer rot, der erste herausgerückte und etwas vergösserte
Buchstabe ist immer in Unciale, bisweilen auch das ganze Gebilde. Man kann hier
einmal die Gesetze der Silbenbrechung am Beginn der Zeile beobachten. Z. B. wird
in Kapitel 25 rot ausgezeichnet und gebrochen: NulQus), So(lus)i Sci(ens), Tra(ditum) y
Ci(bi), Nee; anderswo begegnet Una, Quia, Dixi (weil der Schreiber in nicht un-
gewöhnlicher Weise dix-i brach und das dann allein stehende i vermeiden wollte),
Xpb, Nob (=noW«), Apas(eha) d. h. a pascha (denn die Präposition gehört, wie
immer, proklitisch zu ihrem Nomen); Schreibungen wie 0(böedientiatn) sind selten.
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(655) 57
Derjenige Teil einer Zeile, der am Schluss eines Absatzes leer blieb, ist ganz selten
mit einer Reihe kleiner, auf der Zeile liegender Strichelungen, einer Art von SmXaT
ausgefüllt. Wirkliche Accente, zur Erleichterung richtiger Aussprache beim Vorlesen,
hat erst ein Späterer hinzugefügt; die Neumen über den Worten von cap. 20,2—5
können ursprünglich sein. Ungewöhnliche Abkürzungen wie riis (= nostris), nos
(= nostros) werden von beiden Schreibern des Textes gleichmässig verwendet. Auch
ist ihre Schrift wenig unterschieden. Sie fällt dureh ihre Kleinheit auf, in der sie etwa
mit Paris lat. 7906 (Chatelain pl. LXVI) verwandt ist. Noch mehr als in diesem Virgil
mochte bei der Anfertigung unsrer Regula die Rücksicht auf Kürze und Handlichkeit
mitgesprochen haben. Die wichtige Frage, ob die Münchner Handschrift in Tegernsee,
woher sie uns zukam, auch geschrieben wurde, lässt sich mit Sicherheit nicht beant-
worten. In Schrift, Dekoration, Format, überhaupt der ganzen Art finde ich unter
unsern alten Tegernseenses keinen mit 19408 sich deckenden, doch ist 18168 nicht
ganz unähnlich. Man sehe meine Tafel III.
Die erste Seite (fol. 2 r ) ist, wie öfters in älteren Handschriften, auch in dem
Codex der Regula von einer, hier ziemlich rohen, Darstellung des unter einer Arkade
stehenden Kreuzes eingenommen. Ueber und unter den Querbalken steht von einer,
wie es scheint, etwas jüngeren Hand in Kapitale: incipit textus regulae. regula ap-
pellatur ab hoc quod oboedientium dirigat mores. Auf der Rückseite (fol. 2 V ) beginnt
der Text mit folgenden Worten in Unciale: incipit regula a sancto Benedicto aedita,
cuius vitatn atque virtutes beatus papa (darüber von anderer Hand nana tna) Gregorius
in libris dialocorum (so) disscripsit; diese vier Zeilen sind abwechselnd rot und schwarz
geschrieben. Die sehr merkwürdige Subscriptio (fol. 61), die den Worten der Regula
pervenies amen, explicit regula. facienti (REGE FACTI in der Hs.) haec vita erit
eterna folgt, kann erst in anderem Zusammenhang angeführt werden.
Der Wert der Handschrift (= T) wurde von E. Schmidt erkannt. Ihr Text, für
den ich mich auf meine vollständige Neuvergleichung stütze, gehört in die nicht inter-
polierte Klasse; doch ist er so entstanden, dass die Varianten eines reinen Exemplares
in ein interpoliertes waren eingetragen worden und dass entweder bei dieser Arbeit
oder später, als T aus dem korrigierten Exemplar abgeschrieben wurde, Versehen mit
unterliefen. Genug, es stehen auch in T noch Lesarten der interpolierten Klasse,
andere haben wenigstens gestanden, der Schreiber ist aber rechtzeitig auf die in seine
Vorlage eingetragenen Verbesserungen aufmerksam geworden, kratzte die schon ab-
geschriebene Interpolation weg und setzte die reine Lesart an die Stelle. Z. B. hat T
cap. 4, 44 eelum non habere invidiam non exercere auf Rasur, darunter aber sieht
man zelum et invidiam non habere; cap. 7, 31 liest man jetzt linguae manuum pedum,
unter manuum aber erkennt man octdorum. T ist deshalb kein besonders zuverlässiger
Vertreter der reinen Ueberlieferung und gleich beim ersten Wort der Regel sahen
wir oben ihn entgleisen.
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wias. XXI. Bd. III. Abth. (84) 8
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58 (656)
Die folgenden drei Handschriften, die ich kurz abthun kann, gehören wohl der
eben behandelten Klasse mit reinem Text an, zeigen aber an den ursprünglich un-
grammatischen Stellen sowohl des reinen als des interpolierten Textes eine durch-
geführte grammatische Glättung. Man unterscheidet sie und ihres Gleichen von den
Angehörigen der später zu besprechenden kontaminierten Klasse, die die meisten
Glättungen mit ihnen gemein hat, am schnellsten durch einen Blick in den Prolog.
Die kontaminierte Klasse hat wie die interpolierte prol. 90—93 sed si compleamus
habitatoris officium, erimus heredes regni caelorum und dann gleich weiter ergo prae-
paranda sunt corda et corpora etc. wie die reine; die emendierte Gruppe der reinen
Klasse kennt den Einschub erimus heredes regni caelorum nicht, wie sie eben frei ist
von den Eigentümlichkeiten der interpolierten Klasse, soweit diese nicht ihrerseits mit
einfachen Mitteln hergestellte Glättungen sind. Doch muss ich bekennen, dass mein
Material nur zu Wahrscheinlichkeitsschlüssen berechtigt, und z. B. die Handschrift
München 6255 aus Freising saec. X/XI zeigt sich anfangs nur von grammatischen
Fehlern gereinigt, von denen sie übrigens mehr stehen lässt als die drei hier zu einer
Gruppe vereinigten, im Verlauf aber weist sie Hinneigung zur interpolierten Klasse
oder auch einen kontaminierten Text auf.
Paris lat. 13 745, in S. Germain-des-Pres wahrscheinlich um 860 geschrieben,
anschliessend an das wahrscheinlich eigenhändige Martyrolog des Usuard. Die Regel
fol. 90 v — 156 ohne Ueber- und Unterschrift. Vgl. die Beschreibung von A. Molinier
(Obituaires fran^ais pag. 168). Ich verdanke die Textprobe (= P) H. Lebegue.
Zürich, Kantonalbibliothek Hist. 28, über Rheinau aus der Reichenau
gekommen, vom Ausgang des neunten Jahrhunderts. Schluss der Benediktinerregel :
pervenies. amen, explicit regida . facientibus haec vita erit aeterna. amen. Vgl. die
Beschreibung von Keller (Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft in Zürich VI 38).
0. Schulthess und G. Meyer von Knonau waren so gütig, weitere Auskunft zu geben,
der letztere verglich mir ferner mit gleicher Güte den Prolog (= Z).
Karlsruhe, Augiensis CXXVIII, aus dem neunten Jahrhundert. Die Regel
beginnt fol. 3 unvollständig mit eritis. nolite obdurare (prol. 22); auf den Kapitel-Index
folgen die uns bereits bekannten Worte (fol. 7 V ): incipit textus regülae . regula appel-
Ixtiur ab hoc quod oboedientium dirigat mores; Schlussschrift, den Worten pervenies.
amen folgend, ist (fol. 71 v ) explicit regida patris eximii sancti Benedicti. facienti
haec vita erit aeterna. Vgl. die Beschreibung von A. Holder (Römische Quartalschrift
III 205). Derselbe spendete mir freundlichst die Textprobe (= K).
Es finden sich, vom Orthographischen abgesehen, in P, Z und K (von v. 22 an)
folgende vermeintliche Verbesserungen innerhalb des Prologes, die sämtlich auch in
der Handschrift St. Gallen 914 im Text durch die kritischen Zeichen oder am Rande
vollzogen sind.
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prol. 2 obsculta] ausculta PZ
6 mihi sermo dirigitur] meus P (michi Z)
16 irritatus a malte nostris) a om. P Z
37 quid dulcius nobis ab hac voce] ab om. Z K, ^ras. P
50 audiamus dominum respondentem et ostendentem nobis viam ipsius tabema-
culi dicens] ac dicentem P Z K
79 ergo praeparanda sunt corda et corpora nostra praeceptorum oboedientiae
militanda~] militatura P Z K (K corr. e militanda)
81 quod minus habet in nos natura possibile] nobis P Z K
96 non üico pavore perterritus refugias viam salutis] fugias Z K.
Der interpolierte Text der Regula findet sich in folgenden schon in unserm
ersten Kapitel charakterisierten Handschriften: Oxford Hatton 42, Verona LH (50),
St. Gallen 916, Würzburg Mp. th. q. 22. Hier reihe ich ihnen noch an die jetzt ver-
schollene Narbonner Handschrift, und Cambridge, University Library LI. I, 14. Ueber
St. Gallen 917 vgl. oben S. 634.
Oxford, Bodleian Library, Hatton 42, ziemlich gut beschrieben von West-
wood (Fac-similes of the Miniatures of Anglo-saxon Manuscripts, London 1868, pag. 8).
Ich benutze mir von Robinson Ellis und H. Stuart Jones freundlichst gewährte Auf-
schlüsse. Eine vollständige und, wie man voraussetzen darf, befriedigende Vergleichung
des Papyrologen Arthur S. Hunt ist in der Ausgabe Benedicti regula ed. E. Wölfflin,
Leipzig 1895, verwertet, aber nur zum Teil veröffentlicht worden, vgl. Archiv f. lat.
Lexikographie IX 495 fFg. Mir hat Jones mit grosser Freundlichkeit die sämtlichen
in dieser Arbeit aus dem O(xoniensis) angeführten Stellen nachverglichen. Der Quartant
enthält nur die Regula. Vorhanden sind 76 Blätter, die sich auf neun Quaternionen
und einen Binio verteilen; hinter diesem ist ein Blatt verloren mit dem grössten Teil
des letzten Kapitels der Regula. Oder vielleicht stand dieses Stück, wie Edward B.
Nicholson vermutet, ursprünglich auf der Innenseite eines Pergament-Einbandes. Ueber
der ersten Zeile des in zwei Kolumnen geschriebenen Textes steht, wie Nicholson
durch Anwendung eines chemischen Reagens festgestellt hat: praefatio reg + tdae B
in Uncialen; aber was auf g folgt, ist von späterer Hand. Ueberhaupt ist der ganze
Text und zwar (bis auf die Korrekturen), wie mir versichert wird, von derselben
Hand in dicker wenig altertümlicher Unciale geschrieben. Man vergleiche Th. Astle,
Origin and Progress of Writing, 1784, Tab. IX p. 82 und meine Tafel I. Die Kapitel-
Ueberschriften sind rot und etwas zierlicher. Die Initialen der Kapitel (vgl. Astle,
Tab. VIII p. 80, und Tymms and Wyatt, Art of Illuminating, PI. I) sind in angel-
sächsischer Manier, gross, rot, mit schwarzem Rand und roten Umtupfelungen. Die
Ueberschrift von cap. 33 ist in spitziger angelsächsischer Halbunciale: vgl. meine
Tafel, die die letzte Seite des fünften Quaternio darstellt; nach dem Wechsel in der
Schriftart, der zugleich eine Raumersparnis bedeutet, sollte man meinen, der nächste
8*
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60 (658)
Quaternio sei einem andern Schreiber in Arbeit gegeben worden, es wird die9 aber
von den Oxforder Gelehrten bestritten. Auch von den Korrektorenhänden, im ganzen
fünf, die vom achten bis zum vierzehnten Jahrhundert ihre mannigfaltigen Verbesse-
rungen angebracht haben, tragen 0* (saec. IX) und O 8 (saec. X) insularen Charakter;
O 4 schreibt karolingische Minuskel, o gehört dem vierzehnten Jahrhundert an ; O l be-
dient sich der Unciale und ist fast, wenn nicht ganz, gleichzeitig mit 0. Die An-
zeichen insularer Provenienz sprechen im ganzen Codex so deutlich, dass das zuerst
wohl von Astle verzeichnete Gerücht, der Oxoniensis gehöre zu den von Augustin mit-
gebrachten Handschriften, keiner Gegenrede bedarf. Thomas von Elmham im fünf-
zehnten Jahrhundert, auf den sonst ähnliche Nachrichten zurückgehen, kennt dieses
Gerücht noch nicht. Der zweite Lord Hatton 1 ) hat etwa im Jahr 1675 mit vielen
andern wertvollen alten Mannskripten, die z. B. aus Glastonbury*), Canterbury 8 ),
Worcester 4 ) stammen und wohl alle hauptsächlich im Süden Englands gesammelt waren,
auch der Bodleiana geschenkt. Dies ist das einzige, was sich urkundlich feststellen
lässt. Vermuten darf man, dass im achten Jahrhundert im kentischen Kulturkreis
geschrieben wurde.
Die Autorität der schon von Martene herangezogenen Handschrift ist stets über-
schätzt worden. Es mag dazu die Ehrfurcht vor der in ihr angewandten Uncial-Schrift
nicht wenig beigetragen haben. Sie gehört, wie wir oben im ersten Kapitel fest-
gestellt haben, thatsächlich nicht nur in die Klasse der interpolierten, sondern ist unter
diesen die fast am wenigsten brauchbare, da sie von Sonderlesarten strotzt, die ebenso
viele haltlose eigne Einfälle des Schreibers bedeuten.
Handschrift in Narbonne, jetzt wie es scheint verschollen. Nach Martine aus
dem achten Jahrhundert. Seine sporadischen Mitteilungen berechtigen zu dem Schluss,
dass sie der interpolierten Klasse angehörte. Man vergleiche die Noten Martönes zu
cap. 6, 16; 7, 81; 28, 10; 48, 9. Eine Reihe von Sonderlesarten, erklärenden und
sachlichen Zusätzen werden angeführt zu cap. 42, 14; 48,18; 48,22; 63,33; 65,38;
67,14. Alles in allem eine Handschrift von der Art des Oxoniensis, deren Verlust
weiter nicht zu bedauern ist.
Verona LH (50), ein Miscellanband im Hochformat von 22: 10 cm. Der In-
halt ausführlich angegeben von Reifferscheid (Bibliotheca patrum I 104), vgl. Duchesne,
Libef pontificalis I pag. LV. Die Hauptsachen: ein Homiliar (vgl. Bäumer, Geschichte
des Breviers S. 286 Anm. 5), die Benediktinerregel fol. 101 v — 180 v , eine Klosterpredigt
(ine. amen dico vobis, expl. te utilem in omnibus bonis exhibere, mir von Graeven
abgeschrieben), Dicta saneti Efrem, Auszüge aus Gregors Dialogen, das Itinerar von
1) W. D. Macray, Annais of the Bodleian Library 2 , Oxford 1890 pag. 142.
2) Canonum collectio Hibernensis, Hatton 42 (s. Bradshaw, Collected Papers pag. 471, and
Zimmer, Nachrichten der K. Gesellschaft d. Wissenschaften zu Göttingen, phil.-hist. Klasse 1895
S. 163); Bedae historia ecclesiastica, Hatton 43 (s. Beda ed. Plummer I pag. CXIII).
3) Hatton 30 (s. Schenkl, Bibliotheca patr. Britannica I 1 n. 4076.
4) Hatton 20 und 76 (s. Macray 1. c).
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(659) 61
Bordeaux (vgl. Mommsen, Chronica minora I 516), Notitia Galliarum (ebenda pag. 563),
sog. Epitome Cononiana des Liber pontificalis (vgl. Duchesne 1. c). Aus dem letzten
Stück wird die Altersbestimmung gewonnen; es folgt nämlich der Epitome ein Ver-
zeichnis der Päpste von Sergius II. bis Paulus (767). Da das letzte Blatt der Hand-
schrift fehlt, kann das Verzeichnis weiter gegangen sein und geht thatsächlich in dem
gleich zu erwähnenden Codex Paris lat. 2123 bis Hadrian (795). Man könnte an-
nehmen, dass dahin schon die gemeinsame Vorlage reichte; wahrscheinlicher ist wegen
des im Parisinus zu den Zahlen für Paulus ungewöhnlich zugefügten Synchronismus
in anno XI Pippino rege indictione XF, dass hier der ursprüngliche Schluss war.
Man sieht, für das Alter des Veronensis ergibt diese Betrachtung nichts Gewisses,
aber Reifferscheids Ansatz „saec. X" ist wegen des Schriftcharakters gänzlich ausge-
schlossen. Der durchgeführte Gebrauch von uncialem 5 m d der sehr häufige von R
bei sonst gleichmässig schöner, weitläufiger Minuskel (nur a hat diese Uncialform
und daneben die aus der Halbunciale entwickelte von zwei oben geschlossenen c) ist
durchaus für frühere Zeit. Ganz sicher ist die geographische Bestimmung. Die im
Veronensis vorliegende Art der Ueberlieferung des Liber pontificalis ist in einer be-
stimmten Gegend von Burgund lokalisiert. Die zweite noch vorhandene Abschrift der
Epitome Cononiana, Paris 2123, ist in Flavigny entstanden (vgl. Zeumer, Formulae
Merowingici aevi pag. 469). Ebendort verfasst ist das Chronicon universale vom Jahr 741,
das allein von der Epitome Gebrauch macht, und von den Handschriften dieses Chro-
nicon ist wieder Leiden Scaligeri 28 in Flavigny geschrieben und eine andere liegt
in Besan$on (vgl. Bibliothöque de TEcole des Chartes 56,758). Paris 2123 (bei Du-
chesne pl. 1, 1) gehört freilich einer anderen Schreibschule an als Verona LH (bei mir
Tafel II); München 246, eine dritte Abschrift des Chronicon, zeigt wieder ganz für
sich stehende Einzelheiten. Aber wahrscheinlich bleibt, dass der V(eronensis) um das
Jahr 800 in einem burgundischen Kloster geschrieben wurde.
V ist zuerst von E. Schmidt herangezogen worden und oben von mir in einer
von Hans Graeven gefertigten Vergleichung der von mir ausgelesenen Stellen. Seine
Stellung innerhalb der interpolierten Klasse ist klar. Merkwürdig ist die Ueberschrift
incipit regtda a sancto Benedicto Bomense edita. Die letzten Worte sind deo pro-
tegente veniamus. amen, explicit regula.
St. Gallen 916. Berühmte Handschrift der althochdeutschen Interlinear- Version
der lateinischen Benediktinerregel. Zu der sorgfältigen Beschreibung von Scherrer
(Verzeichnis der Hss. der Stiftsbibliothek S. 339) kommt der Nachtrag von Piper (am
anzugebenden Orte S. 162). Meine Hilfsmittel für den Text sind die Ausgaben der
Handschrift von Hattemer (Denkmahle des Mittelalters I 1844 S. 26—130) mit der
Revision von E. Steinmeyer (Zeitschrift für deutsches Altertum XVII 431) und die von
Piper mit einer übertriebenen und dadurch unwirksamen Akribie hergestellte, in der
auch die auf die Regel folgenden Stücke, wie alles Uebrige, zeilengetreu und mit allen
Abkürzungen wiedergegeben sind (Kürschners Deutsche Nationalliteratur 162. Band
= Piper, Nachträge zur älteren deutschen Literatur, S. 22 — 162).
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62 (660)
Der Kern des S(angallensis) ist die interpolierte Regula (pag. 9 — 157 der Hand-
schrift), die mit den Versen des Simplicius beginnt und mit den Worten deo pro-
tegente veries (so) amen (pag. 157) und explicit regula S. Benedicti abbatis (pag. 159)
schliesst. Vorgesetzt sind verschiedene Stücke: 1) pag. 2 — 6 capitata, das innerhalb
der Regula weggelassene Verzeichnis ihrer Kapitel, 2) pag. 6—7 de moribus per-
fectionis, ein Füllsel (ine. fides cum opera, desiderium cum perseverantia, expl. tunc
perfectus est homo, quando plenus est caritate), 3) pag. 8 — 9 ergo preparanda sunt
corda bis mereamur esse consortes. amen, d. h. der Schluss des Prologus, wie er in
den reinen Texten lautet (= prol. 79 — 105). Am Schluss der Regula ist zwischen
veries amen (pag. 157) und dem explicit (pag. 159) folgendes eingesetzt 1) pag. 157 — 158
equidem sanetus pater Benedictes bis inserta nectuntur, dasselbe Stück also wie in
der Wiener Handschrift (oben S. 653), 2) pag. 159 hie est via, quae (so) tendebat
dilectus domini sanetus Benedictus pater multorum monachorum, in quo (so) in celum
ascendisset. istam viam nobis ostendit et exemplum prebuit. felices sunt, qui seeuntur
eam. explicit u. s. w. Nach dem so zusammengesetzten Regeltext stehen in S noch
verschiedene unzugehörige Stücke (pag. 159 — 172), die unbesprochen bleiben können.
Während in der deutschen Interlinearversion mehrere Hände sich ablösen, sind die
lateinischen Texte in S fortlaufend von Einem Schreiber geschrieben, und z. B. das
Supplement des Prologes ist nicht etwa durch Blattversetzung an den Anfang ge-
kommen. Vielmehr gibt sich S durch diesen Umstand und auch in Einzelheiten des
Wortlautes als das missglückte Resultat eines Versuches, der aus dem interpolierten
Text einen reinen zu gestalten bezweckte. Das Supplement lag ursprünglich auf einer
besonderen Schede bei, und es war Auftrag gegeben worden, es vor dem Kapitelver-
zeichnis einzuschalten. Dies war der Ausgangspunkt der Verwirrung. Jegliche Ueber-
schrift der Regel fehlt.
Aus dem Lautbestand der Interlinearversion hat man geglaubt den Schluss ziehen
zu dürfen, dass die Uebersetzung in den Jahren 800 — 804 in die Handschrift ein-
getragen sei. 1 ) Für diese selbst, d. h. ihren lateinischen Inhalt, würde daraus ein
höheres Alter sich ergeben. In Autotypie liegen vor: die obere Hälfte von pag. 8 bei
Vogt und Koch (Geschichte der deutschen Literatur, Leipzig 1897, S. 31) und pag. 17,
51, 57 bei Piper. Darnach kann der Unterschied der Schrift auf den Zeilen von der
zwischen denselben doch nur wenige Jahre betragen. Vgl, oben S. 652.
Wtirzburg, Mp. th. q. 22. Dietrich Kerler war so freundlich mir cap. 6 — 8
aus dieser Handschrift zu vergleichen. Auf diese Angaben stützen und beschränken sich
die oben gemachten Mitteilungen, die aber vollständig hinreichen, um dem W(irce-
burgensis) die richtige Stellung in der Ueberlieferung anzuweisen. Ausserdem benutze
ich eine Photographie der ersten und letzten Seite.
W beginnt unvollständig mit dem ersten Kapitel de generibus monachorum und
schliesst mit folgenden Worten: deo protegente pervenies facientibus haec regna pate-
1) Vgl. Kögel, Geschichte der deutschen Literatur II 465.
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bunt (verbessert ans paterna) aeterno,. Dann folgt die Subscriptio Cognoscatis quod
ego Bruun monachus (dies Wort am Rand von gleicher Hand eingeschaltet) istam
regulam sancti Benedicti abbatis. lege felix feliciter et memento (später zu mementote
verbessert) u. s. w. 1 ) Seit Oegg hat man diesen Bruun für den bekannten Fuldischen
Mönch genommen, der sich selbst lieber Candidus nannte und wahrscheinlich 845 ge-
storben ist.*) Dafür kann man die nahen Beziehungen zwischen Fulda und Würzburg
geltend machen, denen man auch sonst in Würzburger Manuskripten begegnet; des-
gleichen den insularen Charakter der Schrift. Aber Fulda ist wohl der Sitz einer
Schreibschule, die bis zur Mitte des neunten Jahrhunderts 8 ) diesen Typus pflegt, zu-
gleich jedoch auch der Ausgangspunkt anderer ebenso schreibender Schulen desselben
Gebietes, z. B. in Fritzlar, Amorbach und Wtirzburg. Von Würzburger Handschriften
mit insularem Typus kenne ich in Abbildungen (ausser den von Bessel-Hahn im Chro-
nicon Gotwicense mitgeteilten) nur London Brit. Mus. Arundel 213 (Ancient Manu-
scripts H pl. 27). Wenn nicht ein Zufall trögt, so ist auch für die Würzburger
Schreibschule die Mitte des neunten Jahrhunderts ein Wendepunkt: für Humbertus,
Bischof von Wtirzburg (832—842), wurde die Handschrift Oxford. Bodl. Laud. Lat. 92 4 ),
mit angelsächsischer Schrift, für seinen Nachfolger Gozbald (842—855) wurden die
Hss. Oxford, Bodl. Laud. Mise. 120 6 ), und Wtirzburg, Mp. th. f. 21 6 ), in gewöhnlicher
Minuskel geschrieben. So kann W in Würzburg selbst und zwar zwischen dem Ende
des achten und der Mitte des neunten Jahrhuuderts entstanden sein.
Cambridge, University Library LI. I, 14 aus dem zehnten Jahrhundert.
Vgl. M. Bateson (English Historical Review IX 694). Beginnt fol. 70 mit den Versen des
Simplicius. Mir fertigte Alfred Rogers eine Kollation des Prologes an. Darnach könnte
man, da es an Handschriften mit ähnlich gestaltetem Text nicht fehlt, von einer
emendierten Gruppe der interpolierten Klasse reden. Die Glättungen sind etwa die
gleichen, wie die der vorher besprochenen emendierten Gruppe der reinen Klasse vgl.
oben S. 656. Wir haben also prol. 6 meus sermo, 37 dulcius nobis hac voce y 51 ac
dicentem, daneben aber die Eigentümlichkeiten der Interpolation, also 41 et calciatis
in praeparatiane euangelii pacis pedibus und als Schluss des Prologes erimus heredes
regni caelorum.
Die kontaminierten Handschriften, deren Text bald die Eigentümlichkeiten der
reinen, bald die der interpolierten Version zeigt, bilden eine eigene Klasse eigentlich
nicht. Handschriften mit gemischtem Text, die denn auch keineswegs überall überein-
stimmen, entstehen immer von neuem durch Vergleichung und Austausch verschiedener
1) Vgl. Dümmler, Forschungen z. deutschen Geschichte VI 119.
2) Vgl. Dümmler, Poetae aevi Carol. II 94. 3) Vgl. G. Könnecke, Bilderatlas 2 S. 8.
4) Vgl. Priebtch, Deutsche Hss. in England I 144.
5) Pal. soc. II 67. 68. 6) Oegg, Korographie S. 510.
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Texte unter einander, und sie entstehen auf diesem Wege viel öfter als durch mecha-
nische Fortpflanzung aus einem bereits kontaminierten Exemplar. Die folgenden vier
Handschriften (zwei aus italienischen Klöstern, je eine aus einem spanischen und einem
englischen) habe ich, verschiedenen Rücksichten folgend, aus der grossen Masse aus-
Turin, Universitaria G. VII 18, beschrieben von Reifferscheid (Bibliotheca
patr. lat. Italica II 112), im Prolog für mich von A. Avetta verglichen. Aus Bobbio;
im neunten oder zehnten Jahrhundert geschrieben. Enthält nur die Regula; die Verse
des Simplicius gehen voran fol. 1; Ueberschrift fol. l v In nomine dotnini nostri ihü
Christ i. lncipit prohgus regulae patris eximii beatissimi benedicti abbatis; Unterschrift
fol. 71 deo protegente perve(nies) Expli(cit . . .} a sancto B(enedicto . . .} deo gratias;
folgen hymi (so) vel cantici secundum regulam sancti Benedicti abbatis. Die Aehnlichkeit
in Aeusserlichkeiten, wie in der Ueberschrift, mit St. Gallen 914 ist auffallig. Stimmt
im Prolog v. 40 — 42 mit der reinen Klasse, bietet aber am Schluss desselben die
Mischung: si conpleamus habitatoris officium, erimus heredes regni caelorum. ergo
praeparanda etc. Glättungen überall, wie in den besprochenen emendierten Gruppen
der reinen und interpolierten Klasse: also prol. 6 meus sermo^ 37 dulcins nobis hoc
voce, 51 ac dicentem, 81 militatura.
Escorial a I 13, beschrieben von Ewald (Neues Archiv VI 226) und Loewe
(Bibliotheca patr. lat. Hispaniensis her. von Hartel I 10), die sich ergänzen. Der erste
Teil, fol. 1 — 187, ist eine Handschrift für sich; enthält Mönchs- und Nonnenregeln,
vornehmlich spanische. Regula S. Benedicti steht voran ; wird eröffnet von dem vorweg-
genommenen cap. 73 und andern nicht zugehörigen Stücken; wird gefolgt von fremden
Beigaben, so dass im ganzen 77 Kapitel der Regel unterschieden werden. In den
Escorial kam die Handschrift aus Oviedo; über Zeit und Ort der Niederschrift gibt
genauesten Aufschluss die Subskription fol. 186 v : vos omnes, qui legeritis hunc
codicem, mementote (mei) clientula et exigua Leodegundie, qui hunc scripsi in mona-
sterio Bob at eile regnante Adefonso principe in era DCCCCL. Darnach ist der Codex
in einem Tochterkloster von Samos in Asturien von einer Nonne in der Era 950,
d. h. 912 n. Chr., geschrieben worden. Da Alphons III. schon 910 gestorben und
noch früher der Herrschaft entsagt zu haben scheint, hat man statt era DCCCCL an
era DCCCL (= 812 n. Chr.) und bei Alphons an den dritten König von Asturien
(795 — 843) denken wollen. Obgleich die besten Kenner der westgotischen Palaeo-
graphie dieser Vermutung beigestimmt haben, scheint mir gerade ein palaeographischer
Einwand gegen das zehnte Jahrhundert unbegründet und daher der Irrtum, wenn einer
vorhanden, ebenso gut den Namen als die Zahl, oder diese in anderer als der vorge-
schlagenen Weise, betreffen zu können. Uebersch rieben wird fol. 3, die erste Seite
der Handschrift, als: prefatio huius regule domni redicti (so) abbatis (e9 folgt cap. 73).
Vor dem Prolog steht fol. 5: item prologus de regtUa sancti patris nostri Benedicti.
Unterschrieben wird fol. 33 v : explicit regula patris nostri domni Benedicti abbatis.
deo gratias. Der Text der Regula S. Benedicti, den ich vorläufig nur nach den von
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Munoz y Rivero 1 ) und Ewald und Loewe 2 ) mitgeteilten Stellen beurteile, hat Eigen-
heiten der guten Ueberlieferung — z. B. prol. 1, 1 absculta, prol. 4, 105 consortes
amen (es findet sich also der richtige Schluss, was freilich nicht ausschliesst, dass der
interpolierte vorhergeht) — neben den Lesarten der anderen Klasse — z. B. cap. 2, 8. 9
quod absit, cap. 2, 10 firmamento, cap. 2, 16 tantum Herum — und eine Reihe merk-
würdiger Sonderlesarten prol. 3 patris pii pastoris, cap. 2, 30 praedicans non agenda
ipse. Wichtig ist diese Handschrift trotz ihres gemischten Charakters als unmittelbares
Zeugnis für die Verbreitung der Regel in Spanien; ob überhaupt ältere Exemplare
dort sich erhalten haben, bleibt vorläufig ungewiss.
Cambridge, Trinity College 0. 2. 30, saec. X, erwähne ich kurz nach einer
freundlichen Mitteilung von Alfred Rogers. Den Simplicius- Versen folgt die Regel in
einem gemischten und emendierten Text.
Rom, Vatic. 4849 saec. XIII aus S. Maria de Moriano. 3 ) H. Graeven sandte
mir eine Probe. Die Vermischung ist vollständig: also z. B. prol. 41 — 43: et cältiatis
in preparatione euvangelii pacis pedibus per ducatum euvangelii pergamus; die Emen-
dation ist fast überall durchgeführt. Die Verse des Simplicius stehen voran; den
Schluss der Regula nach protegente pervenies machen die Worte: fatientibus haec
regna (corr. e regina) patebunt aeterna.
Die Handschriften der Regula, aus deren Reichtum wir soeben eine winzige Zahl
von charakteristischen Vertretern vorgeführt haben, können das Ergebnis des vorigen
Kapitels nur bestätigen. Etwa das Jahr 800 bedeutet den Wendepunkt. Bis dahin
herrscht die interpolierte Fassung in Frankreich, Deutschland und England. Erst in
den nächsten Jahrzehnten ziehen in Deutschland Exemplare mit dem reinen Text ein.
Die Folge dieses Ereignisses ist ein Kampf, der hin und her wogt und nach Jahr-
hunderten durch einen faulen Frieden, in dem die Streitenden beide Recht behalten,
seinen Abschluss findet. Begleitet und durchzogen ist dieser Kampf auf beiden Seiten
von einer inneren Entwickelung , welche die grammatischen Anstösse zu beseitigen
trachtet.
1) Paleografia visigoda, Madrid 1881, lam. V.
2) Exempla scripturae Visigoticae tab. XV; Loewe-Hartel, Bibl. patr. Hisp. S. 11.
8) Vgl. H. Ebrensberger, Libri litargici bibliothecae Vaticanae, pag. 172.
Abb. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (85)
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66 (664)
Kapitel Y.
Das Normalexemplar Karls des Grossen. Die Ausgabe des
Simplicius.
Ich gebe nunmehr die eigentliche Textgeschichte, indem ich die äusseren und
inneren Zeugnisse zusammenfasse und den Zusammenhang zwischen den geschichtlich
bezeugten Ursachen und den in den Handschriften angetroffenen Wirkungen aufzu-
finden mich bemühe.
Zunächst ist der Ursprung der reinen Fassung und der Weg, den sie genommen,
durch die Geschichte ihrer einzelnen Handschriften festzustellen.
1. St. Gallen 914, so behaupte ich, ist die von Grimalt und Tatto an Reginbert
nach Reichenau gesandte Abschrift des Aachener Normalexemplares. Es decken sich,
so werde ich beweisen, Alter, Herkunft, Inhalt und Einrichtung der vorhandenen
Handschrift mit den betreffenden Angaben im Reichenauer Bri«f und Katalog 1 ) oder
mit solchen Folgerungen, zu denen diese Angaben oder allgemein gültige Voraus-
setzungen berechtigen.
Ich finde nachträglich, dass schon Marquard Herrgott*) und E. Schmidt 8 ) die
St. Galler Handschrift mit dem Reichenauer Brief in Beziehung gesetzt haben. So ist
meine Behauptung nicht neu; vielleicht aber ist es mein Beweis.
Ueber Alter und Herkunft der St. Galler Handschrift brauche ich meinen oben
bei ihrer Beschreibung gegebenen Notizen 4 ) nichts zuzufügen. Die Aehnlichkeit mit
Leiden Voss. Q. 5 ist vollständig, nicht nur was die Minuskel, sondern z. B. auch was
die für die Ueberschriften verwandte gebrochene Capitalis rustica angeht. Für die
chronologische Bestimmung der Leidener Handschrift sei noch erwähnt, dass die im
Reichenauer Bücherverzeichnis vom Jahr 822 angeführten zwei Bände Chronica Gre-
gorii Turonensis*) dem Leidensis und seinem Ergänzungsband Rom Reg. 713 zu ent-
sprechen scheinen. 6 ) Ein Kenner wie Alfred Holder findet mit mir die paläographische
Aehnlichkeit der St. Galler und Leidener Handschrift überraschend; in folgenden jetzt
in Karlsruhe liegenden Handschriften aus der Reichenau findet er denselben Typus
wieder: im Augiensis IX, XIV, XV, XVHI, XXVI, XXXI, XXXV, XLIII, LXIX,
LXXII, LXXVI, LXXXI, LXXXII, LXXXV, LXXXVII, XCII, XCIV, IC, CII, CHI,
CV, CXI, CXII, CXIX, CXXII, CXLV, CLV, CLXIV, CLXXXI, CLXXXII, CXCI,
CXCIV, CXCVI, CC, CCXVI, CCXVII, CCXXI, CCXXII, CCXXXIII, CCXXXVI.
Reichenauer Handschriften liegen heute ausser in Karlsruhe, wo die Mehrzahl
liegt, in den Sammlungen von London, Stuttgart, St. Paul in Kärnthen und Zürich. 7 )
1) Vgl. oben S. 631. 2) Vetus disciplina monastica, Paris 1726, pag. 84.
3) Kleine Ausgabe der Regel pag. V. 4) Vgl. S. 649 ffg.
5) Catalogi antiqui ed. Becker 6, 149. 150. 6) Vgl. Krusch, Neues Archiv VII 278 ff.
7) Vgl. Th. Gottlieb, Ueber mittelalterliche Bibliotheken S. 348 ff.
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(665) 67
St. Gallen ist nicht darunter. Aber wie es an Beziehungen zwischen beiden Klöstern
nicht gefehlt haben kann, so sehen wir z. B. in dem grossen St. Galler Bücherkatalog
aus der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts eine Handschrift von Predigten
Gregors angeführt mit dem etwas späteren Zusatz: reddite sunt ad Augiam et patrate
sunt nove. 1 ) Also eine Reichenauer Handschrift war zum Kopieren nach St. Gallen
geschickt, eine Zeit lang dort behalten, sogar im Katalog verzeichnet, aber dann
zurückgestellt worden. Grimalt, der Schüler Reginberts, der eine Schreiber der Regula
S. Benedicti, wurde 841 Abt von St. Gallen. Er vielleicht Hess das Jugend werk aus
der Reichenau kommen. Wenn sich in den ziemlich ausführlichen St. Galler Ver-
zeichnissen ein ausdrücklicher Vermerk darüber nicht findet, so ist zu bedenken, dass
diese erst zwanzig Jahre nach Grimalts Regierungsantritt begonnen wurden.
Der Inhalt der St. Galler Handschrift (oben S. 649) stimmt völlig mit dem von
Reginbert verzeichneten (oben S. 631). Nur muss mit dem Verlust des Schlusses der
Regula auch eine Lage mit Hymni Ambrosiani, von denen Reginbert spricht, in
Verlust gekommen sein. S. 181—233 im Sangallensis ist inhaltlich den Angaben
Reginberts entsprechend, aber jüngeren Datums, also wahrscheinlich später umge-
schrieben. Dieser Teil, in dem auch der Brief der Reichenauer an Reginbert erhalten
ist, zeigt die nächsten Beziehungen zum Reformwerk Benedikts von Aniane, und aus
ihm lässt sich eine fast vollständige Disciplina monastica dieses Lehrers herstellen.
Aber auch das folgende, schon ursprünglich vorhanden gewesene, Martyrologium hat
seine eigentümliche Färbung wahrscheinlich unter dem Einfluss einer von Benedikt
von Aniane entliehenen Vorlage erhalten und darf daher als Glied in der Kette unseres
Beweises betrachtet werden. Man erinnert sich*), dass Grimalt und Tatto an die Muster-
schule Benedikts nach Inda waren geschickt worden und, wenn sie auch im nahen
Aachen das Normalexemplar der Regula fanden, die andern Berichte und Auskünfte
aus Inda nach Hause sandten.
Genau beschreiben Grimalt und Tatto in ihrem Brief die ihrer Abschrift der
Regula gegebene Einrichtung. Sie haben dem Auftrag gemäss den aus Montecassino
geschickten Text S. Benedikts möglichst genau mit allen vorgefundenen Fehlern kopiert.
Erst unter diesem Gesichtspunkt versteht man die eigentümliche Beschaffenheit des
Textes in der St. Galler Handschrift, die oben unerklärt bleiben musste, vor allem die
in karolingischer Zeit unerhörte Orthographie. Im allgemeinen wird es seit Karl dem
Grossen Sitte, orthographische Eigenheiten älterer oder sonst vulgär gefärbter Hand-
schriften stillschweigend, wie man sagte, zu „emendieren*. Ausnahmen von dieser
Regel erfordern eine besondere Erklärung. Wie z. B. in den Abschriften der Samm-
lungen des Dionysius Exiguus die Fehler italienischer Aussprache geduldet wurden,
um den authentischen Charakter dieser Abschriften nicht zu verwischen. So nun auch
steht es mit der Orthographie der Regula in der St. Galler Handschrift. Nur zeigt sie
Eigentümlichkeiten, die viel weiter zurückgehen als die in den genannten Beispielen
1) Vgl. R. Stettiner, Illustrierte Prudentiushas. S. 113. 2) Vgl. oben S. 631.
9*
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68 (666)
und mehr an die Vulgarismen der Bobbieser Palimpseste erinnern als an die fast
analphabetische Art Hadrians I. 1 ) Ist der St. Galler Codex wirklich die von den
Reichenauern besorgte Abschrift, so erweist sich durch ihn nicht nur die Treue Tattos
und Grimalts, sondern auch die Treue des Theodemar und des Paulus.
In der Einrichtung der Reichenauer Abschrift musste, nach dem Briefe zu ur-
teilen, ferner die Adnotierung von Lesarten am Rand und der Gebrauch kritischer
Zeichen schon äusserlich auffallen. Und dies ist denn auch fast das Auffälligste in
der St. Galler Handschrift. Es bedarf aber noch eines Unterbeweises dafür, dass
die angewandten Zeichen sich genau entsprechen, und wir suchen ihn auf einer etwas
allgemeineren Grundlage durchzuführen, wodurch zugleich die Tradition, in der die
beiden Reichenauer stehen, in wünschenswerter Weise weiter aufgeklärt wird.
Dem Mittelalter ist die Verwendung kritischer Zeichen keineswegs fremd. Ab-
hängig ist es dabei von den überkommenen theoretischen Erörterungen und den vor-
gefundenen Beispielen der Praxis. Hauptsächlich auf folgenden Wegen ist die Kenntnis
der alexandrinischen orj/ueia durchgesickert: über Origenes, diesen letzten alexandri-
nischen Grammatiker, in die Werke des Hieronymus; über Probus und Sueton in die
Encyklopädie des Isidor. Die Iren, die Mönche von Montecassino und von St. Gallen,
die Schüler Alcvins und der Scola Palatina — sie alle gebrauchen gelegentlich die
alten Symbole und vermehren mitunter den vorhandenen Bestand durch neuersonnene,
um in aller Kürze meist am Rande der Handschriften kritische, ästhetische und manch-
mal auch dogmatische Meinungen zum Ausdruck zu bringen. Doch bildet sich eine
ganz feste Tradition im Gebrauch einzelner Zeichen nicht aus; noch weniger ein ein-
heitliches System für den Gebrauch eines grösseren Komplexes. Man muss von Fall
zu Fall die literarischen Vorbilder aufsuchen.
In der St. Galler Handschrift werden, genau wie im Brief es angegeben wird,
die Varianten des Randes auf die betreffenden Stellen des Kontextes im allgemeinen
durch Doppelpunkte bezogen. Solche Beziehungs-Zeichen sind übrigens immer freie
gewesen; ihre besondere Abhängigkeit zu ermitteln ist überflüssig; unter die eigentlich
kritischen sind sie nicht zu rechnen. Dagegen sind die in derselben Handschrift ver-
wandten Tilgungs-Zeichen, nämlich -4- vor und : nach dem betreffenden Satzteil an
ein bestimmtes Vorbild zu knüpfen, und dabei erweist sich das erste Zeichen als die
mittelalterliche Form des Obelus, von dessen Anwendung der Brief spricht.
Wir finden beide Zeichen ganz im selben Sinne verwandt in der griechischen
und syrischen Ueberlieferung der Hexapla des Origenes*) und in den Handschriften
des Psalterium Gallicanum des Hieronymus.*) Hieronymus ist eingestandenermassen
abhängig von Origenes; er beschreibt sein Verfahren in dem Widmungsbrief an Paula
1) Vgl. Poetae aevi Carolini I 90.
2) Vgl. Field vor seiner Ausgabe I pag. LII sqq.
8) Vezzosi vor seiner Ausgabe der Opera omnia des Tommasi II pag. XII und XVII; Watten-
bach, Schriftwesen 8 S. 838; derselbe, Anleitung zur lat. Palaeographie 4 S. 93.
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(667) 69
und Eustochium 1 ): natet sibi unusquisque iacentem lineam i. obelos -r- et ubicumque
viderit virgulam praecedentem -—, ab ea usque ad duo puncta : quae impressimus,
sciat in LXX translatoribus plus haben etc. So scheinen die Handschriften des
Hieronymus übereinstimmend zu geben, und neben der Form -f- scheinen sie für das
kritische Zeichen im Psalterium keine andere zuzulassen. Aus der Praxis des Psalterium
und der ausdrücklichen Erklärung des Hieronymus konnte man eine Vorstellung von
Namen , Gestalt und Gebrauch des Obelos gewinnen. Als Zeichen für die Athetese,
bisweilen freilich viel allgemeiner als beliebiges kritisches Avertissement, finden wir
daher in lateinischen Handschriften seit der karolingischen Zeit nicht ganz selten das
Gebilde -f, so z. B. im Martianus Capeila Köln CXCI1I saec. X a ) und im Festus
Neapel IV A 3 saec. XI 8 ). Aehnlich setzte Hinkmar in seiner Schrift de una et non
trina deitate vor die von ihm angeführten häretischen Sätze Gottschalks obelum ~- i.
iacentem virgulam^ ut quasi sagitta falsa ittius dicta confodiat 4 ), mit welchen Worten
er auf den Brief des Hieronymus ad Sunniam et Fretelam anspielt (doch müsste die
Form des Zeichens nach den Handschriften überprüft werden). Aus der Bibel Theodulfs
Paris lat. 9380 erwähnt S. Berger 5 ) den Gebrauch von „Obeles"; aber wie gestaltet
die so benannten Zeichen sind und ob sie hierher gehören, steht dahin, da sie auf
den bisher abgebildeten Blättern 6 ) nicht vorkommen. Obelo et chrimono hatte ein
Schreiber von Montecassino die von Erchempert in das Martyrologium des Beda ein-
gelegten Verse bezeichnet; leider gibt die allein erhaltene Abschrift des zwölften Jahr-
hunderts jene Zeichen nicht wieder. 7 ) Alcvin aber hat bei der Athetierung sicher das
Zeichen -i- verwandt und als Obelos aufgefasst, denn in dem Zwischenwort in seiner
Ausgabe des Gregorianischen Sakramentars spricht er mit Worten des Hieronymus von
den Stücken, die er virgulis antepositis aufgespiesst habe — iugulata nennt er sie 8 ) — ,
und in einer Handschrift dieser Ausgabe Rom Vatic. Ottob. 313 saec. IX steht an
solchen Stellen -- am Rande. 9 )
Also, der im Briefe erwähnte Obelus konnte nicht gut anders aussehen als das
in der St. Galler Handschrift verwandte kritische Zeichen. Damit scheint mir der
letzte Einwurf zu schwinden, den man gegen die Identität der St. Galler und
Reichenauer Handschrift erheben könnte. Ohne die wichtigen Folgerungen, die sich
daraus ergeben, schon hier zu ziehen, begnügen wir uns zunächst mit der Feststellung,
die sich aus dem Reichenauer Brief nunmehr unmittelbar auf die St. Galler Hand-
schrift übertragen lässt: dass nämlich die St. Galler Handschrift als eine sorgfältige
Abschrift des Aachener Normalexemplares zu betrachten ist.
1) Thomasii opera 1. c. p. XXXII; vgl. Patrol. lat ed. Migne 29, llV.
2) Vgl. Jaffa- Wattenbach, Ecclesiae Coloniensis Codices pag. 81.
3) Vgl. Thewrewk de Ponor, Codex Festi Farnesianus pag. V.
4) Patrol. lat. ed. Migne 125, 476. 6) Histoire de la Vulgate pag. 165.
6) Delisle, Cabinet des Manuscrits pl. 21, 3; Dflmmler, Poetae aevi Carol. I tab. III; R ecueil
de Fac-simil& pl. 126; Album paleographique pl. 18. 7) Vgl. Poetae aevi Carolini III 753.
8) Mnratori, Litnrgia vetus II 271. 9) Ebner, Iter Italicum I 454.
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70 (668)
2. Die Tegemseer Handschrift gibt zu ihrer näheren Bestimmung einen
Anhalt in der oben S. 655 erwähnten und zurückgestellten Subskription. In dieser
erklärt Benedictus peccator, zugleich Schreiber und Besitzer des Codex zu sein. Doch
kann man die merkwürdigen und immer missverstandenen Worte nur beurteilen, wenn
man auch die andern Zeugen heranzieht, von denen sie verbürgt werden. Nämlich
ausser in der Tegernseer Handschrift (= T) finden sie sich noch in einer Handschrift
zu Trier und fanden sie sich einst in einer Handschrift zu Tours.
Auf die im gedruckten Katalog noch nicht verzeichnete Handschrift aus S. Martin
in Trier (= Jf), die zusammen mit anderen im Jahr 1823 „ex dono D. Hermes" in
die Stadtbibliothek kam, wo sie als n. 1245 liegt, wurde ich durch eine freundliche
Mitteilung von Max KeufFer aufmerksam. Ich liess eine Photographie vom Anfang
und Schluss der Regula fertigen und fand zu meiner Ueberraschung die Subskription
auch hier. M beginnt mit folgender Inschrift in grosser Capitalis qnadrata, die eine
ganze Seite einnimmt: in nomine domini incipit prologus regulae patris exitnii Bene-
dict^ id est sequentis operis praefacio. Es folgt ein emendierter Text in einer, wie es
scheint, seltsam kontaminierten Fassung, der z. B. prol. 41 mit den reinen, prol. 79 — 96
mit den interpolierten Handschriften geht. Der Schluss der Regula lautet: pervenies.
amen, deo gratias. explicit regula sancti Benedicti. Es folgt breviarium apostolorum
ex nomine vel locis ubi praedicaverunt, orti vel obiti sunt. Simon qui interpretatur
oboediens u. s. w. Dies alles ist von einer zierlichen Hand des neunten Jahrhunderts
mit mancher Altertümlichkeit und Eigenheit (z. B. nzis = nostris) geschrieben. Zum
Schluss der Regula adnotiert ein etwas jüngerer Schreiber die Subskription, vor die
aber noch die Worte facienti haec vita erit eterna (vgl. oben S. 656) gestellt sind;
die Worte codex peccatoris benedictus (so ist wohl sicher zu lesen, obgleich das Wort
mit seiner Umgebung etwas verwischt ist) machen hier nicht den Beginn, sondern
den Abschluss.
Die Handschrift von Tours wurde dort im Kloster Marmoutier eben wegen der
Subskription, die man in ihr las, wie eine Reliquie aufgehoben. Man behauptete,
indem man sich der Angaben in der apokryphen Vita S. Mauri erinnerte 1 ), dies sei
die von S. Benedikt dem Maurus mitgegebene Regel. Deshalb liess Petrus Venerabilis,
Abt von Cluni (1122 — 1156), der sie in Tours gesehen hatte, die Subskription nach
Cluni schicken und dort in ein Exemplar der Regel überschreiben. Aus dem Exemplar
in Cluni (= C) stammen die Zeugnisse ab, denen ich das eben Berichtete nacherzählt
habe. Sie stehen in einer Handschrift der Regel in Fulda; in einer desgleichen, die
sich in Montecassino befand; in einer Handschrift in Cambridge mit anderem Inhalte.
Die Handschrift Fulda D. 28 saec. XIV (= C f ) hat von noch jüngerer Hand
am Schluss der Regula die Subskription mit einer später mitzuteilenden Nachschrift.
Ich fand beide in der grösseren Ausgabe (pag. XIII) von E. Schmidt erwähnt und
verdanke weitere Auskunft dem Fulder Bibliothekar, Herrn Dr. Seelig. Schmidt meint,
1) Vgl. oben S. 628
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(669) 71
die Subskription sei in die jüngere Fuldische Handschrift aus der älteren, in der
Landesbibliothek D. 3, einer Regula des neunten Jahrhunderts, in der jetzt der Schluss
von cap. 69, 6 an fehlt, als diese noch vollständig war, übertragen worden. Vielleicht
stützt er sich dabei auf Browers Angaben, der 1612 in den Fuldenses Antiquitates
pag. 172 aus einem „perantiquus codex" zu Fulda die Subskription mit der Nachschrift
anführt. Aber am Rand seines Buches nennt Brower als Quelle seiner Nachricht
„Regula MS. ex B(eatae) Virg(inis) monte", d. h. das Marienkloster auf dem Bischofs-
berg (jetzt Frauenberg), und daher stammt die jüngere Handschrift. Auch könnte
das von ihm benutzte Manuskript, da Subskription und Nachschrift nur gleichzeitig
eingetragen sein können, älter als das zwölfte Jahrhundert nicht gewesen sein.
Die Handschrift von Montecassino (C°) wurde dort am Ausgang des sechzehnten
Jahrhunderts von Arnold Wion und Jacques Dubreul benutzt. 1 ) Sie war alt („vetustissi-
mus* sagt Wion, „vetus" Dubreul); sie enthielt die Regel mit der Subskription, die zwar
von den beiden Benediktinern nicht mitgeteilt, in der Nachschrift, die sie beide mit-
teilen, aber als vorausgehend vorausgesetzt wird; es folgte: Ordo in monasterio qualiter
a fratribus religiöse ac studiose conversari ac domino militare oportet, das ist eine
häufig begegnende Ergänzung der Benediktinerregel, über die ich in den Anmerkungen
sprechen werde. Obgleich auch hier wieder, wie aus der Beigabe der Nachschrift folgt,
das Alter der Handschrift von den Benutzern tiberschätzt worden war, handelt es sich
doch sicher um eine jetzt und schon zu Mabillons Zeit*) verlorene Handschrift und
nicht um Casinensis 418 plut. I, über die ich durch Ambrogio M. Amellis Güte
unterrichtet werde. Diese Handschrift des sechzehnten Jahrhunderts hat nämlich wohl
die Nachschrift und den Ordo, aber nicht die Regel. Man könnte meinen, diese Stücke
seien nicht aus der älteren verlorenen Handschrift, sondern aus Wions Druck über-
nommen, da seltsamerweise die eigentliche Subskription auch hier fehlt. Der Ordo
übrigens, um das hier beiläufig zu erledigen, muss in Cluni oder Montecassino nach-
träglich zugefügt sein. Wion und Spätere, aber auch schon Frühere, wie wir sofort
aus der Cambridger Handschrift sehen werden, sind im Irrtum, wenn sie auf den
folgenden Ordo beziehen, was zu der vorausgehenden Regula gehört.
Die Handschrift Cambridge, Universitär Dd. IV 58 8 ), wie F. Jenkinson glaubt,
um 1200 geschrieben, bietet fol. 9 — 103 Beda in Evangelium Marci, dann nach einem
freien Raum von zwei Zeilen von fol. 103 — 105 v unter der Ueberschrift Codex pecca-
toris Benedict* den bewussten Ordo. Alles ist fortlaufend von der gleichen Hand ge-
schrieben. Amelli, dem ich den Hinweis auf die Cambridger Handschrift verdanke,
verweist mich auch auf die Angabe in Bernards Catalogi manuscriptorum Angliae et
Hiberniae II 364 n. 9325, wo eine Handschrift mit gleichem Inhalt als im Besitz von
John Moore, Bischof von Norwich, erwähnt wird. Allein der Nachlass Moores ist in
die Universität von Cambridge gekommen, und die beiden Handschriften sind identisch.
1) Vgl. Haeften, Disquisitionea pag. 1062. 2) Vgl. Her Italicum I 122.
3) Vgl. Catalogue of the Manuscripts preserved in the Library of the Univ. of Cambridge I 250
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72 (670)
Ich gebe nunmehr die Subskription (I) aus TMC und die Nachschrift (II) aus C.
I. IL
Codex peccatoris Benedicti. ve mihi Haec verba sancti patris Beoedicti re-
misero habenti contrariam mihi rem. qui perta sunt in fine regulae, quam ipse
reus sum in his omnibus, quia adver- manibus suis propriis scripsit, et sancto
santur moribus meis malis. tu vero ho- Mauro, cum eum ad Gallias mitteret,
5 rum lector, dum his tuam videris vitam 5 tradidit. quae domnus Petrus, abbas Clu-
concordare praeceptis, orans pro scrip- niacensis, cum apud Maius monasterium
tore codicem redde domino suo. Turonense in eadem regula, quae ibi
pro reliquiis servatur, invenisset, rogavit
sibi apud Cluniacum transmitti et in hac
10 regula nostra pro amore ipsius sanctis-
simi patris nostri iussit studiose describi.
[I.] 1 peccatori T benedictus M (vgl. oben [II J 1 sanctissimi C c 2. 8 ipse propriis mani-
S. 668) 2 habendi T 3 sum om. C bus C c 5 dominus (domnus Brower) ac
4. 5 horum lector M C] bonorum lectorum T venerabilis abbas (N. add. Bremer) cum C*
5 dum his T, cum his M. \ si C 6.7 horans 9 apud Cluniacum om. Cc
p scriptore M 7 domino redde suo M 9-11 et — describi om. C°
Das Urteil über den Ursprung der Subskription hängt ab von ihrer technisch
richtigen Interpretation. Sie fügt zwei dem Sinne nach getrennte Aufforderungen
fest ineinander. Die erste ist vom Besitzer an den Benutzer oder Entleiher der Hand-
schrift gerichtet: codex peccatoris Benedicti . . . codicem redde domino suo. Stünde
beati statt peccatoris, so würde man glauben, eine Handschrift aus Fleury vor sich zu
haben; peccatoris zeigt an, dass sie vielmehr der Bibliothek eines Privaten angehört,
eines Mannes, der Benedikt heisst. Die andere Aufforderung geht vom Schreiber an
den Leser: ora pro scriptore et peccatore, so heisst es hier wie in tausend andern
Handschriften, die auf alle Zeiten und Länder sich gleichmässig verteilen. Auch das
ist nichts Seltenes, dass vom Schreiber daran gedacht wird, wie zum Inhalt des ab-
geschriebenen Textes die Lebensführung des Lesers sich verhalten möge. Qui legis,
ora pro me et cave, ne his regulis contra ias et sententiam istius severitatis vel cen-
surae ineurras, steht vor der berühmten Canones-Sammlung aus Corbie in Paris
lat. 12 097 x ), und in der Oratio in scriptorio des gallikanischen Sakramentars werden
der göttlichen Gnade empfohlen omnes habitantes in eo, ut, quidquid hie divinarum
scripturarum ab eis lectum vel scriptum fuerit, sensu capiant et opere perficiant. % )
Aber ganz eigen ist die Ineinanderschiebung der beiden Gedankenreihen. Sie ist
verständlich nur dann, wenn angenommen wird, dass Besitzer und Schreiber Eine
Person sind. Wir haben hier eine Art privater Subskription, für die ich ein Beispiel
sonst nicht kenne. Um den Unterschied von der gewöhnlichen Form eines Schreiber-
vermerkes zu ermessen, vergleiche man z. B. den folgenden aus Chartres in der Hand-
1) Vgl. Nouveau Traitd III 94.
2) Vgl. Muratori, Liturgia II 281, und Nouveau Traitä III 190.
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(671) 73
schrift Chälons-sur-Marne 73 *), wo auch zugleich Besitzer und Schreiber dem Leser in
Erinnerung gebracht werden: Über sancti Petri apostoli, servanti vita^ auferenti ana-
therna. oro ut quicumque hunc librum revolveris, Fvlcradi peccatoris benigne memineris.
Hatten denn nun etwa die Mönche von Tours ein Recht anzunehmen, Benedictus
peccator sei S. Benedikt in eigener Person? War wirklich in der Subscriptio das
Zeugnis nicht nur von einer fast übertriebenen, sondern von einer geradezu gefahr-
lichen Bescheidenheit des Ordensstifters zu erblicken? Nein, diese Annahme ist un-
möglich, selbst wenn man, um sie zu stützen, die ganze Unterschrift als eine spätere
Fälschung hinstellt. Denn die Unterschrift ist älter als Odo von Glanfeuil, mit dem
allein man die Fälschung in Verbindung bringen könnte. Und zu allen Zeiten würde
man so gefälscht haben, dass daraus auf S. Benedikt möglichst viel Ehre als Autor
und nicht als blossen Scriptor geflossen wäre. Denn dabei bleibt es: der Benedikt,
der in der Subscriptio spricht, ist nicht der Verfasser, sondern der Schreiber. Wir
müssen also notwendigerweise an einen späteren Benedikt denken und zwar wohl an
einen einflussreichen Mann, dessen Wort als Bürgschaft weiterzugeben sich verlohnte.
Und wieder kommt der in dieser Untersuchung schon so oft ausgesprochene Name des
Benedikt von Aniane fast unwillkürlich auf unsere Lippen. Vielleicht ist sein Hand-
exemplar in' manchen der neu eingerichteten oder reformierten Klöster die Grundlage
des regulären Lebens gewesen. Vielleicht waren es die im Jahr 799 zur Einrichtung
von Cormery octavo miliario a monasterio sancti Martini*) von ihm an Alcvin ge-
sandten Mönche, die den Regeltext mit der später ebenso hochgehaltenen als miss-
verstandenen Subscriptio nach Tours gebracht haben. Und wenn auch die in dieser
Subscriptio ausgedrückten Gedanken über das ganz Geläufige und damals Alltägliche
nicht hinausgehen, so wolle man sie doch vergleichen mit einem Absatz aus dem
Vorwort der Concordia regularum des Benedikt von Aniane.
Subscriptio: Concordia regularum:
ve mihi misero habend contrariam mihi testem invoco non mei solummodo sed
rem. qui reus sum in his omnibus, quia omnium cordium cognitorem . . quem
adversantur moribus meis malis. totis viribus sedulo deprecor, ut meorum
saltem pro hoc exiguo opere remissionem
5 tribuat omnium peccatorum.
tu vero horum lector, dum his tuam vos vero omnes, qui hunc audituri
5 videris vitam concordare praeceptis, lecturique estis librum, supplex oro, ut
orans pro scriptore . . dum ex nobis spiritalia sumpseritis mella,
pro meis reatibus domin o non dedigne-
10 mini fundere precem.
Peccator nennt sich Benedikt von Aniane, obgleich natürlich auch dies kein
irgendwie seltenes und beweisendes Beiwort ist, in der Confessio fidei Benedicti levitae
etsi peccatoris nonnumquam erronei tarnen foedere isto fidei inexhausto fidenti.*)
1) 8°-Catalogue III 32. 2) Monum. Germaniae Epp. IV 309.
3) Vgl. Monum. Germ. Epp. IUI 662 adn. 3.
Abb. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (86) 10
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74 (672)
Dass Benedikt von Auiane in seinen Sammelwerken den reinen Text der Regula
wiedergab, haben wir schon früher gefunden; durch die eben vorgeführte Bestimmung
des Tegernseensis können wir vielleicht als bewiesen gelten lassen, dass auch sein
Handexemplar für die Einbürgerung derselben Textform von Bedeutung war. Benedikt
bat schon zu Karls Zeit am Hofe verkehrt und lebte, seit Ludwig Kaiser war, in der
nächsten Nähe von Aachen. Wir dürfen, was oben 1 ) fraglich bleiben musste, jetzt
mit Wahrscheinlichkeit behaupten, dass er bei seiner Thätigkeit das Aachener Normal-
Exemplar zu Grunde legte. Die Tegernseer Handschrift ist von diesem dann durch
mindestens noch Eine Zwischenstufe getrennt.
3. Auch in der Wiener Handschrift gibt eine Subskription*) über den Ur-
sprung des Textes und die Geschichte der Handschrift näheren Aufschluss. Es stehen
freilich zwischen ihr und dem Schluss der Regel noch auf zwei Seiten verschiedene
trennende Stücke; es fällt aber nicht schwer sie als unzugehörig auszuscheiden. Die
Verse des Simplicius nämlich, die der Regel in der Wiener Handschrift unmittelbar
folgen, finden sich sonst nur in Handschriften der interpolierten Fassung oder in kon-
taminierten Texten. Dann gehen sie aber der Regula voraus, wie dies dem Gebrauch
solcher metrischen Widmungen entspricht und hier von dem Inhalt der Verse als not-
wendig gefordert wird. In der Wiener Handschrift sind also die Verse und wahr-
scheinlich auch die folgenden für uns im Augenblick nebensächlichen Stücke nicht
aus der Vorlage mitabgeschrieben, sondern aus einem anderen Exemplar eingelegt
worden. Dagegen die Subskription ist sonst nicht bekannt und individuell geformt.
Wir dürfen sie also wohl auf die vorliegende Handschrift oder ihre Vorlage beziehen,
Sie besagt, dass dem Schreiber vorgelegen hat und sorgfältig von ihm kopiert wurde
der Text des Norraalexemplares in Aachen.
4. Von den emendierten Handschriften der reinen Fassung stammen die Züricher
und Karlsruher beide aus Reichenau. Sie sind Abschriften von St. Gallen 914. Sobald
nach Reichenau unter Reginbert der genaue Wortlaut des authentischen Exemplares
gekommen war, stellte man dort für den täglichen Gebrauch eine editio castigata her,
die im allgemeinen den Text der reinen Fassung, ihn aber ohne die, wie man glaubte,
entstellenden Schnitzer wiedergab. Und ebenso auch andernorts.
5. Durch die vorausgehenden Einzeluntersuchungen ist die Frage nach dem
Ursprung der reinen Textesform der sicheren Beantwortung zugeführt worden, und
mühelos erklären sich die früher beobachteten Thatsachen.
Wir hatten gefunden, dass Chrodegang und Theodulf noch die interpolierte,
Benedikt von Aniane, Smaragd und Pseudoisidor schon die reine Fassung citieren.
Wir hatten gefunden, dass in der Handschriften-Masse seit etwa 800 eine Bewegung
entsteht und um diese Zeit die Exemplare mit dem reinen Text auftauchen und für
die nächste Zeit das Oberwasser gewinnen. Wir hatten von vornherein vermutet, dass
Karl der Grosse mit der Verschreibung einer getreuen Abschrift aus Montecassino die
1) S. 630 und 647. 2) Vgl. oben S. 630 und S. 653.
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Entwickelung der Textgeschichte müsse beeinflusst haben. In welchem Sinne aber,
das blieb die Frage. Und wenn auch der Anzeichen immer mehr wurden, dass die
Verbreitung des reinen Textes in und seit der Karolingischen Zeit mit der Sendung
dieser Abschrift aus Montecassino zusammenhing, so darf doch erst jetzt, wo wir die
Hauptvertreter des reinen Textes aus dieser in Aachen aufbewahrten Abschrift schöpfen
sahen, als Thatsache ausgesprochen werden, dass Karl der Grosse es ist, der den fast
verschollenen reinen Text in seinem Reiche eingebürgert hat und so der Urheber eines
neuen Zeitalters in der Textgeschichte der Regula geworden ist.
6. Bleiben wir einen Augenblick stehen, verweilend in der Betrachtung dieses
Fundes. Lassen wir diesen ersten Teil der Textgeschichte sich bewähren im Lichte
karolingischer Philologie, und versuchen wir umgekehrt Karls des Grossen Liebe zu
den Büchern, sein Streben die vorhandenen literarischen Schätze zu erhalten und
zu vermehren, die von ihm zur Säuberung und Klärung der Texte getroffenen Mass-
regeln zu beleuchten aus der Geschichte der Handschriften und im besonderen der
Regula S. Benedicti.
Quis sattem poterit seriem enumerare librorum, quos tua de multis copulat sen-
tentia terris? ruft ein in seinem Auftrag arbeitender Mönch dem König zu. Und so
sehen wir die vertrauten Freunde, aber auch ferner Stehende, die seine Gunst erst
erringen wollen, mit Büchern vor ihn hintreten, teils selbst verfassten oder, wie man
fast überall sagen muss, kompilierten, teils Werken älterer Zeit, die man irgendwo
gefunden und abgeschrieben hat und nun als Neuheiten den königlichen Bibliotheken
zuführen kann. Nam tali rnunere gaudes: solche und ähnliche Wendungen begegnen
in den unerläßlichen Widmungsversen und sind hier mehr als blosse Floskeln.
Wenn wir die Schar der Bücher-Spender, die durch ihre Spenden zugleich
Bücher-Retter geworden sind, vor den König treten lassen, so schreitet Alcvin allen
voran. Werke seiner angelsächsischen Landsleute, die er aus der Heimat kommen lässt,
waren wohl schon vorher im Frankenreich bekannt, aber ältere Schriften — es sind
zufällig lauter Pseudepigrapha — bekommen erst durch ihn das Bürgerrecht: die
Kategorien des Augustin, der Briefwechsel des Apostels Paulus mit Seneca, der Brief-
wechsel Alexanders des Grossen mit dem König der Bragmanen. Adam überreicht die
Grammatik des Diomedes und erscheint uns heute für diese unschätzbare Gabe mit
der Abtei Masmünster, der königlichen Gegengabe, nicht zu reich belohnt. Paulus
Diaconus schenkt dem König und der Nachwelt den von ihm epitomierten Festus;
Magnus, der spätere Erzbischof von Sens, widmet bescheidener seine Bearbeitung der
juristischen Noten. Wer Calpurnius und Nemesian, Sueton und Vitruv gebracht hat,
das wissen wir nicht aus direkten Zeugnissen, Vermutungen führen aber auch hier
und noch bei manchen anderen Büchern in die Nähe des Königs.
Das waren Neuheiten. Sie boten willkommenen Stoff den Schülern zum Lernen,
den Schriftstellern zum Nachahmen, den Grammatikern zum Verbessern. Unter diesen
steht an der Spitze wieder Alcvin; aber auch unberühmte Namen werden genannt,
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wie Jakob, der in einem poetischen Vorwort die Recension der metrischen Recepte
des Serenus Sammonicus für sich in Anspruch nimmt. Karl selbst, der nicht ordentlich
schreiben konnte, war doch ein guter Lateiner und beteiligte sich in eigner Person
an den kritischen Arbeiten.
Aber in allen bisher erwähnten Bücherbesorgungen regierte mehr der Zufall als
ein fester Plan. Jeder, der kam, und alles, was er brachte, war willkommen. Und
nicht dies ist, was das Streben Karls von dem seiner Vorgänger oder Nachfolger unter-
scheidet. Er hat darin vielleicht Mehr geleistet als diese, aber nicht Anderes.
Sehr wahr und treffend ist eine Anekdote, die ein halbes Jahrhundert nach
seinem Tode erzählt wurde 1 ): als in Rom des Königs Gefolge und einheimische Römer
über das ächte Antiphonar herumstritten, habe der König den Streit mit einer Frage
geschlichtet: „ob der Quell oder der Bach reineres Wasser spende?" Hierin liegt in
der That das Neue und Eigenartige in der Bücherliebe des Königs, dass er nämlich
vorzog, auch von Schriften, die längst in seinem Reich verbreitet waren, planmässig
die ausserhalb des Reiches liegende Ueberlieferung aufzusuchen, weil sie die bessere
schien. Zwar für das Gregorianische Sakramentar und die Sammlungen des Dionysius
Exiguus, die beide er aus Rom erhielt, war diese bessere Ueberlieferung auch die
officielle, von der Kirche anerkannte; aber bei der Vulgata, bei der solcher Anteil des
Königs wahrscheinlich ist, und der Regula, bei der er feststeht, kann es wirklich nur
der Wunsch, von der Quelle zu trinken, gewesen sein, der ihn veranlasste authentische
Handschriften aus Italien zu bestellen.
War es nun aber die Absicht Karls, kann sie es gewesen sein, den durch und
durch ungrammatischen Text der Regula, der aus Montecassino angekommen war, in
den Klöstern zu stetem Gebrauch einzuführen und dadurch den eignen auf gramma-
tische Korrektheit gerichteten Bemühungen entgegenzuarbeiten? ging sein Respekt vor
der Tradition bis zur eigensinnigsten Pedanterie?
Bei den anderen Werken, für die er sich bemühte, Vulgata, Comes, Sakramentar
und Homiliar, sehen wir ihn den Auftrag erteilen den Text zu ordnen und herzustellen,
was darauf hinauskam, einen getreuen, aber auch einen grammatisch unanstössigen
zu liefern. Aber da lag die Sache auch anders. Es war nicht nur Eine massgebende
Handschrift vorbanden; die Texte mussten erst konstituiert werden, wofür eine Mehrzahl
zu Grunde zu legen und zur Harmonie zu bringen war. Oder wenigstens die Eine
Handschrift, von der man ausging, war nicht mit solcher Autorität umkleidet wie
die Handschrift der Regula. Und doch, auch in diesen Fällen hat der König die Ab-
schreibung der älteren noch nicht geordneten Exemplare nicht nur zugelassen, sondern
zunächst auch befördert.
Zwischen der Ankunft der italienischen Handschriften (es sind ja nicht Originale,
sondern Abschriften von vermeintlichen Originalen aus erster oder zweiter Hand) und
1) Iohannes Diac. Vita Gregorii M. II 1, 9 (A. SS. März II 147); vgl. Hieronymue' Einleitung
zum Psalter. Gallicanum (Migne 29, 120).
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der Anfertigung der Text-Recensionen und Bearbeitungen, z. B. durch Alcvin, liegt
für die Geschichte dieser Texte ein Zeitabschnitt, der leicht übersehen wird. Die Hand-
schriften blieben einstweilen, wie sie gekommen waren, in den Königlichen Biblio-
theken und lagen dort, um einen öfters schon verwandten Ausdruck zu gebrauchen,
als Normal-Exemplare aus. Hier konnten sie immer wieder eingesehen und für private
und öffentliche Zwecke benutzt werden. Von hier aus konnten Abschriften nach allen
Seiten ergehen und die Grundlagen der Ueberlieferung vervielfältigen. Definitive Aus-
gaben wurden dadurch wohl angeregt und im einzelnen Fall wohl auch ausdrücklich
angeordnet; aber das Abschreiben der Normal-Exemplare wurde keineswegs aufgehoben.
Wie die aus Montecassino gekommene Regula in Aachen auslag, wie sie dort
abgeschrieben und die Abschriften durch den mitabgeschriebenen Brief der Cassinesen
an Karl 1 ) oder durch eine verkürzte Mitteilung daraus (z. B. in der Wiener Hand-
schrift) als authentische gekennzeichnet wurden, haben wir früher gesehen und öfter
besprochen. Jetzt möchte ich ähnliche Beispiele zusammenstellen, die den Einblick in
diesen fast technisch zu nennenden Betrieb erweitern.
Im April 774 übergab Papst Hadrian I. dem König ein Exemplar der Kanonen-
und Dekretalen-Sammlungen des Dionysius Exiguus. Viele Handschriften der beiden
vom Papste geschenkten Werke sind auf uns gekommen. Aber die Handschriften
Frankfurt 64 saec. IX a ), Wtirzburg Mp. theol. f. 72 saec. IX 3 ), Rom Vatic. lat. 1338
saec. X/XI 4 ) tragen eine besondere Inschrift:
Iste codex est scriptus de illo authentico, quem domnus Adrianus apostolicus
dedit gloriosissimo regi Francorum et Langobardorum ac patricio Romano,
quando fuit Romae.
Innerhalb der Jahre 784 (787) und 791 schickte Papst Hadrian L dem König
auf dessen Wunsch ein Exemplar des Gregorianischen Sakramentars aus der Bibliothek
seines Palastes. Folgende fünfzehn 6 ) Abschriften (und wahrscheinlich noch mehr), die
nicht alle von einander unabhängig, aber noch weniger alle von Einer abhängig sein
werden, nämlich Paris lat. 2292 aus Nonantola (aber in Frankreich geschrieben)
c. a. 876, Modena II 7 saec. IX ex., Verona 86 aus Verona saec. IX, Wien 1815 aus
Reichenau saec. IX 6 ), Paris 12051 aus Corbie saec. X, Paris 2294 aus Paris saec. X,
Paris 10501 aus Metz saec. X, Verona 87 aus Regensburg saec. X, Metz 343 vielleicht
aus Trier saec. XI, Oxford Bodl. (Canonici) Liturg. 319 c. a. 1025 aus Köln 7 ), Bologna
Univ. 1084 aus Regensburg saec. XI, Heidelberg 940 8 ) und die drei früher in Peters-
1) Vgl. oben S. 630 fg. 2) Massmann, Denkmäler deutscher Sprache, München 1827 S. 83.
3) Oegg, Korographie S. 535.
4) Massen, Sitzungsberichte der phil.-hist. Klasse der Wiener Akademie 53, 395.
5) Vgl- vor allem Delisle, Me'moires de l'Acad^mie XXXII 57 ffg. (Memoire sur d'anciens
Sacramentaires) und Ebner, Iter Italicum S. 371 u. ö. 6) Denis, Codd. theologici I 3025.
7) 8°-Catalogue of Western Mss. in the Bodl. Library IV 379 N. 19408.
8) Rossi, Codices Palatini I pag. LXXXXIV.
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hausen, Rheinau, St. Blasien 1 ) befindlichen — alle diese Handschriften zeigen mit
einzelnen geringen Abweichungen dieselbe officielle Inschrift:
Incipit liber sacramentorum. de circulo anni expositus, a sancto Gregorio papa
Romano editus, ex authentico libro bibliothecae cubiculi scriptus.
Vor dem Jahr 800 wurde dem König vom Grammatiker Petrus au9 Pisa eine
Miscellan-Handschrift zur Verfügung gestellt, die nebst Dialogisierungen verschiedener
römischer Grammatiker die Dialogisierung von des Hieronymus Commentarii in Da-
nielem enthielt. Letztere ist aus der einzig erhaltenen Abschrift, früher in Stavelot,
jetzt in Cheltenham 12362 saec. IX von Martene herausgegeben worden. An der Spitze
steht folgende Inschrift:
Liber de diversis questiunculis cum responsionibus suis (das sind die »zuge-
hörigen"), quem iussit domnus rex Carolus transcribere ex autentico Petri
arehidiaconi.
Zwischen den Jahren 795 und 814 kam an Karl eine grössere Büchersendung
von Seiten des neuen Papstes, Leo III. Wir wissen davon und erhalten dieses Mal
genauere Angaben über den die Weiterverbreitung beaufsichtigenden Bibliothekar und
den Empfänger einer officiellen Abschrift durch die Handschrift des Ferrandus, früher
in der Registratur des erzbischöflichen Generalvikariates zu Köln, jetzt dort (?) in
Privatbesitz, die mit dieser Inschrift versehen ist:
Hie liber iussus a Wenilone episcopo Laudonense descriptus ad opus domni
Hildibaldi archiepiscopi et sacri palatii capellani de Ulis libris, qui Roma
venerunt et domnus apostolicus Leo domno Karoli (so) Imp. transmisit.
Wenn man diese vier Inschriften, die einzigen dieser Art, die ich bisher gefunden
habe, zusammen betrachtet und sich gegenseitig ergänzen lässt, so kann nicht zweifel-
haft sein, dass sie als Marken nicht der in die Hofbibliotheken eingeführten, sondern
der aus ihr ausgeführten Bücher zu verstehen sind. Also z. B. nicht der Papst hatte
auf das dem König geschenkte Sakramentar schreiben lassen: ex authentico libro
bibliothecae cubiculi scriptus, sondern der König oder seine Bibliothekare beglaubigten
mit diesen Worten die bald nach dem Eintreffen des päpstlichen Exemplares von ihnen
ausgegebenen Kopien desselben.
In diesem Zusammenhang versteht man den freilich lügenhaften Bericht Hink-
mars*) über einen Handschriften-Frevel des Adoptianers Felix von Urgel. Es soll
nämlich Felix nach Bestechung eines jüngeren Hof-Bibliothekares in die Handschrift
des Hilarius de trinitate durch eigenhändig vorgenommene Rasur und Interpolation
adoptatur eingeschwärzt haben, wo carnis humilitas adoratur die ursprüngliche
Lesart war. Hinkmar schiebt ihm dabei weniger die Absicht unter, alle späteren aus
dieser Handschrift genommenen Abschriften mit der ihm günstigen Interpolation aus-
1) Gerbert, Monumenta veteris liturgiae Alemannicae I praef.; vgl. Ebner S. 371.
2) Vgl. de praedestinat. praef. bei Migne, Patrol. lat. 125, 55.
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zustatten, als vielmehr seinen Richtern auf der bald folgenden Aachener Synode — Juni
800 2 ) — das Exemplar der Hofbibliothek in die Hände zu spielen. Er muss also
seinen Bericht an Thatsachen haben anlehnen können, wie wir sie für die Benutzung
der Regula auf verschiedenen Synoden vorausgesetzt haben.
Das Aufbewahren der Normal-Exemplare wie die Versendung der noch nicht
durchkorrigierten Abschriften hängt damit zusammen, dass die damaligen Bildungs-
bestrebungen nicht am Hofe centralisiert waren, wie man immer wieder geneigt ist
sich vorzustellen. Die Versuche in der deutschen Muttersprache, die Reorganisation
der Schrift, das Erblühen der Schulen für Malerei und der Pflegestätten für Elfenbein-
plastik zeigen ganz ähnliche Bilder der peripherischen Entwickelung. Der König gab
seinen Willen kund, er erleichterte die Ausführung, indem er, so gut es ging, für die
richtigen Hilfsmittel Sorge trug. Aber in den zahlreichen Arbeits Werkstätten, in den
Klöstern, die die natürlichen Organe der Ausführung waren, gestaltete man auf der
vom König gegebenen Grundlage das Gewünschte selbständig aus. Im Fall der Regula
legte man von jetzt an den nicht interpolierten Text zu Grunde, der sachlich und
sprachlich vom interpolierten abwich, aber man beseitigte, und in vielen Klöstern zu
gleicher Zeit und nach eigner Meinung, die anstössigsten Fehler besonders in der
Orthographie. Man findet daher wohl in manchen Handschriften den reinen Text,
aber man findet ihn nirgends mit allen Anstössen des Sangallensis. Obgleich solche
getreuen Abschriften nicht nur für Reichenau werden besorgt worden sein. Doch wo
sie es waren, Hess man sie zu Grunde gehen, sobald die emendierten Texte, denen sie
die Unterlage gegeben hatten, hergestellt waren und sie ablösen konnten; und in den
hierbei waltenden Grundsätzen unterscheiden sich deutlich die Bibliotheken der Klöster
und des Königs.
Wären die Dinge auf diesen Bahnen ruhig weiter gelaufen, so würde mit der
Zeit überall ein grammatisch reiner Text, der doch in allem Sachlichen dem Original
Benedikts entsprach, an die Stelle des früher gebrauchten interpolierten getreten sein.
Aber die Macht der Gewohnheit war stärker als der gute Wille. Man war an den
interpolierten Text gewöhnt und wollte die traditio moderna*), wie man sie nannte,
auch da nicht missen, wo man wusste, dass sie dem Original Benedikts, der traditio
pii patris, durchaus zuwiderlief. War schon der reine Text nicht überall durch voll-
ständige neue Abschriften gewonnen, sondern in die vorhandenen Exemplare durch
Kollation hineingetragen worden, so geschah jetzt das Umgekehrte. Auf diesem Wege
sind die kontaminierten Texte entstanden. Und wenn bei diesem Hin und Her auch
nichts anderes geschehen ist als in der Textgeschichte so und so vieler anderer Schrift-
steller, so haben wir doch für die Regula die Seltenheit einer ausdrücklichen Bekun-
dung dieser Vorgänge in dem Briefe der Reichenauer und das deutliche Bild einer
entstehenden Rückbildung in der zugehörigen St. Galler Handschrift 914.
1) Mühlbacher 340a, vgl. Hefele, Conciliengeschichte 2 III 724.
2) Vgl. den Brief der Reichenauer oben S. 681 und unten Urkunde IV.
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Doch nicht nur ein gewisser konservativer Hang hatte die Rückkehr von Les-
arten aus der interpolierten Version herbeigeführt. Reginbert und seine Reichenauer
Schüler folgen, wenn auch ziemlich mechanisch, einem Bestreben der Zeit, die vor-
liegenden Handschriften mit andern zufällig zugänglich werdenden, welche bemerkens-
werte Varianten aufwiesen, durchzuvergleichen und die auffälligsten fremden Lesarten
am Rande festzuhalten. Ursprünglich hatte man bei solcher Thätigkeit gewiss nur
daran gedacht, die vorhandenen Texte lesbarer und vor allem vollständiger zu machen ;
es ist aber nicht zu leugnen, dass gelegentlich auch, sagen wir, eine blosse philo-
logische Neubegierde antrieb, abweichende Ueberlieferungen ohne Rücksicht auf ihre
etwaige Nützlichkeit kennen zu lernen.
In den Nonius des Britischen Museums, Harley 2719, hat eine Hand des neunten
oder zehnten Jahrhunderts aus einer wohl nicht viel früheren Vorlage folgende Worte
als Randbemerkung zu scripturarios veteres 38,2 M übernommen 1 ): scriptores erant,
qui venales Codices faciebant^ inde victitabant eis {eos cod.) distractis. unde cor-
rumpti inveniuntur libri, quia non eos excidiebant (excurrebant cod.) nee recensebant
cum aliis. Dieser Gegensatz zwischen dem bezahlten Kopisten des Altertums und dem
um Gotteslohn schreibenden Mönche der Gegenwart, zwischen der überstürzten Arbeit
des Handwerkers und der an das Gesetz gebundenen des Künstlers, mochte nicht einem
Jeden zum Bewusstsein kommen , und vielleicht ist es ein seiner Zeit vorausdenkender
Ire, der hier dem Kalligraphen zugleich die Rolle des Philologen zuschiebt. Doch
kam aus den Werken des Hieronymus philologische Anregung fortgesetzt auch zu dem
Geringsten. Und indem in den stets fleissig gelesenen Briefen, Kommentaren und
Uebersetzungen des Kirchenvaters die ihrerseits an Origenes geknüpfte kritische Arbeit
gleichsam vor aller Augen und jeden Tag von neuem sich vollzog, hat eine Kette
nie ganz abreissen können, die zwischen der alexandrinischen und karolingischen
Philologie einen freilich schwachen Zusammenhalt herzustellen berufen war.
Wenn die Reichenauer sagen, sie hätten die Varianten de aliis regulis a mo-
dernus magistris correctis zusammengesucht, und wenn wir thatsächlich am Rand der
St. Galler Handschrift ohne Unterschied der einzelnen Regeln die Lesarten verzeichnet
finden, so ist damit eine Art der Zusammenfassung befolgt, von der man ohne weiteres
nicht sagen kann, ob sie. auf Einsicht oder Gedankenlosigkeit beruht, die aber ähnlich
auch in anderen Kollationen derselben Zeit sich vorfindet und meist nicht nur ver-
ständigen Zielen zustrebte, sondern auch von richtigen Voraussetzungen ausging.
Ueberschaut man die aus dem neunten Jahrhundert auf uns gekommenen Exem-
plare mit am Rand eingetragenen Kollationen, so könnte man auf den Gedanken
kommen, dass alle aus der Schule des Lupus von Ferneres hervorgegangen seien, mit
der die meisten sich in sichere Verbindung bringen lassen. Und gut will dies zur
Art und Neigung des Lupus stimmen, die wir in seiner durch einen wahren Glücks-
zufall geretteten Korrespondenz an so viel Stellen ausgesprochen finden. Doch ist
1) Vgl. Lindsay, Archiv für lat. Lexikographie IX 598.
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auch er nur ein Kind seiner Zeit. Denn um von anderen Texten zu schweigen, für
welche ähnliche Vorarbeiten oder Nachträge vorauszusetzen sind, ohne dass sie sich
erhalten hätten, so verweisen z. B. die Kölner Handschrift Augustins de civitate dei
(also der Lieblingschrift des Königs) aus dem achten Jahrhundert, deren Kollationen
von einem älteren Exemplar übernommen, aber gewiss nicht vorkarolingisch sind 1 ),
und die Bibeln Theodulfs*) die Anfänge dieses philologischen Treibens schon in die
Zeit Karls des Grossen. Und Reginbert, obgleich später im Verkehr mit Lupus und
bei dem jüngeren Freunde in die Lehre gehend, kann nur von solchen älteren Vor-
bildern abhängig gewesen sein, als er seinen Schülern Grimalt und Tatto die An-
weisung und Aufforderung zum Kollationieren gab.
7. Die interpolierte Fassung wurde in diesem Kapitel bisher nur gestreift und
da erwähnt, wo es der reinen Fassung wegen nötig war. Sie verdient jetzt um ihrer
selbst willen eine eigene Betrachtung.
Sie ist, wie sich unzweifelhaft ergeben hat, überall früher auf dem Fleck als
die reine Fassung. Seit dem siebenten Jahrhundert ist sie in Italien, Frankreich und
England nicht nur nachzuweisen, sondern allein im Gebrauch, so dass wir sie als die
damalige Vulgata des Textes bezeichnen müssen. Die reine Fassung hatte am Ende
des achten Jahrhunderts von Montecassino aus sich verbreitet; woher war die inter-
polierte gekommen, welchen Weg hatte sie eingeschlagen, unter welchen Bedingungen
war sie überhaupt entstanden?
8. Handschriften der interpolierten Fassung und manche kontaminierte Texte
eröffnen ihre Regula mit den öfters erwähnten Versen des Siraplicius. 8 ) Es ist früher 4 )
bereits darauf hingewiesen worden, dass diese Verse schon ursprünglich der inter-
polierten Fassung angehören. Folgende direkte und indirekte Beweise sprechen dafür:
1) die Verse finden sich in Handschriften der reinen Fassung entweder überhaupt
nicht oder nicht an der richtigen Stelle; dagegen in interpolierten und kontaminierten
Handschriften (solchen also, die ihre Eigentümlichkeiten aus reinen und interpolierten
Texten gemeinsam entnehmen und in diesem Fall aus den interpolierten entnommen
haben können) stehen die Verse an Ort und Stelle, d. h. vor dem Prolog; 2) da sie
von Simplicius, dem Schüler S. Benedikts und dritten Abte von Montecassino herrühren,
muss der ihnen nachgeschickte Text einer in so früher Zeit verbreiteten Fassung an-
gehört haben; es ist aber, soweit wir sehen können, die interpolierte Fassung, um
es kurz auszudrücken, die ältere; 3) in einer alten Handschrift der reinen Fassung
können sie nie gestanden haben, wenigstens nicht in dem vermeintlichen Urexemplar
zu Montecassino, weil man dieses als das von Benedikt selbst geschriebene dann nicht
hätte ausgeben können ; denn deutlich sagen sie das Gegenteil von dieser Präsumption. —
Also, man wird keinen Einwurf mehr gegen die Annahme erheben können, dass die
Simplicius- Verse, wie sie jetzt den Exemplaren der interpolierten Fassung angehören,
1) Vgl. W. Schmitz, Neues Archiv XI 113. 2) Berger, Histoire de la Vulgate pag. 165.
3) Vgl. unten Urkunde I und oben S. 628, 653 u. 660. 4) S. 672.
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXL Bd. III. Abth. (87) 1 1
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so für ein interpoliertes Exemplar von Anfang an geschrieben wurden und aus diesem
mit dem ihnen folgenden interpolierten Text der Regula sich weiter verbreiteten. Ist
dies aber zugegeben, so folgt sofort, dass Simplicius der Urheber der interpolierten
Fassung ist. Denn auf der einen Seite haben wir den absichtlich geänderten Text
S. Benedikts; auf der anderen diesen Mann, der behauptet, sich um denselben Text
durch die Publikation die allerhöchsten Verdienste erworben zu haben. Wären die
stolzen Worte für ein Exemplar der reinen Fassung geschrieben, würden wir sie hin-
nehmen, ohne sie zu begreifen. Da sie aber, wie nachgewiesen, zu einem Exemplar
der interpolierten Fassung gehören, muss die von Simplicius beanspruchte Herausgeber-
thätigkeit und die von uns beobachtete Aus- und Umgestaltung des Textes in ursäch-
lichem Zusammenhang stehen, und wir dürfen behaupten, dass die Interpolation der
Regula S. Benedicti auf Simplicius zurückgeht und sie es gerade ist, für die er den
himmlischen Lohn sich versprochen hat.
Es ist also die interpolierte Fassung die Textesforra, die Simplicius seiner Aus-
gabe der Regula gegeben hat; sie ist wenige Jahre nach dem Tode des heiligen
Benedikt entstanden; sie ist ausgegangen von Montecassino. Derselbe Mann, der sich
berühmt, das Werk seines Meisters zuerst der Oeffentlichkeit übergeben zu haben, hat
Sinn und Worte vielfach missverstanden und leichtsinnig abgeändert; nur an wenigen
Stellen sieht man, dass seine Aenderungen die verständliche Absicht hatten, etwa einen
Ausdruck genauer zu fassen oder eine Straf bestimmun g zu verschärfen. Doch wohl-
begründetes Recht hat er, wenn er sich ein besonderes Verdienst um die Verbreitung
der Regula zuschreibt. Es liegt hier der merkwürdige Fall in vollständiger Reinheit
vor, dass der interpolierte Text eines Schriftstellers früher bekannt wird als der
ursprüngliche. Ein genau damit sich deckendes Beispiel fällt mir nicht ein: aber es
fehlt nicht an ähnlichen in der älteren Literatur.
Im Jahre 581, einige Zeit nach dem Tode des Simplicius, flüchteten die Cassinesen
nach Rom, wobei sie nicht vergassen, das Originalmanuskript der Regel mitzunehmen. 1 )
Dennoch muss auch die Ausgabe des Simplicius sie begleitet haben, und es ist diese,
die in zwei Jahrhunderten fast überall das Handbuch der Ordensleute bleibt oder wird.
9. Hier setzen einige schon früher angeführte, aber noch nicht erklärte Zeug-
nisse ein. „Die Regel des Abtes Benedikt von Rom" : dies ist der Titel der Bene-
diktinerregel in dem Briefe des Venerandus 2 ) aus der Mitte des siebenten Jahrhunderts
(regula sancti Benedicti abbatis Rotnensis), in der Handschrift aus Verona 8 ) etwa
vom Jahr 800 (regula a sancto Benedicto Momente edita) und in einem Privileg
Papst Johanns IV. (640 — 642) in der Formelsammlung aus St. Denis im cod. Paris
lat. 2777*), das zwar nach Grauert, Zeuraer u. A. eine Fälschung ist, aber mit dieser
Angabe (edicta Antonie Pachomii, haut procul a nostris temporibus Benedicti abbatis
istius Borne huius urbis) gewiss einer älteren merowingischen Urkunde folgt. Nun
1) Vgl. oben S. 627. 2) Vgl. oben S. 634. 3) Vgl. oben S. 659.
4) Formulae Merowingici aevi pag. 499, 20.
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konnte man Benedikt einen römischen Abt nur zu einer Zeit nennen, als die Heim-
stätte der Benediktiner das Johannes-Kloster am Lateran noch war, das ist innerhalb
der Jahre von 581 bis etwa 717. 1 ) Zwar hätte durch Gregors Dialoge in den Kreisen,
denen die Regeltexte bestimmt waren, genauere Kenntnis vom Leben des Ordens-
vaters schon seit 593 eingebürgert sein können, aber der Brief des Venerandus zeigt,
dass der Irrtum in Südfrankreich noch fünfzig Jahre später herrschte. Dagegen darf
man wohl als sicher annehmen, dass Handschriften, die mit dem falschen Titel wahr-
scheinlich vom Empfänger ausgezeichnet wurden, wirklich in letzter Linie aus Rom
gekommen waren. Dann aber lehrt der Regeltext des Venerandus, soweit er aus der
Handschrift des fünfzehnten Jahrhunderts durchleuchtet, und die Veroneser Handschrift,
dass die von Rom verbreitete Fassung, wie oben behauptet worden, den Text des
Simplicius wiedergab.
Auf mannigfachen Wegen und Umwegen, hinweg über viele Hindernisse, ist die
Untersuchuug in diesem Kapitel aufgestiegen. Aber jetzt stehen wir auf einer Höhe
mit weitem, freiem Ausblick: in der Arx, auf Montecassino. Von hier, wie wir jetzt
mit voller Klarheit sehen, ist um 560 die interpolierte Fassung ausgegangen, als Abt
Simplicius das Werk seines Lehrers „unter alle verpflanzte", ist um 790 die reine
Fassung ausgegangen, als Karl der Grosse von Abt Theodemar eine authentische
Abschrift begehrte.
Kapitel VI.
Das Urexemplar.
In welchen Handschriften der reine Text der Regula uns vorliegt, war im ersten
Kapitel ohne äusseres Kriterium von innen heraus festgestellt worden. Die bis hierher
geführte Textgeschichte hat dem früheren Befund eine nützliche Bestätigung verliehen:
nämlich der reine Text findet sich in auch gut beglaubigten Handschriften. Umgekehrt
aber erwächst eine viel erwünschtere Bestätigung für die Tradition der Cassinesen
über das von ihnen besessene Urexemplar S. Benedikts: nämlich in der so beglaubigten
Handschrift stand in der That der reine Text. Und um so bemerkenswerter ist diese
Bestätigung, als man zu bedenken hat, wie frühe die Ausgabe des Simplicius erschien
und zu allgemeiner Anerkennung gelangte, wie leicht sie also den alten Text nicht
allein aus der Gunst, sondern auch aus jeder Erinnerung hätte verdrängen können.
Blieb man aber in Montecassino und Rom und dann wieder in Montecassino eingedenk,
welche Reliquie man in dem unscheinbaren Buch besass, das von S. Benedikts eigener
1) Vgl. oben S. 628.
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Hand geschrieben sein sollte, so kann es auch schon vor Karl dem Grossen nicht an
gelegentlicher Benatzung desselben gefehlt haben, und, wo nun wirklich in so früher
Zeit die reine Fassung irgendwie zu Tage tritt, wird man an den unmittelbaren
Einfluss des Cassineser Urexemplares denken müssen. Was an Derartigem bisher sich
uns gelegentlich ergeben hat, stellen wir hier zusammen. Aber alias sind nur ver-
einzelte Spuren, mit deren weiterer Verfolgung wir daher auch den eigentlichen Gang
der Textgeschichte früher nicht unterbrechen durften.
1. Von der Regula Magistri ist im III. Kapitel die Rede gewesen. 1 ) Für sie
ist das Urexemplar wohl noch in Rom benutzt worden. Eine weitere Vermutung
habe ich nicht.
Bei Paulus*) und Smaragd 3 ) haben wir zwei ausgesprochene Verweise auf
das Urexemplar gefunden. Es sei festgestellt, dass an beiden Stellen die durch diese
Verweise dem Urexemplar zugeschriebenen Lesarten thatsächlich in der reinen Fassung
sich vorfinden, nämlich cap. 3, 17 cum abbate suo proterve aut foris monasterium
contendere und cap. 41, 10 absque iusta murmuratione faciant. Italienische Gelehrte
scheinen nach 717*) und vor 774 5 ) gelegentlich grammatischer Streitigkeiten die
Handschrift in Montecassino eingesehen zu haben. 6 )
Der von Paulus im Kommentar fortlaufend citierte Text ist zwar für die kritische
Arbeit unerheblich 7 ), zeugt doch aber wegen des Zustandes der Kontamination, in der
er sich befindet, wieder für die Einwirkung des Urexemplares. Die gelegentliche Be-
nützung desselben durch italienische Gelehrte hat eben nicht aufgehört oder war um-
fangreicher, als wir geglaubt,
In der Handschrift zu Montecassino CLXXV, in welcher der Kommentar des
Paulus mit dem Text der Regula verklittert ist, gehört dieser Text der reinen Fassung
an. Er stammt aber aus einer Abschrift des Aachener Normalexemplares 8 ) und der
reine Text ist hierdurch auf Umwegen an seinen Ausgangspunkt zurückgelangt.
Die St. Galler Handschrift 916 zeigt durch das vorangestellte Supplement
des Prologes und hie und da in Lesarten der Regula, dass die reine Fassung auf
ihre Vorlage eingewirkt hat. Man könnte meinen, vermittelst einer Abschrift aus
dem Aachener Codex. Sieht man aber genauer zu, so verbietet sich diese zunächst
liegende Annahme aus verschiedenen Gründen. In cap. 5, 26 hat S die von Wölfflin
als richtig erkannte Lesart non trepide non tepide non tarde nur in Gemeinschaft mit
den drei Zeugen für die Ueberlieferung der Regula Magistri (= Mag. abc), im
Gegensatz zur Lesart non trepide non tarde non tepide, die sowohl im Normalexemplar
zu Aachen als in der Ausgabe des Simplicius stand (AB -f- OV). Dasselbe Verhältnis
besteht auch in dem Nachtragstück prol. 79 , wo corda nostra et corpora (S Mag.)
gegen corda et corpora nostra (ABT Smar.) zeugt, in der Aachener Abschrift also
1) Vgl. oben S. 635. 2) Vgl. oben S. 682 und S. 638. 3) Vgl. oben S. 647.
4) Vgl. S. 628. 5) Vgl. S. 639. 6) Vgl. S. 645. 7) Vgl. oben S. 621.
8) Vgl. in den Anmerkungen zum dritten Kapitel die über den Kommentar des Paulus.
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(683) 85
die schwierige Wortstellung des Urexemplares erleichtert war. In dem Supplement
des Prologes geben ausserdem die seltsamen Korruptelen von S zu denken: statt prol. 83
iubeat (iuveat A) nobis adiutorium ministrare hat S adibeat nobis adiutorium om Ire,
statt prol. 98 initio hat S itenere, statt prol. 99 fidei dilatato hat S si dei dilatuto,
statt prol. 101 ab ipsius numquam magisterio discidentes hat S ab ipsius notitiam
magisterio discentes. Man sieht deutlich, dass an diesen Schreibungen absichtliches
Aendern und Interpolieren ebenso vielen Anteil hat als zufälliges Missverstehen und
Verlesen. Und zwar wurde falsch gelesen unter anderem ti statt g, si statt fi : das
heisst es wurden die Ligaturen ti und fi missverstanden. Diese kommen vor und der
Grund zum Irrtum war damit gegeben sowohl in ganz frühen italienischen Kursiv-
schriften, wie wir sie aus Bobbio und Verona kennen, als in den späteren daraus ent-
wickelten, z. B. in der Cassinesischen seit dem achten Jahrhundert, dem Jahrhundert
ihres ersten Auftretens. Darnach ergeben sich zwei Möglichkeiten, die ich der Kürze
halber sofort durch folgende Figuren ausdrücke:
Urexemplar
Abschrift für Karl den Grossen
(in Cassineflischer Schrift)
Aachener Normal-Exemplar
T U. 8. w.
Dies wäre eine Ergänzung zu den Folgerungen des vorigen Kapitels. Oder aber:
Urexemplar
(in früher ital. Kursive)
Aachener Normal-Exemplar
T u.s.w.
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86 (684)
Dann läge in S eine Benutzung des Urexemplares vor, wie etwa in der Regula
Magistri. Und hierzu neige ich mehr, da mir Verlesungen wie dm Ire für ministrare
eher eine ganz alte, im achten Jahrhundert gar nicht mehr verstandene Kursive
vorauszusetzen scheinen.
2. Die Schritte, die wir noch zu unternehmen haben, um über das Urexemplar
(= Q) das letzte Mögliche zu ergründen und durch die frühesten Zeiten der Text-
geschichte uns dem Augenblick ihres Ursprungs zu nähern, gleichen den Schritten,
die der Veranstalter einer kritischen Ausgabe zu thun hätte, um den Archetyp der
Regula zu rekonstruiren. Und wirklich nur ein Herausgeber, der im Vollbesitze des
nötigen Materiales ist, und für jede einzelne kritische Stelle den ganzen Apparat zur
Verfügung hat, könnte alle die Einzelfragen, die hier zu stellen sind, entscheiden, ja
er erst wäre im Stande, die richtigen zu stellen. An ihn also verweisen wir und bitten
die folgenden Bemerkungen hinzunehmen als das, was sie sind: als Abschluss der vor-
läufigen Untersuchungen, die wir selbst anstellen konnten, und als Vorläufer einer
abschliessenden Ausgabe, die wir von anderer Seite erhoffen.
Es ist zunächst das Normalexemplar Karls des Grossen (= K) aus seinen ver-
schiedenen Abschriften herzustellen. Wir haben oben ABT Ben. Smar. kennen ge-
lernt; statt T sollte aber für die Ausgabe ein brauchbarerer Zeuge aufgesucht werden.
Mir scheint ein solcher die oben l ) erwähnte Cassineser Handschrift. Auch Ben. und
Smar. bleiben vielleicht besser weg, da in sie zu viel Individuelles hineingekommen
sein kann. A spielt eine besondere Rolle für alles Grammatische und Orthographische
bei der Rekonstruktion von Q und nicht nur von K, weil bei seiner Herstellung diese
Dinge ausdrücklicher beachtet wurden, als das sonst zu geschehen pflegt. K sollte
nach der Absicht des Bestellers und der Lieferer fehlerfrei und genau die Eigenart
von ü wiedergeben, und allermeist erfüllt K diese Absicht. Dass aber thatsächlich
auch Fehler mit untergelaufen sind, entspricht nur dem thatsächlichen Vorhandensein
verschiedener Fehlerquellen. Nämlich die Schrift von Q aus dem sechsten Jahrhundert
konnte den Mönchen des ausgehenden achten nur schwer lesbar sein; Q konnte durch
inzwischen gemachte Einträge verdorben sein, die man von der ursprünglichen Lesart
unterscheiden entweder nicht konnte oder nicht wollte ; die mit der Abschrift für Karl
betrauten Cassinesischen Mönche konnten aus sonstiger Unachtsamkeit fehlen; falls in
Aachen die Abschrift erst noch in karolingische Minuskel umgeschrieben wurde, so
konnten dieselben Irrtümer wieder bei dieser neuen Gelegenheit sich einstellen. Vor
allem ist hier und auch sonst immer zu bedenken, dass die mit der Vervielfältigung
beauftragten Schreiber einen bestimmten Text der Regula bereits im Kopf hatten, der
ihnen unwillkürlich in die Feder kommen musste.
Zweite Aufgabe ist, die Editio princeps des Simplicius (= 2) herzustellen. Nicht
nur deren geschichtliche Stellung fordert es, sondern Simplicius benutzte doch für seine
Interpolation als der erste, den wir fassen können, den reinen Text von Q und zeugt
1) Vgl. S. 682.
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(685) 87
nun für ihn, bald positiv, durch das was er bewahrt, bald negativ, durch das was er
verändert. Leider ist in den Handschriften von 2 durch die am Beginn stehende Inter-
polation gleichsam das Signal zu fortschreitender Willkür gegeben worden; denn alle
wimmeln von Eigenmächtigkeiten. Während also für K drei Zeugen gentigen, sind
für 2 (das wieder seine eigene Textgeschichte hat) möglichst viele alte Handschriften
(d. h. noch nicht kontaminierte oder emendierte) heranzuziehen. Von besonderem
Wert ratisste die Auffindung einer von Ben. unabhängigen Sonderüberlieferung von
Don. sein. Von den Fehlern in 2 noch einmal zu sprechen ist müssig.
Regula Magistri (= Mag.) und die Zeugen für eine von K unabhängige Be-
nutzung des ürexemplares sind mit besonderer Aufmerksamkeit und Vollständigkeit
heranzuziehen. Sie entscheiden am bequemsten in dem Streit zwischen K und 2.
Dass in die Ueberlieferung von Mag. sich Fehler aus 2 eingeschlichen haben, ist oben
festgestellt worden und bleibt natürlich zu beachten; ebenso, dass Mag. sowohl als
andere ähnliche Zeugen (z. B. S) verhältnismässig sehr selten uns zu Gebote stehen.
Für die Auffindung der ursprünglichen Lesart von Q ergeben sich auf Grund
der vorangegangenen Erörterungen und Erläuterungen die folgenden Kombinationen.
Ich lasse dabei das für „grösser" in der Mathematik gebrauchte Zeichen „richtiger*
bedeuten und vermeide gleichgiltige und nur prinzipielle Ansätze (z. B. K-\- 2> Mag.
aufzustellen, hätte keinen Wert):
K + Mag. (+ S) > 2 bester Fall
K>2 gewöhnlichster Fall 1 )
2 + Mag. > K sehr seltener Fall»)
2>K sehr seltener Fall 8 )
Mag. + S > K+ 2 seltener Fall.
Dies die Möglichkeiten, die vorhanden sind und nach meinen Erfahrungen that-
sächlich vorkommen. Ist nun auf Grund der in diesen Möglichkeiten ausgedrückten
Erwägungen Q rekonstruiert, so ergiebt sich, so viel ich sehe, seine vollständige Fehler-
losigkeit. Es giebt wohl viele Stellen, an denen die alten und neuen Herausgeber
(z. B. Simplicius und Wölfflin) und gute und schlechte Kritiker, deren hier glücklicher-
weise noch nicht sehr lange Reihe mit beginnt und zunächst bei Arens 4 ) endet, —
es giebt viele Stellen, an denen einer von diesen oder alle Anstoss genommen und zu
Veränderungen des Textes geschritten sind, aber ich bin kühn genug zu behaupten,
dass sie alle bis auf den letzten Mann im Irrtum sind. Ich kann hier natürlich nur
Beispiele als Beweis vorbringen und nicht die ganze Liste verfehlter Konjekturen be-
kämpfen, aber ich habe doch auch manches schon durch das erste Kapitel erledigt
1) Vgl. oben Kapitel I.
2) Vgl. prol. 36 meas Mag., meae ceteri; vielleicht auch cap. 7, 29 revolvat 2 Mag.,
evolvat K (s. oben S. 609); auch cap. 7, 30 peduum W. Mag. b, pedum cet. kann zugehören.
3) Vielleicht liegt er vor in cap. 9, 18 nominatis doctorum 2, nominatis et K.
4) Neue Jahrbücher für Philologie LXVI1 S. 733.
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88 (686)
und kann mich ausserdem auf die Erklärungen beziehen, mit denen z. B. die Mauritier,
Lejay 1 ), Weyman*), E. Schmidt 8 ) die Richtigkeit nicht weniger verdächtigter Stellen
erwiesen haben.
cap. 1, 25 de quorum omnium horutn miserrima conversatione melius est stiere
quam loqui (ß). Der letzte Herausgeber fällt folgende Entscheidung: „horum inclusi
quia erasum est in 0"; da aber in vulgärer Latinität nichts häufiger 4 ) ist als „ein
Relativsatz mit angehängtem Demonstrativura desselben Casus*, wird es doch bei der
Ueberlieferung sein Bewenden haben müssen.
cap. 2, 8 ideoque abbas nihil extra praeceptum domini quod sit debet aut docere
aut constituere (ß). Statt quod sit haben V S 4 die naheliegende Konjektur quod absit
aufgenommen. Es liegt aber ein Hyperbaton vor wie cap. 64, 38 ut sit et fortes quod
cupiant et infirmi non refugiant.
cap. 3, 16 neque praesumat quisquam cum abbate suo proterve aut foris mona-
sterium contendere (Q). Vor aut {ac V) schieben S und V infra ein, was z. B. auch
eine alte Hand in B an den Rand geschrieben hat; infra ist ein im vulgären La-
teinisch nicht selten mit intra verwechseltes und dafür gebrauchtes Wort. Aber der
Zusatz ist schlechterdings überflüssig: „Man soll mit dem Abt nicht heftig oder (gar)
ausserhalb des Klosters herumstreiten".
cap. 4, 46 seniores venerare, iuniores diligere (Q). Weyman hat gezeigt, dass
das richtige dirigere wäre, er hat aber zugleich darauf hingewiesen, dass S. Benedikt
eine ältere Spruchsammlung benutzt. In der nun kann der Fehler bereits gestanden
haben. Vgl. in den Anmerkungen zu S. 636.
cap. 7, 112 ad omnia quae sibi iniunguntur velut operarium malum se iudicet
et indignum (ß). Mit diesen Worten vergleicht schon Benedikt von Aniane eine Stelle
bei Cassian inst. IV 39, 2. Cassian muss geschrieben haben, wie ein Teil seiner Hand-
schriften giebt, ad omnia se quae sibi praebentur velut operarium malum iudicarit
indignum, aber in anderen sehr guten Handschriften und bei Benedikt von Aniane
steht die Interpolation iudicarit et indignum. Man darf also bei S. Benedikt keines-
wegs et streichen und erhält hier nur den Beweis für das hohe Alter der Interpolation
bei Cassian.
cap. 38, 16 ne detur occasio (ü). Ich bitte die Stelle nachzulesen. Die Hinzu-
fügung von maligno nach occasio, die durch ähnliche Stellen der Regel nahe gelegt
wird (vgl. cap. 43, 18 und 54, 10) und schon in emendierten Handschriften sich findet,
ist dennoch ganz gegen den Zusammenhang, und ob nun das Sätzchen mit den voraus-
gehenden oder ob es mit den folgenden Worten zusammengehört, zu ergänzen (aber
nicht etwa zu schreiben) ist loquendi. —
1) Revue critique Nov. 1895 pag. 335.
2) Wochenschrift f. klass. Philologie 1896 S. 208.
3) Studien und Mitteilungen aus dem Benediktiner-Orden XVI 681.
4) Vgl. Rönsch, Itala und Vulgata 2 S. 444.
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(687) 89
Aber dennoch an Fehlern, wenn man so will, fehlt es in ü nicht. Doch es sind
nicht die Fehler, die eine schlechte Ueberlieferung hineinträgt, sondern solche, die nur
eine fast übergetreue bewahren kann. Alle möglichen Anakoluthe, von nicht ganz
ausgefeilten Satzverbindungen bis zur vollständigen Konstruktionslosigkeit, finden sich
fast auf jeder Seite. Am leichtesten, auch in der Art des von den Herausgebern an-
gewandten Heilmittels, ist noch cap. 11,23: qui ordo vigiliarum omni tempore tarn
aestatis quam hiemis aequaliter in die dominico teneatur, wi, si forte, quod absit,
tardius surgant, aliquid de lectionibus breviandum est. Es muss durchaus nisi forte
heissen (wie etwa cap. 20, 8 und cap. 42, 15) und es vermischen sich hier folgende
Gedankenreihen: ordo teneatur, nisi tardius surgant und ordo teneatur, nisi forte ali-
quid breviandum est, quod sunt qui tarde surgant. Am widerwilligsteu gegen alle
Gesetzmässigkeit gewöhnlicher Rede ist vielleicht cap. 1, 4 — 11. Ich setze die Stelle
ab und schreibe sie per cola et comraata:
deinde secundum genus est anachoritarum
id est heremitarum
horum qui
non conversationis fervore novicio
5 sed monasterii probatione diutuma
qui didicerunt
contra diabolum
multorum solacio iam docti
pugnare
10 et bene extructi fraterna ex acte ad Singular em pugnam heremi
securi iam sine consolatione alterius
sola manu vel brachio
contra vitia carnis vel cogitationum
deo auxiliante
15 pugnare sufficiunt.
Man würde glauben können, es läge hier nur eine beabsichtigte Fülle des Aus-
drucks mit einem Fehler der Ueberlieferung vor, wenn nicht qui auf Zeile 6, durch
das Zeugnis von Mag. über jeden Zweifel erhaben, vielmehr anzeigte, dass aus ver-
schiedenen Versuchen allmählich ein übervolles Satzgebilde erwachsen ist. P. Lejay sagt
sehr gut von einer ähnlichen Stelle (cap. 2,24): „la parenthese inexplicable . . parait
etre le debris d'une redaction anterieure utilisee pour la suite."
Wenn wir noch erwähnen, dass am Schluss von Q die capp. 67 — 73 ohne jeden
Zweifel nachträgliche Zusätze sind, wie nicht der* Stil sondern der Inhalt erweist, so
ist das Bild abgerundet: wahrscheinlich nicht in Buchschrift, sondern in Kursive dem
Pergament übergeben und in vulgärer Sprache mit vulgärer Orthographie aufge-
zeichnet, lässt das Urexemplar vielerorts noch Einblicke in die ungeordneten Versuche
des Konzeptes thun und enthält am Schluss sieben nachträglich hinzugeschriebene
längere Abschnitte.
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (88) 12
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90 (688)
Mit diesem Resultat kann die Textgeschichte zufrieden sein; denn hier, wo wir
sie beschließen, erhebt sie sich zur höchsten Aufgabe der Kritik und spricht ein ent-
scheidendes Wort für die auch in jüngster Zeit wieder bezweifelte Echtheit der Regula.
Simplicius ist ein persönlicher Schüler des Benedikt, wie Gregor berichtet. Er
nun bezeugt nicht nur indirekt durch die Interpolation den reinen Text, sondern auch
mit ausdrücklichen Worten, dass dieser von seinem Lehrer verfasst sei.
Die erwähnten Satzungethüme und Nachträge werden sowohl durch die Regula
Magistri und das Normalexemplar Karls des Grossen als durch die Ausgabe des Sim-
plicius bezeugt. Benedikt selbst hatte öfters hin und her tastend nach dem richtigen
Ausdruck gesucht: — und es entstanden die Satzdubletten. Er oder der nächste Abt
nach ihm, Constantinus, oder weniger wahrscheinlich der dritte Abt, Simplicius, hatten
in dem ursprünglichen Text später einige Lücken entdeckt: — und es entstanden die
Kapitel des Nachtrags. So stammt denn unsre ganze Ueberlieferung, die reine wie
die interpolierte, nicht nur aus Montecassino, sondern wirklich, wie sie vorgiebt, aus
dem Handexemplar des Ordensstifters.
Urkunden zur Textgeschichte.
I. Die Verse des Simplicius.
Folgende Zeugnisse, Handschriften und anderweitige Hülfsmittel für die Verse des
Simplicius (vgl. oben S. 679) sind mir bekannt und stehen hier nach der Zeit geordnet:
(A) St. Gallen 917, kontaminierte Handschrift der Regula saec. XV mit dem Brief
des Venerandus aus dem siebenten Jahrhundert, vgl. oben S. 633; photographiert.
(B) Wien 2232 saec. IX in., reine Hs. der Regula, aber die Verse sind unzugehörig und
aus einer interpolierten Hs. eingelegt; vgl. oben S. 653 und 672; photographiert.
— Augsburger Handschrift, erwähnt von Mabillon, Analecta IV 457.
(S) St. Gallen 916 saec. IX in., interpolierte Hs. der Regula, vgl. oben S. 659.
(Y) Turin G. VII 18 saec. IX/X, kontaminierte Hs. der Regula, vgl. oben S. 662;
verglichen von A. Avetta.
(T) Cambridge, Trinity Coli. 0. 2. 30 saec. X, kontaminierte Hs. der Regula; vgl.
oben S. 663; verglichen von A. Rogers.
(U) Cambridge, University LI. I. 14 saec. X, interpolierte Hs. der Regula; vgl. oben
S. 661; verglichen von A. Rogers.
(X) Turin G. V 38 aus Bobbio saec. X, mir nicht näher bekannte Hs. der Regula,
die Verse stehen auf dem Vorsetzblatte, vgl. 0. Seebass, Neues Archiv XVII
248; verglichen von A. Avetta.
— Sigebertus SS. eccl. cap. 31 führt den Simplicius als Verbreiter der Regel auf,
saec. XI.
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(689) 91
(77) Petrus Diaconus über die Regula S. Benedicti in der Hs. Montecassino 257 saec. XII,
vgl. Bibliotheca Casinensis V 1 pag. 15 und Florileg. pag. 117, woraus ich schöpfe.
— Chartres 1038 saec. XII, Hs. der Regula, vgl. 8°-Catalogue 11, 333.
— Cambrai 228 saec. XII, Hs. der Regula, vgl. 8°-Catalogue 17, 75.
— Melk 189 saec. XII (aber abgekratzt und erst saec. XV erneuert), Hs. der
Regula, vgl. Catalogus codd. monasterii Mellicensis I 267.
— Zwettl 84 saec. XII, „regula sancti Benedicti abbatis a Simplicio eius discipulo
edita*, vgl. Hss.- Verzeichnisse der Cisterzienser-Stifte I 332.
(V) Vaticanus lat. 4849 saec. XIII, kontaminierte Hs. der Regula; offenbar benutzt
von A. Gallonius (Apologeticus Liber adversus Const. Bellottum, Rom 1604,
pag. 50), vgl. oben S. 633; verglichen von H. Graeven.
(M) Valenciennes 284 saec. XIII, Hs. d. Regula, vgl. 8°-Catalogue 25, 317 u. Mangeart,
Catalogue des Mss. de la Bibliotheque de Val. pag. 287, woher ich schöpfe.
— Verdun 37 saec. XIII, Hs. der Regula, vgl. 4°-Catalogue 5, 448.
(A) Lucas Holstenius, Codex Regularum II 1, Rom 1668, vor seiner Ausgabe der
Regula aus einer kontaminierten Hs.
— in Cassinensi Bibliotheca (vgl. oben 77)
— in ea quae est abbatis Caietani
— ad calcem Regulae Monasterii S. Ha-
driani Gerardi-Montensis
— die späteren Herausgeber hängen von Gallonius oder Holstenius ab und zählen
nicht.
Ein recht frühes Zeugnis für die Bekanntschaft mit dem Gedicht des Simplicius
scheint in der Vita S. Germani Grandivallensis des Bobolenus vorzuliegen. Malnory
(Quid Luxovienses etc., pag. 32) hat die Worte dieser Vita: sancto Germano pro dei
intuitu oboedientiae colla submitterent mit Regula S. Benedicti cap. 58, 28 verglichen;
näher liegt es, den ersten Vers des Simplicius heranzuziehen.
Die Verse sind rhythmische Hexameter, wie solche zu verstehen gelehrt hat
W. Meyer aus Speyer, Sitzungsberichte der I. u. III. Classe 1882 S. 190 und Abhandlungen
der I. Classe XVII 2 S. 276. Zeitlich am nächsten steht vielleicht die Subskription
hinter Gregors Regula pastoralis in der Handschrift von Ivrea (vgl. Bethmann, Archiv
IX 613, Reifferscheid Bibl. patr. II 236). Ob die Ueberlieferung überall getreu? Wie
immer in nicht-metrischen Versen haben die Schreiber viel herumgebastelt; besonders
anstössig war ihnen die freie Stellung von que (v. 5, 6, 7) und quod (v. 7, sc. opus).
Ich schliesse mich an die beiden ältesten zusammengehenden Handschriften an, B und S.
Die erstere hat in v. 5 den entschuldbaren und leicht zu entfernenden Zusatz von
beatus vor Benedictus. Mit der einzig richtigen Lesart dulcis in v. 2 (denn Elision
ist offenbar gemieden, dulcis gehört zu regulae) stehen beide allein, nur Y mit dulces
kommt nahe, entfernt sich aber wieder an andern schlimmen Stellen.
12*
sollen die Verse gestanden haben nach
Haeften, Disquisitiones, 1644, pag. 165.
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92 (690)
Qui leni iugo Christi colla submittere cupis,
regulae, sponte da mentem, dulcis ut capias mella.
hie testamenti veteris novique euneta doctrina,
hie ordo divinus hieque eastissima vita.
5 hoeque Benedictus pater constituit 8acrum volumen,
haec mandavitque suis servarc alumnis.
Simpliciu8 Christi quod famulusque minister
magistri latens opus propagavit in omnes.
una tarnen mercis utroque manet in eternum.
1 lene B, levi AA Cambr. Virdun. Mellic. Christi om. A committere Y
2 dulcis BS, duices Y, dalcia ceteri
3 vetue Y euneta doctrina BSYTM, euneta doctrina vel mandata U, euneta mandata
AXV, mandata IIA 4 om. M divinis B hie eastissima SU
5 hoeque (beatus add. B) benedictus ABS TM, hoc (hunc Y) benedictus YUXIIVA sacro X
6 haec mandavitque B, haecque (hieque in hoeque corr. ü) mandavit STÜ {qui post alumnis
addit h/ec servanda) M suisque mandavit haec servanda (haec servanda om. A) alumnis
AYXnVA
7 8implicius christi quod famulusque minister B, simplicius (simplieibus U, didieimus Y) quod
(om. A) famulus christique minister (christi ministerque U) Y UIIA , quod simplicius famulus
christi ministerque A, simplicius (que add. X) christique (que om. M) minister STXVM
8 latentem Y, late X propagavit opus X ut omne9 V
9 mercis BS, merces ceteri utroque SYXV, uraque B, utrisque TU TIA, utrique AM
manet in eternum (vel aeternum) ABSTUXVM Mellic, manet (manebit II) in evum
(evo Y) TIA Y
II. Der Brief des Yeuerandus.
Ueber die Hs. St. Gallen 917 vgl. oben S. 663. Ich bediene mich bei der Um-
schrift dieses, wie Scherrer klagt, „ unleserlich und fehlerhaft geschriebenen* Stückes,
von dem er die ersten Zeilen nicht ohne schlimme Lesefehler mitgeteilt hat, einer
Photographie. Es ist nicht meine Absicht, in der Wiederherstellung die Orthographie
des Originals zu erreichen. Im Merowingischen mtisste es vor allem Z. 3 albigensis
heissen; nee archerum Z. 24 geht wahrscheinlich auf ne clereeum zurück; exodociolo Z. 1 1
ist vielleicht exenodociolo (senodociolum steht bei Pardessus II 240, aber wie ezenium
ist auch exenodocium gebräuchlich, vgl. Ducange s. v.). Der Name Fibicius (oder
Fibitius) scheint sonst nur in den Trierer Fasten (Mon. Germ. SS. XIII 298 fg.) als
der eines angeblich 511 gestorbenen Bischofs vorzukommen. Die Liste von Albi ist
sehr unvollständig; so ist im siebenten Jahrhundert gleich noch der Bischof Dido nur
aus der Subscriptio im Codex Albi 2 bekannt, vgl. Maassen, Geschichte der Quellen
des canon. Rechts I 592. — Die einzelnen Bestimmungen über Abtwahl, Aufsichts-
recht des Bischofs u. s. f. lassen sich wohl alle aus Merowingischen Urkunden belegen;
absque ullo premio abbas eligatur steht z. B. Pardessus II 193. Hinter Venerandus
Z. 2 ist wohl eine Lücke anzusetzen.
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(691) 93
Domino reverendissimo et pootificali honore laudabiliter decorato Constantio papae
Yenerandas. Begalam sancti Benedicti abbatis Roroensis, quam praesens continet
über, eatenus vestrae beatitudini in arce sanctae ecclesiae Albiensis recondendam
pariterque haben dam direximus, ut si quoquam tempore [non] aliter, quam in eadem
5 scriptum dictumque inveneritis, monachi vel etiam quilibet abbas eorum, quos Alta-
ripa in monasteriolo nostro adiuvante domino adunavimus, agere vel quidquam de hiis
obviare temptaverint, vestris sanctis vestrorumque successorum coherceantur monitis.
siquidem ante hos paucos annos hoc mecum sanctae memoriae patruo vestro domino
sancto Fibicio episcopo, ita ut facere debuissem, convenerat; quod tandem Christo
10 praesulante vestris supplendum videtur temporibus. eidemque regulae institutionem
illam, quam in xenodochiolo vestro Letario tenere volo, in fine praesentis voluminis
aptandam curavi, ut quaequae in sumptus vel in usus cottidianos pauperum ibidem
consistentium pro remedio animae concessimus, absque ullius refragatione ab omnibus
actoribus eorum intemerata in perpetuum conserventur. quod si aliter quicumque
15 horum agere nisus fuerit, pontificalibus, sicut iam de reliquis supra dixirous, pro-
hibeatur salubriter (monitis) perseveranterque usque ad finem teneatur. illud namque
specialiter vestram deprecor sanctitatem, ut si quis monachorum seu abbas praesentis
regulae contemptor extiterit aut eam implere neglexerit, si abbas fuerit, statim de
ipso monasterio summo dedecore repellatur neque ibidem ulterius senior ordinetur
20 et, dum (in) ipsa congregatione dignus quis fuerit, qui praeesse debeat aliis, ibidem
subrogetur. sed quicumque ibidem per praemium abbas esse voluerit, supplico ut a
vobis neque a successoribus vestris penitus non ordinetur, sed, ut supra dixi, talem
semper seniorem, qui deo plus quam sibi placere videatur, et excepto pontifice ne
clericum ibi aliquem ordinandum recipiant, sed ipse abbas, quod eidem regulariter
25 a pontifice fuerit ordinatum, implere designatur. hoc super omnia precor et per
deum hoc testari praesumo, ut manu vestra regulam, quam in monasterio dedi,
secundum quod ista mea manu scripta tenaciter in monasterio habeatur, subscribere
digneris atque omni stabilitate firmare.
1 Prefacio opuscnli. Domino Conatancio et saepius ci pro ti pape et semper e pro ae
4 habendam: h ut videtur corr, ex 1 no aliter 5 divinumque quod alta ripa
8 ante hoss 10 supplendum valere temporibus. Cü denique
11 in exodo ! ciölo vestro 12 cot | didianos 14 conservent
15. 16 prohibeatur salubriter perseveranterque 16 Illuc
20 dum ipsa congregacio. ne dignus 22 neque non : sie
28. 24 pontifice nee archerum ibi 24 aliq; 25 designat 26 manus vestre
27 tenetur
III. Instrumentum magnnm bonorum operum.
Vgl. über den folgenden Auszug aus cap. 4 der Regula und die für mich von
Heribert Plenkers benützte Handschrift oben S. 636 und weiter unten die Anmerkung
zur gleichen Stelle.
Incipit instrumentum magnum bonorum operum ad aedificationem animae.
LXVI. In primis dominum deum tuum dilige. ex toto corde tuo. et ex tota
anima tua. et ex tota virtute tua. deinde proximum tuum tamquam te ipsum. deinde
non oeeidere. non adulterare. non mechare. non facere furtum, non coneupiscere.
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94 (692)
non falsum testimonium dicere. honorare omnes homines. sacerdotes diligere. et
quid sibi fieri non vult alio ne facias. abnegare semed ipsum sibi. ut sequatur
Christum, corpus castigare. delicias non amplecti. ieiunium amare. pauperes
recipere. nudum vestire. infirmum bisitare. mortuum sepelire. in tribulatione
5 subbenire. dolentem consolare. saeculi actibus se facere alienum. nihil amore
Christi praeponere. iram non perficere. iracundia et tempus non retinere. dolum
in corde non retineas. pacem falsam non dare. caritatem non derelinquere. non
iurare ne te periuris veritatem et ex corde et ore proferre. malum pro malum
non reddere. iniuriam non facere. sed et factas. patienter sufferre. inimicos
10 diligere. maledicentes non remaledicere sed magis benedicere. persecutionem pro
iustitiam sustinere. non esse superbus. non violentus non multum mendacem. non
somnulentum. non pigrum. non mormoriosum. non detractorem. spem suam in deo
committere. bono aliquid in se cum viderit deum adplicet non sibi. malum vero
semper a se factum sciat et sibi reponi. diem iudicii timere. gehennam expavescere.
15 vitam aeternam desiderare. omnes concupiscientias spiritales desiderare. mortem
cottidie ante oculos suspecta habere, actus vitae suae. omni ora custodire in omni
loco deum se respicere. pro certo scire cogitationes malas corde suo advenientes
mox ad Christum adlidat et seniori spiritali patefacere. os suum a malo vel prabo
eloquio custodire. multum loqui non amare. verba bana aut risui apta non loqui.
20 risum multum aut excelsum non amare. lectiones sanctas liventer audire. oratione
frequenter incumbere. mala sua praeterita cum lacrimis vel gemitu cottidiae in
oratione deum confiteri. de ipsis malis de cetero emendare. desideria carnis non
efficere. volumtate propria odire. praeceptis abbatis vel sacerdotis in omnibus obedire.
etiam si ipse aliter quod absit. agat memoret illud praeceptum domini quecumque
25 dicunt facite. quae autem faciunt facere nolite. non Teile dici sanctum antequam
sit. sed prius esse quod verius dicatur. praecepta dei facite cottidie adimplere.
castitate amare. nullum odire. zelum et invidia non habere, contentionem non amare.
elationem fugire et seniores venerare, iuniores diligere. in Christo amore pro inimicis
orare. cum discordantes ante solis occasum ad concordia redire. et de dei miseri-
30 cordia numquam desperare. ecce haec sunt instrumenta artis spiritalis. quaecumque
fuerint a nobis die noctuque incessaviliter adimpleta et in die iudicii reconsignata.
illa mercis nobis reconpensatur quam ipse promisit. quod oculus non bidit nee auris
audivit nee in cor hominis ascendit quae praeparavit deus his qui diligunt eum.
regnante domino nostro Iesu Christo, una cum patre et spiritu saneto qui vivit et
35 regnat in saecula saeculorum amen.
8 veritate (m per -r- significari solet)
11 violentus in vinolentns corr. manus fortasse eadem
15 spales semper, quo compendio etiam spiritaales significatur
22 paeeeptum corr. manus eadem 29 solis: prior s in loco raso
IV. Der Brief der Reich enauer.
Obgleich der folgende Brief aus der einzigen St. Galler Handschrift (914 = A)
öfters ist herausgegeben worden (vgl. unten die Anm. zu S. 649, die Verse stehen auch
Poetae aevi Carolini II pag. 425 n. IV), habe ich ihn wegen seiner bedeutenden
Stellung in der Textgeschichte, deren Schlüssel er doch eigentlich ist, hier wieder-
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(693) 95
holen müssen und mich dabei der Photographie bedient. In der Einleitung scheint
Markulf benützt. Vgl. utinam, sancte pater, iussionem vestram tarn efficaciter quam
spontanee obtemperare valuissem (Formulae Merowingici aevi ed. Zeumer pag. 36)
mit Zeile 4 fg.
Praestantissimo et ineffabili dilectione nominando Reginberto praeceptori Grimaltus
Tattoque, supremi auditorum vestrorum discipuli, sempiternae felicitatis salutem.
Memoria dilectionis vestrae animis nostris sedulo inhaerens inmemores petitionum
vestrarum promissionumque do stramm esse non permittit. et utinam tarn proficienter
5 quam spontanee piam voluntatem vestram implere yaluissemus. ecce vobis regulam
beati Benedicti, egregii doctoris, quam benivolus animus vester summo semper op-
taverat desiderio, direximus sensibus et sillabis nee non etiam litteris a supra dicto
patre ni fallimur ordinatis minime carentem. quae de illo transscripta est exemplare,
quod ex ipso exemplatum est codice, quem beatus pater sacris manibus suis exarare
10 ob multorum sanitatem animarum curavit. illa ergo verba, quae supra dictus pater
seeundum artem, sicut non nulli autumant. in contextum regulae huius non inseruit,
de aliis regulis a modernis correctis magistris colleximus et in campo paginulae e
regione cum duobus punetis inserere curavimus. alia etiam, quae a Benedicto dietata
sunt et in neotericis minime inventa, oboelo et punetis duobus consignayimus. hoc
15 egimus, desiderantes vos utrumque et seeundum traditionem pii patris etiam modernam
habere, eligite vobis, quod desiderabili placuerit animo. valete in domino.
Salve, flo8 iuvenum, forma speciosus amena,
Optatam retinendo viam vitamque salubrem.
Ecce tui humiles famuli tibi munera mittunt,
20 Quae animus dudum vester optavit habere.
Omnipotens genitor, eunetum qui continet orbem,
Te regat et servet semper ubique sanum.
1 Prestantissimo et saepius e pro ae 7 eupro dicto A 8 exemplare] x ex m corr. A
12 colleximus sie A 13 injsere A an illa autem quae? 14 oboelo sie A
16 dies Verfahren befolgten teir, da Ihr diese Unterscheidung wolltet und neben der auf S. Benedikt
selbst zurückgehenden Textform die Vulgata besitzen wolltet
17 amoena ex amena corr. manus posterior
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96 (694)
Anmerkungen.
Zur Einleitung.
Textgeschichte. (Vgl. oben S. 601.)
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hat in vielen seiner Schriften einzelne Text-
geschichten und auch theoretische Erörterungen über das Wesen der Textgeschichte
gegeben. Ihm bin ich, wie immer, zu besonderem Dank verpflichtet; dann den Gönnern
und Freunden, die mir geholfen haben, den umfangreichen handschriftlichen Apparat zu
beschaffen. Und da ich die übrigen an Ort und Stelle genannt, bleibt mir nur noch die
angenehme Pflicht, den Beamten unsrer Kgl. Hof- und Staatsbibliothek und an ihrer
Spitze G. von Laubmann, ihrem hochverehrten Direktor, herzlich zu danken.
Avis au lecteur. (S. 602.)
Gabriel Meier hat in seiner Studie über Heinrich von Ligerz, Bibliothekar von
Einsiedeln im 14. Jahrhundert, (Leipzig 1896) nicht verschmäht, die kleinsten Einträge
seines Vorgängers, unter andern auch die an den Rand gezeichneten Hände, in die Unter-
suchung zu ziehen. Ja, man kann sagen, dass diese anziehende Untersuchung sich auf
8 ol ehern sonst verachteten Detail aufbaut.
Die Beischrift von Nota am Rand des Laurentianus plut. LI, 10 da, wo Varro von
Casinum spricht, hat Leonhard Spengel auf den treffenden Gedanken gebracht, dass die
Handschrift in Montecassino geschrieben sei (Abhandlungen der I. Classe VII, 2 S. 434).
Dagegen scheint Ritter in seiner Ausgabe der Declamationes Quintiliani sich über die
Bedeutung des Zeichens nicht klar geworden zu sein, das er sehr häufig in der Hs. Mont-
pellier 126 saec. IX/X (wie viele Hss. des Pithou stammt auch diese aus Reims) am Rande
fand. Und ganz gewiss missverstanden ist dasselbe Zeichen am Rand des Vatic. lat. 4929
saec. IX (aus dem Gebiet von Orleans) zum Text des Iulius Paris pag. 482, 2 ed. Kerapf*,
wo der letzte Herausgeber in den Apparat setzt „fato] add. in marg. N (= won) a .
Das Umschreiben römischer Handschriften in der Karolingerzeit. (S. 603.)
Man kann vergleichen Leopold Delisle, Notices et Extraits XXIX 2 pag. 397;
Chatelain, M&anges Renier pag. 373; Hauler, Wiener Studien XVII 122. Das Beispiel
des Puteaneus habe ich nur herausgegriffen, um hier Gelegenheit zu bekommen, ein ehe-
maliges Versäumnis gut zu machen. Es war mir nämlich in den Sitzungsberichten 1891
S. 425, wo ich den Nachweis geliefert habe, dass die Abschrift des Puteaneus, Regi-
nensis 762, in Tours zwischen 804 und 834 geschrieben ist, leider entgangen, dass
P. Schwenke in den vermischten Notizen des Centralblattes für Bibliothekswesen VII (1890)
S. 440 diesen Nachweis mit denselben Mitteln bereits gegeben hatte.
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(695) 97
Zu Kapitel I.
obscultare. (S. 606.)
Nachträglich sind mir die Ausführungen von Th. Birt in seiner eben erschienenen
Schrift: „Sprach man avrum oder aurum?" (Frankfurt a. M. 1898) bekannt geworden.
Ich habe die meinen aus mehr als einem Grunde unverändert lassen müssen und trage
hier nur nach, das 8 Birt (S. 66) die Form obscultare auch aus dem Floreotinus des Varro
de lingua lat. nachweist (pag. 105, 9 ed. Spengel audio haut obscidtö). Es ist gut zu
bemerken, dass diese Hs. in Montecassino geschrieben wurde (vgl. oben S. 694); man
kann zweifeln, ob man obscultare in ihr als Beminiscenz eines Regula-kundigen Mönches
auffassen soll oder, was wahrscheinlicher ist, als Fortpflanzung einer alten Lesart aus
einer unteritalienischen Handschrift.
ubiubi. (S. 619.)
Ebenso wie in cap. 46, 6 ist die Ueberlieferung in cap. 63, 33 gefälscht worden:
foris vel ubiubi (ubique in ras. nach Hunts Zeugnis, ubi et ubi S, ubicumque nondum
corr. T, ubi ibi clm. 6255) custodiam habeant. Es ist ubiubi aus gleichzeitigen italienischen
Denkmälern auch vulgärer Art nicht schwer zu belegen, vgl. Marini zu Papiri diplomatici,
pag. 303. Ja, es hält sich in Italien lange und steht z. B. noch in der Vita Constantini
im Liber pontifical. ed. Duchesne pag. 390, 8. Hier uod sonst bei handschriftlicher Weiter-
gabe tritt ähnlicher Ersatz ein wie in der Regula: ubi vel ubi, ibi, ubi u. s. w. So wird,
worauf Wölfflin (Sitzungsberichte 1882 S. 457) hingewiesen hat, ubi et ubi in mero-
wingischen Urkunden gebräuchlich. In der Interpretatio sermonum de regulis in der Hs.
Leiden Voss. Q. 69 saec. VIII/IX (Glossar, ed. Goetz V414 v. 58) wird erklärt ubi et ubi:
ubicutnque. Wölfflin (Archiv f. lat. Lexikographie X 550) hat erkannt, dass zu den in
diesem Glossar herangezogenen Mönchsregeln auch die des H. Benedikt gehöre. Es ergibt
sich aber schon aus dem eben ausgeschriebenen Lemma, dass ein Exemplar der inter-
polierten Fassung benutzt wurde, wie vorauszusetzen war.
erigere = aufheben. (S. 620.)
Ich habe die oben aufgefundene Bedeutung von erigere bisher nur an den angeführten
Stellen feststellen können. Auch K. Weyman und P. von Winterfeld, der den Bedeutungs-
wandel in ävaigeiv und unserm „aufheben" vergleicht, wissen nicht weiter. Vielleicht
hat der westgotische König Sisebut im Anfang des 7. Jahrhunderts noch so geschrieben
und verstanden: Spiritus malignus . . omnes copias falsitatum . . a domicilio funesto . .
erexit (wie die eine Abschrift des Ovetensis hat, während B. Krusch, SS. Merovingic. III 633,
exegit mit der andern schreibt).
Zu Kapitel II.
Montecassinos älteste Geschichte bei Paulus Diaconus. Plünderung im Jahr 581.
Abt Petronax. (S. 627.)
Ueber die älteste Geschichte von Montecassino spricht Paulus an vier Stellen.
Hist. Langob. I 26 (welch Kapitel der früher von Paulus besonders herausgegebenen
Vita S. Benedicti entspricht, s. Bethmann im Archiv der Gesellsch. f. ältere d. Geschichts-
kunde X 325) enthält die Gründung des Klosters und die Wunder Benedikts, schöpft
aus Gregors Dialogen und dem Gedicht des Marcus. Das Todesjahr Benedikts kennt
weder Paulus, noch die spätere gute Tradition in Montecassino; das letzte aus seinem
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wisa. XXI. Bd. HL Abth. (89) 13
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98 (696)
Leben bezeugte Ereignis, das sich festlegen läset, ist die Begegnung mit Totila im Jahr
542/543 (Gregor Dialog. II 14 fg.).
Hist. Langob. IV 17 beschreibt diejangobardische Plünderung, die Flucht der Mönche
nach Eom. Es ist so zu zergliedern: circa haec tempora (Zusatz Pauls) coenobium beatl
Benedicti patris quod in Castro Casino situm est a Langöbardis noctu invaditur. qui uni-
versa diripientes nee unum ex monachis tenere potuerunt, ui prophetia venerabilis Benedicti
patris, quam longe ante praeviderat, impleretur, qua dixit: „vix apud deum optinere potui,
tU ex hoc loco mihi animae cederentur a (bis hierher ziemlich wörtlich aus Gregors Dialog.
II 17). fugientes quoque ex eodem loco monachi Bomam petierunt secum codicem sanetae
regulae, quam praefatus pater composuerat, et quaedam alia scripta nee non pondus panis
et mensuram vini et quidquid ex supellectili subripere poterant deferentes, siquidem post
beatum Benedictum Constantinus t post hunc Simplicius, post quem Vitalis, ad extremum
Bonitus congregationem ipsam rexit, sub quo haec distruetio facta est. Die beiden letzten
Sätze scheinen umgestellt zu sein, damit der Anschluss an Gregors Worte des voraus-
gehenden Excerptes sich herstellen Hess. Ich setze voraus, dass sie einer alten Cassine-
si sehen Aufzeichnung entnommen sind.
Hist. Langob. VI 2 schildert den Diebstahl der Gebeine Benedikts und seiner
Schwester: circa haec tempora (Zusatz des Paulus), cum in Castro Casini, ubi beatissimi
Benedicti sacrum corpus requiescit, ab aliquantis iam elapsis annis vasta sölitudo existeret,
venientes de Celmanicorum vel Aurelianensium regione Francis dum aput venerabile corpus
se pernoetare simulassent, eiusdem venerabilis patris pariterque eius germanae venerandae
Scolasticae ossa auferentes in suam patriam adportarunt; ubi singillatim duo monasteria in
utrorumque honorem . . construeta sunt. Ich glaube, dieselbe alte Cassinesische Aufzeichnung
ist benutzt, keine französische Quelle.
Hist. Langob. VI 40 schildert die Wiederbesiedelung Montecassinos : circa haec tem-
pora (Zusatz des Paulus) Petronax civis Brexianae urbis divino amore conpunetus Bomam
venu hortatuque tunc Gregorii apostolicae sedis papae hunc Cassinum castrum petiit atque
ad sacrum corpus beati Benedicti patris perveniens ibi cum aliquibus simplieibus viris iam
ante residentibus habitare coepit f qui eundem veneräbilem virum Petronacem sibi seniorem
statuerunt (dieser Satz entstammt auf jeden Fall einer anderen Vorlage, die von dem
Diebstahl der Gebeine nichts wusste, vgl. weiter unten), hie non post multum temptis
(Zusatz des Paulus) cooperante divina misericordia et suffragantibus meritis beati Benedicti
patris iamque evolutis fere centum et decem annis, ex quo locus ille habitatione hominum
destitutus erat, multorum ibi monachorum nobilium et medioerium ad se coneurrentium pater
effectus sub sanetae regulae iugum et beati Benedicti institutione reparatis habitaeülis vivere
coepit atque hoc sanetum coenobium in statum quo nunc cernitur erexit (hiermit wird
wieder aus der alten Cassinesischen Aufzeichnung geschöpft; Paulus ist nicht mehr dazu
gekommen, das vorangehende Excerpt, das eine fast vollständige Dublette enthält, zurecht-
zustreichen). huic venerabili viro Petronaci in sequenti tempore sacerdotum praeciptius et deo
dilectus pontifex Zacharias plura adiutoria contulit, libros sc. sanetae scripturae et alia
quaeque quae ad utilitatem monasterii pertinent t insuper et regulam, quam b. pater Bene-
dictus suis sanetis manibus conscripsit, paterna pietate concessit (desgleichen aus der alten
Cassinesischen Aufzeichnung).
Die Plünderung Montecassinos durch die Langobarden hat ohne Frage im Anschluss
an die Belagerung Neapels stattgefunden: für diese aber liegt das Jahr 581 durch die
Subscriptio einer alten Hs. der Excerpte des Eugippius fest (vgl. Bethmann, Neues Archiv
III 231, und Eugipii excerpta ed. Knöll pag. XXIV seq.). Wie aber z. B. Mabillon, Tosti,
Hirsch und Gregorovius (s. Geschichte d. Stadt Rom 4. Aufl. II 21) die Ueberlieferung
nicht kannten und mit ihren Vermutungen fehl gingen, so irrte schon die alte Cassineser
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(697) 99
Tradition. Nach ihr hat Paulus, wie der Zusammenhang in Hist. Langob. IV 17 zeigt,
das Jahr 600 angenommen.
Petronax kommt nach Paulus (VI 40) einhundertzehn Jahre später, also 710. Dies
Jahr hat Paulus vorgefunden; denn auch die Chronik von Montecassino vom Jahr 867
hat dieselbe Angabe, ohne doch hierin von ihm abhängig zu sein: sie sagt (SS. rerum
Langobard. pag. 468, 30) ab anno 529 sub Iustiniano sunt anni a diebus Benedicti usque
ad Petronacem 181 (529 + 181 = 710). Leo von Ostia (I 4 = SS. VII 581) lässt
Petronax erst 720 kommen, wofür er seinen Grund hatte; denn die von ihm, von der
Chronik des Jahres 867 (SS. rer. Langob. pag. 480 seq.) und von dem Schreiber der Hs.
Rom Vatic. lat. 4958 (ebenda pag. 489) benutzte Abtliste, die von Petronax an die Dauer
der Abtschaften in Jahren und bisweilen auch noch in Monaten angibt, uimmt nicht von
710 ihren Ausgang, sondern, wie es scheint, von 717, wofür rund 720 gesetzt ist, und
gibt ihm 32 Jahr. Welchen Glauben diese Liste beanspruchen kann, ist noch nicht unter-
sucht; es steht nur fest, dass sie älter als 867 ist. Für Petronax haben wir aber ein
paar selbständige, urkundliche Zeugnisse: im Jahr 747 wird er noch in einer Urkunde
Gisulfs erwähnt (s. Neues Archiv III 269) und sein Nachfolger Optatus begegnet schon
750 in einem Brief des Zacharias (Jaffa 2290). Nimmt man noch hinzu, dass die von
Paulus benutzte Schrift, die den Diebstahl der Gebeine ignorierte, den Petronax hortatu
Gregorii papae (715 — 731) kommen lässt, so wird man das Jahr 717 für besser bezeugt
halten müssen als 710 und die Regierung des Petronax als von 717 bis 749 bezeichnen.
Ursprünglich lautete übrigens sein Name wohl Petronaces (s. F. Savio, Analecta Bollan-
diana XV 388 Anm. 1).
Tita 8. Mauri auctore Pseudo-Fausto. (S. 628.)
Die schon längst nicht mehr bezweifelte Unechtheit der Vita hat nach den letzten
Arbeiten von Malnory und Giry (vgl. Moyen-äge IX 62 und Bibliotheque de l'^cole des
chartes LVH 149) als vollständig erwiesen zu gelten. Man kann daher für diesen Zweck
den oben gegebenen Nachweis, dass der Verfasser künstlich eine Parallele zu den Nach-
richten des Paulus herstellt, durchaus entbehren; der Nachweis selbst aber ist unum-
stösslich, man vergleiche:
Paulus. Pseudo-Faustus.
codicem sanctae regulae, quam praefalus librum regulae, quam ipse sanctus manu
pater composuerat. sua scripserat.
Die Bollandisten schreiben bei Pseudo-Faustus quem, aber Mabillon gibt quam,
gerade so wunderlich wie die Hss. des Paulus.
Gregors Dialoge. Cassiodors Institutionen. Die Bibliothek ad Clivum Scauri.
(S. 629.)
Die abschliessende, sehr wünschenswerte Ausgabe der Dialoge Gregors fehlt.
J. Cozza-Luzi (Historia S. Benedicti, Grottaferrata 1880) und Mittermüller (Gregorii dia-
logorum über II, Regensburg) geben mit Benützung verschiedener Hss. nur das zweite
Buch; Waitz (SS. rerum Langob. pag. B24 — 540) bietet mit umfangreicherem Apparat
selbst für die Zwecke der Monumenta Germ, nicht ausreichende Excerpte. Ueber die Zeit
der Abfassung vgl. Duchesne zum Liber pontifical. I 309. Als Ort derselben hat, wie
schon Sainte-Marthe bemerkte, Gregors eignes Kloster in Rom, S. Andreae ad clivum
Scauri, zu gelten. Obgleich hierüber die Forschungen Pipers (Zeitschrift f. Kirchengesch.
I 256) und Rossis (Codices Palatini lat. vol. I pag. LY und Inscriptiones Christian. II
13*
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100 (698)
XLII, 16 und 28) überraschendes Licht verbreitet haben, möchte ich einen kleinen Um-
stand doch noch ausführlicher besprechen. Cassiodor sagt in den Institutiones (Migue
70, 1212): apud Latinos vir magnificus librum de hac re (sc. musica) compendiosa brevitate
conscripsit: quam in bibliotheca Bomae nos habuisse atque studiose legisse retinemus; qui si
forte gentili incursione sublatus est, habetis hie Gaudentium Mutiani Latinum, Das kann
sich nur auf die Plünderung Borns im Jahr 546 beziehen, und die Institutiones sind,
genauer als es bisher geschehen ist (vgl. Mommsen in der Ausgabe der Yariae pag. XI),
zwischen 546 und 555 anzusetzen. Aber welche Bibliothek ist gemeint? welche ist dem
Cassiodor so schlechtweg die Römische? Ich meine: die des Papstes Agapitus (535 — 536),
und knüpfe hiermit an Piper und Rossi an, die gezeigt haben, dass Agapitus zwar den
von Cassiodor gefassten Plan eine Universität in Rom zu gründen nicht ausgeführt hat,
aber in seinem väterlichen Haus ad clivum Scauri auf dem Coelischen Hügel eine theo-
logische Bibliothek begründete, die von dem späteren Papst Gregor, einem Verwandten
des Agapitus, in sein auf derselben Stelle erbautes Kloster einbezogen wurde. Wenn die
Ueberschrift, welche die Sylloge aus Einsiedeln (Inscript. Christ, pag. 28 n. 55) dem zu
einer Darstellung des Agapitus gehörigen Titulus aus dieser Bibliothek gibt, folgenden
seltsamen Wortlaut hat: in bibliotheca saneti Gregorii quae est in monasterio clitauri (d. h.
clivi Scauri) ubi ipse dialogorum scripsit f so mag diese genaue Kenntnis ihrerseits auf
einem Titulus beruhen, der zu einem in der Bibliothek befindlichen Bild des schreibenden
Gregor gehörte. — Nach Rossis Annahme war in dem Haus ad clivum Scauri auch der
in der Lorscher Anthologie erhaltene Titulus: Virgo parens hac luce deumque virumque
creavü etc. (Rossi pag. 109, Anthol. lat. ed. Riese c. 766) und zwar unter einem Bild
der Maria angebracht. Man würde die von C. von Barth mitgeteilte Ueberschrift dieses
Gedichtes Andreae oratoris de Maria virgine ad Busticianam Carmen und überhaupt die
bei ihm vorliegende Fassung für gefälscht halten können und etwa den Andreas orator
für aus & Andreae entwickelt, wenn nicht Aldhelm durch ein Citat sowohl Ueberschrift
als auch Text in Schutz nähme (vgl. L. Müller, Fleckeisens Jahrbücher 1867 S. 500).
Die Beziehung auf Gregor ist dagegen auch in der einzigen sonst noch vorhandenen
alten Hs. gegeben; es lässt nämlich das Evangeliar von S. Salvator in Aix aus dem
zehnten Jahrhundert (Catalogue g^neral 16, 3) die beiden letzten Verse fort, überschreibt
aber: Versus saneti Gregorii papae.
Marcus von Montecassino. (S. 629.)
Ich kann jetzt meine Bemerkungen im Anzeiger für deutsches Altertum XVIII 211 fg.
ergänzen. Marcus kam nach dem Tode Benedikts und vor der Zerstörung von Monte-
cassino in dieses Kloster, also zwischen c. 542 und 581. Er kennt die 593 geschriebenen
Dialoge Gregors nicht, hört aber Wundergeschichten aus dem Munde seiner älteren
Ordensbrüder. Er ist ein vollständiger Zeitgenosse des Simplicius. H. Graeven hat für
mich die Hs. Vatican. lat. 1267 verglichen, wo unter der Ueberschrift Versus Marci poete
de saneto Benedicto die Verse fol. 14 l v für sich stehen, zwischen Notizen über Monats-
namen und einer Katechese des Vaterunser; die beneventanische Schrift scheint aus dem
zehnten oder elften Jahrhundert. Die von Mabillon abweichenden Lesarten, die häufig
mit dem Text Muratoris „e codice signato 257 Bibliot. Casinensis a stimmen, verraten
hie und da Interpolation; v. 10 steht, was Mabillon vermutet hat, remoret statt removet.
Eine, wie es scheint, mehr durch Schreibfehler als durch Interpolation arg entstellte Ab-
schrift aus dem zehnten Jahrhundert liegt in Bern, A 92. 23 fol. 4, mit der Ueberschrift
Marci Gasinensis de oratorio, quod Benedictus in summo monte condiderat, ubi sacrifica-
batur paganitas; vgl. Hagen, Anecdota Helvetica pag. CCXLIX.
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(699) 101
Büchergeschenk Karls des Grossen für Kloster Benediktbeuern. Das Homiliarium
des Paulus Diaconus. (S. 630.)
Die Angaben des Rotulus, denen Rockinger (in diesen Abhandlungen Xu. Bd.
II. Abth. S. 190) und Riezler (Geschichte Baierns I 305 Anm. 2) Glauben geschenkt
haben, enthalten an und für sich nichts Unwahrscheinliches, soweit sie die von Karl
geschenkten Bücher angehen: denn die unter Karls Geschenken erwähnte Reliquie, der
Arm 8. Benedikts, der aus Fleury müsste entwendet sein, erregt sofort Bedenken. Aber
auch nicht ganz unbedenklich ist die Beschreibung der Bücher: 1. libri. novi ac veteris
testamenti, quos per capellanum suum corrigit 2. regula S. Benedicti de ipso codice, quem
ipse sanctis manibus exaravit, transcripta 3. duae omeliae, una de adventu domini usque
in pascha et altera in adventum domini de pascha, in quibus iussit scribi sermones
diversorum patrum diaconoque suo praecepit emendare eas. Um mit der 3. Nummer zu
beginnen, so ist im Rotulus nicht mehr gesagt als in Karls Brief und dem Inhaltsver-
zeichnis vor dem Homiliar des Paulus, das hier beschrieben wird, zu finden und dem
Verfasser des Rotulus in dem kurz vor seiner Zeit geschriebenen Benediktbeurer Exemplar
des Homiliars (jetzt in München lat. 4533 und 4534) leicht zugänglich war. Die An-
gabe aber über die 1. Nummer ist so seltsam, und, wer Karls dabei genannter hilfreicher
Kapellan sein soll, so unerforschlich, dass man geneigt wird, sie nicht auf ein in Bene-
diktbeuern vorhandenes Buch und dessen Inschrift, sondern auf folgende Worte in dem
eben erwähnten Brief vor dem Homiliar zurückzuführen (ed. Wiegand, Das Homiliarium
Karls d. Gr., Leipzig 1897 S. 15) veteris ac novi instrumenti libros librariorum imperüia
depravatos deo nos in omnibus adiuvante ex amusim correximus. Betreffs der 2. Nummer
ist schon oben gesagt worden, dass die Beschreibung im Rotulus sich mit gewissen Worten
in dem Brief des Theodemar deckt und Exemplare der Regula S. Benedicti mit diesem
Brief an der Spitze keineswegs selten sind. Es fehlen also in der kleinen Bücherliste
alle irgendwie besonderen Beziehungen auf Karl den Grossen, den Abt und das Kloster
von Benediktbeuern, die man voraussetzen sollte: ein besonderer Zug ist nur bei Nr. 1
die ganz phantastische Erwähnung des capellanus, der aussieht wie ein Pendant des bei
Nr. 3 durch Weglassung des Namens Paulus ebenso merkwürdig gewordenen diaconus,
und dann der Zusatz caro suo misit Elilando abbati, wobei es fraglich ist, ob eine Wid-
mung des revidierten Bibeltextes von Seiten Karls an Eliland den chronologischen Ver-
hältnissen nach überhaupt möglich war. Das im Rotulus auf die Bücherliste folgende
Epitaph Elilands, das auch in den Codex des Homiliars 4533 fol. 5 später eingetragen
wurde (s. Dümraler, Neues Archiv IV 573), ist dem metrischen Charakter zufolge der
Abfassung des Rotulus völlig gleichzeitig, wird aber dort eingeführt mit den Worten
sicut muro in isto invenimus scriptum studio discipulorum suorum. Solche Erwägungen
verbieten das Zeugnis des Rotulus über die von Karl geschenkte Regula als giltig an-
zunehmen; wichtiger ist, dass sie dem Benediktbeurer Exemplar des Paulinischen Homiliars
die äussere Empfehlung nehmen, die ihm zuletzt noch Wiegand (a. a. 0. Seite 3) zu-
erkannt hat. Ich möchte bei dieser Gelegenheit bemerken, dass auch der aus einer
Auxerrer Hs. von Martine und Mabillon mitgeteilte Titulus (ed. Dumm ler, Poetae aevi
Carol. I 429 n. IV) nichts anderes ist als die Widmung eines Exemplares des Paulinischen
Homiliars, dass also die jetzt verschollene Hs. der frühen karolingi sehen Zeit nicht braucht
angehört zu haben und wahrscheinlich auch nicht angehört hat. Die Schlussverse lauteten
in der Hs. ganz richtig so: Augustus Carölus iussu collegit utrumque (»Karl schuf durch
seinen Befehl die in diesen beiden Bänden niedergelegte Sammlung"), doctus erat, credas,
Carölus cui iusserat istud („ein Gelehrter war's, dem er den Auftrag zu diesem Werk
gegeben hatte", nämlich Paulus; qui bei Mabillon statt cui bei Martine ist nur ein
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102 (700)
Druckfehler): quilibet hinc placido corde sequatur idem (wie vorher istud und v. 3 hoc,
sc. opus oder ein ähnlicher Begriff).
Von den ans Benediktbeuem nach München gekommenen Hss. der Regula ist die
älteste lat. 4567 (Ben. 67) aus dem zwölften Jahrhundert. In ihr findet sich der Brief
Theodemars nicht, der Regeltext ist kontaminiert und zwar so, dass in einen ursprünglich
reinen Text die interpolierten Lesarten eingetragen scheinen. Auf fol. 3 finden sich auf
dem unter dem Kapitelverzeichnis frei gebliebenen Raum von zwei Händen des dreizehnten
Jahrhunderts, weiter unten eine Promissionsformel eingetragen Ego frater chunradus pro-
mUto stabilitatem meam et conversionem morum meorum et obedientiam secundum regulam
sancti Benedicti coram deo et sanctis eius in hoc monasterio quod est constructum in honore
sancti (?) benedicti in presencia domini G. abb., darüber folgende scherzhafte Liste von Donau-
wörther Zinspflichtigen, die leider schwer lesbar ist, da alle Wörter durchgestrichen, ein-
zelne verloschen, andere weggewischt sind: Isti sunt homines censuales sancti bene(dicti)
aput schwebischen werde. Ch prukk flegel agnetis soror eius
item (?) marquart (? ?) unart item adelhaid (??)... item liugardis prukkestegut.
Zu Kjapitel III.
Benediktiner- und Columba-Regel. (S. 633.)
Ich folge Malnorys im Anschluss an Löning gegebenen Darlegungen, die mir Haucks
Annahme, es beruhe die Erwähnung S. Benedikts neben Columba wenigstens in einigen
französischen Urkunden auf Interpolation, widerlegt zu haben scheinen. Alte Regel-Hss.
solcher gemischten Klöster haben wir uns vorzustellen entweder wie die der Regula Donati,
so dass wirklich die beiden Regeln zusammengeschweisst waren, oder wie die in den
Gesta abb. Fontanellensium cap. 13 (ed. Löwenfeld pag. 38) erwähnte von S. Wandrille
(codicem, in quo continetur regula sancti Benedicti et sancti Columbani et martirologium),
so dass eine der andern folgte.
Regula Donati. (S. 633.)
Zeitbestimmung von Malnory (Quid Luxovienses etc. pag. 29); Analyse von Le Cointe
(Annales ecclesiastici Francorum, Paris 1666, II 757 — 767); über die Abschnitte aus
Caesarius vgl. ferner Malnory (Saint Cesaire pag. 278), über die aus Columba Seebass
(Ueber Columba von Luxeuils Klosterregel und Bussbuch, Dresden 1883, S. 37 und Zeit-
schrift f. Kirchengeschichte XVII 1896 8. 217). Der Text des Donat in dem Codex
regularum des Benedikt von Aniane weicht im Druck erheblich von dem in der Concordia
des Benedikt ab und nicht nur deswegen, weil in der Concordia alle von Nonnen han-
delnden Stücke für Mönche adaptiert sind, aber die oben im ersten Kapitel angeführten
Stellen sind nur im Codex regularum überliefert. Eine von Benedikt von Aniane unab-
hängige Ueberlieferung der Regula Donati aufzutreiben, ist mir leider trotz des freund-
lichen Beistandes von B. Kr u seh und A. Poncelet bisher noch nicht gelungen. A. Poncelet
konnte nur auf die Hs. Brüssel 8134 verweisen, die dem siebzehnten Jahrhundert an-
gehört und wahrscheinlich aus dem Druck des Holstenius abgeschrieben ist. Die von
Miraeus erwähnte Hs. regula, quam e vetusto codice suo descriptam Canonici reguläres
monasterii Corporis Christi Colonia ad me transmiserunt (s. Fabricius, Scriptores ecclesia-
stici zu Ildefons pag. 63) führt wieder auf das Sammelwerk des Benedikt von Aniane
und dessen einzige Hs. in Trier zurück, vgl. Seebass, Zeitschrift f. Kirchengesch. XV 246
und oben S. 647.
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(701) 103
P. Gallus Kemly und die Cena Cypriani. (S. 633.)
Ueber P. Kemly und seine Schicksale handelt Dach (Ter in der Hs. St. Gallen 919
erhaltenen Autobiographie G. Scherrer im Verzeichnis der St. Galler Hss. S. 866. Eine be-
sondere Vorliebe scheint Kemly für die Cena Cypriani gehabt zu haben. Er hat sie sich nicht
weniger als drei Mal abgeschrieben und zwar immer wieder in der Fassung des Hrabanus
Maurus, vgl. St. Gallen 293, 692, 972 b . Aus der letzten Hs. theilt Scherrer den Anfang
mit, auf dem das oben abgegebene Urteil über Kemlys Lesefehler beruht. Er hat nämlich
für regi lothario ultimus vestrae humüitatls alumnus Maurus geschrieben regi bothario
waltherus vestrae humilitati alumpnus Marus. Ich muss aber doch hinzufügen, dass Kemlys
Original auch in nachkarolingischer Zeit in irgendwelchen schwer zu lesenden Zügen ge-
schrieben sein konnte. Denn die Cena und gerade auch die Fassung des Hrabanus blieb
in Gunst; die mir bekannten Hss. verteilen sich folgen dermassen : Bern A 9 saec. X (vgl.
Hagen, Hilgenfelds Zeitschr. f. wissensch. Theologie XXVII 164), Paris 5134 saec. XI
(defekt und schwer zu lesen vgl. Novati, Studi critici pag. 270), Grenoble 265 saec. XII
(Catalogue ge'neVal VII 101), St. Florian XI 32 saec. XIV (von Scherrer nachgewiesen
bei der Beschreibung der St. Galler Hs.), München 8437 aus dem Haus der Augustiner
a. 1463 (auch von Scherrer erwähnt). Von den von Liebermann (Neues Archiv IV 22)
angeführten Hss. gehören hierher nur London Lambeth Palace 338 und Cambridge
St. Johns Libr. D 2, ich kenne aber ihr Alter nicht.
Regula Magist ri. Nilus de octo vitiis. se urgere. S. Eugenia. (S. 635.)
Regula Magistri, ein interessantes Schriftstück, das einst in den Contestations sur
les &udes monastiques eine Rolle gespielt hat, liegt jetzt fast vergessen, würde aber eine
Ausgabe und Monographie in jeder Beziehung lohnen.
Für die Zeitbestimmung ist das Alter der Hss. massgebend; allzuweit ins siebente
Jahrhundert zurückgehen darf man nicht, weil für die Hervorbringung einer solchen Um-
schreibung der Regel Benedikts (Löning, Gesch. d. Kirchenrechts II 369) die Herrschaft
der Benediktinerregel vorauszusetzen ist. Ueber einzelne Eigentümlichkeiten s. Mabillon,
Museum Ital. II pag. LXXV, Du Cange s. v. vigilgalli, Probst, Abendländische Messe
S. 208, Löning II 377 und 398, Bäumer, Geschichte des Breviers S. 272, Hauck, Kirchen-
geschichte II 175 Anm. 1; irische Einflüsse hat Malnory aufgedeckt (Quid Luxovienses etc.
pag. 41). Er nimmt als Entstehungsort eines der Elsässer Klöster an. Mit Unrecht macht
er dafür aber die Stelle geltend, an der der Verfasser die um Unterkunft bittenden
gyrovagi zu ihrer Entschuldigung sagen lässt: se poiTO a finibus advenire ltdliae (»sie
kämen schnurstracks von Italien her");" damit soll nicht eine möglichst kleine, sondern
im Gegenteil eine erlogene möglichst grosse Entfernung bezeichnet werden. Malnory ver-
weist ferner für seine Ansicht auf die hervorragende Stellung, die der heiligen Eugenia
eingeräumt ist. In der That wird in Cap. 11, 33 und 95 (ed. Holsten. pag. 341, 386,
461) eine von der bei Rosweyd gedruckten verschiedene Vita S. Eugeniae citiert, und,
da die Hervorhebung der Heiligen ganz singulär ist (Vitae patrum werden pag. 416,
420, 454 nebenbei erwähnt) möchte wirklich hier der Angelpunkt für die Lokalisierung
des Buches liegen. Leider muss ich sagen: at quo apud Gallias in loco Eugenia cidtum
Jiabuerit, nobis incompertum , wie Mabillon (Museum Italic. I 2 pag. 276) bei Gelegenheit
des sogen. Sacramentarium Gallicanum aus Bobbio, jetzt in Paris lat. 13246. Der Zu-
sammenbang der beiden Werke ist klar, aber auch das Sakramentar ist noch nicht sicher
lokalisiert (vgl. Delisle, Cabinet d. mss. III 224; P. Meyer, Recueil d'anciens textes 13 seq.;
Duchesne, Origines du culte chröt. 150; Morin, Revue b6n£d. XV 107). Paläographisch ist
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104 , (702)
mir in der Hs. der vollständigen Regula Magistri, Paris lat. 12205, das G mit dem
Schwalbenschwanz aufgefallen, ich finde die gleiche Eigentümlichkeit nur noch in fol-
genden Hs8.: Paris lat. 9427 (Lektionar von Luxeuil, s. Delisle, Notices et extraits des
manuscrits XXX 1 pag. 152 pl. IV und Le cabinet des manuscrits pl. XIV 1), Wolfen-
büttel 99 aus Weissenburg (Augustini homiliae, s. Walther, Lexicon diplomatic. tab. 1),
Cambridge C. C. C. 334 (Origenis homiliae, s. Astle, Origin of writing tab. XIII 4), Bam-
berg H. J. IV 15 (Cassiodor etc., s. Jack, Alphabete II 1); anders gebildet, aber auch
zweizügig ist der Schwanz des G in der August in- Hs. aus Luxeuil auf Schloss Troussures
(s. Delisle, Notices etc. pl. I seq.). Aus diesen paläographischen Verhältnissen könnte
man den Schein einer Möglichkeit für die Annahme herleiten, dass Paris 12205 nach
Luxeuil gehöre, was Mabillon für Paris 13246 angenommen hat, und Möglichkeit auf
Möglichkeit bauend vermuten, dass die Regula Magistri in der Gegend von Luxeuil ver-
fasst sei. Aber es ist keineswegs sicher, dass Paris lat. 9427 wirklich in Luxeuil ge-
schrieben ist, vielmehr behauptet G. Morin Pariser Ursprung und Duchesne (Origines*
S. 147) scheint beizustimmen. Die beiden einzigen Hss. der Regula Magistri lagen übrigens
seit früher Zeit in Corbie: Paris lat. 12205 entspricht nicht nur der Corbieer Katalog-
Nummer 136, 163 bei Becker, sondern auf fol. 158 v steht eine Eintragung in sog.
französisch-langobardischen Zügen (Nouveau traitä III 280), die aller Analogie nach am
Beginn des neunten Jahrhunderts in Corbie gemacht sein muss.
Die Sprache weist viele eigentümliche Wortbildungen auf, die zum Teil in Holstenius'
Index aufgenommen sind, mir aber keinen bestimmten Schluss zu gestatten scheinen. In
Kapitel 72 fällt der merkwürdige Gebrauch von se urgere auf: si pro cerio ambulare se
urserint (Holstenius II 421). Aehnlich sagt Cassiodor (Var. ed. Mommsen pag. 67, 19):
quid enim pro fielt credüorem se urgere, quando in cassum nititur nudatos exigere; und im
Purgatorio 1,9 ww qui la morta poesl risurga, O sante Muse, poiehd vostro sono, E qul
Calliope alquanto surga hat man nur noch nicht richtig getrennt Calliope alquanto s'urga,
wie es Sinn und Rimario Dantes verlangen. — Die Orthographie ist merowingisch, aber
mit mehr Vertauschung von b und v und weniger von i und e, als man gewöhnt ist.
Gar den Verfasser ausfindig zu machen, wie M6nard pag. 65 für möglich hielt, wird nicht
gelingen. Ich hatte übrigens öfters den Eindruck, als würden auch andere unbekannte
Schriften in derselben Art geplündert wie die Regula S. Benedicti. Die Herausgeber des
Nouveau traite* (III 416) glaubten wenigstens den Adressaten des Buches ermittelt zu
haben; aber die in 12205 fol. 156 v kursiv beigeschriebenen Worte duobus jratribus aetate
deerepitis, sind, wie Mabillon (De re diplomatica pag. 359, 3) schon ganz richtig bemerkt
hatte, ein Citat aus dem letzten Kapitel der Regula Magistri.
Es folgt die Beschreibung der Hss., bei der ich von Herrn H. Lebegue unterstützt wurde.
Hs. jetzt in Paris lat. 12 205 ausgestellt in der Galerie Mazarine, Armoire XIII 120
(früher in St. Germain 630 und 255) aus Corbie. Schriftbilder: Mabillon De re diplom.
359, 3 (fol. 5, fol. 157, fol. 157 v , fol. 156 v ), Nouveau traite* III 105 (fol. 28 T ) 173
(fol. 19 v ) 177 (fol. 89) 237 (fol. 34) 244 (fol. 125 v ) 280 (fol. 158 v ) 416 (fol. lbß v )
421 (fol. 15 v ) 442 (fol. 158 v ), Delisle Cabinet des manuscrits pl. I 6 (fol. 65 v ). Gleich-
massige Unciale mit kursiven Randbemerkungen (s. bei Mabillon und aus fol. 34, 156 v ,
15 v , 158 v im Nouveau Traite*) und einer „langobardischen* Beischrift (s. oben). Aus der
Wende vom siebenten zum achten Jahrhundert (nach Delisle spätestens saec. VII ex).
Inhalt: fol. 1 — 52 (= Lage I — VII, wovon I — V Quaternionen, VI und VII Binionen)
Augustinische Schriften; da fol. 52 v leer ist, schloss hier vielleicht ursprünglich ein Codex,
da aber der Hinweis auf den folgenden Nilus hier von alter Hand eingetragen wurde,
ist die Zusammenstellung des jetzigen Bandes doch ganz alt.
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(703) 105
fol. 53 — 60 v (= Quaternio VIII) Instituta Nili monachi de octo Titiis generaübus
(benutzt in der Ausgabe: Palladii de vita Chrysostomi Dialogi ed. Bigot, Paris 1680,
pag. 356 seq.) beginnt: principium fructificationis flos et principium bonorum actuum, bricht
unvollständig ab mit in viam inhumanum namque (= pag. 378 der Ausgabe). Beiläufig
bemerkt gibt es zwei lateinische Uebersetzungen dieses griechischen Traktates (Paris gr.
1188 saec. XI, Migne patrol. gr. 79, 1145), die sich schon im Titel unterscheiden:
1) Instituta (oder -io) Nili monachi de octo vitiis generaübus steht ausser in Paris 12205
in der Hs. Darmstadt 1953 (aus Grafschaft) saec. XU (s. Rom. Forschg. VI 257), Florenz
S. Croce plut. 22 dextr. ms. 1 (Bandini IV 605) und einigen jüngeren Abschriften dort;
2) Bicta veneräbilis famuli dei Nili monachi de octo principalibus vitiis findet sich z. B.
in Rom Vatic. Reg. lat. 140 saec. IX — X, Mailand Ambros. I 89 sup. saec. X und
Paris lat. 2843 (aus St. Martial de Limoges).
Lage IX und X fehlen jetzt, sie enthielten laut dem alten Corbieer Katalog und
einem älteren Eintrag auf fol. 2 V enchiridion Rufini, das heisst des Rufinus Uebersetzung
der Sextus-Sprüche (vgl. Sexti sentent. ed. Gildemeister pag. LIH).
fol. 61 — 157 (= Quaternio XI— XXI und Quinio XXII, zu dem noch fol. 158
gehört; Quaternio XX und XXI sind verstellt und stehen zwischen XII und XIII): Ueber-
schrift INCP REGULA SANCTORUM PATRÜM SERAPIONIS MACHARI PAVNÜTHI
ET ALU MACHARI (fol. 61), Unterschrift EXPL REGULA SANCTORUM PATRUM; auf
diese Weise sind bezeichnet und umgrenzt die Orientalische Regel im Codex regularum
ed. Holsten. I 27 — 34 (unsere Handschrift gibt aber eine andere Recension als die dort
gedruckte, Tgl. Mänard pag. 51) und dann die vollständige Regula Magistri.
fol. 157 v und 158 (letzte Seiten des Quinio XXII, s. vorher) enthalten einen viel-
leicht etwas später nachgetragenen Papstkatalog, wie er in vielen alten französischen
Hss. erhalten ist (s. Duchesne, Liber pontificalis I 15 und 31). Er reicht aber hier
weiter als sonst und ist bis auf Conon ( — 687) herabgeführt. Es folgen noch die Namen
des Sergius ( — 701) und Johannes VI. ( — 705), ohne dass ihnen Zahlen bei geschrieben
wären. Die Eintraguogen scheinen nicht successiv, sondern auf Ein Mal unter Johann VI.
gemacht.
Hs. jetzt in Paris lat. 12 634 (früher in St. Germain 676, dann 960) aus Corbie.
Schriftbilder: Nouveau traite' III 96 (fol. 3 V ) 110 (fol. 142 v ) 185 (fol. 20), Delisle Cabinet
des manuscrits pl. 8,4 (fol. 50). Weniger kalligraphische Unciale als in 12205, mehr
Interpunktion als dort. Aus dem siebenten oder achten Jahrhundert nach Delisle.
Die Hs. besteht aus drei ursprünglich selbständigen Teilen; der Schluss von fol. 166
an, der am Beginn der Revolution gestohlen wurde, enthielt l'exposition de S. Augustin
sur le Larron, les vies des SS. Jean et Paul (s. Nouveau traite* III 96 und Delisle, Ca-
binet des mss. II 56). Ich unterscheide die erhaltenen Teile mit I, II, III.
I (= fol. 1 — 8) ist ein einzelner Quaternio mit der Signatur II, enthält den Schluss
einer Hs. mit orientalischen Mönchsregeln und zwar a) fol. 1 — 3 Y corporum ab eo qui
praeest cognoscenda sit si quis bis coronam exercentibus ac facientibus exp. feliciter (scheint
der Schluss der Regula sanctorum patrum Serapionis, Machari u. s. w., die in 12205 steht,
nach derselben Recension wie dort), b) fol. 3 V — 6 Incipiunt statuta patrum Besidentibus
nobis in unum bis expl. statuta patrum (= Holsten. I 36 — 38, aber auch stark vom Ge-
druckten abweichend, vgl. M6nard pag. 56), c) fol. 6 V — 8 incp sermo ad monacos (dies
noch auf fol. 6) Heredes dei audite bis autem bona adtenuat eum somnus muUus (der
Schluss fehlt, bei Holstenius ist dies Stück III 54 — 56 als sententiae Euagrii aus seinem
einen Floriacensis in anderer Uebersetzung gegeben, die in uoserm Parisinus vorliegende
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (90) 14
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106 (704)
stimmt mit dem andern von Holstenius benutzten Floriacensis, jetzt in Rom Yatic. Reg.
140 fol. 114 v , s. Reifferscheid, Bibl. patr. 1404).
II (= fol. 9— 77 v ) besteht aus acht durchgezählten Quaternionen und einem
solchen Gebilde 73 -f- 74.75 -}- 76.77. Dieser ursprünglich selbständige Codex enthält
a) fol. 9 — 20 die sog. dritte Regel Augustins mit der zweiten als Einleitung, b) fol. 20 — 77
Auszüge aus Mönchsregeln (und zwar fol. 20 — 27 dreizehn ungeordnete Kapitel aus der
Mönchsregel des Basilius in Rofins Uebersetzung, fol. 27 v — 53 ungeordnete Auszüge aus
der Regula Magistri in folgender Reihe: cap. 5, 7, 54, 55, 73, 30, 74, 47, 2, 11, 1,
Schluss des Prologes, 10, fol. 53 v — 68 ungeordnete Auszüge aus Cassians Collationes und
Institutiones, fol. 69 v — 73 Regula Magistri cap. 12 und 13, fol. 73 — 77 v einige von mir
noch nicht bestimmte Auszüge).
III (= fol. 78— 165 v ) besteht aus neun gezählten Quaternionen (fol. 78 — 149 v )
und folgendem Gebilde: 150. 151. 152. 153. 154. 155. 156. 157, wobei merk-
LLU ' I I I
würdigerweise auf fol. 15 l v die Signatur Q X steht, es folgt ein regelrechter Quaternio
ohne Numerierung (fol. 158 — 165 v ). Inhalt: Ammonitio (in der Subskription Insiittdiö)
sancti Efrem diac data ad monachos, dann einige Augustinische Sermonen.
Noch ein Wort von dem Unterschied der beiden Hss. (12 634 = a und 12205 = 6)
in ihrem Verhalten zum Text der Regula S. Benedicti. Während ich im allgemeinen
von b nur behaupten möchte, dass sie den Wortlaut ihrer Vorlage gelegentlich nach
einem Exemplar der Regula S. Benedicti verändere, so hat a ausserdem noch freien Ein-
fällen Raum gegeben. So schrieb der Verfasser der Regula Magistri: ut et regno eius
dominus nos faciat coheredes, nach dem Muster der Regula S. Benedicti (prol. 104): ut et
regno eius mereamur esse consortes; b hat das Ursprüngliche weiter gegeben, a verbessert:
ut in regno e. d. nos faciat coheredes (vgl. oben S. 625). So folgte der Verfasser der
Regula Magistri genau seiner Vorlage (cap. 1, 5) mit den in b erhaltenen Worten: horum
qui non conversionis (conversationis Reg. S. Ben.) fervore novicio sed monasterii probatione
diuturna qui didicerunt {dedicerunt b); a aber macht quid aus dem freilich unverständ-
lichen qui (vgl. oben S. 687).
Statuten Chrodegangs. (S. 635.)
Ueber ihr Verhältnis zur Benediktinerregel s. zuletzt Hauck, Kirchengesch. Deutsch-
lands II 60. Eine gelegentliche Uebereinstimmung des Vossianus mit dem reinen Text
der Regula notierte ich aus Reg. Oan. 1 1 : zelus bonus, qui separat a vicia (= Reg. Ben.
72, 5, wo K vitia, 2 vitiis zu haben scheint). Ueber die Provenienz der Leidener Hs.
hat auch S. G. de Vries nichts Näheres ermitteln können; vermuten darf man, dass sie
in Metz geschrieben ist.
Vaticanus lat. 3836 und andere sehr alte Handschriften aus Rom. Die von
S. Benedikt benutzte Spruchsammlung. (S. 636.)
Leider liegt die Kenntnis der ältesten Homiliarien und Lektionssammlungen (vgl.
Bäumer, Geschichte des Breviers S. 286 Anm. 5) noch im Argen. Von dieser Seite wird
es daher schwer sein den Vaticanus lat. 3836 genauer zu bestimmen. Nur von der Zeit
der Niederschrift gilt, was Arevalo bemerkt: „creditur pertinere ad saeculum VII vel VIII;
Isidoro neminem recentiorem in hoc codice nominari puto. a Und hierher gehört, dass
die basilica apostolorum Phüippi et Iacobi, in der beide Hss. lagen (Vatic. lat. 3836 und
der Bruder 3835), unter diesem Namen erst seit der zweiten Hälfte des sechsten Jahr-
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(705) 107
hunderte besteht, 8. Duchesne zur Vita Iohannis III. im Liber pontificalis I 306. Für die
Entstehungszeit der in den grossen Sammlungen der beiden Hss. vereinigten kleineren
Sammlungen bedarf es besonderer Untersuchungen, die nur auf Grund erweiterten hand-
schriftlichen Materials sich führen lassen. Das instrumentum bonorum operum wurde von
Plenkers noch in andern römischen Hss. gefunden; ob es da auch zu der Teilsammlung
der Erbauungspredigten gezogen ist, weiss ich nicht.
Als Dokumente stadtrömischer Schreibkunst betrachtet, gehören Yatic. lat. 3835 und
3836 mit folgenden beiden Uncial-Hss. zusammen: Yatic. Palat. lat. 277 aus dem achten
Jahrhundert (vgl. Traube, Byzantinische Zeitschrift IV 492, und Chronica minora ed.
Mommsen III 424) und Vatic. gr. 1666 vom Jahr 800 (vgl. Batiffol, M&anges de PlScole
de Borne VIII 297, und Palaeographical Society II 81). Mit diesen vier Vatikanischen Hss.
ist überhaupt das erschöpft, was an so alten Schreib-Erzeugnissen für Rom mit einigem
Recht in Anspruch genommen werden kann. Das Augustin -Evangeliar Cambridge C.C.C.
286 (Pal. Soc. I 44) ist doch wahrscheinlich wie andere englische Hss. aus einer süd-
licheren Stätte gekommen. Ganz irrtümlich sind andere Angaben, z. B. die im Nouveau
Traite (III 291), dass die Canones-Sammlung in Paris lat. 3836 am Beginn des achten
Jahrhunderts in Rom geschrieben wäre. Abgesehen von anderen Gründen (s. Maassen,
Geschichte der Quellen des canon. Rechts I 511) widerspricht dem nachdrücklich die
Paläographie (vgl. Bastard 62—64, Pal. Soc. I 8 und 9, Prou Manuel pl. 2, 2), welche
diese Hs. in einen ganz bestimmten französischen Kreis verweist. Es ist vielmehr kein
Zufall, dass die vier sicher oder doch höchst wahrscheinlich in Rom geschriebenen Hss.,
obgleich sie keine biblischen Texte enthalten, in Uncialen geschrieben sind und also die
wirklichen Vertreter römischer Schrift zugleich Vertreter dessen sind, was die karolingische
Zeit unter scriptura Romana verstand.
Bevor ich Plenkers Kopie erhielt, habe ich einen Augenblick das Instrumentum
nicht für eine Abschrift, sondern für die Quelle des vierten Kapitels der Regula gehalten.
Denn dass S. Benedikt hier aus einer älteren Spruchsammlung schöpft, hat C. Weyman
(Wochenschrift f. kl. Philologie 1896 S. 208, vgl. oben S. 686) überzeugend gezeigt. Nicht
der Umstand, dass auch im Vaticanus seniores venerare iuniores diligere (= cap. 4, 46)
steht, während, wie Weyman sah, in der Spruchsammlung dirigere stand (denn mehr möchte
ich Weyman nicht zugeben, sondern glaube, dass Benedikt den Fehler in der von ihm
benutzten Hs. schon vorgefunden und übernommen hat), also nicht dieser Umstand, der
sich rechtfertigen Hesse, sondern das Fehlen der Zeilen cap. 4, 55 — 57, wodurch der
Hinweis auf das Kloster ausgeschieden wird, zusammenbetrachtet mit dem Zusatz cap. 4, 39
praeceptis abbatis (vel sacerdotis) in omnibus obedire und der Einschaltung cap. 4, 7 Hono-
rare omnes homines (sacerdotes diligere) und die im Vaticanus bald vollzogene bald unter-
lassene Umsetzung des fehlerhaften, aber solchen Sprachsammlungen eigenen Infinitivs in
den Imperativ, die noch andere Schwankungen im Gebrauch der zweiten und dritten
Person im Gefolg hatte, zeigt, dass ein Prediger die Regula adaptiert hat.
Handschriften des Kommentars des Paulus Diaconus. Ueberschrift. Ausgaben.
Illustrierte Handschriften der Regula. (S. 637.)
Ueber die Hss. in Turin (T) und Montecassino (C) s. Bethmann, Archiv 10, 300,
und Seebass, Neues Archiv 19, 217. Schon Seebass vermutete eine gemeinsame Vorlage,
die sich bestätigt durch die mir von A. Avetta aus T besorgten Vergleichungen. Eine
bezeichnende Stelle ist z. B. in der Erklärung des Prologus (Florileg. pag. 14 col. 2
Zeile 27 in Biblioth. Oasinens. IV): cognovit etiam omnibus notum esse genus humanum per
malum inoboedientiae recessisse (a deo); ideo tantummodo voluü tibi manifestare personam.
14*
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T hat das nötige und vor dem ähnlichen nächsten Wort in ausgefallene a deo. In der
Erklärung zum 14. Kapitel hat C (Florileg. pag. 91 col. 2 Zeile 37): quia iam cum matu-
tinum inde cantasti, iam initium esse fecisti ülius sancti, T gibt statt esse das richtige
missae (wie auch Hildemar hat). Man sieht, wie der Fehler aus der Lesung der Vorlage
initiümiss^ hereingekommen ist. Umgekehrt fehlt es nicht an Fehlern in T, wo C den
Text der Vorlage weitergegeben, T ihn verunstaltet hat. Drastisch ist eine Stelle in der
Erklärung des Prologes (Florileg. pag. 14 col. 1 Zeile 8): sunt . . mulü . . patres crudeles
in eo, quod alii mittunt filios suos ad furandum . . causa dilectionis {diüonis T), vi sui
filii ex hoc ditiores fiant; alii autem, quamvis non mittant eos ad mala agenda, tarnen quia
non docent illos bona agere aut permittunt illos bona doceri {docere C?, mala docere T);
es hat T, wie auch Hildemar, nicht verstanden, dass zu permittunt aus dem Vorigen non
zu ergänzen ist. Die Vorlage von C und T hatte an einigen Stellen äussere Defekte;
daher fehlt in beiden Hss. die Erklärung des Schlusses des Prologes und des 46. Kapitels.
Ob an diesen Stellen Hildemars Hs. vollständiger war und also sein Text zur Ergänzung
des in der Ausgabe von gebotenen (mit dem T stimmt) herangezogen werden darf,
würde eine sprachliche Analyse lehren. — Zwei aus C abgeschriebene Hss. weist Beth-
mann (Archiv 10, 389) in Montecassino nach; auch die leider unvollständige Münchener
lat. 14 765 aus S. Emmeram saec. XI (= E) ist eine Wiedergabe des in Montecassino
verbreiteten Textes und aus einer dortigen Hs. abgeschrieben, wie nicht nur einzelne
Lesarten beweisen, sondern vor allem die eigentümliche Interpunktion. Bekanntlich steht
in Beneventanischen Hss. das Fragezeichen über dem ersten und hinter dem letzten Wort
der Frage. Der Schreiber von E hat geschwankt, wie er das weiter geben solle: bald
setzt er nur das Zeichen am Schluss nach der deutschen Sitte, bald befolgt er genau die
beneventanische, dann wieder setzt er das erste Fragezeichen vor oder hinter das erste
Fragewort (vgl. fol. 4 V , 5, 18 v , 23, 43 v ). Auf zwei späte Hss. der Expositio in Paris
(lat. 18800 Copie des Anselme Role) und Tours 622 (mit der Subscriptio Explicit expositio
Pauli Dyaconi super regtda sancti Benedicts scripta et completa in urbe Bomana per manum
fratris Juliani Boldovni . . anno domini MCC nonagesimo secundo apud Bomanos, s. Dorange,
Oatalogue des mss. de Tours pag. 315) wird von B. Hauräau aufmerksam gemacht, Journal
des Savants 1885 S. 425.
Die Ueberschrift des Kommentars lautet in T wie sie oben (S. 637) für die Vorlage
vorausgesetzt wurde, nur steht super regulae] die Unterschrift lautet in T fol. 191 v :
Explicit exposicio regulae. a paulo diacono exposita. feliciter. AMHN. In C fehlen beide,
eine Hand aber des 10. oder 11. Jahrhunderts, nach Bethmanns Vermutung die des
Abtes Johannes (914 — 33), für den die Hs. in Capua hergestellt wurde, hat auf pag. VII
(s. das Facsimile Bibl. Casin. IV 17) zu den Worten Explicü prölogus (sc. S. Bendicti),
item expositio huius prölogi am unteren Rand nachgetragen pauli diac et monachi sancti
benedicti. Nur wenn man diesen Vorgang ohne Rücksicht auf die von C unabhängige
Hs. T betrachtet, kann man ihn dahin auslegen, dass die Urheberschaft des Paulus auf
einem Autoschediasma des Korrektors von C beruht. Vielmehr ist folgendes wahrscheinlich:
C hat den Urheber und den Titel ebenso wie T vorgefunden, aber ausgelassen, weil bei
der in vollzogenen Vereinigung einer Hs. der Regula mit dem Kommentar in der Art,
dass je auf ein Kapitel des H. Benedikt die Erklärung des Paulus folgt und also die
ganze Hs. mit dem Prölogus Benedikts beginnt und mit einem Stück aus dem Kommentar
des Paulus schliesst, ein Incipit und Explicit mit dem Namen des Paulus gegenstandslos
geworden war. Hier konnte nur zunächst gesagt werden, wie gesagt worden ist: Incipü
prölogus regulae sancti Benedicti; auch am Schluss war eine Beziehung nur auf Paulus
falsch: und man half sich mit einem allgemeinen DEO GBATIÄS AMEN. Der Kor-
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rektor mochte aber den berühmten Namen des Erklärers nicht missen und trag ihn an
der ersten passenden Stelle nach. Nor in C steht der Kommentar des Paulas in der
geschilderten Art zwischen den einzelnen Kapiteln der vollständigen Regula S. Benedicti,
und dass diese Verschmelzung nicht ursprünglich ist, beweist am besten der Widerspruch,
in dem häufig der Text der eingeschalteten Kapitel mit dem von Paulus angeführten
oder vorausgesetzten steht. Paulus wollte einen zusammenhängenden Kommentar etwa in
der Weise der Servius geben, neben dem das Benutzen einer eigenen Regula-Hs. nötig
blieb. Wie C dazu kam diese Absicht zu stören, ist leicht verständlich. Seit der Aachener
Tagung von 817 lief in Italien ein Corpus von Schriften über die Klosterregel um,
dessen Kennzeichen der unter anderem aufgenommene Brief Gregors V 49 (I 348 bei
Ewald-Hartmann) ist; an erster Stelle stand der Text der Regula S. Benedicti. Erhalten
ist ein solches Exemplar in der Hs. Rom Barberina XI 64 (s. Bethmann, Archiv 12, 379,
and Ewald, Neues Archiv, 3, 154) „saec. IX/X in alter Benevent. Schrift aus einem
Kloster S. Petfi a (wohl in Benevent). Vielleicht noch im neunten Jahrhundert kam ein
Oberitaliener auf den Einfall, den Kommentar des Paulus mit dem Corpus zu vereinigen
und, da ein besonderes Exemplar der Regel zum Vorlesen überall bereit sein masste,
den Kommentar an die Stelle der Regula zu setzen. Solcher Gestalt muss die Vorlage
von T und C gewesen sein. Bei der Anfertigung von C ist dann ein Kompromiss ge-
schlossen und der vollständige Text der Regula mit dem Kommentar verquickt worden. —
Dem Mönch von Salerno (s. oben S. 637) kann nicht eine Hs. wie C, aus welcher der
Titel super regidam nicht zu entnehmen war, sondern muss eine wie T vorgelegen haben.
Dies bestätigt, wenn es nötig wäre, die vorstehende Beweisführung.
Die Cassinesen bringen in der Jubiläumsausgabe einen vollständigen Abdruck von C;
im Florilegium begnügen sie sich mit einer Kollation der Zwischenstücke aus der Regula,
dafür ist der Abdruck des Kommentares viel genauer.
In der Jubiläumsausgabe sind auch die beiden seit Muratori sehr bekannten Minia-
turen aus C in Farbendruck wiedergegeben, während im Florilegium und in der Paleo-
grafia artistica di Montecassino , Abteilung longobardo-cassinese tav. XXXIX, nur ent-
sprechende Schriftbilder sich finden. Die erste Miniatur, auf der die Altersbestimmung der
Hs. beruht, wird seltsamerweise dahin verstanden, dass Abt Johannes den auf seinen Befehl
geschriebenen Sammel-Codex dem H. Benedikt überreiche. Es ist aber vielmehr eine tradi-
tionelle Darstellung illustrierter Benediktinerregeln, die mit einigen Varianten den Ordens-
stifter zeigt, der sein Gesetzbuch einem Ordenssohn übergeben will oder übergeben hat. Man
vergleiche folgende Regelhss. : Neapel VIII C 4 saec. XI (ich benutze eine Photographie von
A. Goldschmidt), London Brit. Mus. Add. 16979 aus St. Gilles a. 1129 (Pal. Soc. I 62),
ebenda Cotton. Otho B. I (Westwood, Fac-similes pag. 51: „contained a portrait of
St. Benedict, seated, expounding bis Rule to a Company of monks, was entirely destroyed
in the Cottonian fire tt , letzteres ist kaum richtig, da die Hs. schon im Katalog von 1696
als fehlend bezeichnet wird), München 4567 aus Benediktbeuern saec. XII (fol. 3 V eine
historiierte Initiale vor cap. 1, an derselben Stelle also wie im Neapolitanus). Der Em-
pfänger der Regelhs. ist auf den Bildern verschieden charakterisiert, bald ganz allgemein
als Mönch, bald als der Lieblingsschüler Maurus nach der apokryphen Vita Mauri (so in
London Add.), bald als der regierende Abt des Klosters (so in C). In andern Hss. wie
Donaueschingen 654 aus Ottobeuern saec. XII (Baracks Katalog S. 548) und Bamberg
Ed. II 11 aus Niedermünster saec. XI (s. Leitschuh, Führer* S. 97) ist der Schüler weg-
gelassen. Aber unzertrennlich von dem Heiligen ist sein Gesetzbuch. Die Miniatur in
Vatic. lat. 1202 fol. 2 (vgl. Beissel, Vaticanische Miniaturen S. 15.) gehört nicht hierher.
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110 (708)
Paulus Diaconus und Festus. (S. 638.)
Dass in der Expositio zwei Stellen sich mit Excerpten des Paulus Diaconus aus
Festus berühren (s. Neff S. 36, die dritte dort angeführte stammt aus Isidors Origines
und gehört nicht hierher), bedeutet für die oben gegebene Beweisführung eher eine Art
Schwierigkeit als eine Stütze. Denn die Ueberlieferung des Festus ist, wie die so vieler
römischer Schriftsteller, mit Montecassino eng verknüpft, und es ist nicht wahrscheinlich,
dass den Archetyp erst Paulus dorthin gebracht hat. Von den aus Festus abgeleiteten
Glossarien Yaticanus lat. 3321 und Oasinensis 439 (s. Corp. Glossarior. IV 1 seqq. und
Goetz, Nova meletemata Festina, Jena 1887) und Yaticanus lat. 1469 und Oasinensis 90
(8. Corp. Glossarior. V 520 seqq. und Landgraf, Arohiv f. lat. Lexikogr. IX 169) spricht
der im siebenten Jahrhundert in Uncialen geschriebene Vatic. 3321 dafür, dass der
Archetyp schon in dieser frühen Zeit in Unteritalien lag. Wenn also die beiden Etymo-
logien wirklich auf Festus zurückgehen, so muss Paulus in Mailand irgendwelche Festi-
nischen Excerpte fremder Hand benutzt haben, bevor er in Montecassino seine eignen
für Karl den Gr. anfertigte. Dass das Interesse für Festus* Werk schon vor Paulus vor-
handen war, bezeugen wieder die erwähnten Glossarien.
Unbekanntes langobardisches Konzil. (S. 639.)
Expositio cap. 14 (Florileg. pag. 92 col. 1): intuendum est, quia cena dotnini et
veneris sanctus (parascevae T) et sabbatum sanctum et pascha ad sollemnitatcs Christi
attinent. de his quattuor diebus definitum est in concilio, ut officium secundum Bomanatn
aecclesiam canatur pleniter et non secundum regulam a (om. C) monachis. Hildemar hat
die vorstehende Angabe auf die Aachener Beschlüsse von 817 (Cap. mon. ed. Boretius
pag. 343, und 816? vgl. Seebass, Zeitschr. f. Kirchengesch. XII 329) bezogen, die sich
keineswegs mit ihr decken; ja es bleibt fraglich, ob seine eignen detaillierten Zusätze
geschichtliche Thatsachen enthalten oder nur ersonnen sind, weil er die Angaben seines
Vorgängers in Uebereinstimmung bringen wollte mit der einzigen Nachricht, die er von
Beschlüssen über die Art des in den Klöstern zu befolgenden Officiums hatte. Nach
a monachis fährt Hildemar also fort (ed. Mittermüller pag. 301): verum sunt studiosiores
monachi, qui in his quatuor diebus nolunt secundum Bomanam traditionem agere, sed
secundum regulam pleniter dkentes, quia . . regulam . . nee etiam in istis quatuor diebus
volumus transgredi. nam, sicut mihi videtur t melius est, ut in istis quatuor diebus reguläre
officium canatur quam secundum Romanos . . verumtamen pro ista ratione, i. pro istis
quatuor diebus, facta est synodus in Francia, ut non aliter, i. non regulariter, facerent
monachi, sed sicut ecclesia Romana. nam piissimus Imperator Luduicus voluü, ut monachi
secundum regulam facerent officium; sed quia episcopi dicebant non esse bonum, ut in his
diebus se discordent a Romana ecclesia in offieiis canendis, deinde fuerunt abbates quidam,
qui consenserunt episcopis. quamquam quidam non consensissent , praevaluerunt episcopi,
ita tarnen, ut solum in Ulis tribus diebus, i. V. feria, VI. feria et säbbato, Romanum officium
facerent; in dominica vero non consenserunt boni abbates, sed regulariter faciunt officium,
deinde sciendum est, quia sunt multi qui non dieunt Gloriam in responsoriis nodurnis
a XV. die paschae propter passionem . . . nos autem in nostro monasterio semper dieimus
Gloriam exceptis in his tribus diebus, in quibus officium Romanum faeimus, i. cena domwi,
parasceve atque säbbato saneto. — Bekannt ist, dass z. B. von einer Synode in Pavia
c. a. 698 nur ein Gedicht berichtet (Mon. Germ. SS. Langob. pag. 189, vgl. W. Meyer
aus Speyer, Die Spaltung d. Patriarchats Aquileja, Abhandlungen d. Göttinger Ges. d. Wiss.
N. F. Bd. 2 Nr. 6 S. 5), die sonstige Ueberlieferung völlig schweigt.
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(709) 111
Karolingische Interpolation im Kommentar des Paulus. (S. 639.)
Ich meine, dass der Terminus derlei canonici vor der Zeit des Capitulare Pippini
a. 782—786 c. 2 (Mon. Germ. LL. sect. II Capitular. ed. Boretius I 191, vgl. Mühl-
bacher Reg. 490) im Mailänder Sprengel nicht begegnen wird; sehr spät kommt er für die
Kleriker von Monza auf, s. Frisi, Memorie I 43. — episcopi, abbates, comües werden z. B.
zusammen genannt im Lib. legg. Langob. Pippini prolog. (Mon. Germ. LL. IV 514). —
Allerheiligen steht im ältesten Ambrosianischen Sakramentar (Mailand Ambros. A 24 bis
inf, saec. IX/X) erst im Nachtrag; s. Ebner, Quellen u. Forschungen z. Gesch. des
Missale Romanum S. 80. — provincia wird öfters so gebraucht wie bei Paulus sonst
(z. B. Mon. Germ. Epp. MI 512, 21): in nostra provincia Solarium habetur super portam
et Oratorium ibidem (Florileg. 1. c. pag. 165 col. 1), v longinquam provinciam a dicit quae
longo spatio distat, i. quae multis müiaribus abest: veluti est Bavenna, Burgundia (ib.
pag. 154 col. 1), mos est ülius terrae et Bomanae (Hildemar hat Bomaniae) et aliarum
provinoiarum (ib. pag. 127 col. 2); unter allen Umständen seitsam bleibt aber, was ib.
pag. 146 col. 1 überliefert ist: provincia est quae regem habet, veluti est Langobardia,
Tuscia, Bomania et reliqua, wo Hildemar noch Saxonia hinzufügt.
Trotz der karolingischen Interpolation gehen wir im allgemeinen sicher. So ist nicht
daran zu denken, dass die Expositio für ein anderes als ein Mailändisches Kloster ge-
schrieben ist und die Mailändischen Beziehungen erst später hineingekommen sind. Monte-
cassino, an das man zunächst denken muss und z. B. Bethmann gedacht hat (Archiv X 300),
ist nicht nur durch einzelne Stellen (wie Florileg. pag. 94 col. 2) und die Einheitlichkeit
aller auf Mailand gehenden Angaben ausgeschlossen, sondern hauptsächlich durch die Er-
wägung, das 8 Paulus, so wie jetzt Ein Mal die Cassinesische Originalniederschrift Benedikts
angeführt wird (vgl. oben S. 638), fort und fort von dieser würde ausgegangen sein.
Epitaph des Hildric. Biographie des Paulus Diaconus. Aeltester Bücherkatalog
von Montecassino. (S. 639.)
Im Gegensatz zu Dahn und Hauck, in Uebereinstimmung mit Waitz und Dümmler
habe ich oben die Angaben des Epitaphs des Hildric (ed. Dümmler, Poet, aevi Carol.
I 85 c. LVI) als sichere Grundlage benutzt. Doch war erst ein Fehler der handschrift-
lichen Ueberlieferung zu beseitigen; v. 16 sqq. lauten in der Hs. :
Cum tua post tibidem populis et regibus altis
Tunc placida eunetis vita studiumque maneret
Omnia sophiae caepisti culmvna sacrae.
Was man für tibidem vorgeschlagen hat (ibidem und Tibridem), ist teils metrisch teils
sachlich unmöglich. Es liegt offenbar ein Gegensatz vor zwischen post und tunc (= „später"
und „damals noch"); wenn man dem nachgeht, so kommt man auf die Vermutung, Paulus
möchte etwa geschrieben haben:
Cum, quae turUda post populis et regibus altis,
Tunc placida eunetis vita studiumque maneret,
„als das Leben, welches später für Unterthan und König stürmisch bewegt wurde, damals
noch allen sänftiglich verfloss und daher auch Eifer für die Wissenschaft vorhanden war".
Ferner ist v. 25 nicht et si zu schreiben, sondern das handschriftliche ec sin bedeutet
eesin, exin. Der Inhalt ist dieser: v. 1 — 11 Einleitung; 12 — 18 Geburt des Paulus als
Langobarde im östlichsten Teil des Reiches (nüidos ubi sepe Timabus amnis habet cursus
entspricht den novem ora bei Virgil) und Erziehung am Hof; 19 — 22 er wendet sich
112 (710)
rege monente pio Ratchis der Theologie zu; 23 — 25 fortgeschritten im Studium und wohl
auch in der Würde (plurima captasses digne cum dogmata cuius, d. h. sopkiae sacrae) geht
er als Lehrer ins Frankenreich (arctoas rutilo decorasti lumine gentes); 26 — 32 trotz der
Schätze und des Ruhmes, die ihm daher zu Teil werden, zieht er es vor, Mönch in
Montecassino zu werden; 33 — 40 Schluss. In dieser Schilderung ist auffällig nur, dass
Paulus erst nach dem Aufenthalt bei Karl dem Gr. Mönch in Montecassino geworden
sein soll; dabei mag den Dichter die Antithese des Weltruhmes und der Weltflucht und
ein wenig auch Stolz und Liebe geleitet haben. Aber diese kleine Unterlassungssünde,
die schliesslich nur darin besteht, dass in einem Yers (32) statt „reddere* m dare u gesagt
ist, darf doch nicht die Glaubwürdigkeit des ganzen Gedichtes aufheben. Denn, dass
auch von einem Aufenthalt Pauls am Beneventer Hof nicht die Rede ist, kann darauf
beruhen, dass die Beziehungen Pauls zu Arichis und Adalperga nur im schriftlichen und
ganz gelegentlichen und Torübergehenden mündlichen Verkehr bestanden. Sicher aber ist,
nicht nur weil das Epitaph es sagt, dass Paulus schon yor 774 Geistlicher war. Von
allen allgemeinen Erwägungen abgesehen, bezeugt es die Bemerkung der Handschriften
zwischen dem zehnten und elften Buch der Historia Romana: ezplicü Über decimus: hucus-
que historiam Eutropius composuU, cui tarnen aliqua Paulus diaconus addidit iubente
domna Adelperga christianissima Beneventi ductrice coniuge domni Arichis sapientissimi et
catholici principis. deinceps quae secuntur idem Paulus ex diversis auctoribus proprio stilo
contexuit. Man bemerkt sofort den authentischen Charakter dieser Notiz. Ebenso halte
ich die Beifügung von diaconus in den Titeln anderer Schriften (von ihnen ist das Gedicht
vom Jahr 763 chronologisch festliegend) für durchaus ursprünglich; es ist gar nicht die
Art, derartige Bestimmungen später einzusetzen, und verdächtig wäre höchstens der Zusatz
et monachi Casinensis oder dergleichen.
Es steht fest, dass Paulus schon einige Zeit vor 782 in Montecassino lebte. Jüngst
hat P. Lejay (Revue de philologie XVIII 42 — 52) noch eine genauere Bestimmung hinzu-
gewonnen, indem er die Hs. Paris lat. 7250, die auf fol. 7 V den grammatischen Rhythmus
des Paulus enthält (ed. Dümmler, Poet, aevi Carol. I 625), als im Jahr 779 in Monte-
cassino geschrieben nachwies. Jedoch ist die Datierung weniger sicher als die Lokali-
sierung. Denn erstens ist das Gedicht des Paulus im Parisinus ungemein fehlerhaft, und
es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass es in dieser Gestalt „sous ses yeux ou du moins
par ses ordre 8* aufgezeichnet wurde. Dann aber haben wir im Codex XXIII von La Cava
(Reifferscheid, Bibliotheca patrum II 305 — 308, Gaetani pag. 17 — 65 hinter dem Codex
Cavensis vol. II) einen merkwürdigen Gemellus. Diese Hs. enthält dieselben Ostertafeln
und dasselbe Calendarium wie der Parisinus, nur hat es folgenden Eintrag zu XVI Eal.
Oct. allein: in palatii (palati Reifferscheid) benu (d. h. beneventi oder beneventano) dedicat'w
ecclesiae sancti salbatoris. Gewiss stammt auch der Cavensis aus Montecassino (nicht aus
Nonantola, wie Gaetani wollte, während Reifferscheid schweigt), und gewiss gehört auch
er ins achte Jahrhundert, nicht in den Ausgang des neunten (wie Reifferscheid wollte,
hier wie so oft mit Absicht „nach der rechten Seite irrend"), und er steht paläographisch
der bekannten Hs. Bamberg H. J. IV 1 5 und dem Münchener Hygin-Fragment lat. 6437
nahe. Aber es ist nun doch die Möglichkeit vorhanden, dass sowohl der Cavensis als
auch der Parisinus aus einer älteren Vorlage vom Jahr 779 abgeschrieben wurden, ja
nach den mit dem Computus Helperici gemachten Erfahrungen (vgl. Neues Archiv XVlU 85)
ist es mir nicht unwahrscheinlich. Der Cavensis enthält übrigens als angeblich nicht viel
späteren Nachtrag auf fol. 69 den ältesten Katalog der Bibliothek von Montecassino, den
ich, da er unbeachtet blieb und durch die Beziehung auf Montecassino und Paulus Diaconus
wichtig wird, hier abzudrucken mir gestatte:
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(711) 113
brebe (bb Gaetani, Ib Reifferscheid) facimus de ipsi codici: inprimis regum I, salomon,
storiale, prophetarum, homelie bede, homelie de dibersis dojctores (das Werk des Paulus),
colectariu {colectaru Gaetani, colecta/// Reifferscheid) de dibersis doctores, scintillu (das
Werk des Defensor), danihel, eptaticu, codice betere (d. h. veterem) J, collectariu {collectaru
Gaetani) minores I, cronica I, psalteriu J, etthiomoligiaru {etthimoligiaru Gaetani, etthiomo-
Ugiarum Reifferscheid) I, istoria (storia Reifferscheid) longobardoru /, lectionaru L insimul
totidem sunt cotdici XVII. Man möchte fast meinen, dies sei das Verzeichnis der aus
dem Nachlass des Paulus zugeflossenen Bücher. Der komputistische Rhythmus im Cavensis
(bei Gaetani pag. 33 seq.) ist mit dem grammatischen des Paulus zu vergleichen.
Der Verfasser der Expositio scheint das Kloster des heiligen Gallus aus eigner
Anschauung zu kennen (Florileg. pag. 147 col. 2). Doch werden wir die Erhaltung einiger
älterer Gedichte des Paulus in einer Hs. aus Sankt-Gallen nicht damit in Zusammenhang
bringen dürfen, da zwischen diesen älteren jüngere aus der Zeit seines Aufenthaltes an
Karls Hofe stehen. Der Vermutung Haucks (Kirchengeschichte II 150 Anm. 1), dass
nicht nur Pauls Bruder im Jahr 776, sondern auch er selbst schon 774 Karls Zorn erregt
habe, stimme ich bei; aber in einem mailändischen Kloster lebend konnte er dies auf
andere Weise als mit dem Schwert in der Hand, wie Hauck unter Heranziehung von
carm. 37 (ed. Dümmler, Poet, aevi Carol. I 70) glaubt annehmen zu dürfen.
Hildemar von Paulus abhängig. (S. 640.)
Es kann durchaus nicht zweifelhaft bleiben, dass Paulus der ältere, von Hildemar
benutzte Schriftsteller ist. Aus Hildemar konnte keine Kunst und keine noch so grosse
Achtsamkeit den Paulus-Text so herstellen, dass nicht nur alle verdächtigen Angaben
über spätere Zeit und fremde Heimat wegfielen, sondern auch durch einzelne Zusätze das
Alter täuschend erhöht wurde. Obgleich Luigi Tosti vor der Ausgabe der Expositio Pauli
im Florilegium darüber schon treffend gesprochen hat, stehe hier noch eine Auswahl
von leicht zu handhabenden Beweisen: Paulus hat alterum locum nostrum quem habemus,
Hildemar alterum locum nostrum si habemus (vgl. oben S. 640); Paulus (Florileg. pag. 166
col. 2) si longa via vadunt fratres vehdi est ad regem, fehlt bei Hildemar (ed. Mittermüller
pag. 611); Paulus provincia est quae regem habet, velaü est Langobardia, Tustia, Romania
et reliqua, Hildemar (ed. Mittermüller pag. 515) provincia est quae regem habet, veluti est
Longöbardia, Tuscia, Sazonia, Bomania et reliqua (vgl. oben S. 709).
Die Klöster von Civate. (S. 641.)
Vgl. Giacinto Longoni, Memorie storiche della chiesa ed abbazia di S. Pietro al
Monte e del monastero di S. Calocero in Civate, Milano 1850; Amati, Dizionario coro-
grafico dell' Italia II 1126 s.v. Civate; F. de Dartein, I§tude sur Parchitecture lombarde,
Paris 1865—1882, S. 35 — 44; F. Savio, La legende des SS. Faustin et Jovite (s. oben
S. 642 Anm. 2). M. Magistretti, S. Pietro al Monte di Civate (vgl. Analecta Bolland.
XVII 234) konnte noch nicht berücksichtigt werden. Ich nehme an, dass das spätere
Kloster S. Calocero ursprünglich die altera mansio von S. Pietro ist; vgl. oben S. 640.
Falls meine oben (S. 642) mit aller Zurückhaltung vorgebrachte Annahme richtig ist, so
gibt von der Bedeutung S. Pietros in langobardischer Zeit Paulus in der Expositio ein
deutliches Bild. Ich führe hier noch einige Stellen an: über Handschriftenanfertigung im
Kloster Florileg. pag. 132 seq., über Grammatik und Unterricht ib. pag. 100 col. 1,
pag. 148 col. 1, pag. 157 col. 2. Das Kloster in Civate wird von Hildemar gemeint, wo
er nostrum monasterium setzt (z. B. ed. Mittermüller pag. 302, 369, 615), im Gegensatz
zu meum monasterium , womit er Corbie meint (s. oben S. 640 und S. 644).
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (91) 16
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114 (712)
Aiigilbert II., Erzbischof von Mailand. Die Reliefs des Hochaltars von
S. Ambrogio. (S. 641.)
Für die Diöcese Mailand bedeutet die Tagung von Olonna im Jahr 825 in der That
einen Wendepunkt. Erzbischof Angilbert II. (824 — 860) suchte die Höhe zurückzugewinnen,
die seine Vorgänger Petrus (dessen Brief an Karl den Gr., Neues Archiv XII 281, freilich
unecht ist) und Odilbert (vgl. Mabillon Anal. IV 321, Mabillons Urteil wird mir von
F. Wiegand bestätigt) nach der Meinung der Zeitgenossen noch innegehabt hatten. Obgleich
er noch im Jahr 835 in ähnlichen Worten wie das Oapitulare ecclesiasticum von Olonna
über den Regular-Klerus zu klagen hat (s. Monum. historiae patriae XIII 218, vgl. Mühl-
bacher Reg. 1016), so hat er doch schon vor dieser Zeit französische Künstler und Ge-
lehrte berufen und beschäftigt. Wolvinus (magister pkaber), der sicher vor 835 den
Silber-Altar von S. Ambrogio für ihn geschmückt hat (vgl. Clemen, Merowingische und
Karolingische Plastik S. 50, und den Titulus bei Dümmler, Poet, aevi Carol. II 665), ist
wahrscheinlich ein Nordfranzose, „denn es weist", wie mir mein Freund Adolf Goldschmidt
sagt, „die enge stilistische Verwandtschaft der Reliefs des Antependiums mit dem Deckel
des Corbeiensischen Codex aureus und dem Arnulf- Altar darauf hin, dass Angilbert einen
nordfranzösischen Künstler für sich arbeiten liess tf . Dies Urteil wird, denke ich, bestehen
bleiben, trotzdem eben M. G. Zimmermann seine früher nur flüchtig ausgesprochene Meinung
ausführlich zu begründen gesucht hat (Oberitalische Plastik, Leipzig 1897, S. 178 — 196),
dass nämlich die Reliefs des Mailänder Altars erst bald nach 1196 entstanden seien. Er
hat dabei die Möglichkeit französischen Einflusses gar nicht in Betracht gezogen und geht
auch sonst flüchtig genug vor; ich will aber, um bei meinem Leisten zu bleiben, nur die
doppelte paläographische Frage aufwerfen, erstens ob die reine für die Inschriften des
Altars verwendete Kapitale (sie ist auch Zimmermann aufgefallen, dem sie „eine schöne
lateinische Uncialschrift" ist) in italienischen epigraphischen Denkmälern des dreizehnten
Jahrhunderts sich findet, zweitens ob sie nicht auch für die erste Hälfte des neunten
Jahrhunderts in Mailand eine Merkwürdigkeit bleibt, die ähnlich zu beurteilen ist wie die
Grabschrift Hadrians I. in Rom, deren französischen Ursprung G. B. de Rossi bewiesen
hat (M&anges d'arcb£ologie et d'histoire VIII 478). — Hildemar und Leodegar sind
nach 833 (s. oben S. 641) und vor 841 (vgl. ebendort), also vielleicht gleichzeitig mit
Wolvinus, nach Mailand gekommen und dann von Angilbert an das Seminar von Oivate
versetzt worden. Hildemar stammte aus dem Kloster Corbie (vgl. weiter unten) und war
also allem Anschein nach unmittelbarer Landsmann von Wolvinus. Schon das Oapitulare
ecclesiasticum von Olonna bezeichnet den Iren Dungal in Pavia als Lehrer für die Mai-
länder Diöcese; es scheinen aber auch andere Iren Angilbert bei seinem Werk unterstützt
zu haben (s. Traube, Poet, aevi Carol. III 236 und Abhandlungen der bayer. Akademie
I. Cl. XIX. Bd. II. Abth. S. 349).
Codex Augiensis CLXXIX. Sog. Basilius. (S. 643.)
Es unterliegt keinerlei Zweifel, dass der Text in der Reichenauer Hs. ß auf Hildemar
zurückgeht. Wo er an einzelnen Stellen mit Paulus gegen Hildemar steht, liegt es so,
dass Hildemar das Eine Mal oder der Redaktor der Traditio, wie sie in der Dijoner Hs.
und ihrer Gruppe vorliegt, oder die Abschreiber dieser Hss. oder die Herausgeber geirrt
haben. Zur besseren Uebersicht setze ich das interessante Stück aus der Erklärung des
56. Kapitels mit den Angaben über Corbie und Olonna her, wie es lautet beim
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(713)
115
Paulus.
„ Mensa abbatis cum hospitibus
et peregrinis sit semper. a
adtendendum est in hoc loco,
quia beatus Benedictus lwspi-
talitatcm et humanitatem ab-
batem perdocuit habere,
cum mcnsam eius nequaquam
sine hospitibus dicit esse,
hospites sunt, qui de eadem
regione sunt, i. de prope.
peregrini sunt, qui de alia re-
gione sunt.
Hildemarus.
„Mensa abbatis cum hospitibus
et peregrinis sit semper. a
mensa enim a mense dicta est,
sicut Cassiodorus dicit, quia eo-
dem die convivia ritu gentilium
exercebantur.
attendendum est in hoc loco,
quia beatus Benedictus hospi-
talitatem et humanitatem do-
cuit.
hospites sunt, qui de eadem
regione sunt, i. de prope.
peregrmi sunt, qui de alia
regione.
peregrinus enim dicitur, sicut
dicit Cassiodorus, quasi per-
gens longius.
forte dicit aliquis: quare debet
coquina abbatis mxta coquinam
fratrum esse, si abbas extra
refectorium debet manducare?
cui respondendum est: Uli,
»Basilius« (= ß).
„ Mensa abbatis cum hospitibus
et peregrinis sit semper. a
adtendendum est in hoc loco,
quia beatus Benedictus hospi-
talitatem et humanitatem do-
cuit.
hospites sunt, qui de eadem
regione sunt, i. de prope.
.CS. (= Cassiodorus) dicitur
autem peregrinus, quasi per-
agens longius.
hospes laici (sie cod.) dives
non est ducendus in refecto-
rium pro vexatione et scan-
dalo, quia si {quasi ood.) unus
ducitur et alius non, existet
(ec cod.) scandalum. et si om-
nes dueuntur (dieuntur cod.),
existet (ec cod.) vexatio. tarnen
pauperem laicum vidi in Cor-
beia duci in refectorium. nam
alii non dueunt. et semper ad
mensam (mensa cod.) abbatis
debet sedere et non cum fratri-
bus. quia debet mensa abbatis
(abba cod.) rutunda esse, sicut
vidistis (vidisti cod.) in Olonna
(alonna cod.), quatenus ex una
parte sedeant (seä* cod.) nobi-
les, ex altera pauperes (pauper
cod.) et in medio possit intrare
minister (ministrare cod.).
hospes est vicinus, peregrinus
de longe.
notandum, quia forte dicit ali-
quis: quare debet coquina ab-
batis (abba cod.) iuxta fratrum
coquinam esse, si abbas extra
refectorium debet manducare?
16*
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116
(714)
Paulus.
sequitur: „quoäens tarnen mi-
nus sunt hospites, quos vult de
fratribus vocare in sua sit po-
testate. seniores tarnen unum
aut duo semper cum fratribus
dimittendum est propter curae
disciplinam. * quaeritur in hoc
loco, ubi debet abba mandu-
care, utrum in refectorio an
foris? sunt alii qui dicunt foris,
alii vcro dicunt intus.
quomodo ergo dimittere debet
fratres duos
vel tres
cum fratribus, si üle in re-
fectorio debet manducare? qui
respondcntes dicunt : propter ea
dixit beatus Benedictus seniores
dimittere, quia sunt alia re-
fectoria, in quibus ita sedent
fratres, ut propter multitudi-
nem fratrum ab abbate non
possint videriy veluti sunt in
sancto Gallo.
Hildemarus.
qui dicunt, abbatem non de-
bere manducare extra refecto-
rium, dicunt coquinam abbatis
esse erga coquinam monacho-
rumetc. [dieser Abschnitt folgt
aber erst viel weiter unten.]
sequitur: „quoties tarnen minus
sunt hospites, quos vult de fra-
tribus vocare in ipsius sit po-
testate. senior em tarnen unum
aut duos semper cum fratribus
dimittendum procuret propter
disciplinam. a quaeritur in hoc
loco, ubi debet abbas mandu-
care, utrum in refectorio an
foris? sunt alii, qui dicunt,
quia in refectorio debet man-
ducare.
quomodo ergo dimittere debet
fratres duos
cum fratribus in refectorio, si
üle debet manducare ibi? qui
respondcntes dicunt: propter ea
dixit beatus Benedictus seniores
dimittere, quia sunt alia (talia
Mittermüller) refectoria, in qui-
bus ita sedent fratres, propter
multitudinem fratrum, ut ab
abbate non possint videri, ve-
luti sunt in sancto Gallo.
„Basilius« (= ß).
cui respondendum est: Uli, qui
dicunt abbatem nondebere man-
ducare extra refectorium.
quomodo ergo dimittere debet
fratres duos
cum fratribus in refectorio, si
ille debet manducare ibi? qui
respondentes dicunt: propter ea
dixit seniores dimittere, quia
sunt alia refectoria, in quibus
ita sedent fratres propter multi-
tudinem fratrum, ut ab abbate
non possint videri et (sie cod.)
veluti sunt in sancto Gallo.
An anderen Stellen sieht man noch deutlicher, wie der sog. Basilius auf eine
schnelle Niederschrift gesprochener Rede zurückgeht. Dem entspricht es auch, wenn in
der Reichen auer Hs. öfters Lücken gelassen sind oder arg entstellte Wortgebilde erscheinen.
Bemerkenswert ist, dass er die eingelegten Briefe mit Unterdrückung der Namen zu For-
meln gemacht hat. Leider gehört dazu auch ein Brief, der sich in den andern Hildemar-
H8S. nicht findet und dessen Format-Zahlen und -Buchstaben augenscheinlich verdorben
sind: fol. 167 JSximio fratri apice praesulatus iure ditato Uli episcopo ille illius sedis humüis
episcopus salutem DGCCXLIL Compertum siquidem sit excellenti caritati vestrae, quia
praesens clericus ille harum litterarum portitor in nostra paroechia natus et per aliquot annos
educatus nöbis litteras fraternitatis vestrae detulit poscentes, quatenus liceret per vos ad
presbiterium per (es folgt freier Raum für etwa neun Buchstaben) ecclesiasticos gradus
provehendo illum ipsum promoveri. quod negandum fas non esse censebamus. sed dimissorias
lUeras canonico more conscriptas ei dedimus, ut evidentius eunetis pateret et ordinandi
licentiam vöbis concessam fuisse et Uli in vestri morandi terminio (sie) vestra favente carüate.
de prosapiae {-ie ß) quoque eius qualitate et vitae ac morum probitate vos ipsi rimamini.
TTYATTOAÄAC (*ic). indiäione illa.
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(715)
117
Codex Augiensis CCIIL Hildemarus und Corbie. Bischof Iesse von Amiens«
(S. 643.)
Sowie in der vorigen Anmerkung aus der Stelle über Corbie und Olonna das Ver-
hältnis von ß zu Hildemar beurteilt werden konnte, wird das ganz entsprechende Verhältnis
von a zu Hildemar aus folgender Stelle des Kommentars (Florileg. pag. 36 col. 2, Hildemar.
ed. Mittermüller pag. 111) sich ergeben, an der gleichfalls von Corbie die Rede ist:
Paulus.
1. Neglegentes duobus modis
dicuntur.
uno enim modo dicitur ne-
glegens,
cum audit quis
Imperium magistri et tarnen
per neglegentiam non implet.
est tarnen alter, qui audit,
et,
si statim non implet,
tarnen
postea implet.
et est alius,
si implet neglegenter implet,
Iwc est non studiose.
contempnentes
duobus modis dicuntur.
unus est, qui
in principio parvi pendit oboe-
dientiam, tarnen postea implet.
alter est,
qui sicut parvi pendit Impe-
rium in principio, ita etiam
verseverat non complens in
ipsa despectione.
2. increpare est, cum dicit:
quare fecisti hoc malum?
vel quare non
fecisti
hoc?
corripere est manifestare et in-
dicare, ai (sie) quod malum
tendit
vel
Hildemarus.
2. Negligentes duobus modis
dicuntur.
uno enim modo dicitur ne-
gligens,
cum audit
Imperium magistri et tarnen
per negligentiam non implet.
est alter tarnen, qui audit,
si statim non implet,
postea implet.
est et alius,
qui
si implet negligenter implet,
hoc est non studiose
agit.
contemnentes
autem
duobus modis dicuntur.
sunt, qui
in principio parvi pendunt oboe-
dientiam, tarnen postea implent.
alii sunt,
qui sicut parvi pendunt impe-
rium in principio, ita etiam
perseverant non complentes m
ipsa despectione
perseverantes.
1. increpare est, cum dicit:
quare fecisti hoc malum?
et quare non
hoc bonum?
corripere est manifestare et in-
dicare , ad quod malum
tendit
Augiensis CCIIL
1. Neglegentes duobus modis
dicuntur.
aut,
cum quis audit
imperium magistri et tarnen
(fuit tunc) per neglegentiam
non implet.
aut, qui audit,
si (corr. in sed) statim non
implet, tarnen (fuit tunc)
postea implet.
aut,
si implet neglegenter implet,
hoc est non studiose
agit.
contempnentes
duobus modis dicuntur.
(superscr. quorum unus est) qui
in principio parvi pendit oboe-
dientiam, tarnen (fuit tunc) po-
stea implet.
alter est,
qui sicut parvi pendit impe-
rium in principio, ita etiam
perseverat non complens in
ipsa despectione (fuit disp.y
2. increpare est, cum dicit:
quare fecisti hoc malum?
vel quare non
fecisti
ülud bonum?
corripere est manifestare et in-
dicare aliquod (sie) malum
tendit
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118
(716)
Paulus.
cui bono contrarius est.
Augiensis CCIII.
qui bono contrarium (contra-
rius alt. man.) est.
3. isto modo,
inquit (t ex d) AdalJuxrdus,
iwtest cognosci humilis:
id est,
si gaudä, cum Mi prior iubet
sedere inferius,
Hildemaru8.
cui bono contrarium est.
3. qualiter enim
possit cognosci humilis,
dicendum est. hoc enim modo
utcumque potest cognosci,
id est,
si cum abbas iubet Uli fratri,
qui superius sedet, ut sedeat in-
ferius, et ipse frater non solum
gaudet sedere inferius,
sed etiam desiderat, ut ille, qui et alterum vuUpriorem se (fuit
minor erat, in loco suo sedeat, sese) sedere,
quatenus ut ipse sit minor, alter hör est illum, qui minor fuit:
vero maior.
hie potuit (potest alt. man.)
cognosci humilitas fratris. si
vero non vult inferius sedere,
adhuc non est humilis.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei Hildemar ein Bruchstück aus den Statuten
Adalhards von Corbie vorliegt, die dieser 822 nach seiner Rückkehr aus Italien publiciert
hat, die aber in der Originalhandschrift nur unvollständig erhalten, noch unvollständiger
von Luc d'Achery herausgegeben sind (Nachdruck von Migne Patrol. lat. 105, 535). Die
Kenntnis dieser Statuten, die oben (S. 713) angeführten Worte vidi in Gorbeia, ferner
Goldschmidts Stilkritik des ambrosianischen Antependiums (s. oben S. 712) machen es fast
eicher, dass der von Angilbert nach Civate gesandte Franzose Hildemar der im Reichen-
auer Verbrüderungsverzeichnis (ed. Piper II 451, 13) vom Jahr 821/826 erwähnte Mönch
Hildamarus von Corbie ist. Zu isto modo bemerkt der dem zehnten Jahrhundert ange-
hörende Korrektor von a: Priori sententiae non convenit hie locus proprie, und dann: Iste
autem est Adalardus abbas, cuius mentio fit in canonibus ; quem cum quodam episcopo nomine
Iesse rex Karolus Romcnn misit ad Leonem papam de inquisitione symboli. Hierdurch wird
die Ueberschrift des Protokolls der Römischen Verhandlungen über das Filioque vom Jahr
809 (Mansi Concil. XIV 18), die man meist als nicht authentisch betrachtet hat (vgl.
Abel-Simson, Karl d. Gr. II 408 Anm. 3), als mindestens im zehnten Jahrhundert schon
vorhanden und wahrscheinlich ursprünglich erwiesen. Des Korrektors sonstige Urteile und
Kraftworte (z. B. fol. 84 fateor lectori, quia hec legendo dormitavi fastidiendo hunc, qui
videtur contrarius esse sibi, fol. 51 nescio quid iste somniet, fol. 29 v mihi videtur aut hie
deesse aut quod melius credo hunc versum . . post sequentem textum inseri debere, fol. 43 T
mihi videtur Ua istud debere ordinari) weisen meist sehr richtig auf Schäden des ihm vor-
liegenden Textes, treffen aber weniger den Verfasser dieses Textes als die Ueberlieferung.
Ganz den Einschaltungen entsprechend, die aus der herausgegebenen Fassung be-
kannt sind (ed. Mittermüller pag. 430 über die ratio legendi, pag. 433 ex traetatu Hilde-
mari in Luca euangelista, pag. 569 pro quibus peccedis non possit quilibet ad honorem
sacerdotii pervenire), und ähnlich wie diese eingeführt, findet sich in a (fol. 183 — 187)
eine Erklärung des Vaterunsers: sed quia in hoc capitulo (sc. XIII) dicenda oratio domi-
nica, ideo scribenda{m) esse in hoc loco eins expositionem aptum duxi, sicut noster mag ister
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(717) 119
tradidit. hie enim coepit: söhnt enim praedicatores aliquam laudem vel reconciliaiionem in
sua oratione praeferre, ut faciliiis exaudiantur. verbi gratia veluti cum dieimus regi „pie rex"
„bone rex", ita et dominus in fronte huius orationis fecisse videtur. alt enim — hie ora-
bitis — „pater noster" u. 8. w.
Commentum Novaliciense. (S. 644.)
Ich führe eine Stelle an, die beweisend dafür ist, dass der Kommentar der Novalesa
von einer Hs. des Hildemar and nicht von dessen Vortrag abhängig ist. Paulas hatte
gesagt (Florileg. pag. 127 col. 1) ita manducabant ad sextam, ut non plus quam privat is
diebus manducarent; quia solummodo illum cibum t quem manducabant ad nonam f manduca-
bant ad sextam et seram ; sed meliorem aliquantulum y nam numerum non augebant. Ungefähr
und in den Schiassworten genau übereinstimmend berichtet der sog. Basilius, hat also
wahrscheinlich auch Hildemar vorgetragen. Aber die Hss. der Traditio verändern den
Schluss, sie geben: sed meliorem aliquantulum sive tria pulmentaria coeta, nam numerum
augebant, und dieser augenscheinlichen Interpolation begegnet man auch im Novaleser
Fragment.
Alte Konjekturen in der Regula S. Benedict!. (S. 644.)
Die Expositio ist, wie oben kurz berührt wurde, wichtig für die Geschichte ein-
zelner interpolierter Lesarten unserer Hss., indem sie das hohe Alter dieser Lesarten
erweist; andere belegt sie allein, und wir empfangen wieder die Lehre, dass auch bei
zahlreich auf uns gekommenen Hss. dadurch keineswegs alle einzelnen Phasen der Text-
geschichte wiedergespiegelt zu werden brauchen.
S. Benedikt hat prol. 6 ad te ergo nunc mihi sermo dirigitur geschrieben, beide Klassen
bezeugen es, einzelne Hss. aber seit dem Beginn des neunten Jahrhunderts haben mens
statt mihi (s. oben S. 657); wenig später schrieb Smaragd in seinem Kommentar (ed. Migne,
Patrol. lat. 102, 694) multi hoc in loco „meus" pro v mihi" quasi emendantes commutare
conantur, nescientes quia hoc gener e locutionis multi scolasticorum doctores usi sunt; Paulus
(Florileg. pag. 15 col. 1) beweist, dass man schon im achten Jahrhundert die scheinbare In-
korrektheit beseitigen wollte. In gleicher Weise erweitert Paulus unsere Kenntnis z. B. für
die Interpolationen in cap. 2, 82 (praeparet) und 15, 7 (a matutinis). Für uns sonst ver-
schollene Lesarten bezeugt er z. B. an den folgenden Stellen, prol. 8 ad te ergo nunc mihi
sermo dirigitur, quisquis dbrenuntians propriis voluntatibus domino Christo vero regi milita-
turus oboedientiae fortissima atque praeclara arma sumis {adsumis die alten interpolierten), ut
quidquid agendum inchoas bonum, ab eo perfid instantissima oratione deposcas. Dazu Paulus
(Florileg. pag. 18 col. 1) multi in hoc loco, ubi dielt „fortissima atque praeclara arma
sumis", ponunt imperativum pro indicativo, ut legatur: „oboedientiae fortissima atque prae-
clara arma assume". cap. 2, 52. abbas . . . dirum magistri, pium patris ost&ndat affectum.
Dazu Paulas (Florileg. pag. 85 col. 2) sunt enim alii libri, qui habent: „diri magistri, pH
patris ostendat affectum". cap. 30, 6 ieiuniis nimiis adfligantur. Dazu Paulus (Florileg.
pag. 111 col. 2) et hoc intuendum est, quia sunt aliae regulae, quae habent „ieiuniis nimis
afßigantur u istud „nimis"' adverbialiter. et sunt mültae Herum, quae habent „nimiis" nomen.
sed sive per nomen sive etiam adverbialiter habeant, nil nocet.
Smaragd von Aniane und Smaragd von St. Mihiel. (S. 646.)
Man wies früher den Kommentar zur Regel und die andern unter dem Namen
„Smaragdus" überlieferten Werke dem Presbyter Ardo, qui et Smaragdus, zu, der als
Schüler Benedikts von Aniane die dortige Klosterschule leitete nnd sich, wie das Epi-
taphium (Histoire littäraire Y 32) sagt, literarisch bethätigte (conscripsü libros sacro qui
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120 (718)
dramate plures, die drei ersten Worte sind freilich ergänzt und vielleicht falsch ergänzt).
Mabillon aber (Analect. II 417) bezog dieselben Schriften, bis auf die Biographie des
Benedikt von Aniane ? über die ein Streit nicht möglich ist, auf den gleichnamigen Abt
von St. Mihiel. Bei dieser Annahme ist man stehen geblieben. Bedenken erregt dabei die
den gotischen Namen gewidmete Stelle im Kommentar zum Donat (vgl. Massmann in der
Zeitschrift f. deutsches Altertum I 388, Keil De grammaticis lat. infimae aetatis pag. 22,
Hagen Anecdota Helvetica pag. CCXLII), besonders weil unter den Beispielen der Männer-
Namen auf -a gleich an zweiter Stelle üuitiza steht, das ist der gotische Name des
Benedikt von Aniane. Auffällig ist auch, dass von dem Kommentar zur Regel ziemlich
alte Handschriften in spanischen Bibliotheken vorkommen (vgl. F£ rotin, Histoire de l'abbaye
de Silos, Paris 1897, pag. 259 seq. und Catalogue of Libri's magnificent collection, 1. Juni
1864, N. 114 pl. XIII; Libris Hs. ist jetzt in Haigh Hall bei Wigan, vgl. List of manu-
scripts exhibited to the american librarians on the occasion of their visit to Haigh Hall,
Aberdeen 1897, N. 18.). Nun gehören aber diese beiden Kommentare, ferner die Via regia
und das Diadema monachorwm auf jeden Fall demselben Verfasser, und alle vier dem
Ardo zuzuschreiben und etwa nur die Postille, den Brief an Leo III. (Migne Patrol. lat.
98, 923) und die Acta collaüonis Bomanae für den Abt von St. Mihiel in Anspruch zu
nehmen, unter dessen vollem Namen sie überliefert sind, geht auch wieder ohne Schwierig-
keiten nicht ab, da z. B. der Titel eines Abtes, der dem Ardo nicht zukommt, in ver-
schiedenen H88. der zuerst genannten Werke dem Verfasser, wenn auch ohne den Zusatz
des Klosters und im Wechsel mit dem Titel eines Presbyters, gegeben wird. Es bedarf also
auch dieses Kapitel der mittelalterlichen Literaturgeschichte noch einer genauen Revision.
Smaragds Kommentar zur Regula S. Benedicti. (S. 646.)
Wegen der Hss. vergl. E. Dümmler, Poet, aevi Carol. I 606 seq., über spanische
Hss. siehe die vorige Anmerkung. In den Drucken — die beiden alten sind unabhängig
von einander — sind sehr viele Abschnitte Smaragds einfach unverständlich, weil die
vorkommenden Worte der Regula S. Benedicti nach den interpolierten Hss. oder Ausgaben
abkorrigiert, die sich auf den reinen Text der Regula beziehenden Erklärungen des
Interpreten aber in ihrem ursprünglichen Wortlaut belassen wurden; vgl. z. B. Migne
pag. 747 D, 885 A, 897 A.
Auf die Vorgänger nimmt Smaragd an folgenden Stellen Bezug: Migne 102, 691 C
sunt qui eum ausu temer ario reprehendere conantur, 694 D midti hoc in loco . . quasi emen-
dantes (s. oben S. 717), 794 C quaeritur a plurimis, 875 A ut plerique putant; an der
letzten Stelle und z. B. 877 C in der Erörterung von iusta murmuratio muss man die
betreffenden Stücke in der Expositio Pauli heranziehen. Kritische Bemerkungen stehen
691 C (s. oben) und 747 D (s. oben S. 682).
Der Codex lat. 6255 in München (Frisingensis 55) saec. XI hat als Ueberschrift
der Regula S. Benedicti fol. 144 v 1NCIP1T PBOLOGÜS BEGULAE SANOTOBUM
PATBUM MONACHOBUM, gleichfalls im Anschluss an den Codex des Benedikt von
Aniane. Vgl. aber oben S. 703 die Subskription in der Pariser Hs. 12205.
Zu Kapitel IV.
Formulae extravagantes in der St. Galler Hs. 914. (S. 649.)
Irreführend ist in Scherrers Beschreibung von St. Gallen 914 die Inhaltsangabe von
pag. 192 bis 196 als „Ritual bei Aufnahme und Tod eines Conventualen a . Es stehen
dort hintereinander pag. 192: die Oblationsformel 32 in Zeumers formulae extravagantes
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(719) 121
(Formulae aevi Merowing. pag. 570), pag. 193 — 194: die Promissionsformel der Novizen
31 + 30 in Zeumers formul. extravag., dann pag. 194 — 196: verschiedene Stücke eines
Benediktiner-Breviers. Ohne Zweifel ist die St. Galler Hs. von Baluze in seiner nova
collectio formularum für seine N. 31 und 32 benutzt worden und hat an Stelle des Druckes
zu treten. Aber auch Baluzes N. 35 (= Zeumer 33) ist aus St. Gallen 914 geschöpft;
es ist die Cassinesische Promissionsformel, die Theodemar am Schluss seines Briefes an
Karl d. Gr. hat mitteilen lassen (St. Gallen 914 pag. 179, ed. Dümmler Epp. IY 514).
In der Oblationsformel gibt der Text nicht nur der deutschen Hss. (St. Gallen 914 saec. IX,
Bamberg P. 1 13 saec. XI — XII) sondern auch der von Delisle (Instructions adressfos aux
correspondants du ministere: Littärature latine pag. 9) gefundenen aus Reims (Paris 13090
saec. IX) : et ut haec nostra traditio inconvülsa permaneat, promitto cum iure iurando coram
deo et angelis eius, quia numquam per me, numquam per suspectam personam nee quolibet
modo per rerum mearum facultates aliquando egrediendi de monasterio tribuam occasionem.
Diese Worte gehen zurück auf die Regula cap. 59, 7 — 11; es ist charakteristisch für die
geringen Kenntnisse im Lateinischen auch der karolingischen Zeit, dass an die Stelle der
subieeta persona, wie Simplicius gegeben hatte (vgl. oben S. 620), nicht suffeeta persona
trat, was man in den durch Karl den Grossen verbreiteten Abschriften fand, sondern
die unsinnige Vermutung suspeeta persona.
Der Anfang der St. Galler Hs. 914. (S. 650.)
Die beiden ersten Lagen haben jetzt folgendes Schema:
3/4. 5/6. 7/8. 9/10. 11/12.
'£_
1111 |
13/14. 15/16. 17/18. 19/20. 21/22. 23/24. 25/26. 27/28. 29/30. x/y.
L_l
Mir scheint es wahrscheinlich, dass 13 /14 xj y, umgekehrt geknifft, ursprünglich zur
ersten Lage gehörte, in dieser Weise:
x/y. 1/2. 3/4. 5/6. 7/8. 9/10. 11/12. 13/14.
II 1 ' S ' ! I
Es wären dann die beiden ersten Lagen regelmässige Quaternionen gewesen. Wichtig ist
diese Feststellung wegen des Blattes x/y. War dieses das erste Blatt der ersten Lage,
so ist die Möglichkeit nicht ganz abzuweisen, dass auf ihm auch irgend etwas Geschrie-
benes, zur Regula Gehöriges stand und mit dem Blatt in Verlust gekommen ist. Man wird
z. B. an die Verse des Simplicius denken und die Hs. Turin G. VII. 18. (Reifferscheid,
Bibliotheca patrum II 112, und oben S. 662) vergleichen. Allein diese neun Verse hatten
auf den achtzehn Zeilen von x reichlichen Platz und es müsste der Text der Regula
auf y begonnen haben, während er in der That erst auf 1 beginnt. Dass die erste Seite
einer Hs. leer bleibt und der Text auf der zweiten (fol. l v ) beginnt, gehört zu den tech-
nischen Unmöglichkeiten; für leere erste Seite und Beschreibung der zweiten (fol. l v )
mit Widmungsversen, die dem Text der nächsten Seite (fol. 2) dann gegenüberstehen,
kenne ich ein Beispiel, aber die Verse sind dort von andrer Hand nachgetragen; jedoch
das allergewöhnlichste ist, dass das erste Blatt einer Handschrift als Schutzblatt frei bleibt,
und sehr gewöhnlich, das« es nachträglich weggeschnitten wird. In diesem Fall, glaube
ich, befinden wir uns hier.
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (92) 16
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122 (720)
Neunten in Handschriften der Regula 8. Benedicts (S. 655.)
Neumieningen in biblischen Hss. sind nicht ganz selten. Zu den ältesten Beispielen
mögen gehören die neumierten Partien im Amiatinus der Vulgata (Fleischer, Neumen-
Studien II 4) und in dem Evangeliar in der Ste-Genevieve (Bastard pl. 123). Auch aus
Texten der Klassiker hauptsächlich des zehnten Jahrhunderts sind sie bekannt und finden
sich z. B. in Hss. des Horaz (Coussemaker, Histoire de l'Harmonie pag. 102 und pl. 10),
des Virgil (Collezione Fiorentina Tav. 32 und Müller, Analecta Bernensia III tab. VI 6 c),
des Statins (Aretins Beiträge VII 242 aus clm. 6396 und Weber, Commentatio de codice
Statu Cassellano, Marburg 1853, Tafel), sehr häufig in Hss. der Consolatio des Boethius,
u. A. Aber überall stehen die Noten über sangbaren Stücken, gehören zu Liedern, Beden
oder dramatisch belebten Erzählungen. Sehr sonderbar ist der Gebrauch von Neumen,
den ich bis jetzt in zwei Hss. der Regula getroffen habe: im Tegernseensis (vgl. oben
S. 655) sind neumiert cap. 20, 1 — 5 (fol. 25 v ), im Oxoniensis cap. 7, 69 die Worte
secundus hu {müitatis gradus) fol. 21 v , cap. 16, 5 primae fol. 29 v , cap. 38, 1 mensae
fra{trum) fol. 44 v . Die Zeichen in T könnten ursprünglich sein, in sind sie sicher
später zugefügt. Man muss diese freilich nur sporadisch gesetzten Noten doch wohl mit
dem musikalischen Vortrag bei den Vorlesungen der Regel in Verbindung bringen und
sie für mehr halten als blosse Spielereien der Schreiber.
Q als Quaternionen-Bezeichnung in englischen Handschriften« Angelsächsische
Initialen. (S. 657.)
Der ausgezeichnete H. Bradshaw sagt in seiner auch sonst von Irrtümern nicht
ganz freien Beschreibung der Beda-Hs. Cambridge University Kk. v. 16, Pal. Soc. I 139:
„after the second qaire, the number is preceded by Q (quatemus or qaaternum), as
commonly found in MSS. written in the North of France and adjacent parts, though not
in English MSS. tt Gegen diese Beobachtung spricht deutlich die Quaternionen-Signatur
auf dem von mir mitgeteilten Bild des Hattonianus (Tafel I).
Westwood sagt, schon allein die Initialen des Hattonianus zeigten den englischen
Ursprung an. Diese Bemerkung geht vielleicht zu weit, insofern die insulare Art früh
auf dem Festland nachgeahmt wurde. So finden sich rote Umpunktelungen der Initialen
in der Uncial-Hs. der Vita Wandregisili Paris lat. 18315 saec. VIII in. (Delisle, Cabinet
pl. XI 7; Silvestre 120). Dieselbe Eigentümlichkeit hat die Uncial-Hs. des Censorinus
Köln CLXVT, aber über ihre Provenienz steht nichts fest; vielleicht war sie schon 833
in Köln (vgl. Decker in der Festschrift der 43. Versammlung deutscher Philologen S. 251)
und ist um diese Zeit für ein Kloster im Gebiet von Orleans (vgl. A. Eussner, Specimen
criticum, Würzburg 1868, pag. 28 und L. Delisle, Bibliotheque de l\6cole des Chartes
37, 485) und für S. Nazarius von Lorsch (vgl. Wilmanns, Rhein. Museum 27, 407) ab-
geschrieben worden. Der Codex Bonifatianus 2 in der Landesbibliothek zu Fulda (vgl.
Hessenland, 4. Jahrgang 1890 S. 211) in sog. merowingischer Schrift saec. VIII scheint
nach dem Bild bei Schannat, Vindiciae I pag. 222, auch grosse mit Punkten umgebene
Buchstaben zu haben.
Zu Kapitel V.
Die Verbreitung der älteren Martyrologien. Die Handschrift von Gellone.
(S. 665.)
Auf Grund der bei der Untersuchung der Regula erzielten Ergebnisse sollte das
Verhältnis der drei Handschriften St. Gallen 914, Zürich Kantonalbibliothek hist. 28,
Karlsruhe Aug. CXXVIII noch einmal für ihre Martyrologien bestimmt und die grosse
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(721) 123
Arbeit de Rossis und Duchesnes (A. SS. Nov. II 1) nach dieser Seite ergänzt werden.
Für die Karlsruher fallt Holders Ansatz nunmehr fort, und sie kann lange nach 842 ge-
schrieben sein. Wichtiger ist, dass der Zusammenhang zwischen dem Martyrologium in
St. Gallen 914 (= G 914), welches die Ueberschrift trägt transcriptus de libris civitatüms
Lugdonensium Viennensium Actistodinensium et Gratinopolitane urbis, und dem berühmten
Martyrologium Gellonense in der Hs. Paris lat. 12048 (= G) klarer wird und überhaupt
für die Verbreitung der südfranzösischen Martyrologien in Deutschland eine Erklärung
gefunden ist. Wenn man die Ueberschrift des Martyrologs in G 914 und die Schicksale
dieses von Tatto und Grimalt gestifteten Codex betrachtet, so wird man es wahrscheinlich
finden, dass auch der das Martyrolog enthaltende Teil von G 914 in Inda aus einer Hand-
schrift des Benedikt von Aniane abgeschrieben wurde. Wie Tatto und Grimalt für die
Reichenau, haben andere Sendboten das martyrologische Material Benedikts für andere
Klöster kopiert oder bearbeitet, woher das Martyrologium Murbacense, Augustanum,
Treverense u. s. w. ihren Ausgang nahmen. Die Verwandtschaft aller dieser Hss. mit G
kann man auf doppelte Art erklären. G ist ein Über Gellonis oder GeUonis Wülelmi
Über (8. das Bild bei Bastard pl. 49 nach der Zählung Delisles), d. h. eine Hs. des mo-
nasterium Gellonense (später 8. Guillelmus de Desertis, St. Guillem du D^sert), welches
Wilhelm, Graf von Toulouse, von Benedikt von Aniane begeistert, dicht bei Aniane einige
Jahre vor 807 (Mühlbacher Reg. 498) begründet hatte. Wilhelm stirbt 812; nach seinem
Tode fällt Gellone an Aniane (Mühlbacher Reg. 503); Benedikt zieht ungefähr 814 nach
dem Elsass und dann nach Inda; 817 verweilen Tatto und Grimald im Kloster von Inda.
Entweder nun ist das Buch Wilhelms aus einer Hs. aus dem Besitz Benedikts geflossen,
oder Benedikts Material ist von Wilhelms Buch beeinflusst. Jedenfalls spielt Benedikt in
der Entwickelungsgeschichte der Martyrologien eine wichtige Rolle, und mit den Aachener
Beschlüssen vom Jahr 817 beginnt in der Verbreitung der Hss., wie schon Duchesne
bemerkt hat, eine neue Phase.
Man kann von den eben zugestandenen Möglichkeiten noch die eine beseitigen und
dadurch wahrscheinlich machen, dass es Benedikt ist, der von Wilhelms Buch abhängt.
Die seltsame Schrift in G gilt seit der Zeit des Nouveau Traue* als westgotisch oder doch
südfranzösisch. Gewiss nicht mit Recht. Man hat sie zu charakterisieren als eine vor-
geschrittene Halbunciale, als hervorgegangen aus einem der zahlreichen kalligraphischen
Versuche frühkarolingischer Zeit im eigentlichen Frankreich; man muss sie vergleichen
z. B. mit den Hss. Cambrai 624 (Album pal^ographique pl. 13), Paris nouv. acq. 1597
(Delisle. Fonds Libri pl. 5, 1), Paris nouv. acq. 1619 (Delisle, Fonds Libri pl. 5, 2), ob-
gleich diese etwas älter sind und in mancher Beziehung sich auch wieder deutlich unter-
scheiden. Weder die Schrift von G mit ihren ganz regelmässigen Abkürzungen noch die
stellenweis nachlässige Orthographie noch der Stil der Dekoration (vgl. Janitschek, Trierer
Ada-Handschrift S. 69 Anm. 3) — nichts verrät irgendwelchen spanischen Einfluss. Ich
glaube, der Irrtum ist daher entstanden, dass man von vornherein immer Gellone nicht
nur als Standort der Hss., sondern als ihre Heimat betrachtet hat. Und dem kann ich
trotz meiner obigen Ausführungen nicht beipflichten. Der Gellone betreffende Eintrag
in G (fol. 276 dedicatio baselice sancü Salvatoris in Gellone) ist nachträglich am Rand
gegeben (s. Delisle, Cabinet des Manuscrits III 222). Wenn ferner G, wie Rossi erkannt
hat, zwischen 772 und 795 geschrieben sein muss (fol. 266 v steht zum 4. März Adriani
Bomani episcopi ordinatio im Text von der Hand des Textes, wie mir H. Leb^gue
schreibt; Entstehungszeit im achten Jahrhundert legt aber auch der Charakter des in G
enthaltenen Sakramentars nahe, s. Ebner, Iter italicum S. 379), so kann die Hs. über-
haupt nicht in Gellone geschrieben sein, welches erst später als Kloster eingerichtet wurde.
Wir kommen damit auf Solliers Ansicht zurück, der aus einigen Erinnerungstagen im
16*
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124 (722)
Martyrologium schloss, dass G nach Rebais (Diöcese Meaux) gehöre. Ich teile die be-
treffenden Stellen, die von L. d'Ach^ry (Spicileg.* II 25 seqq.) ziemlich fehlerhaft wieder-
gegeben waren, nach einer Vergleichung H. Lebegues mit: fol. 270 zum 25. Juni:
Basbacis monasterio dedicatio ecclesiae Audoini episcopi, zum 26. August: Basbac mn. sandi
Quutvaldei (statt QuodvuUdei) mr., zum 30. August: Basbacis monas deposüio Aigüli dbbatis.
Es ist Basbacis eine durchaus richtige Schreibung, die z. B. auch in der Translatio
S. Yiti überliefert ist. Von Rebais muss die Hs. frühzeitig nach Gellone gekommen sein,
wo sie bis an den Beginn des achtzehnten Jahrhunderts verblieb (s. Delisle, Anciens
Sacramentaires pag. 80).
Das älteste St. Galler Necrologium. (S. 665.)
Zum 10. August ist im Nekrolog der St. Galler Hs. 914 tran(situs) PeradhtoÜi von
erster Hand geschrieben. Ware dies der auf dem Lechfelde gefallene Graf, wie die
ersten Herausgeber zu meinen scheinen (Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte von
St. Gallen XI 68), so könnten die frühesten Eintragungen des Nekrologs erst aus dem
zehnten Jahrhundert sein. Es ist aber irgendein weit über ein Jahrhundert früher Ge-
storbener gemeint. Abgesehen von diesem Peradhtolt zeigt der alte nekrologische Stamm
im cod. 914 nur noch in folgenden Angaben Uebereinstimmung mit dem grossen Nekrolog
des cod. 915: 29 Mai transüus Otwmi, 28 Iul. obitus Saluchonis, 1 Sept. transüus KeröUi,
14 Nov. commemoratio fratrum; irgend eine mit Sicherheit auf St. Gallen zu beziehende
Notiz fehlt, ausser 16 Nov. deposüio Otmari abbatis. Dafür gibt es einige Einträge, die
mit solchen in den ältesten Reichenauer Nekrologien (ed. Baumann I 271) übereinstimmen,
nämlich 26 {25 in Reichenau) Dec. transüus Adalperti, 10 Iul. transüus Wolframmi m.,
26 Aug. transüus Theodingi; auch 1 Sept. transüus KeroUi steht in den Reichenauer
Nekrologien, wo die Notiz ganz eigentlich hingehört; commemoratio fratrum war dagegen
nach denselben Zeugen in Reichenau am 13. November. Dieser Umstand aber, der sich
durch eine Unklarheit in der Anordnung der Vorlage erklären könnte (das Facsimile der
Züricher Hs. in Kellers bekannter Ausgabe lässt sogar die Beziehung auf den 14. No-
vember für den einen Zeugen zu), dieser Umstand also und die Erwähnung Otmars von
St. Gallen, die sehr gut auch für die Reichenau sich schickt, darf uns kaum von der
Annahme zurückhalten, dass die ältesten nekrologischen Beischriften des cod. 914 gar
nicht in St. Gallen, sondern in Reichenau gemacht wurden, als die Hs. noch der Reichen-
auer Bibliothek angehörte.
Die disciplina monastica des Benedikt von Aniane. (S. 665.)
Reginberts libellus vigesimus (s. oben S. 631) enthielt laut Reginberts Katalog (im
Folgenden R) 1) regula sandi Benedidi abbatis ', 2) hymni Ambrosiani, 3) epistola ad regem
Karolum de monasterio S. Benedidi direda, 4) capütUa aus Aachen vom 10. Juli 817 (?),
5) responsa (?) de statu regulae, 6) martyrologium per anni circulum. Davon sind im Original
erhalten durch die Hs. St. Gallen 914 (= G) das erste und sechste Stück. Mit dem
Schluss vom ersten ist auch das zweite verloren gegangen, was für die Ueberlieferung
der hymni Ambrosiani zu bedauern ist; es müsste sich denn irgendwo eine Abschrift
der Regula mit den hymni erhalten haben, die man mit einiger Wahrscheinlichkeit auf
Reginberts libellus zurückführen könnte. Für die Stücke in der Mitte (3, 4, 5) haben
wir in G, wie ein oberflächlicher Blick auf die Schriftzüge lehrt, nicht das Original,
sondern eine Abschrift aus dem neunten Jahrhundert. Daneben haben wir in andern Hss.,
die mehr oder weniger unmittelbar aus dem noch unversehrten libellus vigesimus abge-
leitet sind, andere Abschriften, die an die Seite von G treten. Zwar Augiensis CXXVUI
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(723) 125
in Karlsruhe ist gleichfalls ud vollständig: nach fol. 71 (dem Schluss der Regula, s. oben
S. 656), Tor fol. 72 (Beginn des Martyrologiums) sind zwei Quaternionen verloren ge-
gangen (vgl. A. Holder, Römische Quartalschrift III 205), welche die in Rede stehenden
Stücke dürften enthalten haben. Aber die Hss. Zürich Kantonalbibliothek cod. hist. 28
aus dem Ausgang des neunten Jahrhunderts, die aus der Reichenau gekommen ist (== Z),
Donaueschingen 655 aus dem zwölften, die dorthin mit der Lassbergschen Sammlung
aus Ottobeuern kam (= 0), und die mit dieser gleichzeitige Dresden A. 128 aus Mainz
(= M) bieten Ersatz. Die Züricher benutze ich nach der Beschreibung Kellers (s. oben
S. 656) und freundlich mir erteilter Auskunft G. Meyers von Knonau; die Donaueschinger
nach den freundlichen Mitteilungen £. Heycks; die Dresdener nach den Angaben des
Kataloge» von F. Schnorr von Carolsfeld I 60. Ich versuche nun Reginberts libellus
vigesimus zu rekonstruieren. Die zu den Signaturen der jedes Stück überliefernden Hss.
gestellten Zahlen verweisen auf die Reihenfolge in den betreffenden Hss., wobei die von
diesen überlieferten nicht zugehörigen und hier nicht erwähnten Schriftstücke — man
suche sie in den Beschreibungen von Keller, Scherrer, Barack nnd Schnorr v. Carolsfeld —
dennoch mitgezählt sind. Im wesentlichen ist die Reihenfolge in G, Z. und M die
gleiche; nur die Stücke 5, 6 und 8 stehen in Z und M in falscher, umgekehrter Folge
als 8 (Z 7. M 11), 6 (Z 8. M 12), 5 (Z 9. M 13).
1 (R 1. G 1. Z 1. O 2. M 7) Regula sancti Benedicts
2 (R2) Eymni Ambrosiani.
3 (R 3. G 2. O 5) Episttda ad regem Karolum de monasterio sancti Benedicti (Montis
Cassini add. 0) directa et a Paulo diacono (om. G) dictata {et — dictata om. RO):
Propagatori ac defensori Ohristianae religionis. Ed. Du mm ler, Mon.
Germ. Epp. IV 509.
4 (R 4. G 3. Z 6. O 6. M 8) Capitula (R O M, om. G Z, gue tempore Ludernd impera-
toris ab abbatibus decreta sunt O, der Wortlaut kann wegen Fehlens der Inschriften
aus den andern Hss. bei Boretius nicht weiter hergestellt werden) aus Aachen vom
10. Juli 817. Ed. Boretius, Mon. Germ. LL. sect. II tom. I pag. 343.
5 (R? G 5. Z 9. 7. M 13) Capitula qucUüer observationes sacrae in non nuUis mono-
Sterns habentur, quas (beatae [bonae M] memoriae add. Z M) Benedictes secundus in
coenöbiis suis alumnis habere instüuit (sie Z M, sine titulo G, De statu regulae R?,
De ordine regulari 0): Patres coenobiorum studiose. Ed. Mabillon Analect.
IV 458, Herrgott Yet. diseiplina monastica pag. 15.
6 (R? G 6. Z 8. 8. M 12) Ordinem (istum ordinem 0) regulärem (om. 0) apud eos t
qui in Arce regulari poüent, istum (om. 0) invenimus (sie G O, Capitula qualiter
hi qui in arce regulari pollere satagunt ordinem regulärem öbservare nituniur sicut
in non nullis etnobiis visum est habere ZM): In primis ut a vespertinis. Ed.
Mabillon 1. c. 459, Herrgott 1. c. 7.
7 (R? G 7) Erster Brief des Grimalt und Tatto: Praestantissimo et ineffabili
dilectione . . Memoria dilectionis vestrae. Edd. Baluze Capitular. II 1382
(im Nachdruck 917), Mabillon A. SS. IV 1 pag. 741, Herrgott 1. c. pag. 33, Pez
Thesaurus YI 1 pag. 75a, Migne Patrol. lat. 121, 925, unten bei uns Beilage IUI.
8 (R? G8. Z 7. 9. M 11) Capitula (Capitulae M, Incipiunt capitula 0) notüiarum
(novitiarum corr. G, variorum O) de his, in quibus praeeeptum regulae et constitu-
tiones novellorum conciUorum acutius (om. O) nos considerare et prompiius exercere
iussio imperialis admonet (sie G Z 0, ammonet M): In primis ut nulla in ullis
rebus. Edd. Baluze II 1383 (918 des Nachdrucks) u. a.
9 (R? G9. Z 10. M 14) Excerptus (Exceptus M) diversarum modus poenäentiarum
a Benedicto (nuper [nuber M] add. Z M) abbate distractus {distinetus Z M) de regula
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126 (724)
sancti Benedicti dbbatis: Plurimi ne qua quam pleniler. Edd. Herrgott 1. c. 16
u. a., Migne 103, 1417.
10 (R? G 10. ZU. M 16) Epistula (Incipit epistula G) cum XII capitulis quorundam
fratrum ad Auvam directis. Domino patri . . . Primo omnium sciendum.
Edd. Baluze II 1381 (916 des Nachdrucks), Herrgott 1. c. 19 u. a.
11 (R 6. G 10. Z 18. O 1) Martyrologium per circtdum anni.
Der erste Brief der Reichenauer Mönche (== 7) kann in der Gestalt, welche er in
der Abschrift von G hat, der von Inda nach Murbach gerichteten Sendung beigegeben ge-
wesen sein; der zweite (= 10), den die Hss. G, Z und M mit Unterdrückung der Namen
als Formeln geben (aber es ist nicht zweifelhaft, dass Grimalt und Tatto seine Absender
sind, vgl. Hauck, Kirchen geschiente II 543 Anm. 1), kann von den beiden selbst aus
ihrem Konzept für Reginbert kopiert worden sein, an den er ja ursprünglich nicht ge-
richtet war. Die Stücke 4, 5, 8 und 9 stehen in den engsten und deutlichsten Be-
ziehungen zu den Reformen des Jahres 817 und deren geistigem Urheber Benedikt von
Aniane. So ist denn das 6. Stück gewiss nicht von Sturm aus Montecassino nach Fulda
gebracht worden, wie Herrgott pag. 7 wollte, sondern wir haben darin eine der von
Benedikt von Aniane eingezogenen Erkundigungen zu erblicken, von denen Ardo berichtet
cap. 38 (SS. XV 217): omne quippe suum desiderium in Observationen regulae converterat,
suumque hoc praemaxime erat Studium, ut nil intellectui eius excederet; quam ob causam
quos peritos esse cornpererat adtente sciscitabatur circa longeque positos, eos etiam qui istis
in partibus ad Montem Cassinum accederent, veluti qui non audita solummodo f set vka
pereiperent. Das andere von Herrgott pag. 5 aus einem Augsburger Codex abgedruckte
Rituale, das er gleichfalls auf Sturm zurückführt, stammt — um dies beiläufig zu be-
merken — schwerlich aus Montecassino, eher aus Benevent.
Es lag im vigesimus iibellus des Reginbert und es liegt uns in der eben versuchten
Rekonstruktion das Material vor, die Einrichtungen und Reformen Benedikts von Aniane
ziemlich vollständig darstellen zu können. Ergänzen können wir diese Arbeit aus dem
Bericht Ardos, der doch wohl noch andere Quellen benutzt hat (SS. XV 216), aus den
Statuta Murbacensia (vgl. Seebass, Zeitschrift f. Kirchengeschichte XII 322) und durch
Rückschlüsse aus den Einrichtungen in Cluni (vgl. Sackur, Cluniacenser Bd. I). Dagegen
kann der Ordo qualiter fratribus in monasterio religiöse ac studiose conversari oportet (ine.
In primis nocturnis horis, edd. Haeften Disquisition. monastic. pag. 1066; Migne 66,937)
auf Benedikt von Aniane nicht zurückgehen, wie zuletzt noch M. Bateson angenommen
hat (English historical review IX 693). Wir finden diesen Ordo in italienischen Hss., die
auf ein Original des neunten Jahrhunderts zurückzuführen sind (Montecassino CLXXV und
Turin G. V 4 vgl. oben S. 637 u. 705; ob er in Rom Barberina XI 64 steht, weiss ich
nicht, vgl. oben S. 707); in französischen, wie es scheint, ziemlich jungen (Tgl. die Kor-
respondenz Meuards mit Haeften bei diesem pag. 1064); in englischen seit dem zehnten
Jahrhundert (vgl. Bateson a. a. O. 694); in einer deutschen zu Merseburg aus dem neunten
(vgl. Müllenhoff, Scherer, Steinmeyer: Denkmäler deutscher Poesie und Prosa II 42). Fast
überall finden wir zugleich auch die Beschlüsse vom 10. Juli 817; in einer englischen
wird die eine Hälfte des Ordo überschrieben als Epitome Ludovici Pii imperatoris super
regulam; M. Bateson hat ferner gesehen, dass ein Stück des Ordo zusammen mit Stücken
der Beschlüsse von 817 in die erweiterte Fassung Chrodegangs interpoliert ist (Migne
89, 1065, Bateson S. 696). Dies Alles spricht wohl dafür, dass der Ordo ziemliches
Ansehen genoss und im neunten Jahrhundert recht verbreitet war — ja vielleicht stammt
er aus noch früherer Zeit — ; aber dass er dennoch mit Benedikt von Aniane nichts zu
schaffen hat, hatte schon Le Cointe (Annal. ecclesiastic. VII 552 ffg.) bewiesen, der
freilich nur Ardos Schilderung mit dem Ordo verglich und vollständig verschieden fand.
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(725) 127
In einigen Hm. des Ordo — nachgewiesen sind codex S. Victoris Parisiensis von
Haeften, Disquisition. pag. LIX, London Cotton. Tiberius A. III saec. XI und Cambridge
Corpus Christi College 57 saec. X, beide von M. Bateson (pag. 694) — steht zwischen
Regula und Ordo folgendes Monitum oder, wie wir gleich sehen werden, Testimonium:
D icebat vero (London, om. Paris) sanctus Fulgentius: iuxta regulam patrum vivere semper
stude, maxime atäem secundum sanäi confessoria tui Benedidi. non dedines ab ea in quo-
quam nee Uli addas quippiam nee inminuas [n. i. om. P). totum (tutum L) etiam quod
sufficit habet et nusquam (usquam L) minus habet, cuius verba atque imperia seetatores
suos perduewnt ad caeli palatia. Schon Bateson hat den aus diesen Worten entstandenen
Irrtum, Fulgentius wäre der Verfasser des Ordo, gebührend zurückgewiesen. Sie stammen
vielmehr aus dem Epilog der Schrift De conflictu vitiorum et virtutum, die falschlich
unter Andern dem Ambrosius, Isidor, Gregor und, wie man hier sieht, im zehnten Jahr-
hundert auch dem Fulgentius zugeschrieben wurde. Ob wirklich, wie man jetzt allgemein
annimmt, Ambrosius Autpertus der Verfasser ist, bleibt fraglich. Vgl. Arevalo bei Migne,
Patrol. lat. 81, 617.
Obelos und Lemniskos* Anecdotum Parisinum de notis Probianis. (S. 666.)
Das spiessartige punktlose Gebilde im Sakramentar von Essen a. 868 — 872, jetzt
in Düsseldorf D 1 (vgl. S. Bäumer, Historisches Jahrbuch XIV 258) muss, gegenüber der
Form ~- im Ottobonianus, als Fälschung des Schreibers gelten, der dadurch dem oben
S. 667 mitgeteilten metaphorischen Ausdruck Alcvins gerecht werden wollte.
Einem andern Zusammenhang bleibe die nicht hierher gehörige Frage vorbehalten,
wie das Zeichen -£-, das der älteren Grammatik als ößeXög neQteoxiy /jievog (Diogenes
III 66) oder hjjuvloxog (Olybrius de notis, Rhein. Museum 23, 128) galt, an die Stelle
ihres einfachen Obelos treten konnte, der ursprünglich durch eine blosse wagrechte Linie
bezeichnet wurde. Diese ursprüngliche Form findet sich noch öfters in der Ueberlieferung
des Origenes, und er mag sie in der That verwandt haben; ja, auch bei Hieronymus
würden wir nach seinen Worten erwarten eher die punktlose Linie zu finden. Es scheint,
dass der Lemniskos auch in die Bibelkritik eingedrungen war (Epiphanios jiegl juergeov 8
ed. P. de Lagarde, Symmicta II 159; Isidor. Origg. I 21, 5), neben dem dßeXög äjtegi-
OTLxxog gebraucht wurde und dadurch eine Verwirrung entstand. Isidor und der aus
Montecassino auf uns gekommene Auszug de notis Probianis (das sog. aneedoton Parisinum)
haben beide aus Sueton die alte Form des Obelos übernommen und bewahrt; ich erinnere
mich aber nicht, dieser im mittelalterlichen Gebrauch begegnet zu sein (denn das Beispiel
in der Hs. Laon 279, vgl. Cyprian. ed. Peiper pag. IV, scheint zweifelhaft, und das im
Essener Sakramentar ist wenigstens nicht ursprünglich). Und doch war das betreffende
Kapitel des Isidor auch in einer Einzelüberlieferung unter dem Titel de notis sententiarum
weit verbreitet, und der aus Montecassino ins Frankenreich vielleicht durch Paulus Dia-
conus (vgl. oben S. 710 über Paris lat. 7250) gelangte Auszug war dort wenigstens nicht
ganz unbemerkt geblieben, so dass wir seine Einwirkung in den Hss. München lat. 14429
aus S. Emmeram (vgl. Kettner, Kritische Bemerkungen zu Varro, Halle 1868, S. 33) und
Boulogne-sur-mer 44 aus St. Bertin (4°-Catalogue 4, 600) verspüren.
Bücherliebe Karls des Grossen. (S. 673.)
Es konnte meine Absicht nicht sein, in den Textnoten oben und in den hier folgenden
Anmerkungen das Beweismaterial für den Paragraphen 6 (S. 673 bis 679) ganz vorzu-
führen. Aus der vorhandenen Literatur sind wichtig: J. D. Koeler, Commentatio de
bibliotheca Caroli M., Altdorfer Dissertation, 1727; Dümmler, Poetae aevi Carolini I 87;
Delisle, Le Cabinet des Manuscrits I 2 und III 319; üauck, Kirchengeschichte II 179.
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128 (726)
Saoramentarium Gregorii. (S. 676.)
Die Analogie zeigt, das« selbst Ebner Unrecht hat mit der Annahme (S. 370), die
oben mitgeteilte Inschrift der Hss. rühre von Hadrian I. her. Bezeichnend für den Verlauf
karolingischer Textgeschichten ist, dass in Alcvins Ausgabe des Gregorianischen Sakramentars
(ygl. Ebner S. 882 ff.) die Inschrift mit der überflüssig gewordenen Provenienz- Angabe
gefehlt hat. Denn, soviel ich nachprüfen kann, ist eine widersprechende Bemerkung
Bäumers (Historisches Jahrbuch 14,255) nicht richtig; vielmehr machen die Hss., die
Alcvins Zwischenstück Hucusque (vegl. Ebner S. 386 Anm. 2) bieten, vor dem Beginn
des Sakramentars keine Angabe über das Authenticum. Umgekehrt ist in den Hss. mit
der Angabe kein Einfluss Alcvins zu spüren, er müsste denn nachträglich durch Inter-
polation hineingetragen sein.
Eine Handschrift des Petrus von Pisa. Liber de diversis quaestiunculis. (S. 676.)
Die Hs. aus Stavelot, in dessen Katalog vom Jahr 1105 sie beschrieben wird (vgl.
Gottlieb, Mittelalterliche Bibliotheken S. 288 n. 144), hat in Cheltenham nachgewiesen
Schenkl, Bibliotheca patr. lat. Britannica I 2 S. 123. Die Dialogisierung des Hieronymus
hat textkritischen Wert; so gibt sie (Patrol. lat. ed. Migne 96, 1350): nam Cicero in
Mario torquem genere feminino posuit, sed Titus Libius masculino dixit, wo im Hieronymus
(Migne 25, 520) Cicero et Maro die dumme Lesart der Ausgaben ist. Martene hat übrigens
weder die Abhängigkeit dieses Dialogs von Hieronymus erkannt, noch über die Zeit und
Art des Petrus, den er also nicht für den Compilator, sondern für den Verfasser hielt,
sich Rechenschaft geben können. Die in der Hs. folgenden Dialogisierungen des Priscian
und Diomedes (ein unbestimmtes Stück ähnlicher Art geht ihnen voraus) würden, mit den
Berner Hss. 207 und 522 verglichen, vielleicht meine Vermutung, dass Petrus von Pisa
in der Inschrift gemeint ist, weiter begründen können. Dialogisierte römische Grammatiker
sind in dieser Zeit nicht selten: Paulus Diaconus zerlegte z. B. den Donat in Frage und
Antwort (Rom, Palat. lat. 1746 saec. IX, vgl. Rheinisches Museum 23, 390).
Das Büchergeschenk Leos III« Ferrandus ad Reginum. (S. 676.)
Erst A. Decker (Festschrift der dreiundvierzigsten Versammlung deutscher Philologen
dargeboten v. d. höheren Lehranstalten Kölns, Bonn 1895, S. 217 ff.) hat über die Kölner
Hs. des Ferrandus mit der Inschrift, die von der Sendung Leos III. spricht, völlige Klarheit
gebracht. Nach Deckers Annahme ist die Schrift „VII. — Vlll. Jahrh. Ä Vor der Hs.
vier vorgeheftete Blätter, auf der ersten Seite die Inschrift, von Seite 2 ab ein Kölner
Bücherkatalog a. 833; hinten eingeheftet 2 Blätter mit einem Kölner Ausleihe Verzeichnis ;
alle diese Beigaben saec. IX nach dem beigegebenen Facsimile. Chelenius fand schon alle
so vor, nicht nur die hinten eingehefteten Blätter; denn er nennt das Ausleiheverzeichnis
„pars catalogi" und kennt die Inschrift. In dieser ist noch einiges zu erklären. Ad opus
Hildibcddi heisst „zum Handgebrauch Hildibalds" ; so steht ad opus Karoli in der Ueber-
8ehrift von Wigbods Hs. bei Dümmler, Poetae aevi Carol. I 95, und Peiper, Avitus
pag. LVI; ad nostrum opus mit ad usum wechselnd im Testament Eberhards von Friaul
bei Becker, Catalogi antiqui 12, 23. De Ulis lihris könnte auf eine Sammelhs. gehen, von
der ein Stück für Hildibald kopiert wurde, wie z. B. die Hs. Troyes 2045 saec. VHI/IX
(einst dem Kloster St. -Claude von Manno dargebracht, vgl. Rheinisches Museum 48, 284)
ein ganzes Corpus der Schriften des Ferrandus umfasst und darin auch die Schrift an
Beginns. Allein Liber Ferrandi ad Beginum comitem kommt für sich auch sonst vor,
z. B. in St. Gallen 195 saec. IX. Und es ist wahrscheinlicher, dass Leo eine Auswahl
verschiedener Schriften schickte, von denen die eine für Hildibald kopierte und vielleicht
auch sonst noch manche in anderen Hss. im fränkischen Reich schon früher vorhanden war.
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(727) 129
Handschriften der Klassiker mit Kollationen. Lupus von Ferrieres« (S. 678.)
Mit der Schule des Lupus scheinen mir folgende Klassiker-Hss., denen am Band die
Lesarten anderer Hss. beigeschrieben sind, in Beziehung zu stehen: Priscian in Paris
lat. 7496 saec. IX (vgl. Priscian. ed. Hertz I pag. X: Lupus de suo istam glosam delevü.
magistri glosa. vetus glosa. alter, vetustus), Valerius Maximus in Bern 366 saec. IX (vgl.
Traube, Sitzungsberichte 1891 S. 388: in adbreviatore qui et vetustus erat quaedam reperta
sunt quae quoniam nostro deerant necessario supplew. breviator. vetustus. novus, Bild bei
einer Abhandlung von W. Madden in Transactions of the Royal Society of Literature
vol. VIII New Series), Caesar in Paris lat. 5763 aus Fleury saec. IX (vgl. Chatelain,
Pale*ographie des classiques latins pl. XL VI: ita in altero habetur, aliter), Paris lat. 6332
saec. IX (Chatelain pl. XLIV 1) und Leiden Voss. lat. F. 12 saec. IX (Chatelain XL A)
wechselseitig untereinander verglichen (vgl. S. G. de Vries, Exercitationes palaeographicae,
Leiden 1889), Lucan in Paris Nouv. acq. lat. 1626 saec. IX (vgl. Chatelain pl. CLIV:
aliter oder vel). Der Quintilian in Bamberg M. IV. 14, in dem, wie bekannt, die erste
Hand den Text des Bernensis 351 (aus Fleury) wiederholt, während die zweite zwischen
den Zeilen ein Exemplar der anderen Klasse vergleicht, gehört späterer Zeit an. Andere
Hss. mit Kollationen werden hier übergangen, weil sie wahrscheinlich mit Lupus nichts
zu schaffen haben.
Der spätere Verkehr des Lupus mit Reginbert und die Art ihres gegenseitigen Ver-
hältnisses folgt aus den Briefen des Lupus 6, 7 und 104 bei Baluze. Aus dem letzten
ersieht man, dass der angeredete Regimb(ertus) in einem Kloster mit reicher Bibliothek
lebte (Catilinarium et Iugurthinum Sallusti librosque Verrinarum et si quos alios vel cor-
ruptos nos habere vel penitus non habere cognosciiis, nobis afferre dignemini, ut vestro
beneficio et vitiosi corrigantur et non habiti numquamque nisi per vos habendi hoc gratius
quo insperatius adquirantur, die betreffenden Bücher fehlen übrigens in den Reichenauer
Katalogen). Es trifft sich gut, dass für ep. 7 mir S. G. de Vries gelegentlich die Les-
arten aus Paris lat. 2858 mitgeteilt hat. Darnach lautet nach Eioschiebung eines Wortes
die für uns hier wichtigste Stelle des Briefes ad Reginbertum ganz im Anschluss an die
Hs. und sehr anders als in den von Lesefehlern entstellten Ausgaben folgendermassen :
quamquam si nulla mei Status (mutatio) provenerit, satius est ut apud me {apprime edd.)
sis et in Virgiliana lectione, ut optime potes, proficias — abundabis enim otio meaque prona
in te diligentia — quam temet ipso utens (uteris edd.) magistro non tarn fructuose quam
laboriose proficias. deo enim largiente et possum et adesse tibi incredibiliter cupio.
Romensis = Romanus. (S. 680.)
In zwei Zeugnissen des siebenten und achten Jahrhunderts aus Burgund und Aqui-
tanien wird Benedikt als abbas Bomensis bezeichnet. Ich glaube, dieser Gebrauch von
Romensis für Romanus ist sehr beschränkt und weist in eine ziemlich frühe Zeit. Ich habe
ausser den angeführten nur noch folgende Beispiele gefunden. Missa cotidiana Romensis
steht in zwei gallikanischen Sakramentarien des siebenten Jahrhunderts, nämlich in Rom
Reg. lat. 317 und Paris lat. 13246 aus Bobbio (vgl. Ebner, Iter Italicum S. 369 Anm. 1).
Explicü breviarium ecclesiae ordinis Rominsae, deo gratias stand über einem für klösterlichen
Gebrauch bestimmten Ordo in einer jetzt verschollenen Hs. aus Murbach saec. VHI (vgl.
Martene, Thesaurus V 103). Diese drei Zeugnisse führen vielleicht wieder ins Burgundische
(vgl. oben S. 701 fg. über S. Eugenia). Nach Spanien gehören die folgenden. Im Katalog
von Oviedo aus dem Jahr 882 wird genannt: martirologium Romense (Neues Archiv VI 278
= Catalogi antiqui ed. Becker 26, 20). Während in Gregor-Hss. die altherkömmliche Ueber-
schrift Gregorii papae urbis Romae ist, findet sich über moralis beatissimi Gregorii papae
Abh. d. III. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXI. Bd. III. Abth. (98) 17
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130 (728)
Romensis in einer westgotischen Handschrift in Haigh Hall, Lindesiana lat. 95 saec. IX/X
und Über dialogorwm beati Gregorii Eomensis episcopi in einer Hs. aus Silos London Brit.
Mus. Add. 30 854 saec. X (vgl. Ferotin, Histoire de Pabbaye de Silos pag. 269). In
der Vita Chrodegangi scheint das zweimal gesetzte papa Romensis (SS. X 565, 10 und
567, 15) der Annahme später Abfassung zu widersprechen oder hat als Archaismus zu
gelten. Man darf wohl behaupten, dass Romensis gallischer Gebrauch seit dem siebenten
Jahrhundert ist, der von dort sich weiter verbreitet, in Frankreich selbst aber zur Karo-
linger-Zeit bereits wieder erloschen ist.
Zu Kapitel VI.
Die Ligatur fl. (S. 683.)
Sie begegnet schon in den ältesten italienischen Kursivschriften, und schon da
herrscht die Regel, dass wegen der täuschenden Aehnlichkeit, die entstehen würde, f und i
nicht verbunden werden dürfen. Nur schlechte und unwissende Kalligraphen können diese
Regel vernachlässigt haben. In Cassinesischer Schrift kommt fi als Bindung niemals vor.
Irische Schreiber dagegen binden f nnd i so, dass die Bindung der italienischen von f und i
gleicht, und verwenden daneben ein gut davon differenziertes Gebilde für fi. Es gehört
diese Eigenheit mit unter die Beweise für die Unabhängigkeit der irischen Schrift von
der älteren Kursive.
Eine Spur weiteren Einflusses des Urexemplars. (S. 683.)
P. Arndt wollte mir gelegentlich einer Reise nach Spanien den Prolog der Regula
aus Escorialensis a I 13 photographieren lassen. Kurz vor dem Abschluss dieser Abhand-
lung gehen mir die sechs Photographien durch seine Freundschaft zu. Aber etwas Merk-
würdiges ist eingetreten: diese Photographien geben nicht den Prolog der oben S. 662
beschriebenen Hs. wieder: Schrift (saec. VIII/IX), Zahl der Zeilen und Kolumnen, Zählung
der Seiten und vor allem der Text ist verschieden von dem, was ich nach den vorhan-
denen Bildern und Beschreibungen voraussetzen durfte. Was ist geschehen? Ich kann
es jetzt nicht sagen: genug, es liegt im Escorial eine Regula S. Benedicti, die älter und
vielleicht wertvoller ist als a I 13 (denn schwerlich handelt es sich um eine Dublette aus
diesem Codex selbst) und zu deren näherer Bestimmung ich nur sagen kann, dass ihr
Prologus auf einem fol. 7 V beginnt und auf einem fol. 10 r endigt. Er folgt in allen
charakteristischen Lesarten der reinen Fassung, hat aber prol. 79 die erlesene Wortstellung
corda nostra {cordanslx geschrieben) et corpora mit S Mag. (vgl. oben S. 682) bewahrt.
Dies ist zugleich der Grund, dass ich die unaufgeklärte Sache hier vorbringe.
Die jüngsten Ausgaben der Regula. (S. 684.)
Die Verdienste Edmund Schmidts um die Regula S. Benedicti sind oben S. 648
bereits gewürdigt worden. Schmidt hat den Zwiespalt der Ueberlieferung erkannt, und
wenn er ihn auch nicht zu deuten wusste, so hat er doch mit gutem Takt in beiden
Ausgaben, die wir ihm verdanken, besonders aber in der späteren, die reine Fassung zur
Geltung kommen lassen. Die kleine Ausgabe würde, da sie sich auf ABT stützt, fast
überall als definitive Rekonstruktion des Aachener Normalexemplars angesehen werden
dürfen, wenn nicht der besondere Zweck, dem sie dient, viele grammatische und ortho-
graphische Aenderungen nötig gemacht hätte.
Die letzte Ausgabe von Ed. Wölfflin (vgl. oben S. 606) ist schon früher von mir
beurteilt worden, in der Berliner philologischen Wochenschrift XVI (1896) S. 1137. Auf
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(729)
131
Grund der oben vorgelegten Untersuchungen ist dies Urteil jetzt genauer zu fassen.
Wölfflin hat zwar Schmidts Deutung der zwiespältigen Ueberlieferung stillschweigend an-
genommen, aber im ausgesprochenen Gegensatz zu seinem Vorgänger die interpolierte
Fassung herzustellen versucht, die ihm wie diesem als erste Ausgabe Benedikts gilt (vgl.
oben S. 626). Wären die von ihm benutzten Kollationen genauer und sein Verfahren
konsequenter, so würde durch seine Teubneriana die Ausgabe des Simplicius ebenso re-
präsentiert werden wie durch Schmidts kleine Ratisponensis das Aachener Normalexemplar.
An eine kritische Ausgabe, wie sie notwendig ist und seit längerer Zeit von be-
rufener Seite geplant wird, werden sich nicht nur neue lexikalisch-grammatische Unter-
suchungen zu schliessen haben, sondern auch stilistische, die über Komposition und
Quellen der Regula neues Licht verbreiten könnten.
Verzeichnis der Stellen ans der Regula S. Benedict!«
prol. 2
6
8
16
35
87
39-
47-
50
79
81
96
cap. 1,
2,
-43
-105
11
4—
25
8
52
82
16
44—45
46
26
13—17
2—10
24—29
30—38
606,
636.
645
Reite Seite
645. 657. 695 cap. 7, 49—50 610
657. 717 61—63 611
. 717 97 611
. 657 112 686
685 142—145 612
657 9,16—17 612
622. 634 18 685
623 11,23 687
. 667 15,7 717
657. 682. 728 19, 2-3 612
657 23,2—6 618
. 657 25,8—10 614
687 28,8—13 614
686 29,3—7 615
. 686 80,6 717
717 35,23—29 616
. 717 88, 16 686
682. 686 89,18-19 617
691.705 41,9—11 617.682
607 46,8—12 618. 695
. 686 67, 8-7 619. 695
682 59,7 11 620
. 623 63,28-24 621
608. 684 33 695
609. 685 67—73 687
610. 685 72, 5 704
648,
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132 (730)
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Einleitung 601
Kapitel I: Die Interpolation (vgl. das vor diesem Inhaltsverzeichnis stehende
Stellenverzeichnis) 605
Kapitel II: Die geschichtlichen Zeugnisse von den ältesten Handschriften
(1. Schicksale der Original-Hs. 2. die angebliche Hs. des Maurus 8. die Verse des
Simplicius 4. die in Montecassino für Karl den Grossen besorgte Abschrift 5. die
von ihm dem Kloster Benediktbeuern geschenkte Hs. 6. die Wiener Hs. 7. Bene-
dikt v. Aniane 8. die von Grimalt und Tatto für Reginbert v. Reichenau besorgte
Abschrift 9. die Original-Hs. bei Paulus Diaconus und Smaragd) .... 627
Kapitel III: Die ältesten Citate und Kommentare (1. Regeln des Columba,
Caesarius u. A. 2. Regula Donati 3. der Brief des Venerandus in St. Gallen 917
4. Regula Magistri in Paris lat. 12205 und 12634 5. die Statuten Chrodegangs
6. Instrumentum bonorum operum im Vatic. lat. 3836 7. der älteste Kommentar
aus Italien 8. sein Verfasser Paulus Diaconus in den Hss. Turin G. V. 4 u. Monte-
cassino CLXXV 9. sein Bearbeiter Hildemarus in den Hss. Paris lat. 12 637
10. Karlsruhe Aug. CCJII u. Aug. CLXXIX 11. das Fragment aus der Novalesa
12. Wert des ältesten Kommentares für den Text der Regula 18. Citat des Beda
14. Citat des Theodulf 15. der Kommentar des Smaragd in Paris lat. 4210 16. die
Sammelwerke Benedikts von Aniane 17. Citat des Pseudo-Isidor) .... 632
Kapitel IV: Die Handschriften (die der reinen Passung: St. Gallen 914, Wien 2232,
München lat. 19408; die emendierten der reinen Fassung: Paris lat. 13745, Zürich
Kant. hist. 28, Karlsruhe Aug. CXXVII1; die der interpolierten Fassung: Oxford
Hatt. 42, Narbonne, Verona LH, St. Gallen 916, Würzburg mp. th. q. 22, Cambridge
ün. LI. I 14; die kontaminierten: Turin üniv. G. VII 18, Escorial a I 13, Cam-
bridge Trin. 0. 2. 30, Vatic. lat. 4849) 648
Kapitel V: Das Normalexemplar Karls des Grossen. Die Ausgabe des Sim-
plicius (1. Geschichte der Hs. St Gallen 914 2. Geschichte der Hs. München 19408
und die Subskription des Benedictus peccator 3. Geschichte der Hs. Wien 2232
4. die Abschrift Karls des Grossen 6. karolingische Philologie und Bibliophilie
7. die interpolierte Fassung 8. Simplicius ihr Urheber 9. die interpolierte Fassung
in Rom) 664
Kapitel VI: Das Urexemplar (1. älteste gelegentliche Spuren seiner Benützung
2. Wiederherstellungs- Versuch) 681
Urkunden zur Textgeschichte:
I Die Verse des Simplicius 688
II Der Brief des Venerandus 690
III Instrumentum magnum bonorum operum 691
IV Der Brief der Reichenauer 692
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(173) 133
Seit*
Anmerkungen:
Zur Einleitung: Textgescbichte. — Avis au lecteur. — Das Umschreiben römischer
Hs8. in der Karolingerzeit 694
Zu Kapitel I: obscultare. — ubiubi. — erigere = aufheben 695
Zu Kapitel II: Montecassinos älteste Geschichte bei Paulus Diaconus. Plünderung
im Jahr 581. Abt Petronax. — Vita S. Mauri auctore Pseudo-Fausto. — Gregors
Dialoge. Cansioaors Institutionen. Die Bibliothek ad Clivum Scauri. — Marcus
von Montecassino. — Büchergeschenk Karls des Grossen für Kloster Benedikt-
beuern. Das Homiliarium des Paulus Diaconus 695
Zu Kapitel III: Benediktiner- und Columba-Regel. — Regula Donati. — P. Gallus
Kemly und die Cena Cypriani. — Regula Magistri. Nilus de octo vitiis. se urgere.
S. Eugenia. — Statuten Chrodegangs. — Vaticanus lat. 3836 und andere sehr
alte Hss. aus Rom. Die von St. Benedikt benutzte Spruchsammlung. — Hss. des
Kommentars des Paulus Diaconus. Ueberschrift. Ausgaben. Illustrierte Hss. der
Regula. — Paulus Diaconus u. Festus. — Unbekanntes langobardisches Konzil. —
Karolingische Interpolation im Kommentar des Paulus. — Epitaph des Hildric.
Biographie des Paulus Diaconus. Aeltester Bücherkatalog von Montecassino. —
Hildemar von Paulus abhängig. — Die Klöster von Civate. — Angilbert IL,
Erzbischof von Mailand. Die Reliefs des Hochaltars von S. Ambrogio. — Codex
Augiensis CLXXIX. Sog. Basilius. — Codex Augiensis CCHI. Hildemarus und
Corbie. Bischof Iesse von Amiens. — Commentum Novaliciense. — Alte Kon-
jekturen in der Regula S. Benedicti. — Smaragd von Aniane und Smaragd von
St. Mihiel. — Smaragds Kommentar zur Regula S. Benedicti .... 700
Zu Kapitel IV: Die Anfänge der St. Galler Hs. 914. — Neumen in Hss. der Re-
gula. — Q als Quaternionen-Bezeichnung in englischen Hss. Angelsächsische
Initialen 718
Zu Kapitel V: Die Verbreitung der älteren Martyrologien. Die Hs. von Gellone
(Paris lat. 12048). — Das älteste St. Galler Necrologium. — Die disciplina mo-
nastica des Benedikt von Aniane. — Obelos und Lemniskos. Anecdotum Pari-
sinum de notis Probianis. — Bücherliebe Karls des Grossen. — Sacramentarium
Gregorii. — Eine Hs. des Petrus von Pisa. Liber de diversis quaestiunculis. —
Das Büchergeschenk Leos III. Ferrandus ad Reginum. — Hss. der Klassiker mit
Kollationen. Lupus von Ferrieres. — Romensis = Romanus .... 720
Zu Kapitel VI: Die Ligatur fi. — Eine Spur weiteren Einflusses des Urexemplars. —
Die jüngsten Ausgaben der Regula 728
Verzeichnis der Stellen aus der Regula S. Benedicti 729
Inhaltsverzeichnis 730
Tafeln:
I. Oxford, Hatton 42 657
H. Verona LH (60) 658
III. München lat. 19408 (Teg. 1408) 654
IV. St. Gallen 914 649
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